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Deutsch: Hrant Dink ermordet, Presseberichte
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iminhokis
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 PostPosted: Mon Jul 02, 2007 10:05 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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Ausland – Montag, 02. Juli 2007
13:21 -- Tages-Anzeiger Online


Dink-Prozess erregt die Gemüter

Rakel Dink, die Witwe des Opfers, trifft beim Gericht in Istanbul ein.



Gut sechs Monate nach der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink hat in Istanbul der Prozess gegen 18 Verdächtige begonnen. Nahe dem Gerichtsgebäude demonstrierten Menschen.


Weil der mutmassliche Todesschütze ein Jugendlicher ist, findet das Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. In der Nähe des Gerichtsgebäudes demonstrierten unterdessen Hunderte für eine gerechte Bestrafung der Täter. Auf einem Transparent erklärten sie: «Wir sind alle Zeugen, wir wollen Gerechtigkeit.»
Versöhnung mit Armenien gefordert
Dink war am 19. Januar in Istanbul erschossen worden. Die Tat wurde international scharf verurteilt und löste in der Türkei eine Debatte über die Meinungsfreiheit und das Verhältnis des Staats zu den Nationalisten aus. Diese Kräfte sahen in seinen Äusserungen zum türkischen Vorgehen gegen Armenier im Ersten Weltkrieg eine Verunglimpfung des Türkentums.

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Dink hatte die damaligen Ereignisse wiederholt als Völkermord gebrandmarkt und sich zugleich für eine Versöhnung zwischen der Türkei und Armenien eingesetzt. Kritiker beschuldigten die Behörden, auf Berichte über die geplante Tötung Dinks nicht reagiert zu haben.
Amtsenthebungen nach der Tat
Nach dem Mord waren der Gouverneur und der Polizeichef der Stadt Trabzon, der Heimat des mutmasslichen Schützen, wegen Fahrlässigkeit ihres Amtes enthoben worden. Sicherheitsbeamte, die sich mit dem Beschuldigten und einer türkischen Flagge fotografieren liessen, wurden ebenfalls entlassen.
Wenig Vertrauen der Bevölkerung
Viele Türken sind von der Existenz eines Netzwerks staatlicher Agenten oder Exbeamten mit möglichen Verbindungen zur organisierten Kriminalität überzeugt, das immer wieder Reformkräfte oder andere vermeintliche Feinde im Namen des Nationalismus ins Visier nehmen.

«Dieser Prozess wird ein Test dafür sein, ob dieser Sumpf ausgetrocknet wird oder nicht», sagte die Anwältin Kezban Hatemi, die Dinks Familie vertritt. Der Anklage fehlten Beweise, sagte sie; die wirklichen Schuldigen müssten noch gefunden werden. (raa/ap)
 
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iminhokis
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 PostPosted: Mon Jul 02, 2007 10:08 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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Ausland – Montag, 02. Juli 2007
Von Kai Strittmatter, Istanbul
00:00 -- Tages-Anzeiger Online



Der Dink-Prozess als Nagelprobe

Im Januar ermordet: Hrant Dink.


Heute beginnt der Prozess gegen den Mörder des türkisch- armenischen Journalisten Hrant Dink. Dabei geht es um weit mehr als einen Kriminalfall.


Am Nachmittag des 19. Januar dieses Jahres lungerte vor dem Redaktionsgebäude der türkisch-armenischen Wochezeitung «Agos» ein 17-jähriger Junge herum, in der Tasche eine Pistole. Als er kurze Zeit später auf offener Strasse vier Schüsse auf Kopf und Nacken des Mannes vor ihm abgab, eines Mannes, den er nie kennengelernt hatte, eines Mannes, der ihm den Rücken zudrehte, da starb dort, im Herzen Istanbuls, der Familienvater und Journalist Hrant Dink, Türke und Armenier, Linker und Christ, Versöhner und Herausforderer.


Das Gesicht auf dem Asphalt, der erstarrte Blick in die Tiefe, ins eigene Blut: ein Bild, das man als Kopie, als Zeitungsausschnitt bei Dinks Weggefährten heute noch an mancher Wand finden kann. Zur Mahnung. An jenem Tag erlosch ein Leben. Und so viel mehr. «Der Tag machte den Hoffnungen so vieler von uns den Garaus, hier einmal grössere Freiheit, stärkere Selbstachtung und menschliche Würde sehen zu dürfen», schreibt der Dink-Freund Yavuz Baydar, einer der bekanntesten Kolumnisten der Türkei.

