| Einführung "Es hat noch nie eine Seminarwoche gegeben mit so einer langen Vorbereitungszeit." Kein besserer Gedanke könnte die Einführung zur vorliegenden Publikation eröffnen. Und wenn ich von Vorbereitungszeit spreche, so meine ich nicht nur die Zeit für die rein logistische Vorbereitung, sondern auch die Zeit die vergangen ist zwischen dem Moment, als zum ersten Mal diese Idee in Erwägung gezogen wurde und dem 'Take-off' unseres Flugzeuges in Zürich-Kloten. Es sind Jahre vergangen bei der Annäherung an dieses Ziel. Die Ferne, die knappen Informationen und eine fehlende Erfahrungsquelle haben einen entsprechend langsamen Einstieg in dieses Unterfangen bewirkt. Es war nicht der übliche brillante Vorschlag, der sofort angepackt werden konnte. Selbstverständlich begann die Phantasie sofort sich alle mö-glichen Reise-Szenarien auszumahlen. Wir haben uns von der Idee faszi-nieren lassen, eine andere Kultur kennenzulernen. Die Situation und die Leute brauchten aber Zeit, um für diese Veranstaltung reif zu werden. Und was meine Person anbelangt, auch die Freundschaft mit Sarkis Shahinian hatte noch vieles durchzustehen, bis dieses Ziel verwirklicht werden konnte. Trotz allem war der 'Überraschungseffekt' bei der Ankunft in Jerewan alles andere als vorweggenommen. Im Gegenteil, wenn die Reise ohne diese lange Vorbereitungsphase angetreten worden wäre, hätte wohl nur eine sehr oberflächliche Auseinandersetzung mit dem Land und seiner Kultur stattgefunden, die wenig Bleibendes hinterlassen hätte. Die Entdeckung eines unbekannten Landes fand in der Tat statt, und die Erlebnisse eröffneten die Möglichkeit, an die in der Vorbereitungszeit erworbenen Kentnisse anzuknüpfen. Auf diese Weise hinterliess die Reise bei allen Teilnehmenden tiefgreifende und dauerhafte Erfahrungen. Das Kloster Khor Wiràb mit dem Ararat im Hintergrund (Gianni Birindelli). Die Schilderung dieses Hintergrunds ist notwendig, um die Vielfältigkeit der Veranstaltung über Armenien verstehen zu können. Sie ist auch die Voraussetzung dafür, ihren Werdegang und dessen Ergebnisse beurteilen zu können. Beide stellen den Inhalt dieses Berichtes dar. Meine Aufgabe besteht darin, den Schlüssel zu dessen Verständniss zu geben. Zwei Faktoren haben den Werdegang und die Ergebnisse geprägt: Der erste, allgemeiner Natur, betrifft die Schule, der zweite, ein subjektiver Aspekt, betrifft die Freundschaft, die zur Zusammenarbeit bei Entstehung und Durchführung der Veranstaltung geführt hat. Die Berücksichtigung des Faktors 'Schule' in der Darlegung dieser Einführung ist sicher für den Leser verständlich. Der Faktor 'Freundschaft' klingt wahrscheinlich fremd in diesem Kontext: Es ist mir bewusst, dass es sich um etwas handelt, was nicht unbedingt von Interesse sein muss. Dieser Faktor hat aber eine so entscheidende Rolle gespielt, dass sein stillschweigendes Überspringen wieder eine Lücke im Verständnis verursachen würde. Sarkis Shahinian und ich sprachen von Armenien nach einer Prüfungsbesprechung. Er war damals Student und ich Stellvertreter des Professurinhabers, oder besser gesagt, Verantwortlicher für die damals abgeschlossene Prüfungssession in Tragkonstruktionen I+II. Ein paar Tage später lagen einige Bücher über armenische Kirchen und Klöster auf meinem Schreibtisch. Ich hatte praktisch nur sehr oberflächliche Kenntnisse über die architektonische Produktion Armeniens, und Sarkis hatte sofort reagiert. Ein paar Jahre später bekam ich wieder Material über die armenische Architektur. Dieses Mal aus erster Hand, sozusagen. Es handelte sich um eine Arbeit von Sarkis, die für seine Diplomprüfung bestimmt war. Ich hatte die Arbeit bei ihrer Entstehung betreut. Während der Prüfung aber, in meiner Funktion als Beisitzer, wurde mir klar, wie weit entfernt, leider, das eigentliche Thema lag. Man sprach von Architektur, Denkmalschutz und Sicherung alter Bausubstanz, aber mir fehlte die Gegenüberstellung des betreffenden Bauwerkes mit seiner Umgebung, das heisst mit dem Land und mit den Leuten und deren Kultur, die für seine Entstehung und seine Erhaltung die Verantwortung tragen und getragen haben. Der damalige Student wurde in der Zwischenzeit Architekt und einige Monate später mein Kollege bei der Unterstützung in meiner Aufgabe als Lehrbeauftragter. Mit