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Istanbul: Konferenz, Historiker kritisieren!

 
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iminhokis
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 PostPosted: Tue Mar 21, 2006 12:03 pm    Post subject: Istanbul: Konferenz, Historiker kritisieren! Reply with quote Back to top

Artikel und Radiostream hier: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/481422/


20.03.2006 · 17:35 Uhr
Eriwan: Fotowand mit den Konterfeis von Überlebenden des Völkermords an den Armeniern vor 90 Jahren (Bild: AP) Eriwan: Fotowand mit den Konterfeis von Überlebenden des Völkermords an den Armeniern vor 90 Jahren (Bild: AP)
"Kein Grund, die Geschichte umzuschreiben"
Historiker kritisiert Istanbuler Konferenz über Völkermord an den Armeniern
Moderation: Doris Schäfer-Noske

Der Historiker Wolfgang Gust hat die Vorträge einiger Historiker auf der Istanbuler Konferenz über den Völkermord an den Armeniern heftig kritisiert. Immer wieder versuchten türkische Geschichtswissenschaftler, den Völkermord an den Armeniern zu leugnen, sagte Wolfgang Gust. Die Vernichtungsabsicht der osmanischen Regierung gegenüber den Armeniern sei in den deutschen Dokumenten wiederholt belegt, betonte der Historiker.

Schäffer-Noske: Bei einer Großdemonstration am Samstag in Berlin war es verboten, eine Lüge zu propagieren. Rund 1700 türkische Nationalisten haben da gegen die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags demonstriert. In dieser Resolution hatte der Bundestag die Deportation und Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern 1915 und 1916 als Völkermord verurteilt und die Polizei muss nun prüfen, ob Demonstranten, etwa auf Plakaten, diesen Völkermord geleugnet haben.

An der Universität Istanbul hat eine Konferenz zu den Massakern an den Armenien stattgefunden, dort stellten vor allem türkische Historiker ihre neuen Ergebnisse vor und darunter waren auch Leute, die die Verantwortlichkeit des osmanischen Reiches für den Völkermord bestritten. Frage an den Armenien-Experten Wolfgang Gust, Herr Gust, muss nach dieser Konferenz die Geschichte umgeschrieben werden?

Gust: Nein, überhaupt nicht. Ich sehe überhaupt gar keinen Grund, die Geschichte umzuschreiben, jedenfalls die Geschichte, dass ein Völkermord stattgefunden hat, umzuschreiben. Diese Konferenz ist eine der typischen Konferenzen, die schon mehrfach stattgefunden haben, aber vielleicht nicht in dieser Öffentlichkeit, in der türkische Historiker versuchen, wahrscheinlich im staatlichen Auftrag, den Völkermord zu leugnen.

Schäffer-Noske: In einem der Vorträge wurde ja der osmanische Innenminister Talaat, der bisher als treibende Kraft des Genozids galt, als positiv hervorgehoben, er habe die deportierten Armenier vor Übergriffen geschützt und habe Türken hinrichten lassen, wenn sie sich an den Armeniern vergriffen, hieß es da. Sind denn solche Thesen nach Ihrer Ansicht haltbar?

Gust: Nein, sie sind meiner Ansicht nach, in der Form jedenfalls, nicht haltbar. Ich bin zwar kein Spezialist der türkischen Geschichte, ich spreche auch kein Türkisch, aber ich weiß aus den deutschen Dokumenten, dass zwar einige Offiziere hingerichtet, oder Türken hingerichtet, worden sind, aber von Cemal, der unten in Syrien Armeechef war, und Cemal verhandelte zu der Zeit mit den Franzosen. Da gibt es also einen politischen Hintergrund, der dazu geführt hat. Bei Talaat, wenn Talaat Leute hinrichten ließ, dann vermute ich etwas ganz, ganz anderes, in den deutschen Dokumenten ist oft davon die Rede, dass die Türken sich furchtbar bereichert hätten, und dass einige hingerichtet worden sind, weil sie diese Bereichung dann an ihre Chefs, das waren ihre türkischen Chefs, die jungen türkischen Chefs, nicht weiter gegeben haben.

Auch Atatürk selbst hat später Leute hinrichten lassen, die den Armeniern furchtbar zugesetzt haben, aber nicht, weil diese Leute den Armeniern zugesetzt haben, sondern weil sie einen Putsch gegen ihn geplant haben. Und dann kommt das Zweite hinzu, dass der Talaat Befehle ausgegeben habe, um die Armenier zu schützen, das kommt auch in den deutschen Unterlagen vor, aber mit dem Zusatz, dass das Scheinbefehle sind. Er hat sofort hinterher Emissäre runtergeschickt, dass diese Befehle wieder vernichtet werden.

