www.armenian.ch www.armenian.ch
All Good-Willed Armenians


Es geht um die Geste, nicht um das Geld allein

 
Post new topic   Reply to topic    www.armenian.ch Forum Index -> General
View previous topic :: View next topic  
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Tue May 03, 2005 10:52 am    Post subject: Es geht um die Geste, nicht um das Geld allein Reply with quote Back to top

Es geht um die Geste, nicht um das Geld allein




Zwangsarbeiter Howik Alexanjan (90):
Als Schweißer schuftete er in Deutschland,
heute lebt der blinde Alte im Armenviertel von Eriwan.
Bild: Verein "Kontakte"

WAZ Ruhrgebiet. 60 Jahre nach Kriegsende erhalten gut eineinhalb Millionen
ehemalige Zwangsarbeiter endlich Entschädigungen. Tausende aber kriegen nichts:
Kriegsgefangene ausgeschlossen.

Die Hoffnung hieß Hans. 1000 Meter unter der Erde und 2000 Kilometer von zu
Hause war der Kumpel in Grube 8 auf dem Bergwerk in Gelsenkirchen-Rotthausen,
für "Nikola" der "am nahesten stehende Mensch". Vielleicht nur, weil er sein
Frühstück mit ihm teilte. Denn Nikolaj Pavlovitsch Beljak aus Charkow, Ukraine,
bekam sonst nicht viel zu essen. Der Gefangene mit der Blechnummer 6143,
ehemals Soldat einer russischen Panzereinheit und gerade 24, lebte, wenn man das
Leben nennen kann, von dünner Suppe, faulen Kartoffelschalen und musste dabei
Kohle schaufeln unter Tage: ein Kriegsgefangener auf Knien.

Ungezählten ist das so gegangen im Zweiten Weltkrieg: dass sie als Soldaten
in die Fänge der Wehrmacht gerieten irgendwo in der Sowjetunion und, falls sie
das noch überlebten, verschleppt wurden nach Deutschland. Dass sie
Zwangsarbeit leisten mussten bis zum Umfallen. Viele standen nie wieder auf. "Sie wurden
natürlich erschossen", schreibt Nikolaj Beljak nüchtern in einem Brief.

Den schickte er zu Jahresbeginn nach Berlin, an fremde Deutsche, die er
"aufrichtig als meine engen Freunde" bezeichnet. Dabei kennt er niemanden von
ihnen. Aber Nikolaj Beljak, inzwischen 87, hatte vorher selbst Post bekommen aus
dem Land der früheren Feinde - und Geld: 300 E vom Verein "Kontakte".

Denn der hat im Gesetz eine Lücke entdeckt, die eigentlich keine Lücke ist,
sondern ein Satz wie eine Ohrfeige: "Kriegsgefangenschaft begründet keine
Leistungsberechtigung." So steht es in den rechtlichen Grundlagen der Stiftung
"Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", dem gemeinsamen Geldtopf von Bund und
deutscher Wirtschaft, aus dem seit 2000 Ex-Zwangsarbeiter entschädigt werden.
Soldaten wird die öffentliche Hand nicht gereicht.

"Kontakte" sammelt Mittel von Privatleuten, von Prominenten wie Renate
Künast, Hans-Jochen Vogel, Rainer Eppelmann, und schickte bislang Schecks an 1400
Betroffene; vor allem in der Ukraine und Armenien, wo die Not am größten ist.
Aber es geht nicht nur um Geld. "Es geht um die Geste", sagt die
Vereinsvorsitzende Hildegard Schramm. "Wir wollen den Menschen zeigen, dass die Deutschen
sich an sie erinnern." Denn nicht nur Entschädigung wird den nicht-zivilen
Zwangsarbeitern vorenthalten: auch ein Ausdruck des Bedauerns, die Anerkennung,
überhaupt NS-Opfer gewesen zu sein. "Eine historisch nicht begründbare
Ausgrenzung", so Schramm.