Yavuz Baydar wird am heutigen Montag um zehn Uhr vor der Türe des Istanbuler Gerichtes stehen, wo der Prozess eröffnet wird gegen Hrant Dinks Mörder. Und er wird nicht allein sein mit seinem Verlangen nach «voller Gerechtigkeit». Man meint, in dieser Forderung Trotz und Zorn ebenso mitschwingen zu hören wie Zweifel und Unglauben. Verhandelt wird ein Mord. Und so viel mehr. «Mit Hrant Dink wurde die Redefreiheit ermordet. Mit ihm wurde die Aussöhnung mit den dunklen Abschnitten der türkischen Geschichte umgebracht», meint Yavuz Bydar: Der Prozess werde nicht weniger als «die Nagelprobe für das Überleben der türkischen Demokratie» sein.

Haftstrafen von bis zu 35 Jahren

In ihrem Büro im Stadtteil Beyoglu sitzt Fethiye Cetin, die Anwältin der Familie von Hrant Dink und sagt: «Es geht hier nicht nur um einen Gerichtsprozess. Es geht darum, in welchem Land wir leben wollen.» Worte, die sich für deutsche Ohren pathetisch anhören mögen, aus denen aber für all jene, die die letzten Monate in der Türkei miterlebt haben, bittere Dringlichkeit spricht. Das Land, das erstaunliche Jahre von Reform und Demokratisierung durchschritten hatte, erlebt mit einem Mal, wie dunkle Kräfte an ihm zerren. Manche fühlen sich schon wieder am Rande eines Abgrunds. Und auch die Untersuchungen zum Mord an Hrant Dink haben das Tor geöffnet zu einem Labyrinth, «voller düsterer Ecken und schrecklicher Eingänge» (Yavuz Baydar).

Immerhin: Die Anklage versucht sich erst gar nicht an der Behauptung, hier habe ein Einzeltäter gehandelt. Der Mörder, der 17jährige Ogün Samast aus der Schwarmeerstadt Trabzon, hatte Hintermänner. Sie haben seine Gedanken vergiftet, seine Schritte geleitet, ihm die Waffe in die Hand gedrückt. 18 Verdächtige werden von Montag an vor dem Richter stehen. Die Anklage lautet auf Mord, auf Gründung einer terroristischen Organisation und auf Beihilfe zu Terrorakten.

Eingang in die Anklageschrift fanden auch Morddrohungen an Orhan Pamuk, dem Literaturnobelpreisträger und guten Freund Hrant Dinks. Es war, so die beiden Staatsanwälte, ein politisches Verbrechen. Ausgeübt von Ultranationalisten, vorgeblich, um das Land auf eigene Faust von «Verrätern» zu befreien. Zwei der Angeklagten, Erhan Tuncel und Yasin Hayal, könnten bei einem Schuldspruch bis zum Ende ihres Lebens im Gefängnis verschwinden, den anderen drohen Haftstrafen von bis zu 35 Jahren.


Beweismaterial verschwunden

Mit der Stossrichtung der Anklage ist Anwältin Fethiye Cetin einverstanden. Und trotzdem erhebt sie Vorwürfe gegen die Justiz. Sie und die Familie erhielten erst am 1. Mai Zugang zu den Prozessakten – 23 Ordner, für die sie allein zehn Tage brauchten, um sie zu kopieren, so dass bis heute nicht die Zeit blieb, alles genau durchzusehen. Schwerer wiegt dies: Beweismaterial sei verschwunden, Cetin nennt als Beispiel die Videos aus den Überwachungskamers vor dem Agos-Gebäude: «Die Aufnahmen zwischen Morgen und Mittag des Mordtages sind überspielt worden», sagt sie.

Vor allem aber: «Unter den Angeklagten fehlen Beamte der Sicherheitskräfte aus Trabzon, wo das Verbrechen geplant wurde, aus Istanbul, wo es ausgeführt wurde, und aus Ankara, wo Informationen gesammelt wurden.» Obwohl erwiesen sei, dass sie «Beziehungen zu den Verdächtigen hatten, dass sie grob fahrlässig handelten oder sogar Beweismaterial unterschlugen und versuchten, den Mord zu rechtfertigen.»

