www.armenian.ch www.armenian.ch
All Good-Willed Armenians


Deutsch: Hrant Dink ermordet, Presseberichte
Goto page Previous  1, 2, 3  Next
 
Post new topic   Reply to topic    www.armenian.ch Forum Index -> Politics | Genocide
View previous topic :: View next topic  
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Thu Feb 01, 2007 6:58 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:


Türkische Polizei soll Mordplan gegen Dink gekannt haben

Mutmaßlicher Hintermann des Anschlags auf den armenisch-türkischen Journalisten war offenbar Spitzel / Keine Schutzvorkehrungen
Im Fall der Ermordung des Journalisten Hrant Dink geraten die türkischen Behörden in Erklärungsnot: Angeblich wusste die Polizei durch einen Spitzel von den Attentatsplänen, schützte Dink aber nicht.


Athen - Dink war am 19. Januar in Istanbul auf offener Straße erschossen worden. Der Attentäter erklärte, er habe den Journalisten wegen seiner Artikel über den Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg getötet. Als Anstifter des Mordes gilt der 26-jährige Rechtsextremist Yasin H. aus der Schwarzmeerstadt Trabzon, der kurz nach dem Mord festgenommen wurde. Er soll gestanden haben, den 17-jährigen Attentäter auf Dink angesetzt, ihm Geld und die Tatwaffe gegeben haben.

Im Zusammenhang mit dem Mord sitzen weitere sechs Verdächtige in Untersuchungshaft. Unter ihnen ist auch Erhan T. Wie Istanbuler Zeitungen am Dienstag berichteten, arbeitete Erhan T. als Spitzel für die Polizei. Er habe die Polizei bereits vor zehn Monaten über die von einer Verschwörergruppe in Trabzon geschmiedeten Mordpläne gegen Dink informiert und Yasin H. als Hintermann genannt, schreibt die linksliberale Zeitung Radikal. Ähnliches berichten auch andere Medien, darunter Milliyet, Sabah und die konservative Zeitung Yeni Safak.

Danach wurden auch die Istanbuler Sicherheitsbehörden von den Attentatsplänen unterrichtet. Dennoch habe die Polizei weder Yasin H. in Trabzon observiert, noch habe sie in Istanbul Schritte zum Schutz Dinks unternommen. Ein Polizeisprecher bestätigte die Zeitungsberichte nicht. Er sagte aber, es seien zwei Ermittler nach Trabzon geschickt worden, um zu untersuchen, ob die dortigen Behörden vor dem Mord Fehler begangen hätten. Deren Bericht werde nun abgewartet. Auf mögliche Versäumnisse deutet hin, dass der Polizeichef von Trabzon und der örtliche Provinzgouverneur eine Woche nach dem Mord von ihren Ämtern abberufen wurden.

Dink fühlte sich bedroht

Dink selbst, der vor seinem Tod Morddrohungen erhalten und die Polizei davon unterrichtet hatte, fühlte sich offenbar nicht nur von den Behörden im Stich gelassen, sondern sogar bedroht. In seiner letzten, sieben Tage vor dem Mord erschienenen Kolumne in der türkisch-armenischen Wochenzeitung Agos berichtete Dink, er sei vor einiger Zeit in das Büro des Istanbuler Vizegouverneurs eingeladen worden. Dort hätten zwei vom Vizegouverneur als "Freunde" vorgestellte Männer ihn wegen eines umstrittenen Zeitungsartikels zur Rede gestellt.

Einer der beiden Männer habe ihn gewarnt, wenn er nicht "vorsichtig" sei, könne ihm etwas zustoßen. Nach Angaben seines Anwalts hat Dink über diesen Vorfall auch dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte berichtet, als er dort Beschwerde gegen eine Verurteilung wegen "Herabwürdigung des Türkentums" einlegte.

Die Istanbuler Anwaltskammer verlangt jetzt vom türkischen Innenministerium eine Untersuchung des Vorgangs. Die Kammer will unter anderem wissen, aufgrund welcher Kompetenzen der Vizegouverneur einen Journalisten wegen eines Zeitungsartikels vorlade, wer die beiden anderen Männer waren, für welche Behörde sie arbeiten und ob Dink während des Gesprächs bedroht wurde. Gerd Höhler
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Thu Feb 01, 2007 7:39 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:


© ZEIT online 23.1.2007 - 18:34 Uhr
Leere Seite für Hrant Dink

Der ermordete türkisch-armenische Journalist wurde ein Opfer dreier Kugeln, wie er Opfer dreier Verhängnisse wurde. Ein Nachruf Von Kristin Platt

Stellen wir einen Kranz in türkischen Farben an das Grab von Hrant Dink. Eine trauernde türkische Gemeinschaft in der Türkei und Europa äußert sich betroffen und entsetzt über das »feige« Verbrechen gegen die Meinungsfreiheit. Im gemeinsamen Eintreten für die Demokratie findet man zusammen. Einer von uns.

Es fällt nicht schwer, um Hrant Dink zu trauern. Presseerklärungen werden verfasst, Mahnwachen geplant, Protestmärsche. Porträtfotos von Hrant Dink werden verteilt, auf Papierfetzen kopiert, 10 mal 15 Zentimeter groß. Mit Sicherheitsnadeln an Pullovern und Jacken befestigt symbolisieren sie die Einheit der Trauergemeinde. Es ist ein sehr windiger Januar. Es ist eine Zeit, in der von der Bedeutung politischer Erinnerung gesprochen wird, die die Kraft haben soll, Differenzen zu mindern, um den zukünftigen Problemen standhalten zu können: Terrorismus, Klimaveränderungen, Energieknappheit.

Einer von uns. Vielleicht hat der Journalist Hrant Dink nicht in der Tiefe seines Herzens daran geglaubt. Der Mensch Hrant Dink aber tat es. Er hat die Offerten, die man ihm machte, wie ein hungerndes Waisenkind angenommen. Hat das Reden von der Solidarität der kritischen Intellektuellen der Türkei nicht mehr geprüft, hat das Angebot einer Solidarität außerhalb der Geschichte ebenso angenommen wie Einladungen an den Genfer See oder auf den Petersberg, hat sich in Auszeichnungen und internationaler Anerkennung sicher gefühlt. Hrant Dink willigte in die Bedingung des politischen »Dialogs« ein, in jenes »Reden wir von universaler Solidarität statt nationaler Verantwortung«.

Wäre er noch wenigstens zehn Jahre älter geworden, hätte er vielleicht selbst erleben müssen, dass er nie einer »von ihnen« war. Er hätte vielleicht gesehen, dass es keinen Dialog gibt ohne eine vorherige Anerkennung der Wahrheit. Er hätte vielleicht selbst entdeckt, dass diejenigen, die ihn für ihre politischen Zwecke benutzten, ihn nicht schützen würden. Mit seinem Tod aber darf er nun weiterhin aufgenommen bleiben in der Erinnerung jener türkischen Volksgemeinschaft, die seinen Namen instrumentalisiert hat, um eine »Öffnung« der Türkei zu beweisen.


Dabei hat die Gruppe türkischer Intellektueller, die Hrant Dink an ihren Tisch holte, um für die EU-Fähigkeit der Türkei zu werben, bereits Nachfolger im Blick. Die neuen Beweise türkischer Demokratiefähigkeit dürfen nun auch schon Türken selbst sein: ein Literaturnobelpreisträger, eine türkische Autorin – Aussicht besteht genug, die Imagepolitik ohne Schaden fortsetzen zu können. Ja, den Mord an Hrant Dink gewinnbringend in diese Imagepolitik zu integrieren.

Hrant Dink wurde ein Opfer dreier Kugeln, wie er Opfer dreier Verhängnisse wurde. Das eine, sein Glaube, dass man als Armenier ohne die Erinnerung an den Völkermord leben kann, wurde von dem Mord selbst verneint. Das zweite, dass er als Armenier in der Türkei einen Platz würde haben können, erlauben nicht einmal diejenigen, die mit seinem Namen durch die Straßen der Großstädte in Europa ziehen und machtvoll darauf bestehen, dass die Trauer eine türkische ist. Das dritte Verhängnis, dass gerade die politischen Kräfte, die ihn als Paradebeispiel eines »Miteinanders der Kulturen der Türkei« aufgebaut haben, nicht um ihn als Armenier, sondern um ihre Investition trauern, wird vor allem in Deutschland deutlich.

So ist Hrant Dink geworden, was er nie sein wollte: ein Opfer der armenischen Geschichte. Ein Opfer des verweigerten Nebeneinanders. Ein Opfer der verweigerten Erinnerung. Ein Opfer der verweigerten Anerkennung.

Ein zweiter Kranz fehlt am Grab von Hrant Dink. Es gibt keine armenische Fahne, die wir an sein Grab stellen könnten. Es gibt keine symbolische, keine Hoffnung tragende Blume, die wir ihm mitgeben könnten. Vielleicht allein ein weißes Papier. Eine leere Seite für alle jene Seiten, die er nicht mehr wird füllen können. Eine leere Seite für jene Seiten, die in den türkischen Geschichtsbüchern fehlen: die Seiten über die Geschichte Westarmeniens und den Völkermord von 1915/16.

So ist Hrant Dink, der davon träumte, »einer von ihnen« zu sein, mit seinem Tod wieder »einer von uns« geworden. Denn nachhaltig, unerbittlich, undurchdringbar erwies sich jene türkische Gesellschaft, in der seit über hundert Jahren um eine starke Einheit von Kultur und Recht, Sprache und Territorium, Wissen und Geschichte gerungen wird.

Wir bekommen unser Leben nur geliehen, nicht geschenkt.

Doch wie kann man als Armenier, wie kann man als Angehöriger einer Geschichte, die beendet wurde, als Angehöriger einer Gemeinschaft, die heute nicht leben sollte, nicht daran glauben, dass das Leben ein Geschenk ist, offen für Hoffnung, offen für Zukunft? Der Mord an Hrant Dink hat uns die Leihgabe unseres Lebens ebenso deutlich gemacht, wie er unsere Schuhe ins Blickfeld gerückt hat: Unsicher auf der Erde, auf der die armenische Diaspora heute geht, bleibt sie verankert nur in ihrer unruhigen, erzählten und gesungenen Geschichte, der Geschichte von Gewalt und Verlust, der Geschichte der Leugnung, des Glaubens und der Hoffnung.

