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abc-waffen von Edgar Hilsenrath

 
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 PostPosted: Sun Apr 17, 2005 12:01 am    Post subject: abc-waffen von Edgar Hilsenrath Reply with quote Back to top

16.04.2005

Wochenendbeilage
http://www.jungewelt.de/2005/04-16/030.php

Prolog

abc-waffen von Edgar Hilsenrath

* Vor 90 Jahren begann der Genozid an den Armeniern durch die Türken im Ersten Weltkrieg. Nach dem Scheitern der türkischen Offensive gegen Rußland im Januar 1915 schob die Staatsführung des Osmanischen Reiches die Schuld auf die christlichen Armenier, die angeblich das christliche Rußland unterstützt hätten. Darauf beschloß das jungtürkische »Komitee Einheit und Fortschritt« die Vernichtung der Armenier und stellte dafür die Spezialeinheit »Çete« auf. Die armenischen Soldaten der osmanischen Armeen wurden entwaffnet, in Arbeitsbataillonen zusammengefaßt und schließlich umgebracht.

Am 24./25. April 1915 wurden mehr als 600 armenische Würdenträger und Intellektuelle in Konstantinopel verhaftet und anschließend ermordet. Insgesamt fielen zwischen 1915 und 1916 eine Million Armenier Verschleppungen und Massakern zum Opfer.

Diese Horrorgeschichte hat Edgar Hilsenrath in seinem 1989 erstmals erschienenen und nun im Rahmen seiner Werkausgabe beim Kölner Dittrich-Verlag neuaufglegten Roman »Das Märchen vom letzten Gedanken« verarbeitet, aus dem wir in gekürzter Form den »Prolog« drucken

Edgar Hilsenrath: Das Märchen vom letzten Gedanken, Dittrich, Köln 2005, 675 Seiten, 25,50 Euro

Edgar Hilsenrath wurde 1926 in Leipzig geboren. 1938 flüchtete er mit Mutter und jüngerem Bruder nach Rumänien. 1941 kam die Familie in ein jüdisches Ghetto in der Ukraine. Hilsenrath überlebte und wanderte 1945 nach Palästina, 1951 in die USA aus. Heute lebt er in Berlin. 1989 erhielt Edgar Hilsenrath den Alfred-Döblin-Preis, 1992 den Heinz-Galinski-Preis, 1994 den Hans-Erich-Nossack-Preis, 1996 den Jacob-Wassermann-Preis und 1999 den Hans-Sahl-Preis.



Ich bin der Märchenerzähler in deinem Kopf. Nenne mich Meddah. Und nun sei ganz still, Thovma Khatisian. Ganz still. Denn es dauert nicht mehr lange. Bald ist es soweit. Und dann … wenn deine Lichter allmählich ausgehen … werde ich dir ein Märchen erzählen.«
»Was für ein Märchen, Meddah?«
»Das Märchen vom letzten Gedanken. Ich werde zu dir sagen: Es war einmal ein letzter Gedanke. Der saß in einem Angstschrei und hatte sich dort versteckt.«
»Warum, Meddah?«
»Na, warum wohl, Thovma Khatisian? Was ist das für eine Frage? Bist du etwa völlig bekloppt? Das ist doch ganz einfach. Der hatte sich dort versteckt, um mit dem letzten Angstschrei ins Freie zu segeln … durch deinen sperrweit aufgerissenen Mund.«
»Wohin, Meddah?«
»Nach Hayastan.«

»Nach Hayastan also?«
»Ja, Thovma Khatisian.«
»Ins Land meiner Vorfahren? Das Land am Fuße des Berges Ararat?«
»Dorthin.«
»Ausgerechnet dorthin?«
»Wohin sonst, Thovma?«
»Ins heilige Land der Armenier, das die Türken entweiht haben?«
»Entweiht, Thovma. Sie haben es entweiht.«
»Dort, wo Christus gekreuzigt wurde, zum zweiten Mal?«
»Du sagst es, Thovma.«
»Vielleicht zum letzten Mal? Endgültig!«
»Das weiß man nicht.«
»Sag, Meddah – wie ist das eigentlich?«
»Was denn, Thovma?«
»Wo sind die Armenier aus Hayastan?«
»Sie sind verschwunden, Thovma.«
»Das stimmt aber nicht, Meddah.«
»Und wieso stimmt das nicht?«
»Weil ich weiß, daß sie noch dort sind. Ihre geschändeten Leiber faulen tief unter der heiligen Erde.«
»Da hast du recht, Thovma. Eigentlich bist du gar nicht so dumm, wie du aussiehst. Du scheinst eine Menge zu wissen.«
»Ich weiß so manches, Meddah.«
»Und warum fragst du mich dann?«
»Nur so, Meddah.«
»Du willst mich wohl für dumm verkaufen?«
»Nein, Meddah.«

