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Perinçek: Presserevue
 

050727|BielerT|«Kritik aus der Schweiz hat Gewicht»
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Bieler Tagblatt

«Kritik aus der Schweiz hat Gewicht»

Kritik aus der Schweiz schmerzt die Türkei. Der Historiker Hans-Lukas Kieser
erklärt dies mit der Verbindung der türkischen Staatsgründung zur Schweiz.

Interview: Markus Brotschi

Warum reagiert die Türkei jedes Mal so empfindlich, wenn in einem anderen
Land auf den Völkermord an den Armeniern hingewiesen wird?

Hans-Lukas Kieser: Es ist das zentrale Tabu der türkischen
Nationalgeschichte, die empfindlichste Herausforderung in Bezug auf die Gründungsgeschichte der
Türkei. Die Anfänge der Staatsgründung gehen auf die Zeit vor 1923 zurück, auf
den Balkankrieg vor dem 1. Weltkrieg.
Die grossen Opfer erlitten damals die Muslime, und deren Führer sagten, dass
nun Anatolien zu ihrem Land gemacht und ethnisch gesäubert werden müsse. Diese
Führer waren bisher die Heroen der türkischen Nationalgeschichte, die man
heute sehr kritisch betrachten müsste. Die Türkei müsste die Geschichte auch aus
Sicht der Opfer, der Armenier, betrachten.

Jetzt empört sich die Türkei über Vorermittlungen eines Zürcher Staatsanwalts
gegen den türkischen Politiker Dogu Perinçek und den Historiker Yusuf
Halacoglu. Die Vorstellung, Schweizer Politiker könnten ein Strafrechtsverfahren
stoppen, das der Türkei widerstrebt, passt schlecht zu einem Land, das in die EU
will.

Das ist sicher so. Ich plädiere für eine klare, sachliche und ruhige Haltung
der Schweiz. Sie soll sich klar ausdrücken, aber nicht von oben herab. Das
braucht noch Jahre, bis sich das Geschichtsbild in der Türkei ändert. Man sollte
nicht Türkei- oder gar Muslim-Ressentiments wecken.

Die Schweiz musste das Bild ihrer Rolle im 2. Weltkrieg revidieren. Selbst
wenn die historischen Rollen der beiden Länder nicht gleichgesetzt werden
können: Ist der Prozess, den die Türkei durchmachen soll, mit den Erfahrungen der
Schweiz vergleichbar?

Man kann es natürlich nicht gleichsetzen, aber es ist vergleichbar. Auch die o
ffizielle Schweiz hat lange die Opferperspektive im Sinne einer Staatsräson
ausgeblendet. In den 90er-Jahren musste die Schweiz ihren Blick auch auf die
Opfer, die abgewiesenen Flüchtlinge, richten.

Wie sollen sich Schweizer Politiker bei Treffen mit Vertretern der Türkei
verhalten? Sollen sie bloss auf die Unabhängigkeit der Schweizer Justiz
hinweisen, oder sollen sie auf den wunden Punkt der türkischen Geschichte hinweisen?

Es reicht der sachliche Verweis auf das Antirassismusgesetz, das im Übrigen
auch Türken in der Schweiz schützt. Die Politiker sollen darauf hinweisen, dass
die Leugnung eines Völkermordes strafbar ist und dass es sich nach
internationalen wissenschaftlichen Erkenntnissen und nach Erkenntnissen der Schweizer
Politik dabei um einen Völkermord handelt.

Was halten Sie von den Erklärungen des Waadtländer Kantonsparlaments und des
Nationalrats, in denen der Völkermord an den Armeniern anerkannt wurde?

Das war als Ausnahme von der Regel nötig, weil es um eine geschichtliche
Problematik geht, die von der türkischen Politik über Jahrzehnte verzerrt
dargestellt wurde. Zur Regel sollten Deklarationen in geschichtlichen Fragen nicht
werden.
Zu Armenien hat die Schweiz aber tatsächlich eine historische Verbindung.
Sowohl die armenische wie die jungtürkische Opposition hielt sich einst in der
Schweiz auf. In Lausanne wurde 1923 die Türkei vertraglich anerkannt. Die
Erklärungen machen für die Schweiz also auch historisch Sinn.

Reagiert die Türkei deshalb auf Kritik aus der Schweiz so gereizt?
Wenn sie aus der Schweiz kommt, hat das viel mehr Gewicht, als wenn sie aus
Venezuela kommt, wo der Völkermord kürzlich anerkannt wurde. Die Schweiz ist
eine Wiege des türkischen Nationalismus. Sie war für die Türkei lange ein
grosses Vorbild. So hat diese das Schweizer Zivilgesetzbuch übernommen. Kritik aus
der Schweiz tut der Türkei weh, aber konstruktive Beiträge müssen etwas wehtun.

Schwierigkeiten bietet in der Türkei auch der Umgang mit den Kurden. Ist
dieses Problem heute weniger virulent?

Es ist virulenter, als man denkt und man in den Medien erfährt. Man muss der
kurdischen PKK einiges anlasten, da - nach heutigem Wissensstand - diese in
letzter Zeit Terroranschläge verüben liess, die sich auch gegen Touristen
richten. Ich war vorletzte Woche in Kusadasi in der Westtürkei, als dort fünf
Menschen in einem Minibus durch eine Bombe getötet wurden. Auch ich hätte in diesem
Bus sein können. Die Kurdenfrage ist in einer sehr heiklen Phase. Dank der EU
sind heute mehr demokratische Instrumente vorhanden als noch vor 10 Jahren. Es
sind auch türkisch-kurdische Fernsehsendungen erlaubt worden. In der
Kurdenfrage hat sich etwas getan, aber ohne den stetigen Druck der EU drohen
Rückschritte.

Dann helfen aus Ihrer Sicht EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei den
dortigen Minderheiten?

Ja, aber bei diesem Beitrittsprozess muss man 15 bis 20 Jahre vor Augen
haben. Es muss ein verbindlicher Prozess in Gang gehalten werden, ein Prozess mit
offenem Ausgang, aber mit einem klaren Ziel.

Dogu Perinçek hat wiederholt den Genozid von 1915 an den Armeniern geleugnet.
Am Samstag nahm er in Lausanne an einer Jubiläumsfeier zur Gründung der
Türkei teil (im Bild). Gleichentags wurde er in Winterthur vom Staatsanwalt
befragt. Bild: ky



Türkei protestiert scharf
sda. Die Türkei hat gestern den Schweizer Botschafter ins Aussenministerium
in Ankara bestellt. Laut dem Aussenministerium brachte Staatssekretär Nabi
Sensoy im Gespräch mit Botschafter Walter Gyger «die Verstimmung der türkischen
Regierung und Öffentlichkeit in scharfer Form zum Ausdruck». Die Vorermittlungen
der Justiz in Winterthur gegen den türkischen Historiker Yusuf Halacoglu und
den linksnationalistischen Politiker Dogu Perinçek verstiessen gegen
internationales Recht. In Abwesenheit eines internationalen Gerichtsurteils zur
Armenierfrage sei die Schweizer Justiz dazu nicht berechtigt.
Die Türkei erwarte, dass die Ermittlungen sofort eingestellt würden. Das
Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) widersprach den
türkischen Angaben, wonach der Schweizer Botschafter «bestellt» worden sei. Das
Gespräch habe auf Anfrage Gygers stattgefunden.

Hans-Lukas Kieser

Der Historiker Hans-Lukas Kieser, 48, ist ein ausgewiesener Kenner der
Türkei. Er ist Privatdozent an der Universität Zürich.

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