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Halacoglu: Revue de Presse
 

050505|Weser|Leserbrief zum Art. „Deutsche wussten Bescheid“
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An den
Weser-Kurier
Martinistr. 43
28195 Bremen


5. Mai 2005


Leserbrief zum Artikel „Deutsche wussten Bescheid“, in: Weser-Kurier, 4./5. Mai 2005 mit der Bitte um Abdruck


Als erste Stadt in Deutschland hat Bremen mit dem armenischen Kreuzstein ein
Zeichen gesetzt. Den Ewiggestrigen und vielen Türken ist das ein Dorn im
Auge. Das gilt auch Karl H. Grabbe. Kein Deutscher in Bremen hat so
hartnäckig wie er in den letzten 20 Jahren den Völkermord an den Armeniern
geleugnet. Er tut das im Interesse der offiziellen Türkei und im Interesse
seines Amtes als türkischer Honorarkonsul. Die Quellen und Historiker, auf
die er sich bezieht, werden – wie z.B. der Wiener Erich Feigl – von der
Fachwelt als nicht seriös angesehen. Ein anderer, auf den Grabbe sich
stützt, ist Yussuf Halacoglu, der als einer der prominenten türkischen
Historiker ebenfalls die offizielle Sicht der Türkei zu verbreiten sucht.
Gegen ihn hat die Schweizer Justiz kürzlich wegen seiner Leugnung des
Völkermords an den Armeniern Vorermittlungen aufgenommen, was – wie zu
erwarten war – zu heftigen Protesten der türkischen Regierung geführt hat.
Grabbe spricht für diese Regierung – und vertritt nicht die Auffassung aller
Türken. So z.B. nicht die des Schriftsteller Orhan Pamuk, der erst vor
wenigen Wochen daran gehindert worden ist, in einer Bremer Buchhandlung zu
lesen. Er hatte in einem Interview die offizielle Sprachregelung
durchbrochen, auf den Völkermord verwiesen und hinzugefügt: „Fast niemand
außer mir wagt, das auszusprechen.“ Ihm droht deshalb eine Anklage wegen
Volksverhetzung und „Beleidigung von Staatsorganen“. Einer der wenigen
Wissenschaftler, die Pamuk beistehen, ist Halil Berktay, Professor an der
privaten Sabanci-Universität.
Wie es Türken gab, die während des Genozids 1915 Armenier gerettet haben, so
gab es bereits im Ersten Weltkrieg Türken, die aus Liebe zu ihrem Land die
Verbrechen ihrer Regierung beim Namen nannten. Der bedeutende liberale
türkische Politiker Kemal Midhat Bei, einst Chef der liberalen Partei und
Enkel Midhats Paschas, des sogenannten „Vaters der ottomanischen
Konstitution“, erklärte z.B. im Januar 1918 in einem Aufruf zu den blutigen
Ereignissen der Jahre 1915 und 1916: „Zur Rechtfertigung aller dieser
Verbrechen hat die türkische Regierung mehr als eine Broschüre voll
zynischer Verlogenheit gegen die Armenier veröffentlichen lassen. Denn nach
all diesem Mord an Frauen und Kindern war es notwendig, alle möglichen
Anklagen gegen das unglückliche armenische Volk zu erfinden. Zugegeben, daß
es auch unter den Armeniern einige gab, die sich Vergehen schuldig gemacht
haben; dann wäre es Pflicht der Regierung gewesen, sie ausfindig zu machen
und nach den Gesetzen des Landes zu bestrafen. Jedoch wegen einiger weniger
Revolutionäre – wenn es überhaupt welche gab – mehr als eine Million
friedlicher, sich ihrer vollkommenen Unschuld bewußter Bewohner und
Mitbürger einfach zu ermorden oder zu deportieren, zu plündern und dann
abzuschlachten, das ist eine Tat, die mit keinen Worten zu bezeichnen ist,
und die wir liberalen und wahrhaft patriotischen Türken in tiefster Seele
verdammen, die auch unsere mohammedanische Religion aufs allerenergischste
verurteilt.“
Solche Haltungen sind Grabbe nicht genehm. Doch wie man von einem Juden
nicht erwarten kann, daß er sich mit Leugnern des Holocaust an einen Tisch
sitzt, kann man dies auch nicht von Armeniern gegenüber Leugnern des
Genozids von 1915 erwarten. Insofern ist mit Grabbe der Bock zum Gärtner
gemacht worden. Zum Glück gibt es heute mehr Türken als noch vor 10 oder 15
Jahren, die gewillt sind, sich mit dem armenischen Volk auszusöhnen und sich
nicht scheuen, von der Regierungsmeinung abzuweichen. Sie sind zum Dialog
bereit, und ihnen wäre und ist ein Forum zu bieten. Denn ihnen gehört die
Zukunft – wie dem armenischen Kreuzstein.

Mit freundlichen Grüßen
Helmut Donat
E-mail: donat-verlag@nexgo.de

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