Sarkis unternahm ich die Seminarwoche-Reisen nach Finnland (1993) und Florenz (1994). Das Thema war wieder die Architektur und der Denkmalschutz aus der Sicht der Sicherung al-ter Bausubstanz. Vielleicht auf dem Gerüst der Baustelle für die Restaurierung der Fresken der Kuppel von Brunelleschi oder während des Rundgangs bei den 'Matronei' des Baptisteriums von S. Giovanni, nahmen wir, Schulter an Schulter, den Gesprächsfaden über Armenien wieder auf. So gelangte man im Juli '94 mit der Formulierung des Vorschlags an die Schule. Das Einbeziehen des gemeinsamen Freundes Moreno Piccolotto in diese Unternehmung ergab sich spontan. Die Erweiterung des Arbeitskreises um Arà Zarian unter dem Motto 'der Freund meines Freundes ist auch mein Freund' stellte für das Vorhaben einen riesigen Gewinn an Wissen und Erfahrung im Bereich der armenischen Architektur dar. Die Schule antwortete grossartig: Der Vorschlag für eine erste Abklä-rungsrunde fand die Ermunterung Professor Künzles und ein klares 'nulla osta' vom Abteilungsvorstand. Der didaktische Aufbau der Veranstal-tung, die interdisziplinäre Arbeit mit dem Institut für Denkmalpflege und die grosszügige Unterstützung der Sponsoren wandelten die Abklärungsrunde schnell in eine echte Vorschlagserarbeitung, zuerst für die Professur und danach für die Abteilung. Die Schule vertraute uns und beseitigte die bürokratischen Hindernisse. Sie spielte (zumindest was diese Unternehmung anbelangt) ihre Rolle als dafür prädestinierte Institution, die die Ideen und die Initiativen auf der Suche nach neuen Wegen zur Erkentnis und Erfahrungsquellen, von einer grundsätzlichen Überprüfung ausgehend, bewilligt. Ihr Name und ihre Infrastruktur, bieten in der Tat grosse Möglichkeiten und öffnen viele Türen, wenn Wille und Weitsichtigkeit vorhanden sind. Die in mehreren Phasen aufgebaute Veranstaltung fing mit dem Workshop im Winter 94/95 an. Ausgehend von einer kurzen, im voraus aufgegebenen Arbeit, wurden die Studierenden während dieser Workshop-Woche an das Thema herangeführt. Dies geschah sowohl durch die Frontalvorlesungen als auch durch die Arbeit in kleinen Gruppen. Zu den ersten gehörten mehrere Vorträge von allgemeinem Inhalt (das Land Armenien, seine Kultur usw.) und einige über spezifische Bereiche (Gewölbetechnik, Erdbeben usw.). Zur letzteren gehörte die direkte Auseinandersetzung mit der typologischen Entwicklung der mittelalterlichen Kirchen in Armenien mittels Modellbau und Plananfertigung. Endergebnis dieser intensiven Arbeitswoche war die umfassende Einführung aller TeilnehmerInnen in das Thema; so wurde eine erste Auswahl der meist ansprechenden Denkmäler in Armenien angefertigt.
Aufnahmen vom Workshop im WS '94 (Gianni Birindelli). Diese Denkmäler stellten den Kern des Programms für die vorgesehene Reise vom Mai '95 dar. Danach folgte eine Evaluations- und Vorbereitungsphase der nächsten zwei Abschnitte der Veranstaltung: Die öffentliche Vortragsreihe an unserer Schule und die Studienreise (d.h. die Seminarwoche des Sommersemesters) nach Armenien. Mit den vier öffentlichen Vorträgen wollte man eine Erweiterung und eine Vertiefung der von den TeilnehmerInnen im Workshop erworbenen Kenntnisse erreichen; die Reise sollte die Umsetzung der geleisteten Arbeit in die Praxis ermöglichen. Zwei Hauptschwierigkeiten stellten sich bei diesen Aufgaben: Welche Mittel sind einzusetzen, um das Interesse eines breiteren Publikums zu wecken, was die Vortragsreihe anbelangt, und welche Massnahmen sind für die Reisevorbereitung anzuwenden, um die logistischen Probleme zu lösen und die Durchführbarkeit des erarbeiteten Programms zu überprüfen. Die erste Schwierigkeit wurde mit Hilfe der Abteilung für Architektur und des Institutes für Theorie und Geschichte der Architektur überwunden - es wurden ca. 9000 Einladungen in die ganze Schweiz verschickt. Die zweite wurde erfolgreich gelöst mit Ausdauer, Geduld und einer Rekognoszierungsreise von einer Woche nach Armenien. Beim zweiten Abschnitt der Veranstaltung konnte leider kein grosser Erfolg erreicht werden, die Reise nach Armenien hingegen übertraf in Ablauf und Erlebnissen jede Erwartung. Ich hoffe somit, die nötigen Informationen gegeben zu haben, um jetzt Inhalt und Zweck dieser Publikation besser verstehen zu können.
