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Calouste Sarkis Gulbenkian: Mister 5 % !

 
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Sarkis
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 PostPosted: Thu Jul 21, 2005 8:46 am    Post subject: Calouste Sarkis Gulbenkian: Mister 5 % ! Reply with quote Back to top

http://russlandonline.ru/ruessay0010/morenews.php?iditem=6

Gulbenkian - ein armenischer, kommunistisch handelnder Kapitalist
Als heute vor fünfzig Jahren morgens um halb elf die Krankenschwester nach
dem 86jährigen schaute, war der erfolgreiche Unternehmer Calouste Sarkis
Gulbenkian einsam verstorben.


Der "reiche Armenier", der wie kein anderer die Geschichte der Globalisierung
des Erdöls verkörpert, hatte bereits 1890 den Siegeszug des Öls in Militär
und Industrie erkannt. Der Verfasser einer Biographie, Ralph Hewins, schreibt:
"Hätte Gulbenkian nicht existiert, wären die europäischen Ölmagnaten gezwungen
gewesen, ihn zu erfinden."
Der mit einem Diplomatenpass ausgestattete persische Staatsbürger starb in
einem kleinen Luxus-Hotel, das er seit Weihnachten 1954 nicht mehr verlassen
und in dem er seit 1942 gewohnt hatte. Wie die meisten Prominenten hielt er viel
von der strikten Trennung zwischen Arbeit und Privatleben. Selbst fünfzig
Jahre nach seinem Tode titelt eine große portugiesische Tageszeitung: "Das Rätsel
Gulbenkian." Mister-Fünf-Prozent, das muss als persönlicher Lebenslauf
reichen.

Nach seinem Tode begann eine zweite Karriere. Sein durch die armenische
Kultur geprägter Sinn für Wohltätigkeit kam an die Öffentlichkeit. Caloustes
Familie brauchte nicht zu hungern, aber den Großteil seines mit Ölquellen verdienten
Vermögens verwandelte er in eine stetig fließende Geldquelle für Portugal.
Der Philantrop besetzte die Schnittstelle zwischen Kunst, Erziehung, Sozialem
und Wissenschaft; mit seinem Freund und Anwalt "Perdi" (José de Azeredo
Perdigão) schuf er die Stiftung Gulbenkian; sie verfügte nach Hewins im Jahre 1955
über ca. 67 Millionen Dollar, 1975 waren es bereits 433 Millionen Dollar. Zur
Zeit sollen es über 100 Millionen Euro sein, die er jährlich in die
portugiesische Kulturindustrie pumpt.

Der wohlbringende Fremdkörper hat sich vorzüglich in sein Gastland
integriert, auch wenn es gerade Verblüfftheiten gibt, da das international bekannte
Ballett Gulbenkian kurzfristig aufgelöst wurde; ohne vorherige Diskussion und
nachträgliche Information darüber, warum es zu diesem drastischen Schnitt kam.

Gulbenkian war im zweiten Weltkrieg aus seiner Wahlheimat Frankreich nach
Lissabon übergesiedelt. Man kann auch sagen, freiwillig geflohen. Geflohen war
der Orientale ("Küss die Hand, die du nicht zu beißen wagst.") schon einmal. Im
August 1896 schaffte er es im letzten Moment, die Yacht eines Freundes zu
erreichen, der gerade von Konstantinopel nach Ägypten reisen wollte.
Trotz bester Beziehungen war das Leben der einflussreichen Gulbenkians in
akuter Gefahr gewesen. Armenische Separatisten hatten am 26. Augusr 1896 die
Osmanische Bank besetzt, was der "Rote Sultan", Abdul Hamid, zu einem weiteren
kollektiven Totschlag an den Armeniern nutzte. Laut Wikipedia mussten wegen der
Bankbesetzung 50 000 Armenier ihr Leben lassen.

Sein Vater Sarkis verdiente gutes Geld als Importeur für russisches Öl. Und
er war für die Schatulle des Sultans verantwortlich; ein begehrter und
einträglicher, bisweilen lebensgefährlicher Job.

