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Orhan Pamuk: Der Tod, der uns allen droht

 
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Sarkis
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 PostPosted: Tue Jul 05, 2005 6:23 am    Post subject: Orhan Pamuk: Der Tod, der uns allen droht Reply with quote Back to top

http://www.welt.de/data/2005/07/02/739614.html

Der Tod, der uns allen droht

Der Fall des diesjährigen Friedenspreisträgers Orhan Pamuk - oder: Warum es
immer gefährlicher wird, ein liberaler Schriftsteller aus dem Orient zu sein


von Najem Wali
Das türkische Mädchen reagierte betroffen, als der deutsche Journalist in
einer Fernsehreportage zum neunzigsten Jahrestag der Massaker des modernen
türkischen Staats an den Armeniern seine Meinung zu der aktuellen Diskussion darüber
wissen wollte: "Was für eine Meinung wollen Sie von mir hören", fragte das
Mädchen bitter, "solange selbst eine Persönlichkeit wie Orhan Pamuk nicht das
Recht hat, seine Meinung dazu zu äußern!?"

Das Mädchen hat recht, denn die Türkei, die sich um Aufnahme in die
Europäische Union bemüht, ist in Sachen Freiheit der Meinungsäußerung noch immer ein
gefährlicher Ort. Dies gilt besonders, wenn ein Tabu angetastet wird (das, was
die arabischsprachigen Länder "unantastbare nationale Standwerte" nennen).
Davon berichtete Orhan Pamuk, der im Oktober den Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels erhält, als ihn die Todesdrohungen, die er erhalten hatte, zwangen,
seine Lesereise durch Deutschland abzusagen.

Es ist wirklich absurd, wie das Leben die Literatur imitiert: In "Schnee"
macht Orhan Pamuk mittels seines Romanhelden seine Befürchtungen deutlich. Kerim
Alakusoglu ist ein Dichter, der zwischen zwei Seiten aufgerieben wird:
einerseits den Militärbehörden und ihren kemalistischen Anhängern, andererseits den
islamistischen Fanatikern. Er verkürzt seinen Namen auf zwei Buchstaben: Ka.
Nicht nur seine Ermordung durch die Islamisten fürchtet er, sondern auch die Art
seines Todes sagt er voraus. Beide Seiten wollen ihn, obwohl sie mit ihm
zusammenarbeiten, auf zwei Arten für ihre Interessen nutzen: einmal offen und
einmal im Verborgenen. Wenn sie ihm schmeicheln, dann nur, um ihn für ihre
jeweiligen Zwecke zu gebrauchen: Die offiziellen Behörden wollen mit seiner Hilfe den
Chef der islamistischen Vereinigungen finden. Die Islamisten wollen von ihm,
daß er der deutschen Presse von ihrer Verfolgung durch die staatlichen Stellen
berichtet und von den Mädchen, die sich lieber umbringen als auf Befehl der
Behörden den Schleier abzulegen.

