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Perinçek: Presserevue
 

050804|FACTS|Nein, nein, nein, nein, nein
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Nein, nein, nein, nein, nein

[Photo] Ermordete Armenier in Aleppo: «Strafaktion» wegen angeblicher Kollaboration mit dem russischen Feind.
 
Reflexartig bestreiten türkische Politiker den Völkermord an den Armeniern. Der Widerstand gegen diese Haltung wächst. Aufgeschlossene Türken fordern eine Geste der Versöhnung.




Gunnar Köhne


Endlich konnte Dogu Perincek einmal richtig gross herauskommen. Er reiste Ende Juli in die Schweiz, nannte den Völkermord an den Armeniern eine «Lüge der Imperialisten» und wurde prompt von den Schweizer Behörden vorübergehend festgenommen und befragt. Dank des darauf folgenden diplomatischen Streits bekam der Querulant eine öffentliche Aufmerksamkeit, von der seine 0,1-Prozent-Arbeiterpartei in der Türkei nur träumen kann.


Mag Perinceks politische Zurechnungsfähigkeit auch zweifelhaft sein – den Völkermord-Vorwurf empfinden die meisten Türken auch 90 Jahre nach den grausamen Geschehnissen als Affront. Damals, mitten im Ersten Weltkrieg, befahl die osmanische Militärführung, die christliche Minderheit der Armenier in die syrische Wüste zu deportieren. Offiziell war es eine «Strafaktion» für angebliche Kollaboration mit dem russischen Kriegsgegner. Aus der ganzen Türkei wurden die Armenier zusammengetrieben. Vermutlich über eine Million starben auf den Märschen – verhungert, erschlagen, erschöpft. Belegt ist der Massenmord durch unzählige Dokumente, Augenzeugenberichte und Fotos.


Doch die türkische Regierung schlägt gereizt um sich, wenn das Wort Völkermord im Zusammenhang mit den Armeniern fällt. Ob in den Lehrplänen für die Schulen des deutschen Bundeslandes Brandenburg oder in einem Völkermord- Museum in Oslo – wo immer der Völkermord an den Armeniern erwähnt wird, drohen türkische Diplomaten mit Konsequenzen. Nach offizieller Lesart gab es 1915 nur eine kriegsbedingte «Tragödie» von Hunger und Flucht, unter der Türken und Armenier gleichermassen zu leiden hatten.


Warum herrscht in der Türkei eine «gesellschaftliche Amnesie», wie es der in den USA lebende türkische Historiker Taner Akcam nennt? Warum können die Türken nicht einfach sagen: Es war ein Verbrechen des siechen osmanischen Regimes? Vielleicht fiele es ihnen leichter, wenn die Tat nicht 90, sondern 150 Jahre zurückläge. Doch der an der Seite Deutschlands verlorene Erste Weltkrieg darf in der offiziellen Geschichtsschreibung allein das Trauma eines Volkes sein: der Türken. Jedem türkischen Grundschüler wird der Gründungsmythos der türkischen Republik eingebläut. Im Friedensvertrag von Sèvres wurde die Aufteilung Anatoliens unter den alliierten Siegern beschlossen, die Türken sollten im eigenen Land ein Sklavendasein fristen. Der Vertrag von Sèvres, der einen unabhängigen armenischen Staat in Ostanatolien vorsah, trat nie in Kraft. Atatürk befreite mit seinen Truppen das Land von den Besatzern und gründete 1923 eine moderne Republik. Seither gilt es in der Türkei, ein «neues Sèvres» zu verhindern: Türkische Nationalisten verstehen Kritik aus dem Ausland immer noch als Angriff auf die Unteilbarkeit der Nation. Doch der platte Mythos vom unbefleckten, «heldenhaften » Volk wird in der Türkei zunehmend in Frage gestellt. Der Ruf nach einer Versöhnungsgeste gegenüber den Armeniern wird immer lauter. «Wir schaffen es nicht, uns in den andern hineinzuversetzen », sagt der Publizist Özdem Sanberk. «Diese Fähigkeit fehlt uns. Das Erinnernwollen ist doch eine verständliche Folge eines Traumas.» Immerhin: Die Anwältin Fethiye Cetin veröffentlichte ein viel beachtetes Buch über ihre Grossmutter. Diese hatte kurz vor ihrem Tod der Enkelin anvertraut, dass sie als Armenierin geboren wurde. Im Alter von fünf Jahren überlebte sie die Vertreibungen und wuchs danach in einer türkischen Familie auf.


Im September wird in Istanbul eine Konferenz kritischer türkischer Historiker über den Völkermord stattfinden. Die Nationalisten laufen dagegen Sturm. Doch sie werden das Treffen wenige Wochen vor Beginn der Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wohl nicht verhindern können. «Das Tabu wird fallen», sagt die Autorin Cetin. Manche deuten Perinceks Provokation deshalb als Verzweiflungstat eines türkischen Nationalisten.

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