Um den Mord an Hrant Dink zu beantworten, benötigt es nur einen kurzen Satz. Vier Worte reichen aus, und es sind dies Worte, die die Überlebenden und ihre Kinder und Enkel seit hundert Jahren sprechen: Wir werden nie vergessen.

------------
Kristin Platt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Fri Feb 02, 2007 11:13 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Picture:Turkhaber.com

Quote:


Süddeutsche Zeitung
02.02.2007, 10:41 Uhr


Attentäter in Heldenpose
Polizei-Skandal um Hrant Dink




Türkische Polizisten haben den mutmaßlichen Mörder des Journalisten Hrant Dink in Heldenpose fotografiert und sogar Erinnerungsfotos mit einer türkischen Fahne gemacht.
Hrant Dink Türkei Ogün S.



Die Staatsanwaltschaft in der Schwarzmeerstadt Samsun habe wegen der neu aufgetauchten Aufnahmen Ermittlungen eingeleitet, berichtete der türkische Nachrichtensender NTV am Freitag.

In türkischen Zeitungen war von einem weiteren Skandal im Zusammenhang mit dem Anschlag auf Dink die Rede. Den Sicherheitsbehörden war bereits vorgeworfen worden, Hinweise auf den geplanten Mordanschlag auf Dink ignoriert zu haben.

Die neuen Bilder dürften dem in der türkischen Öffentlichkeit wachsenden Verdacht neue Nahrung geben, dass die Sicherheitsbehörden mit rechtsgerichteten Gewalttätern sympathisieren.


Der Fernsehkanal TGRT hatte am Vorabend Videoaufnahmen ausgestrahlt, die unmittelbar nach der Festnahme des mutmaßlichen Dink-Mörders Ogün S. am 21. Januar in Samsun angefertigt worden waren. Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie S. vor einem Poster mit dem Staatsgründer Atatürk und dessen Wahlspruch „Das Vaterland ist heilig, es darf nicht seinem Schicksal überlassen werden“ fotografiert wird.

Anschließend posieren einige Beamte zusammen mit dem Mordverdächtigen, der für das Erinnerungsfoto eine türkische Fahne entfaltet und sich vor die Brust hält. Fotos von S. vor dem Atatürk-Poster waren schon vergangene Woche aufgetaucht; bisher war aber nicht bekannt, wer die Bilder angefertigt hatte. Die Videoaufnahmen mit den lächelnden Polizisten neben dem Mordverdächtigen sind neu.

Bei den Beamten auf den Aufnahmen handelt es sich um Polizisten und Mitglieder der zur Armee gehörenden Gendarmerie. Auf den Filmaufnahmen ist auch zu hören, wie der Fotograf den mutmaßlichen Mörder erhobenen Hauptes so vor dem Atatürk-Poster plaziert, dass der Spruch vom „heiligen Vaterland“ gut zu sehen ist.

(AFP)


Last edited by iminhokis on Fri Feb 02, 2007 11:20 pm; edited 1 time in total
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Fri Feb 02, 2007 11:17 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:



Berliner Zeitung, 01.02.2007
Günter Seufert

La-Ola-Wellen des Hasses
Nach dem Mord an Dink werden die Nationalisten lauter



ISTANBUL. Nach dem Meuchelmord an dem Istanbuler Armenier Hrant Dink am 19. Januar erlebt die Türkei eine Welle des Nationalismus. Bei der Beerdigung des Journalisten hatten zwar fast einhunderttausend Menschen teilgenommen und gerufen: "Wir alle sind Hrant Dink, wir alle sind Armenier!" - so wie sie früher im Protest gegen die USA "Wir alle sind Iraker" skandierten. Doch schon meldeten sich ganz andere Stimmen lautstark zu Wort, und es wurde deutlich, dass der Mord an Dink kein isolierter Vorfall war.


Das Stichwort gab Sevket Kazan von der Glückseligkeitspartei (SP). Er eiferte: "Wir heißen nicht Hrant und sind keine Armenier! Wir heißen Mehmet, und wir sind Muslime!". Die Zeitung Tercüman machte am gleichen Tag mit "Wir sind alle Türken" auf, und auf türkisch-nationalistischen Webseiten tauchte die Losung auf: "Der eigentliche Völkermord beginnt erst jetzt".

In Trabzon, an der Küste des Schwarzen Meers, woher der Täter Ogün Samast stammt, sind inzwischen weiße Wollmützen, wie sie Samast trug, als er Hrant Dink von hinten niederschoss, ein Verkaufsschlager. Am vergangenen Sonntag spielte Trabzons Fußballclub zuhause gegen Kayseri. Im Stadion war ein Meer türkischer Fahnen zu sehen, und Spruchbänder verkündeten Losungen wie "Wir alle sind aus Trabzon, und alle sind wir Türken" und "Selbst wenn ihr uns niederschießt, wir werden niemals zu Armeniern!" Als die Zuschauer die La-Ola-Welle machten, plärrte der Lautsprecher: "Wer jetzt nicht aufsteht, ist Armenier!"

Der Täter ist 17 Jahre alt, Schulabbrecher, arbeitslos und durch und durch nationalistisch. Genauso, nur acht Jahre älter, ist Yasin Hayal, der ihn zur Tat anstiftete und der bei seiner Festnahme Drohungen gegen Nobelpreisträger Orhan Pamuk ausstieß. Junge Männer wie sie finden sich heute in großer Zahl in allen Städten der Türkei, meint Ömer Laçiner, Herausgeber der Zeitschrift Birikim. Sie sind Ergebnis extrem nationaler Propaganda, die seit dem Staatsstreich von 1980 den Schulalltag bestimmt. Längst ist die nationalistische Woge über das ganze Land geschwappt. Obwohl keiner das Gegenteil behauptet hatte, stellte die populäre Sängerin Bülent Ersoy in einer TV-Sendung klar: "Ich bin keine Christin und war mein ganzes Leben Patriot! Und wenn ich eine Tages sterbe, dann als gute Moslemin!"

Gerichte und Polizei machen bei alledem keine Ausnahme. Als die Polizei Ogün Samast festgenommen hatte, stellten ihn die Beamten zum Fotografieren direkt vor ein Poster des Staatsgründers Kemal Atatürk, auf welchem dieser zur Verteidigung des Vaterlandes aufruft. Dann verteilte die Polizei das Foto an die Presse. Am Montag wurde bekannt, dass Polizeispitzel in der rechten Szene Trabzons bereits vor einem Jahr berichteten, der Tat-Anstifter Hayal plane einen Anschlag auf Dink. Das Opfer wurde nicht informiert und erhielt keinen Schutz. Ähnlich ergeht es heute Baskõn Oran, der einen kritischen Bericht zur Lage der Minderheiten schrieb. Nachdem er etliche Drohungen erhalten hatte, stellte der Professor letzte Woche Strafantrag. Die Staatsanwaltschaft wies den Antrag ab.
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Mon Feb 05, 2007 7:08 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:
Von Cornelia Steiner
"Auch der Geheimdienst liest die Zeitung"

Gedenkfeier für Hrant Dink: 150 Armenier beteten in Braunschweig für den ermordeten Journalisten – Viele von ihnen haben Angst



BRAUNSCHWEIG. Auf dem Foto lächelt Hrant Dink, der Mann mit den dicken Augenbrauen und dem vollen dunklen Haar. Er lächelt, und vor seinem Bild stehen Menschen, die um ihn trauern. Sie stehen an der Brüdernkirche, wo auch Kerzen für den Toten brennen.

Mit Rosen und roten Nelken in der Hand sind die Mitglieder der armenischen Gemeinde Braunschweig gekommen. Sie haben sich an dem Denkmal getroffen, das an die vielen Armenier erinnert, die zwischen 1915 und 1917 verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Rund eine Million Menschen sind damals gestorben. Seit zwei Wochen gibt es einen Toten mehr.

Drei Schüsse haben den armenischen Journalisten Hrant Dink Mitte Januar in Istanbul getötet. Der 17-jährige Täter hat gestanden. Er habe sich von nationalistischen Gefühlen leiten lassen, sagt die türkische Polizei. Nach der Festnahmen posierten Polizisten Arm in Arm mit dem Attentäter und ließen sich fotografieren.

Über diese Provokation redet während der Gedenkfeier keiner. Fast alle Plätze in der Kirche sind belegt. Aus Berlin ist ein armenischer Pfarrer angereist. Er spricht auf Armenisch zu den Trauergästen. Auch der Pastor der Brüdernkirche, Frank-Georg Gozdek, ist dabei. "Es ist gut, dass immer mehr Türken diesen nationalistischen Kurs nicht mehr mitmachen", sagt er. Bürgermeisterin Friederike Harlfinger mahnt, in der Türkei dürfe keine weitere Gewalt aufkommen.

Viele der Armenier hier fürchten diese Gewalt sogar in Deutschland. Im Gemeinderaum sitzen sie nach der Gedenkfeier noch beisammen. Sie reden über den Mord und über das Verhältnis zwischen Türken und Armeniern. Ihre Namen wollen sie nicht nennen. "Auch der türkische Geheimdienst liest die Braunschweiger Zeitung", sagt ein Mann. "Der Mord an Hrant Dink zeigt doch, dass der Genozid an den Armeniern von türkischen Nationalisten fortgeführt wird. Sie wollen die Stimmen zum Schweigen bringen, die immer wieder über den Völkermord von 1915 sprechen."

Hrant Dink sei seit 90 Jahren der erste Intellektuelle in der Türkei gewesen, der sich das getraut habe. "Und er war der einzige. Viele haben ihn allein gelassen, wir hier auch", sagt ein Mann. "Er war die Stimme der Armenier. Nach seinem Tod ist die armenische Minderheit in der Türkei führerlos." Sein Nachbar nickt. "Der türkische Nationalismus muss aufhören. Aber das geht nur über Dialog."