»Sag, Meddah …«
»Was ist denn schon wieder?«
»Wenn mein letzter Gedanke ins Freie fliegt … wird er Hayastan finden?«
»Aber Thovma Khatisian. Was für eine dumme Frage. Natürlich wird er es finden.«
»Bist du auch sicher?«
»Ich bin ganz sicher.«
»Du müßtest zu ihm sagen: Es liegt dort, wo die Sonnenblumen bis in den Himmel wachsen.«
»Bis in den Himmel?«
»Oder bis zu den Pforten vom Paradies.«
»Aber Thovma Khatisian. Das ist doch weit übertrieben.«
»Glaubst du?«
»Ganz bestimmt.«
»Hayastan … wo die Wassermelonen runder und größer und saftiger sind als der fetteste Weiberarsch?«
»Dort liegt Hayastan.«
»Wo man den Bulgur mit Honig anrührt? Und den Saft reifer Maulbeeren auf dem Dachgarten trocknet?«

***

»Sag mir, wie ich aussehe, Meddah.«
»Du siehst häßlich aus, Thovma Khatisian. Keine Frau würde sich in dich verlieben, außer deiner Mutter. Deine Augen sind leicht verdreht und gucken auf den Fußboden. Aus deinem halbgeöffneten Mund rinnt stinkender Speichel. Bald wirst du ihn weit aufreißen, um den letzten Gedanken herauszulassen, der … wie ich’s dir gesagt hab’ – mit dem letzten Angstschrei in die Luft hinaussegelt.«
»Und meine Hände? Sag mir, Meddah. Was ist mit meinen Händen?«
»Die schwitzen nicht mehr. Sie sind so gut wie tot.«
»Und meine Füße?«
»Genauso. Dabei bist du gar nicht alt, Thovma Khatisian. Jahrgang 1915. Du bist 73. Ein junger Schnösel, der noch voller Kraft gegen den Wind pissen müßte. Was ist nur los mit dir?«
»Ich weiß es nicht, Meddah.«
»Deine Vorfahren waren ganz anders, Thovma Khatisian. Besonders einer von ihnen, der Urgroßvater deines Großvaters. Der war aus ganz anderem Holz. Er ist ja auch über hundert geworden.«
»Ja, Meddah.«
»Es ist doch so, Thovma Khatisian. Diese Armenier aus Hayastan werden uralt vom vielen Ficken und vom vielen Joghurt, den sie Madsun nennen und den sie kübelweise trinken.«
»Ja, Meddah.«
»Die sterben nur jung, wenn die Türken oder die Kurden ihnen die Köpfe abschlagen.«
»Ja, Meddah.«
»Oder sie irgendwie anders umbringen, zum Beispiel: mit dem krummen Schlachtmesser.«
»Ja, Meddah.«

***

»Sag mir, Meddah, wie ich auf diese Welt kam. Denn ich habe meine Mutter nie gekannt.«
»Hayastan hat dich geboren, Thovma Khatisian. Und der Wind aus den Bergen Kurdistans. Der Staub hat dich geboren. Und die heiße Sonne damals über der Landstraße.«
»Ich hab’ also keine Mutter gehabt?«
»Du hast nie eine gehabt.«
»Ist das die Wahrheit?«
»Das ist die Wahrheit. Und doch kann es nicht sein, Thovma Khatisian. Denn sogar unser Heiland, Jesus Christus, wurde vom Weibe geboren. Oder glaubst du, daß der Geist Gottes die Sonne beschattet hätte? Oder den Wind aus den Bergen Kurdistans? Oder den Staub einer elenden Landstraße damals in Hayastan?«
»Nein, Meddah.«
»Na, siehst du, Thovma Khatisian. Ein Weib hat dich geboren. Und doch hast du nie eine Mutter gehabt, wenigstens keine, die dir ein Wiegenlied sang, keine, die dich gestillt oder in den Schlaf geschaukelt hat.«
»Und irgend jemand muß mich doch gestillt haben?«
»Natürlich hat dich jemand gestillt. Aber das war nicht deine leibliche Mutter.«
»Wer war das?«
»Eine Türkin. Sie hat dich damals gefunden. Auf der Landstraße. Und sie hat dich mitgenommen. Und sie hat dich gestillt. Und in den Schlaf geschaukelt. Und sie hat dir viele Wiegenlieder gesungen.«
»Armenische Wiegenlieder?«
»Nein. Türkische.«
»Sind die so zärtlich wie die armenischen?«
»Sie sind genauso zärtlich.«

