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050520|dailytimes|Türkei Armenien und die Last d. Erinnerung
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Die Türkei, Armenien und die Last der Erinnerung

von Charles Tannock

Alle Kriege gehen irgendwann zu Ende. Die Erinnerungen an die begangenen Gräueltaten jedoch scheinen nie zu verblassen; die derzeit in China stattfindenden, von der dortigen Regierung angeheizten antijapanischen Ausschreitungen erinnern uns daran. Der 90. Jahrestag der von den Jungtürken des Ottomanischen Reiches angeordneten und von den Kurden geholfenen Massaker an den Armeniern ist eine weitere Wunde, die einfach nicht heilen will. Diese Wunde muss jedoch behandelt werden, falls der Fortschritt der Türkei auf dem Wege zur Mitgliedschaft in der Europäischen Union reibungslos vonstatten gehen soll.

Es wird angenommen, dass der Völkermord an den Armeniern die Nazis zu ihren Plänen zur Auslöschung der Juden inspirierte. Anders als beim Holocaust wissen jedoch die meisten Menschen sehr wenig über dieses dunkle Kapitel.

Tatsächlich ist für die meisten von uns das Ausmaß des Leids und der Verheerung, welche dem armenischen Volk und dem Heimatland seiner Vorfahren zugefügt wurden, schwer vorstellbar. Viele Mitglieder der heute sehr erfolgreichen weltweiten armenischen Diaspora jedoch haben damals direkte Angehörige verloren und führen eine Tradition der mündlichen geschichtlichen Überlieferung fort, die die Erinnerungen am Brennen hält.

Es ist insbesondere eine Ironie, dass viele Kurden aus den südöstlichen Provinzen der Türkei, denen man als Belohnung für die Tötung der Ungläubigen das Vermögen der Armenier und einen Platz im Himmel versprach, willige Komplizen an diesem Völkermord waren. Sie erwiesen sich später als die Verlierer in einer langen Geschichte der Gewalt zwischen ihren eigenen separatistischen Kräften und der türkischen Armee und wurden einer fortdauernden Politik der Diskriminierung und der Zwangsassimilierung ausgesetzt.

Historisch betrachtet gehörten die christlichen Armenier der Antike zu den fortschrittlichsten Völkern des Ostens, doch im 19. Jahrhundert wurde Armenien zwischen dem Ottomanischen Reich und Russland aufgeteilt. Sultan Abdulhamit II. organisierte die Massaker der Jahre 1895-1897, aber es war erst im Frühjahr 1915, unter dem Deckmantel des Ersten Weltkrieges, dass die nationalistische Regierung der Jungtürken den politischen Willen zur Ausführung eines echten Völkermords aufbrachte.

Zunächst wurden die armenischen Intellektuellen verhaftet und in Gruppen von 50 bis 100 Personen öffentlich erhängt. Den normalen Armeniern war damit ihre Führung genommen, und nur wenig später wurden sie Opfer der Massaker. Viele von ihnen wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. Etwa 500.000 Menschen wurden in den letzten sieben Monaten des Jahres 1915 ermordet, und die Mehrheit der Überlebenden wurde in die Wüstengegenden Syriens deportiert, wo sie entweder verhungerten oder Krankheiten zum Opfer fielen. Schätzungen zufolge kamen 1,5 Millionen Menschen ums Leben.

In der jüngsten Zeit hat die armenische Diaspora die Türkei aufgefordert, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und ihr historischen Verbrechen anzuerkennen. Die offizielle Linie der Türkei ist noch immer, dass die Anschuldigungen auf unbegründeten oder übertriebenen Behauptungen beruhen. Wo es zu Todesfällen gekommen sei, beträfen sie Armenier, die mit während des Ersten Weltkriegs einmarschierenden Russen kollaborierten und im Gefecht starben oder die während der Zwangsdeportationen Krankheit und Hunger zum Opfer fielen. Darüber hinaus habe es unter der örtlichen türkischen Bevölkerung ähnliche Verluste gegeben.