Die skeptischen Blicke bleiben. Ein Mann sagt energisch: "In der Türkei ist der Begriff Armenier ein Schimpfwort. Solange das so ist, und solange in der Türkei Minderheiten verfolgt werden, gibt es dort keine Demokratie."
Montag, 05.02.2007
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Tue Feb 06, 2007 8:41 am    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:


Medienmitteilung Nor Serung
6. Februar 2007

Großer Erfolg für armenische Sozialdemokraten und Armenier weltweit



Die Jugenddelegation der Armenisch Revolutionären Föderation (ARF) nahm an dem Weltkongress der Internationalen Union der Sozialistischen Jugend (ISUY) teil, welcher in der irischen Stadt Cork zwischen dem 1. und 3 Februar stattfand. Die Jugendvertreter der ARF waren Hovnathan Spangenberg (Deutschland) und Ovsanna Atanesian (Grossbritannien).



Während dem ersten Tag schlossen sich die beiden Delegierten der Sitzung des Europäischen Komitees an, wo sie über die politischen Entwicklungen in Armenien sprachen und sich vor allem auf die anstehenden armenischen Parlamentswahlen am 12. Mai konzentrierten. Herr Spangenberg erklärte, dass die diesjährigen Wahlen nicht nur den wirklichen Status der demokratischen Entwicklungen in Armenien offenbaren würden, sondern auch die Entwicklung der Position der ARF innerhalb Armeniens. Es wurde diesbezüglich auf das große Anliegen der ARF für die Wahlen hingewiesen, nämlich dass das Volk sich beim Wählen nicht von kurzfristigen materiellen Interessen, sondern von Parteiprogrammen und vermittelten Werten leiten lässt.



Während dem Weltkongress hatte die armenische Delegation zudem unzählige Meetings mit den anderen Delegationen, wo sie die Position der ARF gegenüber Armenien, Arzach, der Diaspora und der internationalen Anerkennung des Völkermordes nochmals verdeutlichen konnte.



Während der Plenarsitzung der IUSY wurde von der armenischen Delegation schließlich eine Resolution zum Mord an Hrant Dink eingebracht. Während der darauffolgenden Debatte hatten die armenischen Vertreter die Möglichkeit auf die Situation der armenischen Minderheit in der Türkei aufmerksam zu machen. Herr Spangenberg erklärte hierzu, dass die Internationale Sozialistische Jugend offen über die heutige Realität in der Türkei sprechen müsse, um eine deutliche Botschaft an die rassistischen Kräfte in der Türkei zu senden. Anschließend kam es zur Abstimmung der Resolution, welche ohne eine Gegenstimme verabschiedet wurde. Die Verabschiedung der Resolution war ein großartiger Erfolg, welcher mit viel Applaus begrüßt wurde.





Die Internationale Union der Sozialistischen Jugend (International Union of Socialist Youth / IUSY) ist der Zusammenschluss von sozialistischen und sozialdemokratischen Jugendorganisationen aus mehr als 100 Staaten der Welt. Die IUSY gehört der Sozialistischen Internationalen an, zu deren ersten Mitgliedern die 1890 gegründete Armenische Revolutionäre Föderation (ARF) zählt.



Hovnathan Spangenberg ist Mitglied der Armenischen Jugend- und Studentenföderation Deutschland – „Nor Serunt“, der Jugendorganisation der ARF in Deutschland.







Original Resolution zum Mord an Hrant Dink





Resolution on Hrant Dink's Murder





The World Council of the International Union of Socialist Youth condemns the cold-blooded murder of Hrant Dink, an Armenian journalist and editor of "Agos" a bi-lingual Weekly in Istanbul on the 19th January 2007.



This abhorrent crime brings new threats to the rights and existence of the diminishing Armenian community in Turkey.



The Turkish State should ultimately be held responsible for the murder of Hrant Dink, a citizen of Turkey due to its,



- Failure to provide Dink with protection, even though he had explicitly asked for it after receiving death threats for allegedly “insulting Turkishness”

- Systematic denial of the Armenian Genocide.

- Prosecuting of intellectuals like Dink and Pamuk for openly acknowledging the historic truth of the Armenian Genocide



The continuing policy of Genocide denial has encouraged racism, fascism and discrimination in Turkish society.



Dink's murder proves that there is no tolerance in Turkey for differing views, freedom of speech and minority rights.



Therefore, and mindful of its 2004 World Council Resolution, the IUSY calls on Turkey:



- To recognize the Armenian genocide and take full responsibility for this crime against humanity

- To repeal paragraph 301 of the penal code which is frequently used to prosecute anyone who “insults Turkishness”

- To respect the rights of minorities and freedom of speech.
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Tue Feb 06, 2007 4:25 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:

28. Jan 2007 09:53

Türkischer Nationalist kaperte Fähre
In den Dardanellen hat ein Mann kurzzeitig eine Autofähre in seine Gewalt gebracht. Er wollte damit gegen Unterstützer von Armeniern bei der Beisetzung des ermordeten Journalisten Dink protestieren.

Aus Wut über pro-armenische Sprechchöre bei der Beerdigung des ermordeten Journalisten Hrant Dink hat ein Türke kurzzeitig eine Autofähre gekapert. Der bewaffnete Mann wurde daraufhin festgenommen, wie die Behörden am Sonntag mitteilten.

Der Festgenommene erklärte den Ermittlern seine Motive und bezeichnete sich als türkischen Patrioten. Nach Angaben des Vize-Gouverneurs der Provinz Chanakkale, Yusuf Ziya Ince, hatte der Mann die Fähre, die auf dem Weg von Gelibolu nach Lapseki war, in den Dardanellen in seine Gewalt gebracht.

Rund zwei Stunden lang drohte er den Passagieren, sich in die Luft zu sprengen. Sprengstoff hatte er aber entgegen den eigenen Angaben nicht bei sich.

Dink wurde wegen seiner Einschätzung zum Massenmord an Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts in der Türkei von Nationalisten als Verräter bezeichnet. Von 1915 bis 1923 kamen im damaligen Osmanischen Reich annähernd 1,5 Millionen Armenier ums Leben. Die von Massakern begleiteten Vertreibungen werden von vielen als Völkermord betrachtet, die Türkei weist dies jedoch zurück. (nz)




Quote:


Waffen waren nur Attrappen
Türkischer Patriot entführt Fähre

Ankara (RPO). Mit der Entführung einer Fähre hat ein Mann in der Türkei gegen Äußerungen zu den Massakern an der armenischen Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts protestiert. Nach zwei Stunden konnte ihn die Polizei festnehmen.



Der Mann, der sich selbst als türkischen Patrioten bezeichnete, brachte das Schiff am Samstag mit einer Waffenattrappe und der Drohung, er habe Plastiksprengstoff, in seine Gewalt. Er stellte sich aber nach zwei Stunden der Polizei, die ihn festnahm. Sprengstoff wurde bei ihm nicht gefunden, wie die Behörden am Sonntag mitteilten.


Der stellvertretende Gouverneur der Provinz Chanakkale, Yusuf Ziya Ince, erklärte, der Mann habe die Fähre, die auf dem Weg von Gelibolu nach Lapseki war, in den Dardanellen in seine Gewalt gebracht und rund zwei Stunden lang unter Kontrolle gehabt. Er drohte damit, sie in die Luft zu sprengen. Er protestierte nach eigenen Angaben gegen proarmenische Sprechchöre, die es am Dienstag bei der Beisetzung des ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink gab. Dink wurde wegen seiner Einschätzung zum Massenmord an Armeniern in der Türkei von Nationalisten als Verräter bezeichnet. Er wurde am 19. Januar erschossen.


Von 1915 bis 1923 kamen im damaligen Osmanischen Reich bei von Massakern begleiteten Vertreibungen annähernd 1,5 Millionen Armenier ums Leben. Viele betrachten dies als Völkermord, was die Türkei aber zurückweist. Personen, die dies dennoch behaupten, drohen Anklagen wegen Beleidigung der Türkischen Republik. Dink wurde 2005 wegen Äußerungen im Zusammenhang mit den Massakern an der Armeniern zu sechs Monaten Haft verurteilt. Auch Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk musste sich deswegen schon vor Gericht verantworten. Das Verfahren wurde aber eingestellt. In der EU wurden die Gesetze, die Grundlage der Verfahren sind, schon mehrfach deutlich kritisiert.


Last edited by iminhokis on Tue Feb 06, 2007 4:39 pm; edited 1 time in total
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Tue Feb 06, 2007 4:35 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:


Montag, 5. Februar 2007
Von unserem Korrespondenten Nico Sandfuchs, Ankara


Für manche ist der Mörder von Istanbul ein Held

In der Türkei herrscht nicht nur
Bestürzung über Mord an Dink

Ankara. Dass die beeindruckende Beerdigung für Hrant Dink mit mehr als 100.000 Teilnehmern nur die Haltung eines Teils der stark polarisierten türkischen Gesellschaft wiederspiegelt, wurde von vielen Beobachtern von Anfang an betont. Dass aber gleich so viele Menschen unter dem Motto „Wir sind alle Armenier!“ ihre Solidarität mit dem ermordeten Journalisten zum Ausdruck brachten, hat dennoch vielfach für Überraschung gesorgt. In den Kolumnen zahlreicher türkischer Blätter wurde der Massenaufmarsch deshalb hoffnungsvoll als Aufbegehren der sonst häufig „schweigenden Mehrheit“ für eine offenere, tolerantere und demokratischere Türkei interpretiert.



Immer deutlicher wurde aber in den vergangenen Tagen, dass die Solidarität mit Hrant Dink, der für Demokraten wie für Ultranationalisten gleichermaßen längst zum Sinnbild einer fortschrittlichen und multikulturellen Türkei geworden ist, keinesfalls überall auf ungeteilte Zustimmung stößt. Bereits unmittelbar nach der Beerdigung hatten die einflussreichen rechtsradikalen Parteien MHP und BBP gegen die Verbrüderung mit den Armeniern Stimmung gemacht, indem sie die Gegenparole „Wir sind alle Türken!“ an ihre Anhänger ausgaben.

Nicht nur in manchen Fußballstadien wurde diese Parole daraufhin begeistert als Schlachtruf aufgegriffen, auch die meisten Parteien von links bis rechts haben sich inzwischen der Kritik an der Solidarisierung mit den Armeniern angeschlossen. In einem Jahr, in dem wichtige Wahlen ins Haus stehen, möchte sich kein türkischer Politiker dem Verdacht aussetzen, ein schlechter Patriot zu sein.

