www.armenian.ch www.armenian.ch
All Good-Willed Armenians


Das arme, alte Land der Steine

 
Post new topic   Reply to topic    www.armenian.ch Forum Index -> General
View previous topic :: View next topic  
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Sat Mar 19, 2005 12:09 am    Post subject: Das arme, alte Land der Steine Reply with quote Back to top

Das arme, alte Land der Steine
http://www.noen.at/redaktion/freizeit-reise/article.asp?Text=168740&cat=282
19.3.2005

Der älteste christliche Staat der Welt beeindruckt mit einsamen Klöstern, grandiosen Bergen und freundlichen Leuten.

Frage an Radio Jerevan: „Stimmt es, dass Armenien ein kleines Land ist?“ Antwort: „Im Prinzip ja. Aber bei unseren Straßen wird Ihnen dieses kleine Land sehr groß vorkommen.“

Tatsächlich erreicht das seit dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 unabhängige Armenien mit rund 30.000 Quadratkilometern gerade mal die Fläche von Nieder- und Oberösterreich. Also klein genug, um von der Hauptstadt Jerevan aus alle Sehenswürdigkeiten in Tagesausflügen zu erledigen. Im Prinzip zumindest. Denn Armenien ist ein Hochgebirgsland mit einer durchschnittlichen Seehöhe von 1800 Metern und bis zu 4000 Meter hohen Bergriesen – eine raue, herbe Schönheit, zerklüftet und steinig. Und so schauen großteils auch die Straßen aus.

Heilige Messe seit 1704 Jahren
Vor allem aber ist dieses Land jenseits des Kaukasus der älteste christliche Staat der Welt – und daher trotz all seiner Armut mit einer reichen Kultur und einer faszinierenden Geschichte gesegnet, die noch heute den Geist des frühen Christentums erahnen lässt. Dazu genügt schon eine kurze Fahrt von Jerevan zur Kathedrale von Edschmiatsin: Seit dem Jahr 301 wurde hier am Sitz des Katholikos der Armenischen Kirche jeden Sonntag eine Heilige Messe gefeiert. Ohne Unterbrechung, über mehr als 1700 Jahre hinweg...

Und solche steinernen Zeugen einer langen christlichen Tradition finden sich im ganzen Land: Kunstvolle Kreuzsteine auf Wiesen und Wäldern, winzige Kirchen in einsamen Tälern und verlassene Klöster, die auf bedrohliche Schluchten hinabblicken.

Vielleicht am beeindruckendsten: das entlegene Kloster Tathev im wilden, kaum besiedelten Bergland der südlichsten Provinz Sjunikh. Die kompakte Anlage war schon vor 1000 Jahren Sitz eines Bischofs und einer bedeutenden Universität. „Weihrauch steigt in Rauchschwaden vor dem Altar empor. Des Rauchfässchens Silber schwingt sanft. Das Zaudern des Rauches umflackert das Kreuz, mit Nebel wird die Stirn der Heiligen geölt“, ist in einer Handschrift aus dem 19. Jahrhundert zu lesen.

Die Armenier und der Ararat
Von einem Erdbeben 1931 schwer beschädigt, wird Tathev seit einigen Jahren wieder aufgebaut und restauriert. Ein verlorener, völlig verrosteter Baukran neben der großen Peter-und-Paul-Kirche lässt allerdings darauf schließen, dass es bis zu einer Wiederbelebung noch ein weiter Weg ist.

Mehr als einen Wärter an der Tür und ein paar im Ausland lebende Armenier, die sich ihre alte Heimat ansehen, haben wir aber auch in den meisten anderen Klöstern nicht getroffen – weder in Haghartsin im grünen Norden Armeniens, das im 11. Jahrhundert auf einer einsamen Lichtung inmitten dichter Wälder gegründet wurde, noch in Haghbat, das seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Und das galt auch für das malerisch am Ende einer langen Schlucht gelegene Noravankh und für die fantastischen unterirdischen Felsenkirchen von Geghard. Lebhaft geht es nur im Kloster Chor Virap in der fruchtbaren Ebene des Arax-Flusses zu. Mit dem majestätischen, 5165 Meter hohen Ararat als Kulisse, gehört es zu den wichtigsten Wallfahrtsorten und den beliebtesten Foto-Motiven Armeniens. Die Wachtürme und Stacheldrahtzäune der nahen Grenze lassen jedoch nicht vergessen, dass sich der früher armenische Ararat heute auf türkischem Staatsgebiet befindet und für die Armenier wegen der anhaltenden politischen Spannungen zwischen den Nachbarn nur via Istanbul (!) erreichbar ist.