***

»Es war um die Mittagszeit, Thovma Khatisian. Du gucktest durch die Augen deiner Mutter auf die langen Reihen der Frauen, Kinder und Greise, und du hast dich damals gefragt: Wohin gehen alle diese komischen Leute? Warum scheint die Sonne, wenn niemand lacht? Warum ist es so heiß? Und warum gehen die Leute alle barfuß? Warum gibt es nirgendwo Wasser, und warum prügeln die Saptiehs auf die Leute ein, die sich doch sowieso nicht zur Wehr setzen? Geht es ihnen nicht schnell genug? Und warum sollten sie schneller gehen, wo sie doch sowieso nur im Kreis herumgetrieben werden? Und warum bleibt meine Mutter jetzt stehen? Und warum geht sie plötzlich in die Knie? Paß auf, Mutter! Sei vorsichtig, denn du könntest mich aus deinen Augen verlieren.

Als deine Mutter zusammenbrach und sich schreiend hin- und herwälzte, als sie plötzlich kapiert hatte, daß sie gebären mußte, mitten auf der Landstraße, da riß sie sich mit letzter Kraft die Pluderhose vom Leibe, legte sich auf den Rücken, lag im Straßenstaub, spreizte die Beine und hob die Füße in Richtung Sonne und Himmel. Ja. Und das war so«, sagte der Märchenerzähler. »Die Wachmannschaft war wütend, weil deine Mutter die ganze Kolonne aufhielt, und einer der Saptiehs riß sein Pferd herum und sprengte zu der Stelle auf der Landstraße, wo sie lag, schreiend im Staub, die Füße gen Himmel und Sonne gereckt. Er riß den Säbel aus der Scheide und sprang vom Pferd herunter.«
»Hat der Saptieh meiner Mutter den Kopf abgeschlagen?«
»Nein, Thovma Khatisian. Die Saptiehs schlagen zwar öfter den Armeniern die Köpfe ab, aber sie schlitzen auch gerne Bäuche auf, besonders bei schwangeren Frauen. Das scheint ihnen Spaß zu machen. Nun, Thovma Khatisian. Deine Mutter hatte Glück. Der Saptieh setzte nämlich die Spitze des Säbels auf ihren nackten Bauch, aber eher verspielt als wütend, und er ritzte nur ein bißchen. Und siehe da …«
»Siehe da?«
»Da warst du schon, Thovma Khatisian, einfach herausgerutscht aus dem Leib deiner Mutter. Als der Saptieh aus reinem Spaß mit dem Säbel die Nabelschnur durchschnitt, fingst du zu krähen an wie der allererste Hahn, den Gott erschaffen hatte, um auf dem allerersten Misthaufen den ersten Tag zu begrüßen. Und der Saptieh guckte und lachte und steckte den Säbel wieder ein, weil er im Grunde nicht bösartiger war als die meisten, die dem Staat dienen und gehorsam ihre Pflicht erfüllen. Es könnte natürlich auch anders gewesen sein«, sagte der Märchenerzähler. »Es könnte ja sein, daß deine Mutter den heißen Sonnentag überstanden hatte, ohne dich endgültig loszulassen. Erst als es Abend wurde und es allmählich zu dunkeln begann, machte die Kolonne halt, denn auch die Saptiehs waren müde und die Pferde störrisch. Die Saptiehs befahlen den Gefangenen, sich hinzusetzen; sie wollten auch die Pferde füttern und tränken.
In jener Gegend«, sagte der Märchenerzähler, »wird es schnell dunkel, denn die Kurden hoch oben in den Bergen sind flink, und sie holen die Sonne allabendlich heim mit ihren Seilen aus schwarzem Ziegenhaar, denn sie haben Angst, daß die Teufelsanbeter, von denen es viele in jener Gegend gab, die Sonne stehlen könnten. Nachts verstecken die Kurden die Sonne in einem großen Zelt, das ebenfalls aus schwarzem Ziegenhaar ist, und lassen sie erst wieder los, wenn der Steinadler aus dem Schlaf erwacht, den ersten Schrei ausstößt, dessen Echo weit über die Berge hallt und den man auch unten hört in den Schluchten und Tälern und Weideflächen des Landes Hayastan.
Es wurde also schnell dunkel«, sagte der Märchenerzähler. »Deine Mutter hatte sich schlafen gelegt, zusammen mit den anderen. Alle lagen im Straßenstaub. Manche schliefen wirklich, andere lagen nur benommen da. Manche waren stumm, andere brüllten nach Wasser. Als es stockdunkel war, setzten bei deiner Mutter die Wehen ein.«
»Ich wurde also mitten in der Nacht geboren, als die Kurden die Sonne noch im großen, schwarzen Zelt versteckt hatten?«
»So war’s, Thovma Khatisian. Als deine Mutter merkte, wie du langsam aus dem Spiegel ihrer Augen verschwandest, dich einfach zurückzogst, tief zurück in ihren Schoß, um als selbständiges Lebewesen ins Freie zu drängen, da taumelte sie auf und hockte sich in den Straßengraben.«
»Dann hat sie mich also in Hockstellung geboren?«