Dass die rechtsradikalen Parteien, deren Dunstkreis der Mörder Hrant Dinks angehört, mit ihrer Gegenkampagne nunmehr auch noch politisches Kapital aus dem Attentat zu schlagen suchen, ist allerdings nur die Spitze des Eisberges. Immer häufiger ist hinter vorgehaltener Hand auch die Ansicht zu hören, dass Dink durch die von ihm vertretene Meinung zumindest eine Mitverantwortung an seinem eigenen Tode trage.

Den traurigen Beweis dafür, dass Dinks Mörder sogar das Zeug zu einem „Volkshelden“ hat, lieferten ausgerechnet einige Angehörige der Sicherheitskräfte nach dessen Festnahme: Sie fotografierten den jugendlichen Attentäter kurzerhand in Heldenpose vor der türkischen Nationalfahne. Einigen Meldungen zufolge soll der jugendliche Attentäter auch im Gefängnis besonders zuvorkommend von den Wärtern behandelt worden sein.

Vier der beteiligten Beamten sind inzwischen vom Dienst suspendiert worden, vier weitere wurden strafversetzt. Ministerpräsident Tayyip Erdogan lehnt es aber bislang ab, nunmehr auch den Kopf des zuständigen Innenministers rollen zu lassen. Auch bei dieser Entscheidung mag der bevorstehende Wahlkampf eine Rolle gespielt haben. Innenminister Abdülkadir Aksu wird als Repräsentant der kurdischstämmigen Wähler der Regierungspartei AKP gesehen.

Angesichts des Festhaltens an Aksu mehren sich indessen die Stimmen, die anzweifeln, ob Erdogan wirklich, wie versprochen, Licht in das Dunkel um den Mordfall Dink bringen und „rücksichtslos die notwendigen Konsequenzen“ ziehen wird.
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Tue Feb 06, 2007 9:41 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:


Türkei: Prozess gegen ermordeten Dink fortgesetzt


Trotz der Ermordung des Angeklagten hat ein türkisches Gericht einen Prozess gegen den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink wegen "Beleidigung des Türkentums" fortgesetzt. Wie der türkische Nachrichtensender NTV meldete, wurde heute in einem Verfahren vor einem Istanbuler Gericht gegen Dink verhandelt.


Dabei ging es um eine Verurteilung Dinks wegen angeblicher "Beleidigung des Türkentums"; der Fall war im vergangenen Jahr vom obersten Berufungsgericht in Ankara wieder an das Gericht in Istanbul zurückverwiesen worden.

Von Jugendlichem erschossen
Da dem Gericht noch keine offizielle Benachrichtigung über den Tod des Angeklagten vorlag, wurde der Prozess nun auf Juni vertagt.

Dink wurde am 19. Jänner in Istanbul von einem Jugendlichen erschossen, hinter dem militante Nationalisten standen. Der Journalist war durch seine Forderung nach einer Debatte über die türkischen Massaker an den Armeniern zwischen 1915 und 1917 zu einer Hassfigur türkischer Nationalisten geworden.

Geheimdienstchef suspendiert
Ein hoher Beamter der türkischen Polizei wurde unterdessen wegen schwerer Versäumnisse im Fall des ermordeten Journalisten seines Amtes enthoben. Ahmet Ilhan Güler, der Chef der Geheimdienstabteilung der Polizei in Istanbul, sei auf Empfehlung von Sonderermittlern hin gefeuert worden, erklärte das Innenministerium in Ankara nach Presseberichten heute.

Güler wurde vorgeworfen, Hinweise auf einen bevorstehenden Mordanschlag auf Dink nicht ernst genommen und nicht an Vorgesetzte weitergegeben zu haben.
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Tue Feb 06, 2007 9:42 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:


06.02.2007 21:13

6. Februar 2007: Prozess gegen einen Toten, nationalistischer Rückschlag und Ermittlungen vor dem Wahlkampf


Unglaublich, aber in der Türkei ein Einzelfall: Auch Tote müssen sich für Beleidigung des Türkentums verantworten. So erging es posthum der ersten und einzigen türkischen Verlegerin und Menschenrechtlerin Ayşe Nur Zarakolu im Jahr 2000, so erging es heute dem am 19. Januar 2007 ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink. Es wurde gegen ihn weiterverhandelt:
http://www.orf.at/?href=http%3A%2F%2Fwww.orf.at%2Fticker%2F243659.html

Der Slogan „Wir sind alle Hrant Dink, wir sind Armenier!“ auf den Spontankundgebungen vom 19. Januar 2007 wurde von vielen Menschen inner- und außerhalb der Türkei aufgegriffen. Aber er blieb nicht lange unwidersprochen. Extremistische Nationalisten setzten ihm bald die Parole „Wir sind Türken, wir sind Mustafa Kemal!“ entgegen. Gleich nach der Beerdigung Hrant Dinks riefen die rechtsextremistische Parteien MHP und BBP zum Protest gegen die Solidarisierung mit dem Mordopfern auf; inzwischen haben sich die Reihen wie gewohnt wieder geschlossen: Fast sämtliche Parteien verurteilen, mit Rücksicht auf die Wählergunst bei den im Mai 2007 bevorstehenden Präsidentenwahlen, den Slogan „Wir sind alle Hrant Dink!“

Das Mordopfer war noch nicht beerdigt, da spekulierten manche Wortführer und Kommentatoren in der Türkei bereits öffentlich darüber, ob nicht Armenier selbst hinter dem Anschlag steckten; der angeblich armenische Familienname des angeblich minderjährigen Auftragstäters Ogün Samast – angeblich in der Bedeutung „Synagogenwächter“ – diente als Beweis. Was die Polizei in Trabzon nicht daran hinderte, stolz mit dem Festgenommenen vor der Nationalflagge zu posieren. Es gehört zu den Denkschablonen türkischer Nationalisten, den Opfern die Schuld zuzuweisen, seit den Zeiten Abdülhamits II.

Zugleich geht der Terror gegen liberale Journalisten weiter. Der erste und bisher einzige Nobelpreisträger der Republik Türkei, Orhan Pamuk, wurde endgültig ins Exil gedrängt und sagte Reisen nach Brüssel und Berlin ab, wo ihm jeweils die Ehrendoktorwürde verliehen werden sollte. Der Menschenrechtsverein der Türkei (IHD) berichtet von der Verschleppung des Vorsitzenden des Kulturinstituts BEKSAV, Haci Orman, in Istanbul, der nur durch den Protest der Demokraten nach zwei Tagen freikam. Das neue Antiterrorismusgesetz der Türkei wird bei solchen Aktionen gern verwendet. Bereits Ende 2006 hatte der IHD die Namen von 22 linksorientierten oppositionellen JournalistInnen bekannt gegeben, die sich in Isolationshaft befinden.

Besonders besorgniserregend ist die Rücksichtnahme der Regierung auf die nationalistisch geprägte öffentliche Mehrheitsmeinung. Zwar wurden inzwischen vier Beamte, darunter der Geheimdienstchef in Istanbul, von Dienst suspendiert sowie vier weitere strafversetzt. Doch Regierungschef Erdoğan weigerte sich bisher mit Rücksicht auf kurdischstämmige Wähler, Innenminister Abdülkadir Aksu seines Amtes zu entheben. Ebenso wird die Streichung des Strafrechtsartikels 301 weiterhin verschleppt. Auch der deutsche EU-Parlamentspräsident Pöttering (CDU) spricht nur von einer Novellierung des Knebelparagraphen.

Wir veröffentlichen nachstehend die englische Übersetzung eines Beitrages von Dr. Taner Akçam aus der liberalen Zeitung Radikal vom 24. Januar 2007, der auch als Kommentar zu den Stichworten „Dialog“ und „Polarisierung“ verstanden werden kann.
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Fri Feb 09, 2007 12:13 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:


(05.02.2007)
Das zweite Gesicht
Land im Krieg mit sich selbst: Der Schock nach dem Dink-Mord war kurz, dann machte die andere Türkei mobil, die nationalistische

Der Mann im beigen Regenmantel kritzelt gelangweilt auf einem Stück Papier herum. Den Mantel hat er nicht abgelegt, obwohl die Luft in der Redaktion der kleinen Istanbuler Wochenzeitung „Agos“ stickig und warm ist. Für die Telefonate und die hin- und herrennenden Zeitungsleute hat der Mann im Trenchcoat kaum einen Blick übrig. Er gehört auch nicht zu „Agos“. Er gehört zur türkischen Polizei.


„Sogar in die Toilette geht er mit“, sagt Aydin Engin, der an einem Schreibtisch neben dem Regenmantel-Typen sitzt. Der Polizist ist Engins staatlich angeordnete Leibwache, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche sind er und seine Kollegen in der Nähe des Journalisten. Die Personenschützer sollen verhindern, dass Engin von türkischen Rechtsnationalisten umgebracht wird. Engin ist Kolumnist bei „Agos“ und seit der Ermordung des „Agos“-Gründers Hrant Dink am 19. Januar vor dem Redaktionsgebäude im Istanbuler Stadtteil Sisli so etwas wie der inoffizielle Sprecher des armenisch-türkischen Wochenblatts. Ständig ist der 65-Jährige im Fernsehen zu sehen. Das reicht, um ihn zu einer extrem gefährdeten Person zu machen.

Auch Engins neuer Chefredakteur und Dink-Nachfolger Etyen Mahcupyan sowie eine Handvoll anderer Journalisten und Intellektueller werden seit jenem 19. Januar von der Polizei geschützt. Vor dem „Agos“-Gebäude steht ein Einsatzwagen der Polizei, in der Lobby im Erdgeschoss sitzen drei Beamte in Uniform. Bevor Besucher eingelassen werden, fragen zusätzliche, von „Agos“ bezahlte Wachleute über Funk drinnen nach, ob die Redaktion jemanden erwartet.

Nötig sind solche Vorsichtsmaßnahmen, weil der Mord an Dink die Türkei nur vorübergehend schockierte. Dieser Schock bremste lediglich ein paar Tage lang die erbitterte und zunehmend gewalttätige Auseinandersetzung darüber, was für ein Land die Türkei eigentlich sein will. Bühne dieses Streits ist die Armenierfrage. Die Feststellung, die Massaker an den Armeniern von 1915 seien ein Völkermord gewesen, wird von den allermeisten Türken auch heute noch als persönliche Beleidigung aufgefasst: Eine ehrliche Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der eigenen Geschichte hat es am Bosporus nie gegeben. „In der Türkei gibt es keinen Alexander Mitscherlich, der zur Trauerarbeit angestoß en hätte“, sagt der in Istanbul lehrende deutsche Historiker Christoph K. Neumann.