Die Türkei argumentiert also, dass die Anklage des Völkermords das Ziel verfolgt, die Ehre der Türkei zu beschmutzen und seinen Fortschritt auf dem Weg in die Europäische Union zu bremsen. Daneben besteht die begreifliche Furcht, dass ein Abweichen von dieser offiziellen Linie eine Flut von Schadensersatzklagen auslösen würde, wie es im Falle Deutschlands geschah.

Viele Politiker insbesondere in Amerika sind angesichts der Geschichte der Türkei als treuer NATO-Verbündeter und vermeintliches EU-Beitrittsland nicht bereit, das Land ohne wichtige Begründung vor den Kopf zu stoßen. Trotz ihrer inzwischen ein halbes Jahrhundert währenden Mitgliedschaft im Europarat jedoch – vorgeblich einem Hüter der Menschenrechte, einschließlich der Rede- und Gewissensfreiheit – bestraft die Türkei Andeutungen, dass es sich beim Völkermord an den Armeniern um eine historische Wahrheit halte, noch immer als Verbrechen gegen die nationale Ehre. Glücklicherweise steht nun eine Überprüfung und eventuelle Aufhebung dieses Artikels des türkischen Strafgesetzbuches an.

In der Tat sind in der Türkei tief greifende Veränderungen im Gange. Presse und Regierung sind sich den Anforderungen der EU-Mitgliedschaft bewusst und endlich dabei, die sensible armenische Frage für die öffentliche Diskussion freizugeben. Selbst Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der angesichts der für Oktober angesetzten Aufnahme von Beitrittsverhandlungen unter zunehmendem Druck der EU steht, hat seine Bereitschaft zu einer unabhängigen Untersuchung durch akademische Historiker erklärt, obwohl er seine Ansicht wiederholt hat, dass ein Völkermord nie stattgefunden hat. In Frankreich ist der Völkermord an den Armeniern als historisches Ereignis im Gesetz verankert, und ein Leugnen dieses Ereignisses wird auf dieselbe Weise betrachtet wie ein Leugnen des Holocaust.

Das Europäische Parlament drängt auf einer Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern durch die Türkei. Es ruft außerdem zur Beendigung des Handelsembargos der Türkei und ihres engen Verbündeten Aserbaidschan gegen die Republik Armenien, einer Öffnung der Grenzen und einer Vereinbarung nach dem Motto „Land gegen Frieden“ auf, um den Gebietsstreit um Nagorni-Karabach in Aserbaidschan zu beenden und dessen armenische Identität zu wahren.

Armenien, ein unabhängiges Land seit 1991, ist nach wie vor auf den Schutz durch Russland angewiesen, so wie es 1920 der Fall war, als es der Sowjetunion beitrat, um weiteren Invasionen durch die Türkei zu entgehen. Dies ist keine gesunde Entwicklung für die Demokratie und die schwache Wirtschaft Armeniens. Ebenso wenig verheißt Armeniens fortdauernde Abhängigkeit von Russland Gutes für die regionale Zusammenarbeit angesichts der tiefen Ressentiments über die russische Einmischung im benachbarten Georgien und Aserbaidschan.

Es gibt für die Türkei, Armenien und die Region nur einen einzigen Weg nach vorn: Die Zukunft kann erst beginnen, wenn die Türkei – so wie in der Vergangenheit Deutschland und heute Serbien und Kroatien – seine Politik des Leugnens aufgibt und sich seinen schrecklichen Verbrechen aus dem Jahre 1915 stellt. Erst dann kann die Vergangenheit wirklich Vergangenheit sein.
Charles Tannock ist stellvertretender Vorsitzender des Unterausschusses für Menschenrechte des Europäischen Parlaments.

Copyright: Project Syndicate, 2005.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Neumann

Englisch:
http://www.dailytimes.com.pk/default.asp?page=story_20-5-2005_pg3_4

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