www.armenian.ch Gesellschaft Schweiz-Armenien
Perinçek: Presserevue
 

050716|TA| Brisanter Besuch aus der Türkei
Lesen Sie den vorstehenden Artikel :: Lesen Sie den nachstehenden Artikel  
Tages-Anzeiger vom 16.07.2005

Brisanter Besuch aus der Türkei


Um die freie Türkei zu feiern, bringt ein Charterflug in sechs Tagen prominente Gäste in die Schweiz. Angesagt sind auch zwei, die den Völkermord an den Armeniern zu leugnen pflegen.


Von Bruno Vanoni, Bern

Der Welt zeigen, dass die Türkei unabhängig und frei ist - so lautet (frei übersetzt) das Motto, mit dem eine eigens dafür geschaffene Website aus der Türkei für einen Charterflug in die Schweiz wirbt. Doch als Reiseziel ist nicht nur Lausanne angegeben, wo am übernächsten Sonntag mit einer Demonstration der Gründungsvertrag der modernen Türkei gefeiert werden soll. Nein, zum Programm von «Lozan 2005» gehört auch eine Veranstaltung in Zürich und ein Abstecher - ausgerechnet nach Winterthur.

In ein Strafverfahren involviert

Dort ermittelt Staatsanwalt Andrej Gnehm seit 14 Monaten von Amtes wegen, ob der prominente türkische Historiker Yusuf Halacoglu in einem Vortrag im Frühjahr 2004 gegen das schweizerische Strafgesetzbuch verstossen hat. Dieses verbietet in seinem Antirassismusartikel, einen Völkermord zu leugnen oder zu verharmlosen. Als Wortführer der offiziellen Geschichtsschreibung der Türkei bestreitet Halacoglu, dass vor 90 Jahren im Osmanischen Reich mehr als eine Million Armenier planmässig deportiert und ermordet wurden - was der Nationalrat als Völkermord qualifiziert hat.

Bisher hat sich Halacoglu von Staatsanwalt Gnehm nicht zum vorgeworfenen Offizialdelikt befragen lassen. Als dieser nur schon die Personalien des Angeschuldigten via Interpol feststellen lassen wollte, löste dies Proteste in türkischen Medien und harsche Ministerkommentare aus. Der Handelsminister sagte eine Reise in die Schweiz ab. Und der geplante Septemberbesuch von Wirtschaftsminister Joseph Deiss wurde in Frage gestellt, bis eine türkische Parlamentsdelegation Mitte Juni den Besuch wieder für genehm erklärte.

Mit Völkermord-Leugnung gebrüstet

Doch nun steht den schweizerisch-türkischen Beziehungen eine neue Belastungsprobe bevor: Zur türkischen Expedition, die in die Schweiz kommt, soll gemäss Vorankündigung auch der Historiker Halacoglu gehören. Jedenfalls steht laut der Westschweizer Tages-Zeitung «24heures» sein Name auf der Liste der Eingeladenen, und die türkische Zeitung «Aydinlik» hat ihn als möglichen Redner genannt.

Zu den Teilnehmern von «Lozan 2005» gehört neben andern Professoren, ehemaligen Generälen und Politikern auch der frühere Präsident der Türkischzyprioten, Rauf Denktasch. Und aufgeführt ist auch der nationalistische Chef der kleinen Arbeiterpartei, Dogu Perinçek. Er hatte sich vor zwei Monaten in der Türkei gebrüstet, er sei aus Solidarität mit Halacoglu in die Schweiz gereist und habe sich dort an Pressekonferenzen gegen die «internationale Lüge des armenischen Völkermordes» gewehrt. In Schweizer Medien fand sich davon zwar keine Spur. Doch die türkische Zeitung «Aydinlik» hat seinen Auftritt in Lausanne mittlerweile in Wort und Bild dokumentiert.

Darauf gestützt, prüft die Gesellschaft Schweiz-Armenien zurzeit, ob sie Klage gegen Dogu Perinçek wegen Leugnung von Völkermord einreichen soll. Laut ihrem Kopräsidenten Sarkis Shahinian möchte sie so oder so erreichen, dass die zuständigen Behörden vorsorglich kontrollieren, ob es an den Veranstaltungen in Zürich, Winterthur und Lausanne zu strafbaren Äusserungen kommt. Denn die Befürchtung liegt auf der Hand, dass die türkische Besuchergruppe die Redefreiheit ausreizen und provozieren könnte.

Jedenfalls markiert die türkische Botschaft in Bern auf Anfrage etwas Distanz zu «Lozan 2005»: «Wir organisieren das nicht», sagt eine Sprecherin und verweist auf zwei Nichtregierungsorganisationen, welche die Veranstaltung durchführten: ein Verein für das Gedankengut von Atatürk und eine schweizerische türkische Gemeinschaft. Bei beiden war gestern keine Auskunft erhältlich.

Verhaftung «nicht gerechtfertigt»

In Winterthur geht Staatsanwalt Gnehm davon aus, dass sich Halacoglu bei einem Schweiz-Besuch bei ihm melden sollte. Doch selbst wenn er dies nicht täte, wäre eine Verhaftung «nicht gerechtfertigt», sagt Gnehm. Das Aussendepartement (EDA) in Bern habe ihm, gestützt auf türkische Quellen, allerdings mitgeteilt, dass Halacoglu nicht unter den illustren Besuchern aus der Türkei sei. Das EDA selber wollte diese Auskunft nicht bestätigen.

Motherhome | Zurück zur Presseschau | Zurück zum Anfang der Seite

Association Suisse-Arménie - Gesellschaft Schweiz-Armenien