Schon bei Dinks Beerdigung am 23. Januar taten sich Gräben voller Ängste und Hass auf. Als mehr als 100 000 Menschen beim Trauermarsch für Dink unter dem Solidaritätsmotto „Wir sind alle Armenier“ auf die Straße gingen, machten die Nationalisten mobil. „Wir sind alle Türken“, lautet die Gegenparole. Von einem „Kreuzzug“ gegen die Nation war die Rede. Seit dem Tag des Trauerzuges treffen bei liberalen Kommentatoren per Post und per E-Mail hundertfach Gewaltdrohungen ein.

„Es gibt keinen Dialog“, sagt Engin über die beiden Lager. Das Land habe eben mehrere Gesichter: „Eines weist nach Europa und zur Demokratie, doch andere blicken in die andere Richtung.“

Dennoch wollen einige Behördenvertreter die Gefahr nicht wahrhaben, die jedem droht, der im Zusammenhang mit den Armeniern den Nationalisten öffentlich widerspricht. Das zeigt der Fall des Universitätsprofessors Baskin Oran, der durch seine Forderung nach mehr Rechten für die Minderheiten in der Türkei bekannt ist. Als Oran in den vergangenen Tagen die Staatsanwaltschaft um Personenschutz bat, weil er Morddrohungen erhalten hatte, riet ihm der zuständige Beamte, er solle doch lieber versuchen, sich mit den Absendern der Drohungen „zu einigen“. Erst als Oran mit dieser Auskunft an die Öffentlichkeit ging, erhielt er polizeilichen Schutz. Noch ist nicht eindeutig geklärt, ob das merkwürdige Verhalten der Polizei nur auf Schlamperei oder auf heimliche Sympathie für die Rechtsradikalen zurückzuführen ist. Wenn es um Linke oder Kurden geht, können türkische Polizisten jedenfalls ganz anders zulangen.

Gewollt oder ungewollt haben die Behörden dazu beigetragen, dass der rechte Rand die Bühne beherrscht. Nicht um die Gründe für den Hass auf die Armenier und auf andere Minderheiten dreht sich die Debatte – es geht um den Schutz der Nation vor angeblichen Auflösungstendenzen. Die von den Politikern gern und häufig beschworene Vorstellung, dass die Türken im Umgang mit den verschiedenen Minderheiten im Land tolerant seien, sei nur ein „Mythos“, der das Land für die Realitäten blind mache, meint der Politikwissenschaftler Dogu Ergil. Vielmehr herrsche in der Türkei eine „Belagerungsmentalität“, in der die Einheit der Nation über alles gehe. Das ist die „andere Türkei“, von der Engin spricht.

Auf diese andere Türkei trifft man schon wenige Schritte vom „Agos“-Gebäude entfernt. Da wartet der Obsthändler Mehmet Saracoglu in seinem winzigen Laden in einer Seitenstraße auf Kunden. Natürlich sei er entrü stet über den Mord an Dink, sagt er. Aber fast noch schlimmer findet Saracoglu, was sich beim Trauermarsch abspielte. „Das waren keine normalen Türken, die dort mitmarschierten“, sagt er. „Die meisten waren von der PKK oder von den Linksextremisten.“ Der Slogan „Wir sind alle Armenier“ ist für ihn Beweis genug: „Das ist doch Separatismus.“

Saracoglu steht mit seiner Meinung nicht allein. Da ist zum Beispiel der 36-jährige Nihat Acar, der vor ein paar Tagen eine Autofähre im westtürkischen Canakkale in seine Gewalt brachte, um gegen die Solidaritätsbekundungen bei der Trauerfeier für Dink zu protestieren. Als Acar nach stundenlangen Verhandlungen mit der Polizei aufgab, verließ er die Fähre erhobenen Hauptes und mit der türkischen Fahne in der Hand. „Ich hab’s fürs Vaterland getan“, sagte er dann im Verhör.

In Dinks Heimatstadt Malatya wurden vor einigen Tagen zehn Menschen bei einer Schlägerei zwischen Fußballfans verletzt. Anhänger der Gastmannschaft hatten die Heimmannschaft als „armenisches Malatya“ bezeichnet. In der Schwarzmeer-Stadt Samsun griffen Unbekannte eine protestantische Kirche mit Steinen an und warfen Scheiben ein. Respekt für die Minderheiten müsste zwar sein, kommentierte die konservative Zeitung „Türkiye“, aber: „Lasst uns die Mehrheit nicht vergessen.“

In Ankara lobte Oppositionsführer Deniz Baykal, der sich selbst als Sozialdemokraten bezeichnet, den Nationalismus als „Zement, der das Land zusammenhält“. Die größte Zeitung des Landes, „Hürriyet“, forderte den neuen „Agos“-Chefredakteur auf, sich mit Kritik an den Türken zurückzuhalten.

In der Polarisierung sehen sich viele in der Türkei aufgerufen, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Eine rechtsgerichtete Zeitung ließ Plakate mit dem Satz „Wir sind alle Türken“ an ihre Leser verteilen. Ein Szene-Restaurant in Istanbul führte dagegen demonstrativ ein armenisches Menü ein.

Wohin führt diese Konfrontation? „Die Gefahr ist groß“, sagt „Agos“-Redakteur Aydin Engin. Ende der 70er Jahre erlebte er schon einmal, wie die Türkei ein Bürgerkrieg erschütterte. Er selbst wurde wegen seiner journalistischen Arbeit zu 15 Jahren Haft verurteilt, konnte aber nach Deutschland fliehen, wo er zwölf Jahre blieb. Kommen jetzt die schlechten alten Zeiten wieder? „Wir müssen versuchen, eine gewaltfreie Lösung zu finden, sonst fürchte ich, dass wir wieder eine bürgerkriegsähnliche Situation erleben könnten.“ Erst vor wenigen Tagen warnte das Innenministerium in Ankara die Sicherheitsbehörden in allen 81 Provinzen des Landes vor der Gefahr weiterer Gewalttaten. „Die Situation ist heiß – nicht warm“, sagt Engin an seinem Schreibtisch bei „Agos“. Der Mann im Trenchcoat rührt in seinem Tee und schweigt.


Quote:


(09.02.2007) Von Susanne Güsten, Istanbul
Plante Polizeispitzel Mord an Hrant Dink?
Ein Student soll für den Tod des armenisch-türkischen Journalisten verantwortlich sein




Ein Informant der türkischen Polizei steht im Verdacht, den Mord an dem armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink geplant zu haben. Das ergeben neue Aussagen des bisher als Anstifter betrachteten Rechtsradikalen Yasin Hayal.


Demnach beschuldigt Hayal, der bisher die Verantwortung für den Mord übernommen hatte, nun seinen ehemaligen Freund, den Studenten Erhan Tuncel. Er habe das Verbrechen zwar zusammen mit Tuncel geplant, doch die Idee für den Mord sei von dem Studenten gekommen. Tuncel, der wie Hayal und der mutmaßliche minderjährige Täter Ogün Samast nach dem Mord verhaftet worden war, schweigt zu den Vorwürfen. Hayal reagierte erbost auf die Nachricht, dass Tuncel als Polizeispitzel arbeitete. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn umgebracht“, sagte Hayal Zeitungsberichten zufolge in einer Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft Anfang dieser Woche.

Tuncels Rolle bei dem Mordanschlag auf Dink ist immer noch undurchsichtig. Der Student hatte nach seiner Festnahme ausgesagt, er habe die Behörden im vergangenen Jahr mehrmals vergeblich über Hayals Pläne zur Ermordung des prominenten Verfechters einer Aufarbeitung der türkischen Massaker an den Armeniern informiert. Die Behörden hatten bestätigt, dass Tuncels Hinweise nicht weiter verfolgt worden waren. Drei hohe Beamte verloren deshalb inzwischen ihre Posten. Nach Presseberichten arbeitete Tuncel nicht nur für die Polizei, sondern auch für die zur Armee gehörende Gendarmerie.

Noch ist unklar, ob Hayals Vorwürfe stichhaltig sind. Der Verdacht gegen den Polizeispitzel Tuncel bestärkt Teile der türkischen Öffentlichkeit aber in der Annahme, dass die Behörden mit rechten Gewalttätern gemeinsame Sache machen. Auch ein neu aufgetauchtes Video, das Polizisten und Samast kurz nach dessen Festnahme zeigt, vermittelt diesen Eindruck. Noch stärker als auf bereits in der vergangenen Woche ausgestrahlten Aufnahmen ist auf den Bildern zu sehen, wie Beamte den geständigen Mörder Dinks als Helden feiern. Auf dem Video wird Samast von den Polizisten mit Lob bedacht und sehr zuvorkommend behandelt. Er darf rauchen und sein Handy benutzen.
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Sat Feb 10, 2007 11:28 am    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:
Bericht über die Mission als Vertreter des Europäischen Parlaments
zur Todesmesse des armenischen Journalisten Hrant Dink in Istanbul
am 18. - 19. Januar 2007


Berichterstatter: Joost Lagendijk
Hrant Dink, Herausgeber und Chefredakteur der in Istanbul wöchentlich erscheinenden

armenisch/türkischen Zeitung AGOS, wurde am Freitag, dem 19. Januar 2007, vor dem Verlagshaus erschossen. Er starb auf der Stelle an den Verletzungen durch drei Kopfschüsse.

Die Nachricht verbreitete sich weltweit in wenigen Minuten und das Entsetzen der Menschen in der Türkei und in Europa war sehr groß. Der Mörder stammt aus ultranationalistischen Kreisen der Stadt Trabzon. Es handelt sich um einen 17jährigen Jugendlichen. Seine unmittelbaren
Auftraggeber sind zwar inzwischen verhaftet worden. Es bleiben jedoch viele Fragen offen, die mit dieser Tat zusammenhängen. Der vorliegende Bericht wird neben der Messe und dem Besuch bei der Familie sowie der Redaktion der Zeitung AGOS auch die Hintergründe der Tat sowie die Bedeutung der Arbeit von Hrant Dink in der armenisch-türkischen Annäherung schildern.