Weil er Dichter ist und weil er eigentlich wegen seiner früheren Geliebten in
die Stadt Kars gekommen ist, bleibt seine Persönlichkeit jedoch zweifelhaft
und verdächtig. Beide Seiten können sich nicht auf ihn verlassen. Dies gilt
besonders für die Islamisten, da Ka als Dichter zu der verwünschten Sorte von
Menschen gehört, die schon der Prophet Muhammad an der Rezitation ihrer Werke
gehindert hat. Denn im Koran heißt es: "Und die Dichter, es folgen ihnen die
Irrenden." (Sure 26, Vers 224) So ist der Held des Romans kaum in Kars angekommen,
als die Islamisten auch schon gegen ihn zu hetzen beginnen. Das Lokalblatt
"Grenzstadtzeitung", das ihnen nahe steht, fragt nach den "geheimen" Gründen,
die den undurchsichtigen "angeblichen Dichter", der einmal aus der Türkei
geflohen war, um jahrelang als Asylant in Deutschland zu leben, in diesen schweren
Tagen plötzlich nach Kars führen (nebenbei bemerkt: Pamuk hat sechs Jahre in
New York gelebt). Wie ein Spion habe er sich unter die Einwohner von Kars
gemischt, die seit vielen Jahren in Frieden lebten. Er sei, behauptet die Zeitung,
von ausländischen Mächten geschickt worden, die das Volk in einen Bruderkrieg
verwickeln wollten, um zu hetzen. So solle die Gesellschaft künstlich in
Säkulare und Fundamentalisten, in Kurden, Türken und Aserbaidschaner gespalten
werden. Auch wolle er die Behauptungen von Massakern an den Armeniern
wiederbeleben, "die wir endlich vergessen sollten". Die Zeitung fragt, ob "die
Gedankenfreiheit in Europa darin besteht, Gott zu leugnen, weil es angeblich Aufgabe eines
Intellektuellen ist, die heiligen Werte des Volkes in der Dreck zu ziehen".
Dann wendet sie sich direkt an ihn: "Daß du aus deutschen Quellen Geld
beziehst, gibt dir nicht das Recht, den Glauben dieses Volkes mit Füßen zu treten!
Oder verbirgst du deinen eigentlichen Namen, weil du dich schämst, Türke zu
sein, und verwendest stattdessen den Namen Ka, dieses aus der Luft gegriffene
Imitat fremder Namen?" Weiter wittert die Zeitung: "Wie unsere Leser in
Telefonaten unserer Zeitung mit Bedauern mitgeteilt haben, ist dieser gottlose
Nachahmer des Westens mit dem Ziel in unsere Stadt gekommen, in dieser schweren
Zeiten Zwietracht unter uns zu säen, hat in den gecekondu-Vierteln an die Türen der
Ärmsten geklopft und das Volk zum Aufstand ermuntert und ist sogar so weit
gegangen, Atatürk schlechtzumachen, der uns dieses Vaterland, diese Republik,
geschenkt hat. Ganz Kars möchte dringlich wissen, warum dieser angebliche
Dichter, der im Hotel Schneepalast logiert, in unsere Stadt gekommen ist. Die Jugend
von Kars weist Lästerer in ihre Schranken, die Gott und unseren Propheten
(Friede sei mit ihm!) leugnen."

Pamuk schreibt diese Sätze über seinen Helden, als habe er sein eigenes
Schicksal vorausgesehen. Zorn und Trauer empfindet er nicht nur wegen der Morde an
den Journalisten Istanbuls und an den anderen, die ihre Strafe in den
Nebenstraßen von Provinzstädten in Form von Schüssen in den Kopf ereilt. Wütend macht
ihn auch das Gefühl, einer Kultur anzugehören, in der alle Schriftsteller, die
blutigen Anschlägen zum Opfer gefallen sind, trotzdem nach gewisser Zeit
vergessen sind. Noch mehr betrübt ihn das Klima, das in der Lokalpresse der Türkei
herrscht, besonders in der Provinz. Denn die Lokaljournalisten, die auf eine
linke Vergangenheit zurückblicken, und die Gebildeten unter den
Zeitungsherausgebern, von denen jeder einzelne früher einmal seinen Mut bewiesen hat, haben
jede Hoffnung auf Veränderung aufgegeben. Damit niemand sie als Feiglinge oder
Verzweifelte bezeichnet, bemerken sie in solchen Fällen einfach, der und der
Schriftsteller habe dies und jenes nicht etwa gewagt, weil er mutig sei,
sondern "damit sich die Öffentlichkeit mit ihm beschäftigt und er berühmt wird wie
Salman Rushdie".

Diese Journalisten (in den arabischsprachigen Ländern ist es nicht anders)
sagen nicht die Wahrheit, daß nämlich die Schriftsteller in der Provinz
abgeschlachtet werden wie Vieh. Nicht einmal zu einem gewöhnlichen Revolver greift
man, um sie zu ermorden, ganz zu schweigen von einer ausgetüftelten Bombe wie in
der Hauptstadt. Sie werden erwürgt oder von fanatischen jungen Männern
abgestochen, die ihre Leiche anschließend in eine dunkle Gasse werfen. Ka, Pamuks
Held, wird auf genau diese Weise getötet: In der Nähe eines billigen Sex-Shops in
Frankfurt wird er von einer terroristischen islamistischen Organisation, die
sich selbst "al-Hidschra" nennt, mit dem Messer niedergestochen.