Schäffer-Noske: Der deutsch-türkische Historiker Cem Özgönül hat wohl bei dieser Konferenz zum ersten Mal Dokumente des Auswärtigen Amtes unter die Lupe genommen und sie mit den Versionen des Armeniers Johannes Lepsius verglichen. Nun ist Lepsius quasi der Begründer der Genozidthese und der Historiker kommt zu dem Ergebnis, Lepsius hat die Völkermordbegründungen gefälscht. Kann da was dran sein?

Gust: Also, erstens hat er diese Arbeit nicht gemacht, sondern wir, meine Frau und ich, wir haben sie gemacht. Wie haben Dokument für Dokument geprüft, haben in all diesen Dokumenten die Stellen kenntlich gemacht, in denen Lepsius abgewichen ist, von den Originalen. Dieses alles können sie im Internet unter www.armenocide.de nachlesen. Ob er überhaupt im Auswärtigen Amt war, und sich das angesehen hat, weiß ich nicht. Er braucht es gar nicht. Er kann sich das alles im Internet angucken. Aber, seine Schlussfolgerung, die er daraus zieht, die sind aberwitzig. Es gibt so wahnsinnig viele Dinge, beispielsweise die Opferzahlen, hätte der Lepsius übertrieben, es gibt ein einziges Dokument, wo die Opferzahlen wahrscheinlich vom Auswärtigen Amt herabgesetzt worden sind. Aber es gibt andere Dokumente, in denen die Opferzahlen sogar noch höher sind. Also ich bezweifle, dass dieser Mensch überhaut im Auswärtigen Amt sich diese Dokumente angeguckt hat.

Schäffer-Noske: Andere türkische Historiker haben auf der Konferenz die Auffassung vertreten, die osmanische Regierung habe keine Vernichtungsabsicht gehabt. Oder zumindest seien die armenischen Aufständischen genau so schlimm gewesen, wie die Osmanen. Was halten Sie davon?

Gust: Also, die Vernichtungsabsicht, die ist in den deutschen Dokumenten so oft belegt, dass nach Meinung der Deutschen die Osmanen eine ganz klare Vernichtungsabsicht hatten. Sie wollten die Armenier vernichten. So steht es in zehn, zwanzig Dokumenten von sehr prominenten Diplomaten. Das kann ich nur dagegen halten. Ich war nicht dabei. Aber die waren dabei und haben das gesehen. Und dass es armenische Revolutionäre gab, die auch etwas erreichen wollten, ist ganz ohne Frage so gewesen.

Nur, ist das ein Grund, wenn es ein paar oder auch ein paar hundert armenische Revolutionäre gibt, alle Armenier umzubringen? Das steht doch in gar keiner Relation. Es wir immer wieder von diesen armenischen Rachefeldzügen gesprochen und davon, dass die Armenier Türken getötet haben, das stimmt, nur, dass sind Rachefeldzüge gewesen, von 1917, mit denen kann man natürlich nicht den Völkermord an den Armeniern von 1915 begründen. Und das sind diese Dinge, die mich immer wieder ärgern. Es ist eine, wie bei den deutschen Neonazis, es wird verdreht und verschoben und wer keine Ahnung davon hat, oder wenig Ahnung davon hat, lässt sich davon beeindrucken. Für mich ist es nur ärgerlich.

Schäffer-Noske: Der Armenienexperte Wolfgang Gust war das über eine Konferenz in Istanbul zum Völkermord an den Armeniern.
 
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Sarkis
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 PostPosted: Tue Mar 21, 2006 9:29 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

Leserbrief zu Boris Kalnoky: 1634 türkische Offiziere zum Tode verurteilt -
Die große Istanbuler Konferenz über den Völkermord an den Armeniern
könnte eine Trendwende markieren. „Die Welt“, 20.03.2006


ALTER WEIN IN ALTEN SCHLÄUCHEN?