Zunächst eine kurze Biographie von Hrant Dink:
Hrant Dink Hrant Dink stammt aus einer armenischen Familie aus der Stadt Malatya im Osten der Türkei. Seine Entwicklung und Persönlichkeit beschreibt der Patriarch Mesrob II von Istanbul mit folgenden Worten:
"Sein kampferfülltes, beschwerliches Leben machte Hrant Dink zu einer mutigen, sensiblen und entschlossenen Persönlichkeit. Damit wurde er zum Verteidiger und Symbol für Gerechtigkeit, Glaubensfreiheit und Menschenrechte. Er trat für seine Meinung und für seine Ideen ein, ohne
Rücksicht auf mögliche Folgen zu nehmen. Genauso entschlossen setzte er Dinge um, wenn er von der Notwendigkeit deren Verwirklichung überzeugt war.


Hrant war seiner Heimat genauso verbunden wie seiner ethnischen Herkunft. Sein Geburtsort, sein Land und die Menschen seines Landes liebte er, ohne die Werte seiner Herkunft zu leugnen. Sein mutiges Auftreten war der Ausdruck seines anatolischen Menschenbildes, voller
Menschenliebe, ohne Unterschied von Religion, Rasse und Herkunft. Hrant folgte damit dem Gebot Gottes."

Der Patriarch Mesrob II bringt damit seine Freude darüber zum Ausdruck, dass er während seines Beileidbesuches von Frau Dink erfahren habe, dass Hrant an Jesus glaubte und ihn als Retter ehrte. Dass der Patriarch Mesrob II erst nach dessen Tod davon erfuhr, dass Hrant, prominentes Mitglied seiner kleinen Gemeinde, ein gläubiger Christ war, gibt einen wichtigen Hinweis über Hrants Wirken in der Türkei. Er stand mit seinen links- liberalen Überzeugungen nicht nur auf Seiten der Opposition des Landes, sondern war auch in der kleinen armenischen Gemeinde in der Opposition, die von der armenischen Kirche dominiert wird. Insbesondere warf er der Gemeindeführung vor, sich zu sehr an die herrschenden Verhältnisse anzupassen und nicht laut genug gegen die zahlreichen Diskriminierungen gegenüber Minderheiten im Allgemeinen und armenischen Gemeinde im Besonderen einzutreten.

Dennoch oder vielleicht gerade wegen dieser Kritik und diesem Mut wurde er von seiner Gemeinde geliebt. Hrant Dink, der mit zahlreichen Preisen für sein journalistisches Wirken geehrt wurde, hatteauch in der türkischen Gesellschaft einen festen Platz. Die von ihm herausgegebene Zeitung
AGOS, die im Gegensatz zu anderen armenischen Zeitungen auch auf Türkisch erscheint, wird auch von seiner türkischen Leserschaft geehrt. Armenisch-türkischer Dialog und Annäherung und die Förderung der Beziehungen der Türkei zu Armenien waren seine Hauptanliegen.


Hrant war der Überzeugung, dass die Vergangenheit nur mit der respektive zukünftigerBeziehungen aufgearbeitet und verstanden werden kann. Die schmerzvolle armenische Geschichte beschäftigte ihn nicht weniger als die armenische Diaspora. Er hatte jedoch einen anderen, vielleicht wirkungsvolleren Umgang mit der Debatte um den Völkermord an den Armeniern 1915, als er in der heutigen Türkei üblich ist. In seinen Reden und Schriften versuchte er den Begriff "Völkermord" zu umgehen. Er informierte seine Leser und Zuhörer, er beschrieb die Ereignisse von 1915 und überliess ihnen die Definition und bat sie, selbst den
passenden Begriff hierzu finden.


Hrant wurde auch deshalb von seinen türkischen Freunden geliebt, weil auch er wie viele in diesem Land für seine kritische journalistische Arbeit verfolgt wurde. Mehrere Prozesse liefen gegen ihn. Er wurde rechtskräftig nach Paragraf 301 der Strafgesetzgebung "wegen Beleidigung des Türkentums" zu sechs Monaten Haft verurteilt. In seinem letzten Artikel analysiert er sehr sensibel, warum die Prozesse gegen "türkische" Schriftsteller wie z.B. Orhan Pamuk, Elif Şafak u.a. eingestellt wurden, er dagegen verurteilt wurde. Er konnte wie kein anderer gegen Ausgrenzung und Ungerechtigkeit rebellieren, ohne Bittsteller zu werden, ja Freude an seinem Widerstand empfinden. Seine Verurteilung schmerzte ihn nicht nur deshalb, weil er sie als ungerecht empfand, sondern auch, weil er sich in seiner tiefen Überzeugung als Antirassist verletzt fühlte.

Dies machte ihn zu einem einzigartigen, geliebten wie geschätzten Journalisten in der Türkei. Sein Tod bedeutet mit Sicherheit einen großen Verlust für die Türkei und für die armenische Gemeinde in der Welt.
Ein politisches Ereignis, die Beerdigung Die Beerdigung von Hrant Dink wurde zu einer der größten Massenkundgebungen der Stadt Istanbul. Man erwartete zwar Tausende von Menschen, die Hrant Dink verabschieden wollten, jedoch ein Meer von über hunderttausend Menschen erwarteten selbst die größten Optimisten nicht. Am Dienstag, dem 23. Januar, um 10 Uhr, als wir1 uns vor der Redaktion AGOS einfanden, hatten sich bereits Tausende Menschen für die Demonstration versammelt, die eine Stunde später beginnen sollte. Wir erlebten bis zum Auftakt der Demonstration, die mit der Rede von Frau Dink, "Brief an den Geliebten"2, begann, eine Flut von Menschen, die aus allen Teilen der Stadt vor die Redaktion AGOS strömten.

Die Rede von Frau Dink, eine Liebeserklärung, erfüllte die Menschen nicht nur mit tiefer Trauer, sondern enthielt auch den Appell, ohne Slogans und mit "Schweigen" Hrants letzte Reise zu begleiten. Dies wurde eingehalten. Es war nicht einfach, diese Masse von jungen und alten Menschen aus offensichtlich allen Schichten der Gesellschaft als Teilnehmer zu berschauen. Wir befanden uns wie in einem Meer, konnten nur die Wellen von Menschen wahrnehmen. Überschaubar war die Masse nicht.


Die Familie und die Gäste verließen nach wenigen Kilometern die Demonstration, um zu der in der Mutter-Maria Kirche geplanten Messe gelangen. Auch dies war nicht einfach. Nicht nur der 1 Frau Hélène Flautre, Präsidentin des Unterausschusses Menschenrechte, reiste ebenfalls für die Beerdigung nach Istanbul an 2 siehe Anlage in EN Verkehr, der selbst durch die Demonstration zum Stehen kam, hinderte die Gäste, sondern auch die schiere Masse von Menschen um die Kirche. Alle Strassen in der Umgebung der Mutter-Maria Kirche, dem Sitz des Patriarchen, waren von Massen blockiert. Nicht nur die Botschafter mehrerer Staaten, darunter der USA, Niederlande, Deutschland waren aus Ankara angereist, auch die Regierung wurde durch zwei Minister vertreten. Die Presse, Vertreter von
Unternehmerverbänden, von Gewerkschaften, Parteien und der Bürgermeister der Stadt Istanbul, sowie Vertreter der armenischen Gemeinden weltweit waren in der Kirche versammelt.


Bei der Messe war der Patriarch sehr zurückhaltend. Weder wurden politische Bewertungen der Tat vorgenommen noch Beschuldigungen gegen die Sicherheitsorgane wegen Unterlassung des Schutzes von Hrant Dink erhoben noch kommentiert. Zwei wichtige Forderungen konnte man
jedoch deutlich vernehmen. Der Patriarch bat die türkische Regierung, volle Meinungsfreiheit in der Türkei zu verwirklichen und nicht zuzulassen, dass Menschen deshalb angeklagt oder verurteilt, geschweige denn ermordet werden. Die zweite Forderung betraf die Diskriminierung
der armenischen Gemeinde in der Türkei. Der Patriarch bat anzuerkennen, dass "die Armenier Staatsangehörige der Türkei sind, seit Tausenden von Jahren in diesem Land leben und nicht länger als Fremdkörper oder Gefahr wahrgenommen werden dürfen". Der Abbau dieses Feindbildes sollte mit Überarbeitung der Schulbücher beginnen.


Mit gregorianischer Musik und Gesängen wurde die Messe begleitet und beendet. Die der Kirchenbesucher und die Demonstranten trafen sich auf dem Friedhof wieder.

Die Familie und die Redaktion von AGOS Wir hatten bereits am 22. Januar gleich nach unserer Ankunft die Familie besucht, um unsere Anteilnahme und die Anteilnahme des Präsidenten des Parlamentes zu übermitteln. Die kleine bescheidene Wohnung im Stadtteil Bakırköy in Istanbul war überfüllt mit Familienangehörigen und mit Freunden von Hrant Dink. Vertreter von politischen Parteien waren im Saal. Die jüngste Tochter war bei ihrer Mutter. Frau Dink machte einen gefassten Eindruck, der Schmerz war
jedoch nicht zu übersehen. Der Ansturm von Menschen war mit Sicherheit eine Belastung, erleichterte aber auch den Schmerz der Familie. Als wir die Wohnung verließen, traf der Innenminister ein. Zwei Tage später wurde dann der Besuch des Ministerpräsidenten in der Presse kommentiert.

Herr Erdogan war mehr als eine Stunde bei der Familie. Sein Besuch
scheint mehr als ein Höflichkeitsbesuch gewesen zu sein, wie einige Pressemeldungen andeuten. Die ökonomische Situation der Familie scheint durch die Buchhandlung, die Hrant Dink im Stadtteil Bakırköy aufgebaut hat, stabil zu sein. Vor seiner Ermordung war er dabei, ein neues
Haus zu bauen, um die Last der hohen Miete für die Buchhandlung zu mindern. Dennoch wird es für die Familie nicht einfach sein, die Arbeit und den persönlichen Netzwerk von Hrant Dink zu ersetzen. Seine Kinder sind noch zu jung und in der Ausbildung.