»Viele in jener Gegend gebären in Hockstellung.«
»Wie ist das, Meddah?«
»Sie kacken ihr Kinder einfach aus.«
»Und wie war das mit mir?«
»Es war so und so, Thovma Khatisian. Deine Mutter hat dich einfach ausgekackt. Was sollte sie sonst tun? Plötzlich lagst du im Straßengraben, ein Stück krähender Scheiße in der Nacht. Die Saptiehs merkten nichts, denn viele Frauen in der Kolonne hatten kleine Kinder, die ähnlich krähten wie du. In der Früh, nachdem die Kurden die Sonne befreit hatten und die Morgendämmerung aus den Bergschluchten bis zur Landstraße gekrochen war, da zog der jämmerliche Haufen weiter. Dich ließen sie einfach zurück.«

***

Nun wurde es ganz still in meinem Kopf, und ich glaubte, es sei nun soweit. Ich dachte an meinen letzten Gedanken, der bald zurückfliegen würde ins Land meiner Ahnen, um sie alle zu suchen, die ich nicht gekannt hatte. Aber ich hatte mich geirrt. Denn mir fiel noch etwas ein. Es war nur ein Gedanke, und ich mußte auflachen und ließ einen Furz.
»Das war dein letzter«, sagte der Meddah.
»Ist es soweit?«
»Noch nicht ganz«, sagte der Meddah.
»Vielleicht werde ich noch einmal furzen«, sagte ich.
»Vielleicht«, sagte der Meddah. Und der Meddah fragte: »Warum hast du soeben gelacht, Thovma Khatisian?«
»Weil ich vor einer Sekunde mit dem türkischen Ministerpräsidenten gesprochen habe.«
»Hat er irgendwas gesagt?«
»Ja. Endlich hatte ich ihn erwischt: den türkischen Ministerpräsidenten. Seine Stimme am Telefon klang gefährlich. Er fragte nämlich: Wer wagt es, hier zu telefonieren? Und ich, der am anderen, sicheren Ende der Leitung saß, sagte: Ich wage es!
– Und wer sind Sie?
– Ich bin Ihr armenischer Psychiater.
– Und was wollen Sie von mir?
– Gar nichts.
– Soll das bedeuten, daß ich es bin, der etwas von Ihnen will?
– Richtig.
– Dann komme ich morgen in Ihre Praxis.
– Kommen Sie ruhig.
Ich hatte ihm meine Adresse gegeben. Er kam auch. Pünktlich.
– Ich habe Alpträume, sagte er.
– Alle Türken haben Alpträume, sagte ich.
– Und warum?
– Wegen der Armenier.
– Also wegen der Armenier?
– Ja.
– Was ist mit den Armeniern?
– Sie wurden von den Türken ausgerottet.
– Damit habe ich nichts zu tun. Keiner hat was damit zu tun. Kein Türke von heute.
– Das hab’ ich ja auch nicht behauptet.

– Es ist wirklich schon sehr lange her, sagte ich. Im Jahre 1915. Während des Ersten Weltkrieges. Da wurde ein ganzes Volk ausgelöscht.
– Einfach ausgelöscht?
– Einfach ausgelöscht.
– Irgendwann hab’ ich mal was davon gehört, sagte der türkische Ministerpräsident, aber ich habe immer geglaubt, das wären nur die Lügenmärchen unserer Feinde.
– Es ist kein Märchen, sagte ich.
– Ein Völkermord?
– Jawohl.
– Der spontane Wutausbruch des türkischen Volkes?
– Nein.
– Dann kam es nicht von unten?
– Es kam von oben, sagte ich. Alles kam auf Anordnung der damaligen türkischen Regierung. Alles war wohlorganisiert. Denn es handelte sich damals um den ersten organisierten und geplanten Völkermord des 20. Jahrhunderts.
– Ich dachte, den hätten die Deutschen erfunden.
– Sie haben ihn nicht erfunden.
– Dann waren wir Türken ihre Lehrmeister?
– So ist es.
– Es steht aber nichts in unseren Geschichtsbüchern, sagte der türkische Ministerpräsident.
– Das weiß ich, sagte ich.
– Ist es wegen der Lücke?
– Wegen der Geschichtslücke, sagte ich.
– Und deswegen habe ich solche Angst, sagte der türkische Ministerpräsident. Ich träume nämlich nur von Lücken und Löchern.
– Nehmen Sie Platz, sagte ich.
– Wo denn?
– Irgendwo in meiner Praxis.
– Das ist aber keine Praxis. Das ist ein türkisches Geschichtsbuch.
– Das macht doch nichts.
– Soll ich mich wirklich setzen?
– Ja.
– Oder hinlegen?
– Wie Sie wollen. Am besten, Sie setzen sich da auf den Hocker.
– Ich sehe aber keinen Hocker.
– Dann setzen Sie sich auf meine Couch. Sie können sich auch hinlegen.
– Ich sehe aber keine Couch.
– Dann setzen Sie sich meinetwegen auf den Fußboden.
Der türkische Ministerpräsident nickte. Er sagte nur: Ich sehe aber keinen Fußboden. Und dann fing er zu schreien an.«