Zeitgleich mit der von ihren Veranstaltern als „Büyükproje“ („Großprojekt“) voreilig bejubelten öffentlichen Ehrung des Talat Pascha am 15. März in Berlin-Charlottenburg begann in Istanbul die von B. Kalnoky als „große Konferenz“ gepriesene Veranstaltung der dortigen Staatsuniversität zu angeblich „Neuen Herangehensweisen“. Mit den Berliner Veranstaltungen ultranationalistischer Türken hatte die „große Konferenz“ nicht nur den Beginn am Todestag des Talat gemeinsam, sondern auch die altbekannte Leugnung der „Vernichtung der armenischen Rasse im Osmanischen Reich“ (kaiserdeutscher Botschafter Hans von Wangenheim am 07.07.1915). Diese Vernichtung bildete für den Vater der UN-Genozid-Konvention, Raphael Lemkin, ausdrücklich den ersten Impuls und, neben der Schoah, die empirische Grundlage seines internationalen Vertragswerks zur „Bestrafung und Verhütung“ des Völkermords, das er schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg als Justitiar des Völkerbundes anstrebte.

Für den Rektor der Universität Istanbul, Prof. Me?ut Parlak, ist allerdings Lemkins Wortschöpfung Genozid nicht auf die vom nationalistischen Kriegsregime befohlene Deportation der armenischen Bürger des Osmanischen Reiches anwendbar und „ungesetzlich“.
Auch zahlreiche türkische Referenten offenbarten leider keine „neuen Herangehensweisen“, sondern wiederholten, Berichten von Tagungsteilnehmern zufolge, die sattsam bekannten Unterstellungen, Eigenbestätigungen, Verschwörungstheorien sowie die Schuldzuweisung an die armenischen Opfer, die als „Instrumente“ Russlands, Großbritanniens und Frankreichs (Mehmet Saray), aber auch als chronisch illoyal („Armenier verkauften ihre Gebieter“, Erol Kurkcuoglu) denunziert wurden.

Die von Kalnoky hervorgehobenen, angeblich „neuen Forschungsergebnisse“ von Yusuf Sarinay und Cem Özgönül erweisen sich bei genauerer Kenntnis und Betrachtung als „old hat“. Die Abweichungen der Teiledition, die Johannes Lepsius im Auftrag des deutschen Auswärtigen Amtes und aus Anlass der Pariser Friedenskonferenz 1919 als exkulpierendes „Weißbuch“ herausgab, von den Originalarchivalien haben seit Ulrich Trumpener („Germany and the Ottoman Empire 1914-1918“, 1968) zahlreiche Forscher untersucht und gedeutet, zuletzt – kritisch und umfassend – Wolfgang Gust (2005), der auch eine über die Lepsiussche Teiledition hinausgehende Edition der ungekürzten Originalfassungen von Aktenstücken aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes publizierte. Seine Edition und vor allem das Studium der Originale belegen, dass weiterhin der Schriftwechsel der kaiserdeutschen Diplomaten eine der wichtigsten Quellen zum Verständnis der Armeniervernichtung bildet.

Über die Ausschaltung osmanischer Militärangehöriger und Zivilisten auf Befehl des jungtürkischen Regimes und der kemalistischen Nachfolger 1926 berichtete bereits der US-armenische Genozidforscher Prof. Vahakn Dadrian in einem am 2. und 3.11.2000 in der türkischen Zeitung „Yeni Gündem“ veröffentlichten Aufsatz. Dadrian deutete die legalen und extralegalen Tötungen von Personen, die, oft als Brigantenführer („çeteba?i“), an Morden und Massentötungen von Armeniern beteiligt waren, als Liquidation potentieller Belastungszeugen. Er charakterisiert das Verhältnis der politischen Elite zu diesen Schlächtern mit einem Tagebucheintrag des Generals Ali Fuat Erden anlässlich der Hinrichtung von Major Ahmet und Halil am 17./30.09.1916: „Henkern und Mördern verpflichtet zu sein ist naturgemäß schwer... diejenigen, die man für Drecksarbeiten benutzt, werden bei Bedarf benötigt, (um) die Verantwortung (auf sie abzuwälzen). Doch ist es ebenso erforderlich, sie nicht zu verklären, sondern sich ihrer wie Toilettenpapier zu entledigen, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt haben.“
(vgl. auch http://www.zoryaninstitute.org/Table_Of_Contents/genocide_docs_executions.htm)

Noch eine Gemeinsamkeit besaß die Istanbuler „große Konferenz“ mit dem Berliner „Großprojekt“: Die jeweilige örtliche türkische Bevölkerung nahm daran kaum teil. Selbst zu Hoch-Zeiten soll der 2000 Personen fassende Saal nur zu einem Viertel gefüllt gewesen sein.

Dr. Tessa Hofmann
Freie Universität Berlin
Osteuropa-Institut
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Sarkis Shahinian
 
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