Die Familie wird auch das politische Erbe, das durch seine Ermordung noch gewachsen ist, tragen müssen. Nicht nur die Zeitung AGOS, die zum Teil von Hrant Dink mitfinanziert wurde, will getragen werden, sondern desgleichen viele Initiativen, die Hrant Dinks Ideen durch Stiftungen und sonstige kulturelle und politische Aktivitäten am Leben erhalten wollen, müssen von der Familie kanalisiert werden, was nicht einfach zu organisieren sein wird.

Die Zeitung AGOS, seine politische und kulturelle Plattform, hat bei der Organisation der Demonstration bewiesen, dass die ca. zwanzig Menschen, die für diese Zeitung arbeiten, AGOS weiter erfolgreich tragen werden. Dinks engster Freund, der Journalist Etyen Mahçupyan, übernimmt vorläufig die Redaktion und will die Familie als Herausgeber unterstützen.

Die finanzielle Lage scheint, wenn auch nicht sehr stabil, auszureichen, dass sich die Zeitung selbst tragen kann. Es wäre ein großer Verlust für die Türkei, wenn AGOS mit Hrant Dink auch verloren ginge. Wir haben die Redaktion zweimal besucht und unsere Unterstützung zu gesichert.

Die Mörder und die Meinungsfreiheit in der Türkei Der Mörder, ein 17 Jahre alter Jugendlicher aus der Stadt Trabzon, wurde relativ schnell zwei Tage nach der Tat gefasst. Die Ermordung eines italienischen Priesters in der Stadt Trabzon, ebenfalls durch einen Jugendlichen im Alter von 16 Jahren ein Jahr zuvor, hatte die Presse nicht nur auf diese Stadt aufmerksam gemacht, sondern auch auf die Tatsache, dass fanatisierte Minderjährige für politische Morde benutzt werden. Bisher wurden sieben Hintermänner aus ultranationalistischen Kreisen verhaftet und werden derzeit vernommen. Auch sie sind junge Männer um die 25 Jahre alt. Zwei Theorien werden in der türkischen Presse diskutiert.


Es wird unterstellt, dass die Auftraggeber die gleichen Methoden wie die Selbstmordattentäter benutzen und bewusst Minderjährige für ihre Tat einsetzen. Fanatisiert durch Nationalismus und Fundamentalismus werden diese Jugendlichen gegen kritische Journalisten, Schriftsteller und Politiker eingesetzt. Einer der Jugendlichen drohte nach seiner Verhaftung, auch den Schriftsteller Orhan Pamuk umbringen zu wollen, den ebenfalls wegen Artikel 301 der Strafgesetzgebung angeklagten Schriftsteller, der im vergangenen Jahr mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde.

Es wird die These vertreten, dass die Hintermänner in den politischen Parteien sitzen und auch Verbindungen mit Teilen der Sicherheitskräfte unterhalten.

Die zweite These geht von einer Theorie aus, dass die Mörder durch Internet fanatisierte Jugendbanden sind. Die ersten Hinweise deuten darauf, dass die Jugendlichen über Internet vernetzt sind und mit anderen ultranationalistischen Kreisen kommunizieren. Diese Version bedeutet eine noch höhere Gefährlichkeit, weil Hunderte solche Jugendbanden türkeiweit
vermutet werden können.


Wie dem auch sei, in jedem Falle sind damit alle kritischen Journalisten, Schriftsteller und Politiker gefährdet, die nach Par. 301 angeklagt oder verurteilt wurden. Fast alle Journalisten und Schriftsteller, die mit Paragraph 301 angeklagt sind, stehen unter Polizeischutz. Zu Recht,
denn der letzte Artikel von Hrant Dink1, der am 12. und 19. Januar in zwei Folgen in AGOS veröffentlichte wurde offenbart den Zusammenhang zwischen der Anwendung dieser Artikel und der Gefährdung von Journalisten.


Hrant beklagt sich in diesem Artikel darüber, dass seine Ankläger ihn, trotz vom Gericht eingeholter Gutachten, und entgegen der Stellungnahme des Staatsanwaltes, zu sechs Monaten Haft verurteilt haben. Hrant schmerzt dieses Urteil, weil er damit zu Unrecht für die "Erniedrigung des Türkentums" rechtskräftig verurteilt wurde. Er beschreibt darüber hinaus, wie er von ultranationalistischen Kreisen als Zielscheibe aufgebaut wurde. Diese oft wiederholte Methode im Zusammenhang mit Artikel 301 ist für die Debatte darum von Bedeutung, weshalb wir kurz darauf eingehen.

1 s. Anlage "The ‘pigeon skittishness' of my soul", AGOS, 12 u.19 Januar 2007mHrant hatte am 6. Februar 2004 in einem Artikel berichtet, dass das Adoptivkind von Atatürk, Frau Sabiha Gökçen, armenischer Abstammung war und Atatürk sie aus einem Waisenhaus heraus adoptierte.

Als Beleg veröffentlichte er in besagtem Artikel seine Gespräche mit Familienangehörigen dieses Kindes. Eine der größten Zeitungen des Landes machte diesen Bericht am 21. Februar 2004 zur Hauptnachricht und trat damit eine Lawine von positiven wie negativen Kommentaren los. Die schärfste Stellungnahme steuerte jedoch der Generalstab der
Armee bei, der den Artikel von Hrant als Straftat einstufte. So wurde er am folgenden Tag zum Amt des Gouverneurs bestellt und gewarnt. Hrant

Dink versuchte seinerseits klarzustellen, dass es für ihn als Journalisten durchaus eine wichtige Nachricht ist zu erfahren, dass das Adoptivkind von Atatürk ein armenisches Mädchen ist. Er habe daher "Die Armenische Frage statt nur mit Toten, auch über Lebenden und überlebenden diskutieren" wollen. Hrant Dink stellte daraufhin fest: "....ich sehe jedoch, dass über die Überlebenden zu diskutieren noch schwerer ist".

AGOS wird in den folgenden Tagen Ziel von Demonstrationen von Ultranationalisten. Seine Reden und Schriften werden unter die Lupe genommen. Eine ebenfalls ultranationalistische "Große Juristen Vereinigung" stellt Strafanzeige gegen ihn. Ein Satz aus einem Artikel vom 13 Februar 2004 in AGOS erschienen, wird aus der Zusammenhang gerissen, hierzu verwendet.


Die Staatanwaltschaft wird auf der Grundlage von Artikel 301 aktiv. Über alle Instanzen hinweg und gegen alle juristische Vernunft wird Hrant Dink verurteilt.

Die Prozesse durch alle Instanzen hindurch und die Notwendigkeit, sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wenden zu müssen, belasten Hrant Dink sehr. Er fühlt sich verfolgt, ja bedroht. Zu seinen Freunden sagt er, dass er Angst hat. Sein letzter Artikel gibt einen
guten Eindruck davon, wie er sich in den letzten Monaten seines Lebens gefühlt haben muss.


Hrant Dink's Tod hat zwei wichtige Fragen in der Türkei in das öffentliche Bewusstsein geholt, die bedrohte Meinungsfreiheit und die die armenische Frage. Die Anteilnahme und die Massen, die Hrant Dink verabschiedet haben, verpflichten uns auch in den kommenden Monaten und Jahren, diese beiden Fragen in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen.
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Sun Mar 25, 2007 8:07 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:
derStandard.at/Politik

22. März 2007
15:32
Originalartikel


Ermittler: Polizei trägt Mitschuld an Ermordung des Journalisten Hrant Dink

Disziplinarverfahren für Polizeichef gefordert - Gerichtsverfahren wegen "Beleidigung des Türkentums" eingestellt

Istanbul - Die türkische Polizei trägt nach Ansicht von Sonderermittlern der türkischen Regierung eine Mitschuld an der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink. Die vom Innenministerium in Ankara eingesetzten Inspektoren seien zu dem Schluss gekommen, dass die Behörden Hinweise auf Mordpläne gegen Dink nicht ernst genug genommen hätten, berichteten türkische Fernsehsender am Donnerstag. Als Konsequenz fordern die Inspektoren ein Disziplinarverfahren für den Istanbuler Polizeipräsidenten Celalettin Cerrah.


Der nach dem Mord an Dink vor zwei Monaten vom Dienst suspendierte Chef der Geheimdienstabteilung der Istanbuler Polizei, Ahmet Ilhan Güler, soll dem Sender CNN-Türk zufolge wegen Pflichtverletzung vor Gericht gestellt werden.

Gerichtsverfahren eingestellt

Unterdessen sind drei gegen Dink laufende Gerichtsverfahren eingestellt worden. Die Todesurkunde sei erst jetzt beim zuständigen Gericht in Istanbul eingetroffen, schrieben türkische Zeitungen am Donnerstag. Dink, der öffentlich von einem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich gesprochen hatte, war wegen "Beleidigung des Türkentums" und "versuchter Beeinflussung der Justiz" angeklagt worden.

Der Herausgeber der zweisprachigen Wochenzeitung "Agos" war am 19. Januar vor seiner Redaktion in Istanbul erschossen worden. Das Attentat hatte in der Türkei eine Welle des Protestes, aber auch nationalistische Gegenreaktionen ausgelöst.

Dink war als prominentester Vertreter der türkischen Armenier schon seit langem von türkischen Nationalisten bedroht worden. Der Nachrichtensender NTV berichtete unter Berufung auf den Bericht der Sonderermittler, ein Polizeispitzel aus der nordosttürkischen Heimat des mutmaßlichen Mörders habe die Behörden nicht weniger als 17 Mal über Pläne für einen Anschlag auf Dink informiert, ohne dass etwas geschehen sei.

Schon kurz nach dem Mord waren in der türkischen Öffentlichkeit schere Vorwürfe an die Polizei gerichtet worden, zumal Polizeibeamte den mutmaßlichen Mörder des Journalisten wie einen Helden behandelten und mit ihm für Erinnerungsfotos posierten. Der mutmaßliche Täter und einige als Drahtzieher und Komplizen verhaftete Männer sitzen in Untersuchungshaft. (APA/dpa)
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Mon Jul 02, 2007 10:01 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:


http://www.dradio.de/dlf/sendungen/europaheute/642282/
02.07.2007 · 09:10 Uhr
Eine alte Frau legte Blumen vor einem Foto des ermordeten Journalisten Dink am Tatort nieder. (Bild: AP) Eine alte Frau legte Blumen vor einem Foto des ermordeten Journalisten Dink am Tatort nieder. (Bild: AP)

Armenier in Angst
Prozessauftakt zum Dink-Mord in der Türkei

Vor einem Schwurgericht in Istanbul hat der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink begonnen. Das Verfahren gegen 18 Angeklagte, darunter der mutmaßliche Todesschütze Ogün S. und zwei mutmaßliche Hintermänner der Tat, wird von den Armeniern im Land mit Spannung verfolgt. Susanne Güsten berichtet.