In diesem Moment erinnert sich Ka an all die Schriftsteller, die in den
vergangenen Jahren den Islamisten zum Opfer gefallen sind: an den früheren
energischen Prediger, der später zum Abtrünnigen wurde und große Mühe darauf
verwandte, die Widersprüchlichkeiten des Korans offenzulegen (die Terroristen
liquidierten ihn mit einem Kopfschuß). An den Chefredakteur einer Zeitung, der seiner
Kolumne eine provokanten Überschrift gab, in der er die Mädchen, die Kopftuch
oder Schleier tragen, als "Küchenschaben" bezeichnete (er wurde eines Morgens
zusammen mit seinem Chauffeur ermordet). An den Kolumnisten, der eine
Verbindung zwischen den islamistischen Bewegungen der Türkei und des Iran beweisen
wollte (er flog mit seinem Auto in die Luft, als er gerade den Motor angelassen
hatte).
Pamuk hat nicht nur einen mutigen Roman geschrieben, von ausgefeilter
Ästhetik und epischem Charakter, in dem er die politischen, religiösen und
rassistischen Kämpfe in der Türkei bloßlegt. Er hat auch als freier türkischer Bürger
und Künstler in einem Interview mit einem Schweizer Magazin seine Meinung
geäußert. Darin erwähnt er sowohl die türkischen Massaker an den Armeniern in den
Jahren 1915 und 1916 als auch den dauernden gewaltsamen Krieg zwischen den
türkischen Militärbehörden und den Kurden: "Niemand spricht darüber bei uns in der
Türkei. Ich spreche offen darüber." Für die nationale türkische Presse, die
Pamuk seit Jahren von Grund auf feindlich gegenübersteht, waren diese Erkl
ärungen (die das Magazin in einer von Pamuk nicht autorisierten Fassung
veröffentlichte) wie ein Geschenk. Sie überzog ihn mit einer erbitterten Kampagne, die in
einer demagogischen Demonstration in den Straßen Istanbuls gipfelte, bei der
der "Verräter" Pamuk ausgebuht wurde. Außerdem griff diese Presse die alte
Propaganda gegen ihn wieder auf, die ihn der Zugehörigkeit zu einer sogenannten
"apokryphen" jüdischen Sekte zeiht, die in der griechischen Stadt Thessaloniki
ansässig ist. "Agent des Westens, Verräter, Jude, Grieche!" Gibt es schlimmere
Anschuldigungen für einen Türken, den man auf diese Weise einfach zum Abschuß
freigibt?

Das Unglück der Kultur in unserer Region, in allen Ländern von Ostasien bis
zur Türkei (deren Ausläufer sich inzwischen bis nach Europa erstrecken) ist
heutzutage, daß sie eingeklemmt ist zwischen dem Amboß der Zensur und
Unterdrückung durch die staatliche Stellen einerseits und dem Hammer des
fundamentalistisch-islamistischen Terrors andererseits, dessen Vorhut bis zu den säkularen
Gesellschaften in Europa und Amerika durchgestoßen ist. So kann der Held in
"Schnee" im säkularen Frankfurt ermordet werden. (Der Roman erschien bereits vor
dem Mord an dem Niederländer van Gogh!)

Wie absurd: Wer von uns Schriftstellern, der sich als kreativer Mensch
versteht, für die Freiheit der Rede und der Kunst eintritt und laut darüber
nachdenkt, wird nicht wie Pamuks Ka das Gefühl haben, daß auch ihm die Ermordung durch
die Terroristen droht, jederzeit: Der Tod wartet auf ihn an jeder Ecke; nicht
nur an einer Straßenkreuzung in Kars, wie es sich der Held von "Schnee"
vorstellt, nicht nur in einer der Straßen Istanbuls, wie es sich Pamuk vielleicht
vorstellt. Auch hier kann es jeden von uns treffen: in Hamburg oder Köln, in
München oder Berlin, in Madrid oder London, in Paris oder New York.

A. d. Arab. v. Christine Battermann Najem Wali ist irakischer Schriftsteller.
Zuletzt erschien in Deutschland sein Roman "Die Reise nach Tell al-Lahm" bei
Hanser in München (319 S., 21,50 EUR).

Artikel erschienen am Sa, 2. Juli 2005[/b]
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