Noch schöner als Chor Virap schien uns nur noch das auf einer kleinen Halbinsel errichtete Sewan-Kloster. Obwohl der von den Armeniern liebevoll als „Meer“ bezeichnete, 78 Kilometer lange und 56 Kilometer breite Sewan-See auf 1900 Meter Seehöhe liegt und sich daher stets sehr windig und relativ kühl präsentiert, sind sei
ne ausgedehnten, nur 60 Kilometer von Jerevan entfernten Strände im Sommer ein beliebtes Ziel für Badeausflüge. Auch bei nur 18 bis 20 Grad Wassertemperatur.

Aber Armenien ist eben ein Binnenland. Und ein sehr armes noch dazu. Die Folgen des verheerenden Erdbebens von 1988 und des Anfang der 90er-Jahre mit dem Nachbarland Aserbaidschan geführten Krieges um die Enklave Berg-Karabach haben dem jungen Staat in seinen Anfängen so schwer zugesetzt, dass er ohne die Spenden der reichen Armenier in Frankreich und den USA wohl kaum noch existieren würde.

Vor allem in den Dörfern und Städten auf dem Land ist die Situation nach wie vor trostlos: Schulen ohne elektrischen Strom, in denen die Fußböden längst verheizt wurden. Hauptstraßen, die eher Schlammpisten gleichen. Schweine, die zwischen bröckelnden Plattenbauten aus der Sowjetzeit nach Futter suchen. Und dennoch trifft man hier überall lächelnde, offene und gastfreundliche Menschen, die jedem ausländischen Besucher dankbar sind für die Aufmerksamkeit, die er ihrem Land schenkt.

Nur die Hauptstadt Jerevan mit ihrer rund einer Million Einwohner scheint in den letzten Jahren bunter, lebhafter, geschäftiger und selbstbewusster zu werden: Auf den Straßen machen sich Mercedes und BMW breit, in den Geschäften und Supermärkten ist fast alles erhältlich, was der Mensch braucht, neue Restaurants und Hotels eröffnen, und wer in einem der vielen Schanigärten die modisch gekleideten jungen Damen beobachtet, kann den beginnenden Aufschwung nicht mehr leugnen.

Boris Jelzin und der Kognak
Historische Sehenswürdigkeiten sind zwar in Jerevan rar, doch ein Besuch in der alten, vor kurzem von der französischen Firma Pernot übernommenen Kognak-Fabrik ist in jedem Fall empfehlenswert. Fotos zeigen, dass neben Charles Aznavour auch Boris Jelzin zu den Fans des berühmtesten armenischen Exportartikels zählt.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt das Museum des Völkermords, bei dem von 1915 bis 1922 im Osten der heutigen Türkei rund 1,5 Millionen Armenier ums Leben gekommen sind. Und natürlich die Handschriftensammlung Matenadaran, die einige der ältesten Manuskripte der Menschheit beherbergt. Eine unerschöpfliche Quelle des Wissens aus 15 Jahrhunderten mit mehr als 25.000 Bänden. Haben Sie gewusst, dass einige der berühmtesten Werke der griechischen Philosophen nur deshalb bis heute überliefert sind, weil sie – noch ehe die Originale für immer verloren gingen – bereits in die armenische Sprache übersetzt waren?
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
Display posts from previous:   
Post new topic   Reply to topic    www.armenian.ch Forum Index -> General All times are GMT + 1 Hour
Page 1 of 1

 
Jump to:  
You cannot post new topics in this forum
You cannot reply to topics in this forum
You cannot edit your posts in this forum
You cannot delete your posts in this forum
You cannot vote in polls in this forum