Einmal sagt die Anwältin, sie habe schon noch Hoffnung, wenigstens einen Zipfel der Wahrheit zu erhaschen, dann wieder entfährt ihr, von der Unabhängigkeit dieser Justiz könne «keine Rede» sein, und sie beendet ihre Pressekonferenz mit dem Satz: «Man muss die Gerichtsbarkeit den Händen der Mächtigen entreissen.» Mit den «Mächtigen» - so kompliziert ist dieses Land - ist hier nicht unbedingt die Regierung gemeint. Eher im Gegenteil.
Mafiöse Verhältnisse
Die armenische Gemeinde, ihr Patriarch, die ehemaligen Agos-Kollegen von Hrant Dink - sie alle haben mittlerweile fast geschlossen zur Wahl der AKP von Premier Tayyip Erdogan aufgerufen, wenn die Türkei am 22. Juli über ein neues Parlament entscheidet. Weil sie in Erdogan noch am ehesten einen Garanten für Demokratie, Meinungsfreiheit und den Schutz von Minderheiten sehen. Und das, obwohl sie doch Christen sind und das Militär und die alte kemalistische Elite seit Monaten gegen die Gefahr einer «Islamisierung» der Türkei durch Erdogan trommelt.

Aus einem einfachen Grund: «Wenn der Türkei eine ernsthafte Gefahr droht, dann sind das nicht der Islam oder die Scharia - sondern extremer Nationalismus, Xenophobie und Hass auf andere Religionen.» Der Bürgerrechtler und Autor Orhan Kemal Cengiz hat das geschrieben. Er machte ein «neues Phänomen» aus in der Türkei: «Wir haben nun Banden überall im Land, die sich nach einer Art Al-Qaida-Modell organisieren. Sie haben eine einheitliche Ideologie (rassistischer Ultra-Nationalismus), aber sind nicht durch ein Zentrum verbunden.» Diese Gruppen operierten zum Teil mit Unterstützung aus dem System heraus und «nähren sich von einem Klima von Furcht und Hass.»

Ehemalige Offiziere, die zuhause Handgranaten, Sprengstoff und Scharfschützen-Gewehre horten; Nationalistenvereine, die auf heimlich gefilmten Zeremonien schwören, «das Vaterland zu schützen» und gleichzeitig eine Liste mit 13'500 «Verrätern» führen; andere rechte Banden, die offenbar sowohl in den Mord an einem Richter des obersten Verfassungsgerichtes wie auch in Bombenanschläge auf die Zeitung «Cumhurriyet» verwickelt sind – all die Enthüllungen der letzten Monate, dazu die Rückkehr des Militärs in die türkische Politik mit unverhohlener Putschdrohung: Es ist nicht schwer zu verstehen, warum die Freunde Hrant Dinks, die Liberalen und Demokraten an diesem Montag bedrückt und skeptisch vor den Toren des Gerichtes stehen werden.

«Wir befinden uns in der Mitte eines grossen Knäuels», sagt Ali Bayramoglu, Journalist und ehemaliger Kollege von Hrant Dink. Die Morde an den Christen von Malatya, die Bomben auf «Cumhurriyet», das Attentat auf Dink, das alles stehe nun vor ihnen «als ein Ganzes»: «Wir haben es mit mafiösen Verhältnissen zu tun. All die paramilitärischen Organisationen, die sich als zivile NGOs tarnen, im Hintergrund die pensionierten Generäle - wir haben es mit einer politischen Grossmobilmachung zu tun.»

Furcht säen

Warum geschieht ein Mord wie der an Hrant Dink? Yavuz Baydar meint: «Um Instabilität zu säen. Furcht zu verbreiten. Das freie Wort einzusperren. Zu polarisieren. Um Hass zu legitimisieren und Gewalt zu normalisieren.» Baydar ist nicht optimistisch: «Nur ein Wunder» werde die Wahrheit ans Licht bringen.

Seit dem Mord wagen sich mehr als ein Dutzend türkische Journalisten und Autoren nur mehr mit Leibwächtern auf die Strasse. Und selbst die 100'000 Trauergäste auf Hrant Dinks Beerdigung, die damals auf den Strassen Istanbuls für einen kurzen Moment die Hoffnung aufflackern liessen, das Opfer könnte nicht umsonst gewesen sein, konnten die Regierung bis heute nicht dazu bringen, den unseligen Paragrafen 301 zu reformieren.