Liederabend in einem armenischen Vereinsraum in Istanbul, die Mitglieder des armenischen "Sayat Nova"-Chores treffen sich zur Chorprobe. Längst nicht mehr so gesellig wie früher sind diese Abende, sagt die Buchhalterin Hilda Teller:

"Seit dem Mord an Hrant Dink wagen es viele nicht mehr zu kommen, aus Furcht, dass wir angegriffen werden. Wir sind alle sehr nervös. Wenn ich zum Gottesdienst gehe, stehen da zwei Polizeiwachen in der Kirche. Das ist natürlich extrem beunruhigend. Bei uns allen liegen die Nerven blank."

Sorgfältig feilt der Chor an seinem Programm für einen Liederabend zum Gedenken an Hrant Dink. Der Mord an dem armenischen Journalisten beherrscht noch immer die Gedanken aller Armenier von Istanbul, sagt der Werbefachmann Hayko Bagdat, für den mit der Tat die Angst zurückgekehrt ist in die armenische Gesellschaft:

"Die Ereignisse von 1915, die Istanbuler Pogromnacht von 1955 und jetzt die Ermordung von Hrant Dink: Jedes Mal haben die Armenier hier sich tiefer geduckt, haben sie mehr Angst bekommen. Schon um unserer Kinder willen wollen wir uns jetzt wieder verstecken und verleugnen, weil wir gesehen haben: Seht, so geht es jenen, die den Mund aufmachen."

Die Stimmung unter den 80.000 türkischen Armeniern kennt wohl kaum jemand so gut wie Hayko Bagdat, der mit seiner wöchentlichen Radiosendung "Sözde Kalanlar" den Finger am Puls der Gemeinde hat.

"Sözde Kalanlar", das heißt soviel wie leere Versprechungen, ist die erste und bisher einzige armenische Radiosendung der türkischen Republik. Erstmals wird dort im türkischen Radio über die Armenier, über ihre Existenz und ihre Kultur gesprochen - in einem alternativen Nischensender zwar nur, aber für türkische Verhältnisse dennoch revolutionär. Als die Sendung vor drei Jahren zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, weinten viele armenische Hörer Freudentränen. Das sei nicht nur sein Verdienst, sagt Hayko Bagdat:

"Meine Sendung war ein Teil des Weges, den Hrant Dink uns eröffnet hat mit seiner Zeitung 'Agos'. Wir jungen Armenier sind ihm auf diesem Weg gefolgt, er war unser Vorbild. Alle unsere Projekte waren Teil dessen, was dieser Mann in der Demokratisierungsstimmung der letzten Jahre für die Armenier eröffnet hat."


Hrant Dinks Verdienste um das Verhältnis zwischen der Türkei und ihren Armeniern könnten gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, sagt auch Raffi Hermon, der stellvertretende Vorsitzende des türkischen Menschenrechtsvereins und selbst Armenier.

"Bisher glaubte man hier immer, dass man nur entweder assimilierter Türke sein könne oder Armenier. Hrant Dink hat den Gedanken in die Gesellschaft getragen, dass ein Mensch seine armenische Kultur bewahren und zugleich ein guter türkischer Staatsbürger sein kann, der die Türkei liebt, dass das kein Widerspruch ist."

Seit dem 19. Januar, dem Tag, an dem Hrant Dink ermordet wurde, ist das wieder anders. Mit dem mutigen Journalisten starb für viele türkische Armenier die Hoffnung, als gleichwertige Staatsbürger des Landes anerkannt zu werden, sagt Bagdat:

"Manche Familien wollen auswandern, und gedacht hat es wohl jeder von uns schon einmal: In diesem Land kann man nicht leben. Mit dem Mord an Hrant Dink sind unsere Hoffnungen vernichtet worden, dass wir das Land verändern könnten. Das ist das Schlimmste daran: Keine Hoffnung mehr zu haben."

Vor allem um die Zukunft ihrer Kinder im Land fürchten viele türkische Armenier nun wieder. Aber gerade unter ihnen, unter der jungen Generation wollen viele noch nicht resignieren, so wie die Studentin Tamar Kesusyan:

"Wir armenischen Jugendlichen werden den Weg von Hrant Dink weitergehen. Unsere Eltern sagen uns: Seht, was Hrant passiert ist, das wird auch uns passieren, wenn wir nicht den Mund halten. Aber wir Jugendlichen denken ganz anders, wir denken: jetzt erst recht. Wir müssen jetzt anfangen, selbst für uns einzutreten und seinen Weg weiterzugehen, wenn wir in diesem Land glücklich werden wollen."
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
iminhokis
Wizards


Joined: 25 Oct 2003
Posts: 3321

 PostPosted: Mon Jul 02, 2007 10:04 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Quote:

03.07.2007
Original
VON JÜRGEN GOTTSCHLICH
Türkei



Mord an Publizisten vor Gericht

Der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des Menschenrechtlers Dink hat begonnen. Die Anwältin der Familie Dink zeigte sich besorgt.



Mann mit Foto von Hrant Dink am Gerichtsgebäude in Istanbul Foto: dpa

ISTANBUL taz Unter strengen Sicherheitsmaßnahmen und großer öffentlicher Anteilnahme hat gestern in Istanbul der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des armenischen Publizisten und Menschenrechtlers Hrant Dink begonnen. Ein Massenaufgebot der Polizei geleitete hunderte von Besuchern, die fast alle T-Shirts mit einem Bild von Hrant Dink trugen, vor dem Schwurgericht in dem Istanbuler Stadtteil Besiktas, aber nur bis vor das Tor des Gerichts. Aus Jugendschutzgründen, mehrere der Angeklagten sind unter 18 Jahre alt, ist die Presse und sonstige interessierte Öffentlichkeit aus dem Gerichtssaal ausgesperrt.

Das heißt allerdings nicht, dass der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Die Familie, die Witwe Dinks und seine Kinder, sind in dem Verfahren als Nebenkläger präsent. Darüber hinaus sind die Angestellten der armenisch-türkischen Zeitung Agos anwesend, deren Herausgeber und Chefredakteur Hrant Dink war und weitere Nebenkläger, unter anderen der Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Allein die Anwälte der diversen Nebenkläger machen mehrere hundert Personen aus, die jeden Schritt des Gerichts genau beobachten werden.

Insgesamt wurden gestern 18 Anklagte dem Gericht vorgeführt, darunter auch der 17-jährige mutmaßliche Todesschütze Ogün Samast. Von einem Polizeikordon abgeschirmt, wurden sie an den Prozessbesuchern vorbei ins Gericht geführt. Zwischenfälle gab es dabei nicht, aber die Witwe von Hrant Dink, war Angesichts der Anklagten so überwältigt, dass sie von ihren Kindern auf dem Weg zum Gericht gestützt werden musste.

Anzeige

Die Anwältin der Familie Dink, Fetiye Cetin, erklärte gestern vor der Presse, sie sei besorgt, dass am Ende des Prozesses zwar die Täter verurteilt würden, die Hintermänner des Attentats aber weiter im Dunkeln bleiben würden. Ein Grund für diese Befürchtung ist, dass die Anklagen gegen Polizisten, die sich mit dem mutmaßlichen Todesschützen nach dessen Festnahme in Siegerpose fotografieren ließen, und weitere Beschuldigte im Sicherheitsapparat von dem gestern begonnenen Prozess abgetrennt wurde. Die Forderung der Nebenkläger, alle gemeinsam als "terroristische Vereinigung" anzuklagen, war von der Staatsanwaltschaft zurückgewiesen worden.

Die armenische Gemeinde bis hinauf zu Patriarch Mutafyan hatte bereits im Vorfeld des Verfahrens mehrmals beklagt, dass die Staatsanwaltschaft nicht genug Energie darauf verwenden würde, die wahren Drahtzieher für den Mord an Dink zu ermitteln. Die jetzt dem Gericht vorgeführten Anklagten stammen, wie der Attentäter selbst, alle aus der Schwarzmeerstadt Trabzon. Trabzon ist eine Hochburg der Nationalisten, unter denen sich auch militante Rechtsextreme tummeln. So war Yasin Hayal, der dem Täter die Waffe und das Fahrgeld nach Istanbul beschafft haben soll, bereits im Gefängnis, weil er eine Bombe in ein McDonalds Restaurant geworfen hatte. Darüber hinaus sollen die Täter engen Kontakt zur Trabzoner Bezirksgruppe der ultrarechten "Großen Türkei Partei", einer Abspaltung von der rechten MHP, haben.

Viele Beobachter gehen davon aus, dass der 17-jährige Ogün Samast und seine Mitangeklagten nur die Marionetten eines rechtsradikalen Netzwerkes sind, zu dem auch ehemalige Militärs und Polizisten gehören. Für diese Kreise sind die Minderheiten, Armenier, orthodoxe Griechen und vor allem Kurden eine Bedrohung der Einheit des Staates, gegen die es mit allen Mitteln gilt, vorzugehen.

Erst vor wenigen Tagen hatte die Polizei auf der Web-Site einer dieser rechtsradikalen Vereinigungen die Bauanleitung für eine Bombe gefunden, die identisch ist mit einer Bombe, die im vergangenen September in der überwiegend von Kurden bewohnten Millionenstadt Diyarbakir 10 Menschen tötete.
 
View user's profile Send private message Send e-mail Visit poster's website MSN Messenger ICQ Number
Display posts from previous:   
Post new topic   Reply to topic    www.armenian.ch Forum Index -> Politics | Genocide All times are GMT + 1 Hour
Goto page Previous  1, 2, 3  Next
Page 2 of 3

 
Jump to:  
You cannot post new topics in this forum
You cannot reply to topics in this forum
You cannot edit your posts in this forum
You cannot delete your posts in this forum
You cannot vote in polls in this forum