www.armenian.ch Association Suisse-Arménie
Halacoglu: Revue de Presse
 

050414|FAZ|Kein türkisches Zeichen der Versöhnung
Voir l'article précédent :: Voir l'article suivant  
14. April 2005| FAZ | Rainer Hermann | Istanbul

Massaker an Armeniern
Kein türkisches Zeichen der Versöhnung

www.faz.net

Je näher der 24. April rückt, desto nervöser wird die Türkei. Am 24. April 1915 hatten die Deportationen von Armeniern aus Istanbul begonnen. Auf die Türkei nimmt der Druck der Staatengemeinschaft zu, die folgenden Massaker an den Armeniern als Genozid anzuerkennen. Anstatt auf ihn mit Zeichen der Versöhnung zu reagieren, etwa mit der Öffnung der Grenze zur Republik Armenien, verfielen die Politiker in Ankara in einen hektischen Aktionismus.

Erster Höhepunkt war eine Parlamentsdebatte, in der Außenminister Gül eine Regierungserklärung zu den Vorkommnissen von 1915 abgab. Sie war die erste Debatte des türkischen Parlaments, die jenem dunklen Kapitel gewidmet war. „Endlich haben wir zu sprechen begonnen”, schieb Murat Yetkin, der Kolumnist der liberalen Zeitung „Radikal”.

„Geschichte nicht neu schreiben”

Die Debatte wiederholte die bekannten Positionen der offiziellen Linie: Es sei nur ein Aufstand niedergeschlagen worden, und die Deportationen seien geordnet verlaufen. Die Abgeordneten verabschiedeten eine gemeinsame Erklärung, in der sie eine gemeinsame Kommission mit Historikern aus der Türkei und Armenien forderten. Sie sollen die Geschehnisse des Jahres 1915 untersuchen. Umgehend wies der armenische Außenminister Oskanyan den Vorschlag zurück. Die Türkei wolle ihre Geschichte nicht neu schreiben, und nun wolle sie auch noch erreichen, daß andere ihre Länder ihrer Auffassung folgten, schimpfte er in Eriwan. Armenien argumentiert, die historischen Fakten seien eindeutig. Mit der Kommission wolle die Türkei nur Zeit gewinnen.

Während der Debatte unterzeichneten Ministerpräsident Erdogan und Oppositionsführer Baykal einen Brief an die beiden Kammern des britischen Parlaments. Danach setzten alle Abgeordneten ihre Unterschrift unter das Schreiben. In ihm fordern sie Großbritannien auf, das „Blaue Buch”, das 1916 Lord Bryce und der Historiker Toynbee, so die türkische Sicht, im Auftrag des britischen Kriegspropagandabüros über das Schicksal der Armenier in den Jahren 1915 und 1916 geschrieben hatten, nicht länger als Quelle der Geschichtsschreibung anzuerkennen.

Das „Blaue Buch” im Visier

Hinter dem Brief steckt der CHP-Abgeordnete Elekdag, der früher Botschafter in Washington war. Im Einklang mit der regierenden AKP hatte er in den vergangenen Monaten Initiativen ersonnen, um die Flucht nach vorn anzutreten. Er lud den wenig bekannten amerikanischen Historiker Justin McCarthy in die Türkei ein. Er sagte seinen Zuhörern, daß sie als Eintrittspreis in die EU ihre Vorfahren als Mörder zu denunzieren hätten. Nicht einem Genozid seien die Armenier zum Opfer gefallen, sondern einem Krieg, behauptet McCarthy. Als Kämpfer und Spione an der Seite Rußlands hätten sie Leid über das türkische Volk gebracht. Auch Elekdag bezeichnete in einem Beitrag für die Zeitung „Zaman” das Jahr 1915 eine Folge von „Landesverrat und Rebellion”.

Teil der Strategie Elekdags und seiner Mitkämpfer ist, die drei Quellen zu entwerten, die sie als Grundlage für die Behauptung des Genozids halten. Damit solle, so die Hoffnung, der gesamten Genoziddiskussion der Boden entzogen werden. Die Fälschung der Talat-Pascha-Telegramme durch den Armenier Aram Andonian ist erwiesen. Die Strategen der Türkei sind zudem der Ansicht, die Erinnerungen Henry Morgenthaus, des amerikanischen Botschafters in Istanbul während des Ersten Weltkriegs, würden nicht länger als authentische Quelle betrachtet. Daher nehmen sie nun das „Blaue Buch” von Bryce und Toynbee ins Visier.