Auf der Bootsflucht lernte Calouste den armenischen Ölmillionär Alexander
Mantuchow aus Baku kennen, der eine märchenhafte Karriere hinter sich hatte. Als
Kleinbauer war Alexander so fleißig und sparsam, dass es zum Ankauf eines
kleinen Stück Landes mit einigen Weinstöcken reichte. Durch seinen Nebenjob als
Bürodiener bei einem Vertrauten des Zaren in Baku lernte Mantuchow beiläufig die
große Welt kennen.

Dann fand man Öl in seinem Garten und er war über Nacht reich. Mantuchow hat
das Geld nicht wieder losgelassen und es stetig vermehrt. Baku glich damals
einem Eldorado für Wenige und einem Arbeitsknast für Viele. Die frühen
Oligarchen schufen an der Kaspischen See den fruchtbaren Boden für den Bolschewismus;
mit Ausnahme der Gebrüder Nobel, die Gulbenkian wegen ihrer sozialen Ader zum
ewigen Vorbild wählte.

Calouste, in Zentimetern ein kleiner Mensch, war fasziniert von dem
armenischen Russen mit der Statur eines Riesen und wurde sein allzeit dienender
Privatsekretär. Bei schlechter Bezahlung erfuhr er schnell und kostenlos so viel von
den Geschäftspraktiken der russischen Ölindustrie, dass Mantachow ihn nicht
mehr kündigen konnte.

Im Jahr der Flucht aus der osmanischen Heimat, 1896, wurde Gulbenkian im
Alter von 27 Jahren zum Vertreter russischer Ölinteressen in der Londoner
Geschäftswelt. Erfolgreich, denn er brachte 1903 die Russen in eine Fusion von Royal
Dutch und Shell ein, und stärkte damit die Ölbarone des Zaren gegen die
Konkurrenz von Standard Oil. Die amerikanische Ölkonzerne drängten um die vorletzte
Jahrhundertwende mit aller Macht auf den neuen Markt im Nahen Osten, um den
sich England, Frankreich und Russland erfolglos stritten. Um das Gerangel
komplett zu machen: Die Deutschen bauten die Bagdadbahn in Richtung Öl, die Türkei
schielten auf das kurdische Öl und die Perser verdienten bereits gut an den
fossilen Brennstoffen.

"Krieg ist dumm", so der ausgezeichnete Bergbau-Ingenieur Gulbenkian, der mal
Physik-Professor werden wollte. Der Erste Weltkrieg und die Revolution in
Russland machten folgegrecht viele seiner Pläne zu Makulatur. Er musste praktisch
wieder von neuem beginnen.

Sein Ziel war stets das Gleichgewicht der Großmächte, ohne das es keinen
dauernden Frieden geben könnte. Sein Traum: ein wahrhaft internationales
Ölkonsortium der Großmächte. So holte Calouste erst die Franzosen ins nahöstliche,
damals von englischen Interessen dominierte Boot und beendete damit langfristig
die deutschen Träume vom nahöstlichen schwarzen Gold. Dann führte er behutsam
die ruppigen Amerikaner in die Region, die ihn wegen seiner Staatsferne
akzeptierten.

Der letzte rusische Zar wollte an sich den türkischen Teil Armeniens
kassieren, als die Ereignisse, die zum Friedensschluss von Brest-Litowsk führten, und
die russische Revolution die Türkei entlastete. Vor Kriegsausbruch drohte dem
osmanischen Reich der Souveränitätsverlust. Das türkische Militär war fest in
deutscher Hand. Ein Admiral der kaiserlichen Flotte konnte kurz nach bei
Kriegsbeginn mit nur zwei Kriegsschiffen die Nachschubswege der Russen am Bosporus
blockieren und die Schwarzmeerflotte in Schach halten. So ging auch der
alliierte Kampf um Gallipoli verloren, wodurch die Türkei vom Druck aus dem Westen
befreit wurde. Russlands Vormarsch im Transkaukasus war damit gestoppt.

Als 1920 die Allierten Konstantinopel besetzten, drohte der Kranke Mann am
Bosporus erneut zu sterben. Das war den Bolschewisten, die übrigens mit der
Enteignung der Ölfelder von Baku die Beschleunigung der Sowjetunion finanzierten,
gar nicht recht. Ihre Transkaukasus-Politik geriet in Gefahr. Armenien,
Georgien und Aserbaidschan als eigenständige Staaten? Eine so schaurige Vorstellung,
dass man in Moskau mit dem Erzfeind Türkei gemeinsame Sache machte. Ende 1919
erließen Lenin und Stalin ein Manifest: "Muselmanen der Welt, Opfer des
Kapitalismus erwacht." Der türkische Präsident Kemal akzeptierte russische Waffen
und Gelder im Kampf gegen den Westen.

