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Tagblatt: Künzler Augenzeuge des Völkermordes 1915

 
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iminhokis
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 PostPosted: Wed Mar 21, 2007 1:56 pm    Post subject: Tagblatt: Künzler Augenzeuge des Völkermordes 1915 Reply with quote Back to top

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Original
Ralph Hug
Samstag, 10. März 2007




«Volk auf der Schlachtbank»
Der Appenzeller Jakob Künzler war Augenzeuge des Völkermordes an den Armeniern


Der Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 hat durch den Prozess gegen den türkischen Genozid-Leugner Dogu Perincek in Lausanne öffentliche Beachtung gefunden, was freilich nicht im Sinne Perinceks ist.

Einer, der in der Schweiz früh darauf aufmerksam machte, war der Appenzeller Laienarzt Jakob Künzler (1871–1949), der die Massaker in Südostanatolien miterlebte. Doch seine Hilferufe verhallten ungehört.

Als Laienarzt in der Region
Künzler war 1914 auf einer Reise nach Bagdad. Da vernahm er vom Jungtürken-Führer Näfis Bey den Ausspruch: «Wir Türken müssen die Armenier entweder samt und sonders ausrotten, oder wir müssen sie zur Auswanderung zwingen. Ein Zusammenleben mit ihnen in den Grenzen unseres Reiches ist völlig ausgeschlossen.» Das wurde bald blutige Wirklichkeit: Im Sommer und Herbst 1915 trieb das Regime des zerfallenden Osmanischen Reichs Hunderttausende Armenier zusammen, die Männer wurden ermordet und die Frauen, Alten und Kinder auf Todesmärsche Richtung syrische Wüste geschickt. Die Zahl der Opfer wird von der Geschichtsforschung auf über eine Million beziffert. Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts.

Auch Frauen und Kinder wurden von den Deportationen nicht verschont.


Jakob Künzler war damals am Missionsspital in Urfa als Laienarzt tätig. Urfa war eine multiethnische Stadt nahe der Grenze zu Syrien, in der Türken, Armenier, Kurden, Griechen, Syrer und einige europäische Missionare einigermassen friedvoll zusammenlebten. Künzler war 1899 zusammen mit seiner Frau Elisabeth dorthin gekommen. Als Sohn eines Maurers und einer Stickerin hatte er eine harte Kindheit im ausserrhodischen Hundwil verbracht, bevor er in Basel mit dem «Armenischen Hilfswerk» in Kontakt kam. Dieses schickte ihn als Krankenpfleger nach Urfa, wo das «Schweizer Spital» einen guten Ruf genoss.

«Mit Plan und Wille»
Im Osmanischen Reich hatte es immer wieder Pogrome gegen die Minderheit der Armenier gegeben, die als Staatsfeinde galten. 1895 waren in Urfa zweitausend Armenier mit Petroleum übergossen und angezündet worden. Was nun kam, war noch viel schlimmer. Künzler notierte im Frühjahr 1915 in seinem Tagebuch: «Die Türken der Stadt bedrohten die Armenier fast jeden Tag.» Der Grund: Sie wurden als Kollaborateure der Russen verdächtigt, mit denen das jungtürkische Regime im Krieg lag. Als im Mai 1915 die ersten Armenierfamilien ins Gefängnis geworfen, gefoltert und verbannt wurden, alarmierte Künzler die internationale Diplomatie im syrischen Aleppo. Doch die Staaten waren zu sehr mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. So spielte sich der Armenier-Genozid im Schatten des Weltkriegs ab.