Jenen Paragrafen, der die «Verleumdung des Türkentums» unter Strafe stellt und der Menschen wie Hrant Dink und Orhan Pamuk erst richtig zur Zielscheibe machte, bloss weil sie sich an die alten Tabus gewagt hatten, weil sie an ermordete Armenier und Kurden erinnerten. «Ich hoffe, Sie verstehen, wenn ich meine Zweifel habe», beendete Baydar seinen Essay zum Prozessauftakt: «Je mehr einer sich hier engagiert, um so einsamer ist er.»
 
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 PostPosted: Sun Jul 08, 2007 10:27 am    Post subject: Dinks Mörder vor Gericht Reply with quote Back to top


02.07.07, Spiegel Online, Von Jürgen Gottschlich, Istanbul.

MAMMUTPROZESS IN DER TÜRKEI
Dinks Mörder vor Gericht


Dem Mörder des armenischen Journalisten Hrant Dink wird in Istanbul der Prozess gemacht. Ein Mammut-Verfahren, in dem insgesamt 18 Angeklagte vor Gericht stehen - zu wenige, sagen die Hinterbliebenen: Denn die Hintermänner in rechtsradikalen Kreisen würden verschont.

Istanbul - Rund tausend Demonstranten zogen heute vor das Istanbuler Staatsgericht für Schwerverbrechen. "Wir wollen Gerechtigkeit und Aufklärung": Mit dieser Parole und Fotos von Hrant Dink demonstrierten sie im Stadtteil Besiktas. Anlass: Der Mammutprozess gegen den mutmaßlichen Todesschützen und 17 weitere Angeklagte - sie alle sollen in den Mord an dem Journalisten verwickelt sein. Dink, die wichtigste Stimme der Armenier in der Türkei, war vor dem Gebäude seiner Zeitung "Agos" per Kopfschuss aus unmittelbarer Nähe getötet worden.

Ein Massenaufgebot der Polizei hielt die Demonstranten zunächst vom Gerichtsgebäude fern, ließ die Leute dann aber einzeln passieren. Direkt davor aber war Schluss, der Gerichtssaal selbst blieb für die Demonstranten, Interessierte und die Presse gesperrt - wegen des Jugendschutzs. Der mutmaßliche Todesschütze Ogün Samast war zum Zeitpunkt des Mordes erst 16 Jahre alt, ist jetzt gerade 17 geworden.

Nebenkläger bieten Hunderte Anwälte auf

Das heißt allerdings nicht, dass der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Dinks Witwe Rakel, seine Kinder und weitere Personen sind als Nebenkläger präsent, außerdem Angestellte der armenisch-türkischen Zeitung "Agos", deren Herausgeber und Chefredakteur Dink war.

Auch Nobelpreisträger Orhan Pamuk war als Geschädigter geladen. Bei einer Vorführung des Tatverdächtigen beim Haftrichter war er bedroht worden: Er, Pamuk, solle sich in Acht nehmen, sonst sei er als nächster dran. Der Schriftsteller kam allerdings nicht persönlich zur Prozesseröffnung. Er ließ sich durch einen Anwalt vertreten. Schon wegen der vielen Anwälte der diversen Nebenkläger werden mehrere hundert Personen jede Geste der Richter im Verfahren genauestens beobachten.

Insgesamt wurden gestern 18 Anklagte dem Gericht vorgeführt, auch der mutmaßliche Todesschütze Samast. Durch einen Polizeikordon wurden sie an den Prozessbesuchern vorbei ins Gericht geführt. Zwischenfälle gab es nicht, allein Dinks Witwe war von der Situation so überwältigt, dass ihre Kinder sie auf dem Weg zum Gericht stützen und festhalten mussten.

Anklage fordert 24 Jahre Haft

Die Staatsanwaltschaft fordert für Samast 24 Jahre Haft. Das ist die Höchststrafe für jugendliche Täter. Außerdem verlangt sie Lebenslang für die zwei weiteren Angeklagten Yasin Hayal und Erhan Tuncel, die als Planer der Tat gelten. Allen 18 Angeklagten wird die Bildung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Trotzdem, zufrieden sind die Nebenkläger nicht. Die Vertreterin der Familie Dink, Fetiye Cetin, sagte, sie sorge sich davor, dass am Ende des Prozesses zwar die Täter verurteilt werden - die wahren Hintermänner aber im Dunkeln bleiben. Die armenische Gemeinde bis hinauf zum Patriarchen Mutafyan beklagte vor dem Verfahrens mehrmals, die Staatsanwaltschaft verwende nicht genug Energie darauf, die Drahtzieher zu ermitteln.

