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[D] Frankfurter Rundschau: ......ist die Wahrheit

 
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iminhokis
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 PostPosted: Sun Apr 25, 2004 11:50 pm    Post subject: [D] Frankfurter Rundschau: ......ist die Wahrheit Reply with quote Back to top

Das letzte Opfer eines Genozids ist die Wahrheit



Mit einer eindeutige Stellungnahme zum Schicksal der Armenier in der Türkei würde sich Deutschland seiner eigenen Geschichte stellen

VON MIHRAN DABAG
Frankfurter Rundschau Online


Erinnerung an Armenier-Genozid (dpa)


Am 24. April gedenken die Armenier des Völkermords, der unter der Regierung der "Jungtürken" in den Jahren 1915/16 im Osmanischen Reich begangen wurde und dem Leben der Armenier in ihrer historischen Heimat ein Ende setzte.

Mit diesem Massenmord wurde ein neuer Typus politischer Gewalt manifest: die staatlich organisierte Vernichtung einer ganzen, als innerer Feind definierten Bevölkerungsgruppe. Die jungtürkische Gewaltpolitik war Teil der radikalen Umgestaltung des osmanischen Vielvölkerstaats zu einem homogenen türkischen Nationalstaat. Im Mittelpunkt dieses nationalen "Erwachens" stand die Deklaration einer starken, auf Abstammung und Kultur gründenden türkischen Identität und deren Verwirklichung innerhalb eines neu definierten territorialen Raums, der von Thrakien bis nach Zentralasien reichte - und in dessen Zentrum die Siedlungsgebiete der Armenier lagen.

Als am 24. April 1915 armenische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Istanbul verhaftet und ermordet wurden, hatten die als kriegsnotwendige Umsiedlungsmaßnahmen erklärten Deportationen aus Anatolien bereits begonnen. Ortschaft für Ortschaft wurden die Familien zu Fuß in Bewegung gesetzt.

Die Deportationszüge beschrieb Franz Werfel in seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh als "wandernde Lager". Denn die Deportation selbst war Methode der Vernichtung: Ca. 1,5 Millionen Armenier, mit ihnen die aramäischen Christen, wurden von der Gendarmerie, von Sondereinheiten und unter Beteiligung kurdischer und türkischer Zivilisten ermordet.


Türkische Strategie der Leugnung

Der Gedenktag des 24. April wird bis heute von der Frage nach der Anerkennung des Verbrechens überschattet. Denn konsequent verfolgt die Türkei eine Strategie der Leugnung: Durch ein komplexes System der Negationen, in dem das Erinnern an den Genozid sogar unter Strafe gestellt werden kann, entstand eine türkische Gesellschaft, deren Geschichtsbild von Mustern türkischen Opfertums und türkischer Aufrichtigkeit geprägt ist, eine Gesellschaft, in der die Leugnung der einstmaligen armenischen Gegenwart von politischen und wissenschaftlichen Eliten fortgeschrieben wird.

Die beharrlich gelehrte Gegengeschichte überantwortet jedoch nicht nur die Erinnerung an den Genozid dem Schweigen der jeweils nächsten Generation, sie macht auch den oftmals geforderten Dialog unmöglich: Wie kann eine "Annäherung" zwischen Opfern und Tätern stattfinden, ohne eine Akzeptanz der Erinnerung der Opfer? Ohne den Täter als Täter zunächst benennen zu können? Doch fördert das Verschweigen auch international eine Beruhigung des politischen Gewissens.

Im Gegensatz unter anderem zur Französischen Nationalversammlung oder dem Schweizerischen Nationalrat hat sich der Deutsche Bundestag bisher verweigert, durch einen symbolischen Akt, mit einer feierlichen Erklärung dazu beizutragen, die Erinnerung an diesen Völkermord aus dem Rahmen von Leugnung und Rechtfertigung zu lösen. Begründet wird diese Verweigerung mit dem Hinweis, dass es nicht die Aufgabe des Parlaments sei, eine Interpretation von Geschichte zu sanktionieren. Doch geht es hier tatsächlich um eine Interpretation? Geht es nicht auch darum, wie Deutschland sich zu einem Verbrechen stellt, mit dem es zweifellos eng verwoben ist?

Die Haltung Deutschlands im Ersten Weltkrieg war vor allem von zwei Perspektiven bestimmt. "Wir sollen lindern, aber nicht verhindern" (Botscha
fter Hans Frhr. von Wangenheim), so die eine Linie, und: "Es ist ein unmöglicher Zustand, mit den Türken verbündet zu sein und für die Armenier einzutreten. Jede Rücksicht, christliche, sentimentale und politische, gegenüber einer harten, aber klaren Kriegsnotwendigkeit verschwinden" (General Hans von Seeckt).

Bernhard Schlink, Rechtsphilosoph und Verfassungsrichter in NRW, hat kürzlich aus rechtshistorischer Perspektive dargelegt, dass auch der sich in Schuld verstrickt, der sich zu den Tätern in einer Solidargemeinschaft befinde und diese auch nach der Tat aufrechterhalte. Als Bündnispartner der Türkei während des Ersten Weltkriegs hat Deutschland die Vernichtung der Armenier - vorsichtig formuliert - geduldet. Heute muss die Bundesrepublik sich fragen lassen, ob sie auch die Leugnung dieses Verbrechens durch die Nachfolgegesellschaft der Täter dulden will.

Vielleicht sollte der Bundestag den im Jahr 2005 anstehenden 90. Jahrestag des 24. April zum Anlass nehmen, mit dieser Kontinuierung der Duldung zu brechen. Eine Erklärung gerade aus Deutschland könnte einen wesentlichen Anstoß für die Türkei bedeuten, ihre historisch falsche Darstellung selbstkritisch zu reflektieren. Nicht zuletzt könnte den in der Bundesrepublik lebenden Türken eine Möglichkeit eröffnet werden, die ihnen durch das offizielle Geschichtsbild verweigert wird: sich eigenen Geschichts- und Identitätsmustern kritisch zu stellen.

Doch vor allem würde ein Zeichen dafür gesetzt, dass der nach dem Holocaust gefundene Konsens, auch die Leugnung von Völkermord zu verurteilen, nicht das Ergebnis politischen Kalküls war: In seiner Rede zum diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus hat Wolfgang Thierse darauf hingewiesen, dass "das Entsetzen über den Holocaust die Europäer wieder zusammengeführt habe" und die Zukunft Europas davon abhänge, die "Europäische Union als Friedenswerk und Wertegemeinschaft" zu begreifen. Auch das Projekt einer "europäischen Identität", gegründet auf einer gemeinsamen Erinnerung an Kriege und Genozid, findet sich häufig in aktuellen politischen Entwürfen.


Selbstprüfung Deutschlands

Was ist von der Erklärung einer solchen Gemeinsamkeit zu halten, wenn sie es ermöglicht, die Singularität und Wahrheit der Erinnerung der Opfer zu verneinen? Wenn sie es ermöglicht, mit Selbstsicherheit die Anerkennung des Genozids an den Armeniern angesichts der Überlegung zu gewichten, die Türkei nicht zu "destabilisieren", da eine "weitsichtige Politik" den "Geschichtsinterpretationsbeschlüssen" über das "völkermordartige Verbrechen" vorzuziehen sei (Gernot Erler, Stellv. Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion)? Die eindeutige Stellungnahme zum Genozid an den Armeniern fordert keine diplomatischen Abwägungen von Interessen - sie prüft die Stellung Deutschlands zu seiner eigenen Geschichte.
 
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