Anerkennung des Geschehenen

In der Debatte sagte Gül, Armenier seien 1915 nur aus dem Ostens Anatoliens nach Süden vertrieben worden. Dem widerspricht der türkische Historiker Halil Berktay. Er kann mit historischen Dokumenten des damaligen Innenministeriums belegen, daß der Deportationsbefehl ausdrücklich alle Armenier umfaßte. Neben den offiziellen Stellen hätten sich zudem geheime paramilitärische Einheiten an der „ethnischen Säuberung” Anatoliens von den Armeniern beteiligt, sagte Berktay der Zeitung „Milliyet”.

Wenige Tage vor der großen Debatte im Plenum hatte ein Ausschuß des Parlaments die beiden Türkeiarmenier Hrant Dink und Etyen Mahcupyan eingeladen. Die beiden prominenten Intellektuellen würdigten die Absicht der Parlamentarier als aufrichtig, die Atmosphäre sei positiv und konstruktiv gewesen. Dink, der Herausgeber der armenischen Wochenzeitschrift „Agos”, sagte, keinem Armenier gehe es um die Benennung, sondern nur um die Anerkennung dessen, was 1915 geschehen sei. Die Türken könnten um ihre Toten trauern; dazu gebe es viele Denkmäler. Die Armenier in der Türkei könnten am 24. April ihrer Vorfahren aber nicht gedenken.

Neubewertung und Entkrampfung

Resolutionen von Parlamenten zu dem Thema lehnte Dink ab. Wer auf der Nennung des Begriffs Genozids beharre, der wolle keine Lösung. „Wir wollen keinen Protektor, als dessen verlängerter Arm wir gesehen werden könnten.” Sein Kollege Mahcupyan forderte, daß in der Diskussion nicht nur die Interessen der Armenier in der Diaspora berücksichtigt würden, sondern auch die in der Türkei. Die Diaspora und der türkische Staat ergänzten sich, formulierte er am selben Tag in einem Interview mit der Zeitung „Hürriyet”. Beide seien nicht daran interessiert, daß der Genozid anerkannt werde. Für die armenische Diaspora wäre es danach schwieriger, weiter eine armenische Identität zu bewahren. Gäbe es die Türkeiarmenier nicht, wäre sogar die Diaspora beruhigt, sagte Mahcupyan.

Die Kreise in der türkischen Zivilgesellschaft, die eine Neubewertung der Ereignisse von 1915 und eine Entkrampfung des Verhältnisses zu den Armeniern fordern, sind in den vergangen Jahren erheblich größer und vernehmbarer geworden. Vertreter des Staats spielen zwar weiter das alte Lied. So hatte Forstminister Pepe vor einem Monat angeordnet, den lateinischen Namen „Ovis Armenia”, den 1758 Carl von Linne dem Wildschaf gegeben hatte, durch „Ovis Orien Anatolicus” zu ersetzen.

Ein zerissenes Land

Andrerseits nehmen die Stimmen zu, die von der Türkei und den Türken zumindest einen Ausdruck des Bedauerns darüber erwarten, was 1915 geschah. Selbst Yusuf Halacoglu, der stramm linientreue Vorsitzende der staatlichen „Gesellschaft für Geschichte”, gestehe inzwischen 400.000 getötete Armenier ein, sagt Murat Belge, einer der prominenten türkischen Intellektuellen. Halacoglu bedaure deren Tod aber nicht, sondern spreche kalt von Krankheiten als Todesursache, kritisiert Belge weiter.

Auch der Historiker Berktay findet es nicht gut, daß die offizielle Türkei noch immer kein Wort des Bedauerns finde für die „Leiden und riesigen Wunden” der Armenier. Die Türkei ist weiter ein zerrissenes Land. Kein anderes Thema dokumentiert das eindrucksvoller als der Umgang mit dem 90. Jahrestag des 24. April 1915.

Text: F.A.Z., 15.04.2005, Nr. 87 / Seite 1
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
www.faz.net

Motherhome | Retour à la Revue de Presse | Retour haut de la page

Association Suisse-Arménie - Gesellschaft Schweiz-Armenien