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NZZ Artikel: Gottsuche am Berg der Schmerzen (Ararat)

 
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Andy



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 PostPosted: Sun Oct 12, 2008 9:33 pm    Post subject: NZZ Artikel: Gottsuche am Berg der Schmerzen (Ararat) Reply with quote Back to top

FEUILLETON 46 Donnerstag, 9. Oktober 2008
Nr. 236 Neue Zürcher Zeitung
Gottsuche am Berg der Schmerzen
Der Niederländer Frank Westerman zerlegt den Mythos Ararat

Ein Text wächst bei Frank Westerman wie die Perle in einer Auster: um einen Einschluss, einen wie zufälligen Kern herum legt der Niederländer Schicht um Schicht schimmernden Materials. Kleinodien entstehen; nur weiss man nicht recht, wo man sie hintun soll. Schreibt der Mann Sach- bücher, Reportagen? Oder doch eher schöngeis- tige Literatur? Preise bekommen seine Bestseller bald aus dieser, bald aus jener Ecke. (Die «Sunday Times» lobte kürzlich «Westermans gelassene Klugheit». Das kann man unterschreiben.) Beim vorletzten Buch war ein Museumsstück Auslöser einer Spurensuche, ein ausgestopfter Buschmann. Diesmal ist es – ja, was eigentlich? Die Verärgerung des Autors über allzu lautstark- bibelfeste Zeitgenossen? Ein Kindheitsbild, Wes- terman in Todesangst zu seinem Schöpfer be- tend? (Elfjährig geriet er in einen tosenden Alpenbach, überlebte knapp.) Oder ein Erinne- rungsblitz aus seiner Zeit in der Post-Sowjet- union? (Der Reporter im Armenien der neunzi- ger Jahre, vor einem wunderlichen Abschnitt des Eisernen Vorhangs, Panzersperren und Türme, auch nach dem Ende des Kalten Krieges. Und drüben dieser Vulkan mit seiner Eiskappe, uner- reichbar, schwebend, eine Fata Morgana.) Oder suchte der Literat, der Dokumentarist schlicht einen Topos von universellem Charakter?

Stein des Anstosses
Ararat. Am Anfang ist das Wort. Westerman, sprachbesessen, zerlegt es, er stapelt die Silben, A-ra-rat, schon formt sich der Berg. «Ich liebe es, aus Buchstaben Wörter zu bauen und aus Wör- tern Geschichten. Wegen des Klangs, der Kadenz, wegen der Bedeutung. Und wegen der Funken. Schlägt man zwei Sätze gegeneinander, entsteht Feuer. Der Ararat ist armenisch. Der Ararat ist türkisch.» Was für ein Stein des Anstosses – über fünftausend Meter hoch, im fernen Osten dieser etwas unheimlichen Türkei gelegen, von oben sieht man Jerewan. Hier also soll Noahs Arche ge- strandet sein. Für die Armenier ist der Koloss hei- lig, Sinnbild des gelobten Landes und stete Erin- nerung an ein Trauma. «Wer in Armenien das Wort ‹Ararat› in den Mund nahm, sagte auch ‹armenischer Genozid›.» Der Reporter zitiert einen Eintrag auf www.ourararat.com: «Eines Tages werden wir unseren Ararat zurückbekom- men.» Und armenische Zeitungen – so Wester- man – liessen keinen Zweifel daran, wie das zu er- reichen sei. Mit Waffengewalt. Gipfeltour samt Hindernissen: Der Niederlän- der nimmt den Leser mit auf eine unvergessliche Reise. Er umkreist den «Schmerzensberg» (so heisst er in der Türkei). Auf Um- und Abwegen, mit einem Schutzschild aus gespielter Naivität, nähert sich der Schreibende vermintem Terrain. (Um an den Ararat zu gelangen, brauchte er die Genehmigung «relevanter Autoritäten», sprich: vom türkischen Militär.) Doch offenbar mühelos überwindet der Wanderer alle Grenzen – zwi- schen ferner Vergangenheit und bedrängender Gegenwart, zwischen verfeindeten Völkern und Kulturen, Literatur und Wissenschaft, Wissen und Glauben. Als Bub war dieser Frank Westerman, gut pro- testantisch erzogen, ein gottesfürchtiger Mensch. Er erinnert sich eines Pfarrers, der die Kirche als Arche pries; wer draussen bleibe, werde ertrin- ken. Und doch hat Westerman das Schiff verlas- sen. «Religion war für mich nach und nach zum Schauspiel geworden, zu einer nie endenden, von Menschen inszenierten Vorstellung», schreibt er. Und: «Das Wissen, mit dem ich mich gern hatte impfen lassen, begann wie ein Serum gegen den Glauben zu wirken.» Bei der Erkundung von Noahs Berg forscht der Autor nun nach Resten seines religiösen Gefühls. Befund: unentschieden, seltsam verschwommen. Westerman zeichnet sich als Ungläubigen, vermerkt gar «Widerwillen» beim Besuch eines Gottesdienstes, und dennoch, sagt er, sei er «kein Atheist».