Als Indiz für eine Vertuschung sehen manche, dass ein separates Verfahren gegen jene Polizisten läuft, die sich mit dem mutmaßlichen Täter nach dessen Festnahme in Siegerpose fotografieren ließen. Außerdem fordern die Anwälte der Nebenkläger, dass das Verhalten des Polizeichefs und Gouverneurs von Trabzon untersucht wird. Haben sie Hinweise auf die beabsichtigte Mordtat gezielt unterschlagen? Der Innenminister hatte sie nach dem Mord vom Dienst suspendiert. Anwältin Cetin verlangt, die beiden ebenfalls in dem Prozess anzuklagen. Die Staatsanwaltschaft dagegen weist die Forderung der Nebenkläger zurück, gegen alle zusammen als terroristische Vereinigung vorzugehen.

Beschwerde über lasche Ermittlungen

Alle jetzt vorgeführten Anklagten stammen aus der Schwarzmeerstadt Trabzon: einer Hochburg der Nationalisten, unter denen sich militante Rechtsextreme tummeln. In der Gegend erschoss vor einem Jahr ebenfalls ein 16-Jähriger den katholischen Priester Andrea Santoro - Hintergrund war der Streit über die Mohammed-Karikaturen.

Der Jugendliche wurde damals als Einzeltäter verurteilt. Dinks Witwe ist der Meinung, dass es den Mord an ihrem Mann vielleicht nicht gegeben hätte, wenn der Mord an Santoro ernsthaft untersucht worden wäre.

Hayal und Tuncel, die jetzt als Hintermänner angeklagt sind, sind stadtbekannte Rechtsradikale. Hayal soll dem Täter die Waffe und das Fahrgeld nach Istanbul beschafft haben. Er war schon einmal im Gefängnis, weil er eine Bombe in ein McDonalds-Restaurant geworfen hatte. Tuncel gilt als Polizeispitzel.

Militärs und Polizisten unter Verdacht

Beide sollen engen Kontakt zur Trabzoner Bezirksgruppe der ultrarechten "Großen Türkei-Partei" (BBP) haben, einer Abspaltung der rechten MHP. Hayal hat vor wenigen Tagen in einem Brief an die Polizei beklagt, er werde durch die Anklage unfair behandelt. Er habe schließlich in Absprache gehandelt, wie gewünscht ausgepackt und müsse nun feststellen, dass er lebenslang in den Knast soll. Das steht in Auszügen des Briefes, die in der türkischen Presse veröffentlicht wurden.

Solche Enthüllungen gelten Kritikern der Ermittler als Indiz dafür, dass hinter dem Hauptbeschuldigten Samast und seinen Mitangeklagten ein Netzwerk von Rechtsradikalen steht, dem auch ehemalige Militärs und Polizisten angehören. Für die Ultranationalisten sind Minderheiten wie die Armenier, die orthodoxen Griechen und vor allem die Kurden eine Bedrohung für die Einheit des Staates, gegen die es mit allen Mitteln vorzugehen gilt.

Erst vor wenigen Tagen hat die Polizei auf der Website einer rechtsradikalen Vereinigung eine Bauanleitung für eine Bombe gefunden. Sie ist identisch mit jenem Sprengsatz, der im September 2006 in der mehrheitlich kurdischen Millionenstadt Diyarbakir explodierte - und zehn Menschen tötete.

SpiegelOnline
 
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 PostPosted: Wed Oct 03, 2007 4:26 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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Jan Keetman/Istanbul
St.Galler Tagblatt
Mittwoch, 3. Oktober 2007

«Niemand verhinderte die Tat»
Zwielichtige Rolle der türkischen Polizei im Mordfall Hrant Dink


Vor einem Schwurgericht ist der Prozess gegen den mutmasslichen Todesschützen, der den türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink tötete, fortgesetzt worden. Der Angeklagte bedauerte vor Gericht seine Tat.


Der Mord an Hrant Dink beschäftigt noch immer die Türkei. Der jugendliche Todesschütze aus Trabzon und 18 weitere Verdächtige stehen zwar vor Gericht, doch noch immer geben die Hintergründe, vor allem das Verhalten der Sicherheitskräfte, Rätsel auf. Diese sind durch den Mitschnitt eines Telefongespräches zwischen einem Polizisten und einem der Hauptverdächtigen nicht geringer geworden.


