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Türkische Ängste und Tabus

 
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iminhokis
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 PostPosted: Thu Oct 12, 2006 12:23 pm    Post subject: Türkische Ängste und Tabus Reply with quote Back to top

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8. Oktober 2006, NZZ am Sonntag


Türkische Ängste und Tabus

Warum die Armenier-Frage in der Türkei für heftige Irritationen sorgt

In der Türkei herrscht grosse Beunruhigung über Pläne für einen «neuen Mittleren Osten». Vorwürfe wegen des Genozids an den Armeniern werden als Vorstufe zur Zerstückelung des Landes gedeutet.


Andres Wysling


Mit kompromissloser Sturheit wehrt sich die Türkei gegen den Vorwurf des Genozids an den Armeniern. Sie nimmt dabei schwere Missstimmungen in ihren Aussenbeziehungen in Kauf, nicht nur im Verhältnis zur Schweiz. Besonders die Beziehungen zu Frankreich sind wegen dieser Frage seit längerem geradezu vergiftet. Ereignisse, die fast hundert Jahre zurückliegen, entfalten unmittelbare politische Wirkung.

Der französische Präsident Chirac hat vor einer Woche bei einem Staatsbesuch in Armenien die Forderung erhoben, die Türkei müsse den Genozid an den Armeniern anerkennen, bevor sie Mitglied der Europäischen Union werden könne. Und in der französischen Nationalversammlung steht die Abstimmung über ein Gesetz bevor, mit welchem die Leugnung dieses Genozids unter Strafe gestellt werden soll. Ein Sprecher des Aussenministeriums in Ankara hat am Freitag heftigst gegen diese Gesetzesvorlage protestiert und vor «irreparablen Schäden» gewarnt: «Frankreich wird gewissermassen die Türkei verlieren.»
Bedrohungsszenario

Warum sind die türkischen Reaktionen auf den Genozidvorwurf derart heftig? Die Antwort besteht aus einem Wort: «Sèvres.» Im Vertrag von Sèvres wurde 1920 das Osmanische Reich aufgeteilt; die Türkei wurde auf ein relativ kleines Gebiet in Zentralanatolien beschränkt; daneben gab es einen armenischen und einen kurdischen Staat. Erst 1923, im Vertrag von Lausanne, wurde die Türkei nach blutigen Kämpfen in ihren heutigen Grenzen anerkannt. Wenn jetzt die Forderung erhoben wird, die Türkei müsse den Genozid an den Armeniern anerkennen, so wittern viele Türken sofort weitergehende Absichten der Grossmächte: Es gehe darum, die Türkei zu schwächen und zu zerstückeln, so wie es in Sèvres versucht worden sei.

Für westliche Betrachter ist ein solcher Zusammenhang nicht evident. Aber Gümeç Karamuk, Assistenzprofessorin für europäische Geschichte an der Hacettepe-Universität in Ankara, unterstreicht ihn. Für die in Zürich ausgebildete Historikerin ist das Bedrohungsszenario durchaus aktuell. Sie weist auf eine Landkarte hin, die kürzlich im amerikanischen «Armed Forces Journal» veröffentlicht wurde.

In dieser Karte zieht Ralph Peters, ein früherer Oberst der amerikanischen Streitkräfte, die Grenzen im Mittleren Osten neu, unter dem Titel: «Wie ein besserer Mittlerer Osten aussähe». Der Irak wird dreigeteilt, es entsteht ein «Freies Kurdistan», unter anderem auf türkischem Gebiet, dazu ein «Gross-Jordanien», ein «Freies Belutschistan» und sogar ein «Heiliger Islamischer Staat» um Mekka und Medina. In der Türkei hat diese Karte Empörung ausgelöst. Sie wird keineswegs als Sandkastenspiel eines pensionierten Offiziers gelesen, sondern als Entwurf für den «neuen Mittleren Osten», der nach dem Willen der amerikanischen Regierung entstehen soll.
Neue Generation

Im letzten Herbst hat in Istanbul unter starkem Polizeischutz erstmals in der Türkei eine Konferenz zum Thema Armenier-Vertreibung stattfinden können - kurz vor der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union war das opportun. Die Konferenz bot ein Forum, um Gegenpositionen zur offiziellen türkischen Geschichtsschreibung zu präsentieren und zu erörtern. Da meldete sich eine neue intellektuelle Generation mit freien und autonomen Ideen zum Wort, nach der Selbsteinschätzung von Teilnehmern. Es gehe um die wissenschaftliche Wahrheit und um die Verantwortung gegenüber der Türkei.

Für kurze Zeit sah es so aus, als ob eine offene Diskussion beginnen könne. Dann aber wurde der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk angeklagt, weil er gesagt hatte, auf türkischem Boden seien im Ersten Weltkrieg eine Million Armenier und in den letzten zwanzig Jahren über 30 000 Kurden ermordet worden. Das wird ihm als «Beleidigung des Türkentums» ausgelegt. Das Tabu hält sich.
 
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