In der Tat sei es "schmerzlich" gewesen zu erfahren, "dass nur die
zwangsweise Verschleppten eine Entschädigung bekommen", notierte vor zwei Jahren
Grigorij Stepanowitsch Budenko: "Ich bin ja auch nicht freiwillig gekommen?" Budenkos
Satz endet tatsächlich mit Fragezeichen, hilflos setzte er ein "Nicht wahr"
dahinter - die ganze Unsicherheit eines alten Mannes, der es auch nicht über
sich brachte, sich als Kriegsveteran zu melden: "Ich schämte mich, und es war
mir ängstlich, so als ob ich an etwas schuld wäre."

Budenko ist einer von zehn-, vielleicht auch 15 000, die der Verein noch
hofft zu erreichen, bevor sie sterben. Auch er kam aus der Ukraine, auch er war
Soldat, auch er geriet in Gefangenschaft und musste in Gelsenkirchen-Buer
einfahren - in der "Kohlengrube" Bergmannsglück. Und auch Grigorij Budenko hatte
einen Retter: Jup hat er wohl geheißen und ihn gerettet vor "Misshandlungen mit
dem Stock über den Kopf, über den Rücken". Dank Jup, schreibt Budenko, "habe
ich überlebt. Daran kann ich ohne Tränen nicht denken".

Gerade Russen, bestätigen Historiker, wurden unter härtesten Bedingungen zur
Arbeit gezwungen. Für sie habe es, so "Kontakte", nur ein Prinzip gegeben: die
Ausbeutung bis zum Tod. "Sowjetische Kriegsgefangene waren nach den
europäischen Juden die zweitgrößte Opfergruppe der Nazis."

Wer es trotzdem schaffte, wie der Armenier Mowsisjan Wagakn in einer Bochumer
"Metallfabrik, wo unerträgliche Zustände herrschten", wie Andrej Tkatschenko
aus Odessa, der in Dortmund bei Klönne mit seinem Kollegen Alfred Koch darauf
wartete, dass " die Bomben nicht mehr fallen", wie Jakow Trofimowitsch aus
Nikopol, dem auf Minister Stein der Schlosser Franz die Hand seiner Tochter
versprach - wer es schaffte, der Hölle zu entrinnen, errang eine Freiheit, die
zweifelhaft war. "Warum hast du dich nicht umgebracht?", fragten Stalins Schergen
Nikolaj Beljak. "Warum bist du freiwillig in die Gefangenschaft gegangen?"

Respekt, gar Bedauern haben die Opfer also auch daheim kaum erlebt. Die
Briefe aus Deutschland, die sie nun erreichen, sind die ersten Zeichen von
Anteilnahme, sie wachsen zum Symbol. "Mein oberstes Gefühl ist Dankbarkeit", schreibt
Beljak. "Ich bekam Tränen in die Augen", schreibt Trofimowitsch. Und Mark
Wolowik aus Kirowograd, der schon Urgroßvater ist und 300 E sonst nicht im halben
Jahr bekommt, kaufte endlich einmal genug Öl: "Ich bin nicht nur vom
Heizmittel erwärmt worden. Ihre Herzen bringen mir auch Wärme."

> Kontakt und Informationen Infos zum Thema im Internet:
www.kontakte-kontakty.de.

Spenden: Berliner Volksbank, Bankleitzahl 100 900 00, Konto-Nummer 306 55 99
006, Stichwort: Zwangsarbeit.

Kontakt: Wer kennt Hans, Jup, Alfred Koch oder den Schlosser Franz, die
während des Krieges im Ruhrgebiet arbeiteten und sich selbst in Gefahr brachten, um
den Kriegsgefangenen zu helfen? Die Zwangsarbeiter von damals würden sich
über ein Lebenszeichen freuen.

Schreiben Sie uns, wir leiten Ihre Post weiter: Westdeutsche Allgemeine
Zeitung (Redaktion Westen), Friedrichstr. 34 - 38, 45 128 Essen. (WAZ).



02.05.2005 Von Annika Fischer
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
Display posts from previous:   
Post new topic   Reply to topic    www.armenian.ch Forum Index -> General All times are GMT + 1 Hour
Page 1 of 1

 
Jump to:  
You cannot post new topics in this forum
You cannot reply to topics in this forum
You cannot edit your posts in this forum
You cannot delete your posts in this forum
You cannot vote in polls in this forum