In Urfa kreuzten sich die grossen Deportiertenzüge der vertriebenen Armenier aus dem Norden. Künzler sah, wie Hunderttausende Frauen und Kinder in endlosen Menschenkolonnen daherwankten und, teils völlig nackt, Richtung Wüste getrieben wurden, wo die meisten elend zugrunde gingen. Die Forschung spricht heute von «wandernden Konzentrationslagern». Künzler notierte die schrecklichen Schilderungen der Überlebenden. In der Umgebung stiess er auf menschliche Kadaver am Wegrand. Sein Spital wurde von Hilfesuchenden überrannt: «Es war ein Jammer, eine Not, wie ich sie nie, selbst hier im Lande der chronischen Not, gesehen habe.» Entsetzlich sei insbesondere das lähmende Gefühl absoluter Unfähigkeit gewesen, der Katastrophe entgehen zu können, notierte Künzler. Dem «Arztbruder», wie er unter Einheimischen genannt wurde, war klar geworden: Hier wurde mit «Plan und Wille» ein Volk «auf die Schlachtbank» geführt.

Zeugnis wider die Leugnung
Künzlers Bericht, erstmals 1921 unter dem Titel «Im Lande des Blutes und der Tränen» erschienen und 1999 neu aufgelegt, kommt aktuelle Bedeutung zu, weil er als Zeitzeugnis der Genozid-Leugnung der offiziellen Türkei widerspricht. Die Türkei negiert den Völkermord an den Armeniern. Offizielle Stellen sprechen von notwendigen Umsiedlungen, die die Armenier als Folge ihrer früheren Massaker an Türken vor dem Ersten Weltkrieg selber verschuldet hätten. Oder man spricht relativierend von «gegenseitigen Massakern».

Wer in der Türkei die Völkermord-These vertritt, hat strafrechtliche Konsequenzen oder zumindest öffentliche Angriffe zu gewärtigen. Dies machte das Verfahren gegen den Schriftsteller und Friedenspreisträger Orhan Pamuk deutlich, das internationale Proteste auslöste und eingestellt werden musste.

Laut dem Zürcher Historiker Hans-Lukas Kieser, einem international renommierten Fachmann für die Frage des Armeniermords, gibt es aber auch Anzeichen für einen liberaleren und kritischen Umgang mit der Geschichte. Als Wendepunkt gilt eine Konferenz vom November 2005 in Basel, an der dissidente türkische Historiker teilnahmen, die die Völkermord-These unterstützen und damit alte Tabus und Denkverbote ablehnen. Nur zwei Monate zuvor hatte eine ähnliche Konferenz in Istanbul noch vor wütenden Nationalisten polizeilich geschützt werden müssen.

Der «Armeniervater»
Die Deportationen waren – das steht für die unabhängige Geschichtsforschung fest – die Folge einer behördlich organisierten Vernichtungspolitik gegen die armenische Minderheit. Ein Einzelner konnte ihr nichts entgegensetzen. Auch «Köbi» nicht – so wird Jakob Künzler in der Biographie des deutschen Theologen Paul Schütz genannt. Er konnte zwar den Mord an den Armeniern nicht aufhalten, doch 1922 gelang es ihm, rund 8000 armenische Waisenkinder aus der Türkei ins französische Mandatsgebiet Syrien zu lotsen und damit ihr Leben zu retten. Diese Aktion begründete Künzlers internationalen Ruf als «Armeniervater». Ein ungenauer Titel, denn in seinem humanitären Einsatz machte er keinen Unterschied zwischen der Herkunft oder der Religion der Schutzsuchenden.

1947, zwei Jahre vor seinem Tod, verlieh ihm die Universität Basel den Ehrendoktortitel. Künzler ist einer breiteren Öffentlichkeit eher wenig bekannt. Lokal jedoch wird seiner gedacht. Je eine Gedenktafel bei der Kirche von Hundwil und von Walzenhausen erinnern an den selbstlosen «Armeniervater».

Ralph Hug

Jakob Künzler: «Im Lande des Blutes und der Tränen. Erlebnisse in Mesopotamien während des Weltkriegs (1914–1918)», Chronos, Zürich 1999. – Hans-Lukas Kieser, Elmar Plozza (Hg.): «Der Völkermord an den Armeniern, die Türkei und Europa», Chronos, Zürich 2006. – Paul Schütz: «Köbi der Lückenbüsser im Dienste des Lebens», Johannes-Stauda-Verlag, Kassel 1951.
 
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