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Perinçek: Revue de Presse
 

050919|Der Bund|Im Liebefeld wie in Lausanne
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19.09.05| Der Bund | www.espace.ch
Der Bund, Montag, 19. September 2005



Im Liebefeld wie in Lausanne

Der türkische Politiker Dogu Perincek bezeichnete gestern den Völkermord an den Armeniern von 1915 erneut öffentlich als «Erfindung»

Der nationalistische Politiker aus der Türkei bekräftigte vor Landsleuten im Liebefeld seine These, der Völkermord an den Armeniern sei eine «Fiktion». Der Könizer Gemeinderat hatte ihn davor gewarnt, dieses Thema anzuschneiden.

Nichts deutet darauf hin, dass im Liebefeld eine brisante Versammlung stattfindet. Einige Schüler fahren an diesem verhangenen Sonntagnachmittag vor dem Schulhaus Hessgut mit Rollbrettern umher. Einzig das Dutzend Beamte der Kantonspolizei deutet darauf hin, dass da offenbar etwas los ist. Die Könizer Gemeinderätin Marianne Streiff (evp), Vorsteherin der Polizeiabteilung, ist ebenfalls auf Platz. Erst im letzten Moment war dem Gemeinderat klar geworden, dass eine von ihm bewilligte Versammlung der «Arbeiterpartei von der Türkei» in der Hessgut-Aula politischen Zündstoff enthält («Bund» vom Samstag).

Als Redner ist Dogu Perincek angekündigt, der Vorsitzende der nationalistischen türkischen Arbeiterpartei. Der Politiker hatte in der Schweiz im Sommer Schlagzeilen gemacht, als er in Lausanne den Völkermord an den Armeniern geleugnet hatte. Dieser «angebliche» Genozid sei «eine historische Lüge», sagte Perincek. Deswegen läuft gegen ihn in der Schweiz ein Verfahren wegen Verletzung der Antirassismus-Strafnorm. Morgen muss Perincek bei der Waadtländer Staatsanwaltschaft zur Einvernahme antraben.

Köniz warnte - und drohte

Streiff hatte die türkischen Veranstalter am 15. September brieflich aufgefordert, den «Holocaust an den Armeniern» im Liebefeld «in keiner Art und Weise zu thematisieren», sonst mache sich Perincek strafbar. Die Polizei werde präsent sein und keinerlei Demonstrationen dulden. «Bei den geringsten Zwischenfällen» werde sie den Anlass «notfalls mit Gewalt» auflösen.

Dunkle Verschwörungstheorien

Nichtsdestotrotz spricht Perincek an der als Konferenz deklarierten Veranstaltung im Liebefeld zu diesem Thema. Die Armenier hätten sich im ersten Weltkrieg den Imperialisten als Werkzeuge angedient. Die Türken hätten sich für ihr Vaterland gewehrt, was absolut in Ordnung sei. Es habe einen Bürgerkrieg, «eine Völkerschlacht» mit Massakern gegeben, sagt der türkische Politiker - mit Opfern auf beiden Seiten. 90 Jahre nach dem «so genannten Völkermord» werde das Thema wieder hochgekocht, das sei kein Zufall. Die USA wollten die Türkei und andere Nationen aus geopolitischen Interessen und wegen des Öls knechten und unter ihren Einfluss bringen. Die Türkei solle «zerstückelt und aufgeteilt» werden, führt Perincek aus.
Der Saal ist mit türkischen Flaggen und einem riesigen Porträt von Atatürk, dem Begründer der Türkei, geschmückt. Die Schweiz sei ein freies Land, sagt Perincek. Hier dürfe man ungehindert die Türkei beschimpfen, Atatürk oder auch ihn, Perincek, «doch die Wahrheit zu verteidigen ist nicht frei». Der Politiker spricht vor etwa hundert Landsleuten, darunter einige wenige Frauen und Kinder. Seine Rede hält er - mit etwas Mühe - auf Deutsch und erst danach in Kurzform - und viel lebendiger - auf Türkisch. Er fordert die Presse auf, weniger «Vorurteile» zu pflegen und über die Wahrheit zu berichten. Kürzlich hätten US-Truppen in Nordirak ein Massaker an Türken verübt, doch niemand berichte darüber, aber über Vorfälle vor 90 Jahren erregten sich die Leute.

Keine Angst vor Strafnorm

Nach der Rede fragt der «Bund» den charismatischen, einnehmenden älteren Herrn, ob er sich nicht vor dem Artikel 261 fürchte, der Antirassismus-Strafnorm. Nein, sagt Perincek. Das Gesetz verbiete das Leugnen eines Genozids, etwa des Holocausts an den Juden. Diesen habe es gegeben, weshalb er ihn auch nie leugnen würde. Ein Völkermord an den Armeniern jedoch habe nie stattgefunden, seine Auswertung sowjetischen Quellenmaterials habe das eindeutig bewiesen: «Was nie passiert ist, kann man auch nicht leugnen.»

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