»Niemand kann dich hören, Thovma Khatisian«, sagte der Märchenerzähler, »denn deine Rede ist stumm. Aber ich habe dich gehört.«
»Hast du auch seinen Schrei gehört – den Schrei des türkischen Ministerpräsidenten – als er ins Bodenlose fiel?«
»Den hab’ ich auch gehört.«

***

Ich erzählte dem Schweigen die Geschichte des Völkermords. Ich machte das Schweigen darauf aufmerksam, wie wichtig es sei, daß man offen darüber sprach. Ich sagte: Jeder müsse es wissen! Denn wie sollte in Zukunft der Völkermord verhindert werden, wenn jeder behauptet, er habe nichts gewußt und habe auch nichts verhindert, weil er sich so was gar nicht vorstellen konnte. Ich sprach lange und ausführlich. Ich forderte nichts für mein Volk, und ich verlangte auch keine Bestrafung der Verfolger. Ich sagte: Nur das Schweigen möchte ich brechen.
Erst viel später begann ich, über mich zu sprechen. Ich erzählte dem leeren Saal meine Geschichte und die Geschichte meiner Familie. Ich sprach von meinem Vater und meiner Mutter, meinen Groß- und Urgroßeltern, meinen Tanten und Onkeln. Ich sprach über alle, die ich nicht gekannt hatte, so lange, bis ich erschöpft innehielt, die Augen schloß und den Kopf in die Hände stützte.
Als ich aufblickte, stand der Generalsekretär neben mir. Er sagte: Sie haben mich nicht gesehen, aber ich stand die ganze Zeit neben Ihnen.
– Dann haben Sie alles gehört?
– Ich habe alles gehört.
– Werden Sie es weitererzählen?
– Nein, sagte der Generalsekretär. Ich werde es nicht weitererzählen.

Wir rauchten dann zusammen eine Zigarette. Der Generalsekretär sagte: Besonders wirr und unglaubhaft fand ich die Geschichte Ihrer Familie, ich meine: wie sie gelebt haben vor dem großen Massaker und wie sie ausgelöscht wurden. Einfach so.
Ich nickte und sagte nichts.
– Es ist nur merkwürdig, sagte der Generalsekretär, daß Sie, Herr Khatisian, sich so genau an alles erinnern. Wenn ich nicht irre, haben Sie niemanden aus Ihrer Familie gekannt, nicht mal Ihre eigene Mutter. Denn als Sie zur Welt kamen, Herr Khatisian, im Jahre 1915, da waren sie alle entweder tot oder verschollen.
– Meine Mutter war bei mir.
– Woher wissen Sie das?
– Ich weiß es nicht, Herr Generalsekretär, und doch weiß ich es ganz genau.
– Sie haben vorhin dem leeren Saal erzählt, daß zwei Türken Sie gefunden hätten, damals auf der Landstraße.
– Ja, Herr Generalsekretär. Ein Mann und eine Frau.
– Und später – so erzählten Sie – hätten die beiden Sie in einem Waisenheim abgegeben, in irgendeinem Waisenheim, von denen es damals viele gab.
– Ja.
– Kurz nach dem Großen Krieg kamen zwei Damen vom Roten Kreuz und brachten Sie in die Schweiz? Das haben Sie doch vorhin erzählt?
– Richtig, Herr Generalsekretär.
– Dort blieben Sie auch, und heute sind Sie Schweizer Staatsbürger?
– Ja.
– Ein Schweizer also?
– Nein, Herr Generalsekretär. Ich bin Armenier. Ein Armenier mit einem Schweizer Paß.

***
 
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