Gulbenkian konnte damals natürlich keine Öl-Geschäfte mit Russland tätigen.
Das russische Öl war vom Weltmarkt verschwunden. Das blieb so bis 1945, als
endlich an Frieden gedacht werden konnte. Gulbenkian benutzte seine Verbindungen
in die Politik, um den Westmächten vorzuschlagen, die Sowjetunion an den
nahöstlichen Ölfeldern zu beteiligen.

Ein gegenseitiger Tausch von Konzessionen hätte ihm vielleicht den Zugriff
auf seine alten Beteiligungen in Baku ermöglicht. Allerdings, wäre es in den
Vorzeiten des Kalten Krieges zu einer einvernehmlichen Grenzziehung und zu
intelligenter Ölvermarktung gekommen, sähe es derzeit nicht so trostlos am
Transkaukasus aus.

Verfolgt man Gulbenkians Öl-Diplomatie entpuppt sich der philantropische
Kapitalist als Russlandfreund ohne Doppelstandard. Er erkannte die globale
Bedeutung der russischen Felder und setzte im Gegensatz zu England auf Kooperation
mit Russland. Seine politisches Gefühl war bemerkenswert; schon damals sah er in
der Region den Abstieg Englands und den Aufstieg Russlands voraus.
- - - - - -
Hintergrund
Gulbenkian wurde 1869 als Sohn eines wohlhabenden armenischen
Petroleumhändlers in Skutaris, heute zu Istanbul gehörend, geboren. Er studierte in London
Ingenieurwissenschaften und war bereits 1891 in Erdölfragen Berater des
osmanischen Hofes, zu einer Zeit als nur wenige die Bedeutung des Erdöls erahnten. Auf
diesem Gebiet wurde er schnell ein Experte und 1911 Mitbegründer der Iraq
Petroleum Company, eine Vereinigung der größten Erdölfirmen. Schon bald
veräußerte er seine Beteiligung von 15 Prozent gegen einen lebenslänglichen
Gewinnanteil von fünf Prozent. Dies machte ihn zeitweise zu einem der reichsten Männer
der Erde und brachte ihm den Spitznamen "Mister Five Percent" ein.

Gulbenkian war seit 1902 britischer Staatsbürger, und er legte seinen Besitz
überwiegend in Großbritannien an. Ab 1915 lebte er in Paris. Da er mit der
Vichy-Regierung während der Besatzung von Paris durch die Nazis sympathisierte,
beschlagnahmten die Briten sein Eigentum als Feindvermögen. 1942 gelang es ihm
alsdann, in das neutrale Portugal auszureisen. Er ließ sich in Lissabon nieder
und verließ die Stadt bis zu seinem Tode im Jahre 1955 nicht mehr. (Quelle:
Mister Five Percent, Renate Petriconi)
...............
Die Gulbenkian-Stiftung
Der modern aufgelockerte Gebäudekomplex der Stiftung entstand nach Plänen der
Architekten Pessoa, Pedro Cid und d'Athouguia 1964-69. Zu ihm gehören ein
Kulturzentrum mit einem experimentellen Theater, Multimedia-Shows, ein
Amphitheater, eine hervorragende Kunstbibliothek und eine besondere Abteilung für Kinder
(Centro Artístico Infantil). 1969, zum 100sten Geburtstag Gulbenkians, wurde
für seine Sammlung das heute weltbekannte Museum eröffnet. Erweitert wurde die
Anlage 1983 unter Leitung des britischen Architekten Martin um ein Zentrum
für Moderne Kunst.

Die Fundação unterhält ein Sinfonieorchester, ein Ballettensemble (bis Juli
2005), einen Chor, vergibt Stipendien und hat in London und Paris Vertretungen.
Diese Einrichtungen veränderten das kulturelle Leben Portugals in
einzigartiger Weise. Darüber hinaus ist die Stiftung in hohem Maße am Gesundheitswesen,
an sozialen und bildungspolitischen Maßnahmen des Landes beteiligt.
_________________
Sarkis Shahinian
 
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