Gespräch mit Verdächtigem

Der Polizist rief den Studenten Erhan Tuncel, der seit einiger Zeit als V-Mann für die Polizei arbeitete, knapp zwei Stunden nach der Tat an. Tuncel antwortete als wisse er nicht, dass der Mord gerade geschehen ist. Der Polizist sagte dann, dass die Tat genau so abgelaufen sei wie geplant. Nur, dass der jugendliche Täter weggelaufen sei anstatt sich mit heroischer Geste neben dem getöteten Armenier festnehmen zu lassen: «Er hätte doch nicht weglaufen sollen.» So detailliert war das Wissen der Polizei über den Mordplan. Über 11 Monate hatte Tuncel in 17 Gesprächen die Polizei informiert. Nicht nur die Polizei wusste Bescheid, auch die Gendarmerie hatte einen Informanten. Und die Täter waren auch nicht schweigsam. Die «Helden», die den in einem umstrittenen Prozess wegen «Erniedrigung des Türkentums» verurteilten Armenier töten wollten, posaunten ihr Vorhaben überall heraus.

«Das Stadtviertel wusste es»
Die Anwältin der Familie Dink, Fethiye Cetin sagt, das ganze Stadtviertel habe es gewusst. «In den Cafés und Internetcafés wurde darüber gesprochen, selbst Grundschüler wussten davon», sagt Cetin.

Aber niemand hat sich aufgemacht, um die Tat zu verhindern. Nur der Direktor des Nachrichtendienstes der Polizei von Trabzon schrieb an seinen Kollegen in Istanbul. Das war im Februar 2006, fast ein Jahr vor dem Mord. Als der Polizist den Eindruck bekam, sein Schreiben hätte nicht die notwendige Wirkung, rief er persönlich in Istanbul an. Doch dort konnte man die Adresse, bei der der von Trabzon geschickte Mörder unterkommen sollte, angeblich nicht finden und liess die Sache auf sich beruhen.

Nachdem die Aufklärung anfangs rasch fortgeschritten war, droht alles, was über die Gruppe der unmittelbar beteiligten hinausgeht, nun im Sande zu verlaufen. Der Direktor des Nachrichtendienstes der Polizei von Trabzon wurde seines Postens enthoben, nicht aber sein Kollege in Istanbul. Gegen drei Polizisten wird zwar ermittelt, gegen die meisten aber werden Ermittlungen durch die vorgesetzten Behörden verhindert. Der Gouverneur von Trabzon hat auch ein Verfahren gegen den Polizisten abgelehnt, der mit Tuncel nach dem Mord telefonierte. Dafür wurde ein Strafverfahren gegen die Medien eröffnet, die den Telefonmitschnitt veröffentlichten.


Aufklärung des Mords gefordert
Es ist, als sei die Türkei über diesen Mord gespalten. Da gibt es die liberal gesinnte Öffentlichkeit, die Aufklärung fordert und diejenigen, die den Mörder heimlich oder offen als Helden feiern. Das kommt immer wieder hoch, sei es in Liedern und Filmen, die im Internet verbreitet werden oder mit Dingen wie dem kleinen Aufkleber, der an der Stossstange des Justizfahrzeuges klebte, welches den mutmasslichen Todesschützen zum Gericht brachte. Darauf stand der Spruch, den türkische Rechtsextreme auf Nonkonformisten wie Dink gemünzt haben: «Liebe die Türkei oder hau ab!»

Die Anwältin Cetin sagte, dass Verfahren sei aber auch eine Chance für die Regierung. «Wenn die politische Führung es mit der Demokratisierung ernst meint, dann muss sie den Willen zeigen, diesen Mord aufzuklären.»
 
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 PostPosted: Fri Nov 09, 2007 10:05 am    Post subject: Reply with quote Back to top

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Welt.de
8. November 2007, 04:00 Uhr


Türkei: Hrant Dinks Sohn geht nach Verurteilung ins Exil

Hrant Dinks Sohn geht nach Verurteilung ins Exil

Angesichts anhaltender Bedrohungen und einer Verurteilung wegen "Beleidigung des Türkentums" hat Arat Dink, der Sohn des ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink, die Türkei verlassen. Wie der Redaktionssprecher der türkisch-armenischen Zeitung "Agos", Aydin Engin, bestätigte, will Dink mit seiner Frau und zwei Kindern "ein paar Monate" im Ausland bleiben. Die Familie reiste bereits aus und ließ sich bis auf weiteres in Brüssel nieder. Arat Dink war im vergangenen Monat nach dem umstrittenen Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs wegen "Beleidigung des Türkentums" verurteilt worden war. KNA
 
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