Aufnahmen während der Reise (Gianni Birindelli). Sie will in erster Linie eine Sammlung der vermittelten Kenntnisse und Erfahrungen sein. Aus diesem Grund ist sie von einer grossen Heterogenität gekennzeichnet. Viele Verfasser haben in diesem Sinne einen Beitrag geschrieben und ebenso vielfältig wie die Verfasser sind die Thematiken, die angesprochen wurden. Entsprechend unterschiedlich ist demzufolge der Stellenwert der einzelnen Beiträge: nicht nur der Verfasser, sondern auch der Zeitpunkt, in dem der Beitrag geschrieben wurde, hat eine Rolle gespielt. Auch die verschiedenen Sprachen, in denen die Beiträge geschrieben wurden, widerspiegeln diesen Sachverhalt. Die Absicht der Verantwortlichen war es, einen heterogenen Kreis von Interessenten für diese Publikation zu gewinnen: von den TeilnehmerInnen der Reise bis zu den potentiellen Reisenden nach Armenien und sogar die Armenier selbst, die im In- und Ausland leben. Man wollte also den Leser so weit wie möglich in dieses Projekt involvieren und gleichzeitig Unterlagen schaffen, die eine gezielte Konsultation erlauben, Auskunft über das Land Armenien geben und unsere Freude an den gesammelten Erfahrungen mitteilen. Ob uns das gelungen ist, sei dem Urteil der LeserInnen überlassen. Die gute Stimmung unter den TeilnehmerInnen und der Gruppengeist sind für uns Beweis genug gewesen, um eine positive Bilanz für die ganze Veranstaltung und insbesondere für die Reise ziehen zu können. Das Pflegen der entstandenen Kontakte mit den Institutionen und den Menschen in Armenien selbst wird uns zeigen, ob die angestrebten Ziele auch langfristig erreicht werden können. Das in dieser Publikation enthaltene Bildmaterial und die schriftlichen Eindrücke der TeilnehmerInnen zeigen, dass diese Unternehmung tiefgreifende Zeichen hinterlassen hat. Es ist hier noch festzuhalten, wie die Auseinandersetzung mit der Realität des heutigen Armeniens eine Diskussion über die Problematik der Hilfsmöglichkeiten für dieses Land ausgelöst hat. Eine Diskussion, die natürlich einen allgemeinen Charakter hatte, weil sich viele andere Länder in einer ähnlichen Lage befinden. Noch wichtiger schien uns die Tatsache zu sein, dass ein Vergleich mit den Lebensverhältnissen unserer westlichen Welt eine Reihe von Gedanken ausgelöst hat, wodurch die Selbstverständlichkeit vieler Annehmlichkeiten unseres täglichen Lebens in Frage gestellt ist. In diesem Zusammenhang bekommen Zeit, Klima und Menschen andere Bedeutungen, die zeigen, dass sich Lebensqualität auch anders äussern kann. Ansicht des Klosters in Amaghù Norawànk (Gianni Birindelli). Rein persönlich würde ich fast wagen, einen meiner ersten Gedanken auszudrücken, den ich in Zusammenhang mit dem unbekannten Land Armenien gehabt habe, bevor überhaupt die Idee dieser Veranstaltung entstanden ist. Armenien war das Land, wo ich mir den Hirten des Gedichtes von Giacomo Leopardi 'Canto notturno di un pastore errante dell'Asia' (1829/30) vorgestellt hatte (hierbei möge mir der Leser die geographische Abstrahierung verzeihen). Das im Gedicht enthaltene Soliloquium zwischen dem Hirten und dem Mond möchte ich als indirekten Auslöser betrachten, der in mir in den hellen und stillen Nächten während der Reise in Armenien eine riesige Flut von Gedanken verursacht hat. "... Dimmi, o luna; a che vale al pastor la sua vita, la vostra a voi? dimmi: ove tende questo vagar mio breve, il tuo corso immortale? ..." Gibt es überhaupt einen besseren Genius loci als den Fuss des Ararat oder die Hügel über Geghard, um über die Frage der Existenz, des universellen Schmerzes und des möglichen Zwecks und Sinns des Universums nachzudenken?
Gianni Birindelli |