Fundstücke am Wegesrand
Packender als die vorgeschobene Gottsuche ist Westermans Route, sind Fundstücke vom Weges- rand. Zur Leitplanke wird die Mär vom pech- versiegelten Rettungsboot. Der Autor zeigt die Arche, jenen globalisierten Mythos, in den heili- gen Büchern der Juden, Christen und Muslime, doch die Geschichte – das belegt er – ist viel älter, älter noch als der Sintflutbericht aus dem Gilga- mesch-Epos. (Wie heilig, fragt er, sind demnach die heiligen Bücher?) An einer Stelle beschreibt Westerman diese Arche als Laboratorium zur Schaffung eines «neuen Menschen» (der alte, sün- dige Mensch ertrank in der Flut), und wer mag, darf an ähnlich missglückte Schöpfungsversuche denken, an den «neuen Menschen» bei Stalin oder Che Guevara. Bisweilen trifft der Reisende auf Vertreter einer merkwürdigen Spezies, «Archesucher». Männer, die Noahs Boot allen Ernstes finden wol- len. Nur manche sind Fundamentalisten (wie der Astronaut und Mondgänger James Irwin), andere hingegen verkappte Agenten – der Ararat liegt strategisch so schön günstig. Über die echten Hobby-Ausgräber schreibt der Autor verblüfft: «Mir wurde bewusst, dass das zerbrechliche Welt- bild des Archesuchers in der Gunst des Nicht-Fin- dens bestand, weiterhin ausser Reichweite dem Ziel dienend. Der Archesucher leitete seine Eigenart nicht von der Arche ab, sondern von der Tatsache, dass er suchte. Und das tat ich auch.» Der Weg als Ziel – schade: Mehr «Mission» hat dieser luzide, vielschichtige und erfrischende Essay nach knapp dreihundert Seiten tatsächlich nicht zu bie- ten. Und, schade auch: Zwei Wochen Feinarbeit hätte Westerman diesmal noch investieren kön- nen; es gibt Längen im Text, seichte Stellen. Am Ende des Buchs, am Ende seiner Reise, steht der Niederländer am Ararat, er klettert hin- auf und trifft unterwegs nur freundliche Men- schen. Glück gehabt. Drei Jahre nach der Tour, im Sommer 2008, erreicht die globalisierte Kidnap- ping-Industrie jene Weltgegend.
Uwe Stolzmann Frank Westerman: Ararat. Pilgerreise eines Ungläubigen. Aus dem Niederländischen von Stefan Häring und Verena Kiefer. Ch.-Links-Verlag, Berlin 2008. 285 S., Fr. 35.90.

Durchdringender Blick auf die Welt
Yasar Kemal schliesst seine «Inseltrilogie» ab
Nach seiner Herkunft gefragt, erzählte Ya ¸ sar Kemal einmal, 1915 seien seine Eltern vor den russischen Invasoren aus Ostanatolien geflohen. «Sie brauchten eineinhalb Jahre, um in die ¸ Cuku- rova zu gelangen.» Dort, in einem kleinen süd- anatolischen Dorf, kam der spätere Romancier und Doyen der türkischen Literatur im Oktober 1923 zur Welt. In jenem Jahr also, in dem die Republik ausgerufen und Mustafa Kemal, der später den Beinamen Atatürk (Vater der Türken) erhielt, zum Staatspräsidenten gewählt wurde. In dieser Zeit spielt der Roman «Die Hähne des Morgengrauens», der dritte Band der nun voll- ständig auf Deutsch vorliegenden «Inseltrilogie». Hauptort des Geschehens ist wieder die «Amei- seninsel», deren Name daher rührt, «dass Amei- sen am Ufer Wasser trinken könnten» – so ruhig ist dort das Meer. Bewohnt war dieser paradiesisch anmutende Ort vor der türkischen Küste, den man sich wohl als eine der Prinzeninseln vorstellen muss, einst von Griechen, die Wein und Oliven, Feigen und Granatäpfel anbauten. Nach dem Griechisch-Türkischen Krieg 1920 bis 1922 fand ein Bevölkerungsaustausch grossen Ausmasses statt. Im Friedensvertrag von Lausanne wurde 1923 festgelegt, dass 600 000 Türken, die seit Generationen in Griechenland lebten, in die Tür- kei umzusiedeln seien und 1,5 Millionen Griechen, deren Vorfahren seit Jahrhunderten in der Türkei ansässig waren, umgekehrt nach Griechenland.

Flüchtige von allen Fronten
So standen auch auf der Ameiseninsel die Häuser leer, als Musa der Nordwind, ein junger Tscher- kesse, der während des Unabhängigkeitskrieges im Osten der Türkei gekämpft hatte, dort landete. Wie er zum Verwalter der Insel wird, sie zusam- men mit anderen Zufluchtsuchenden wieder- belebt, zusammen mit ihnen die Felder und Gär- ten bewirtschaftet, Bienenzucht und Fischfang betreibt – das wird in den ersten beiden Bänden erzählt. Im dritten Band füllt sich die Insel bis zum letzten noch leerstehenden Haus mit Men- schen, die wie Ya ¸ sar Kemals Eltern jahrelang um- hergeirrt waren; darunter auch eine Gruppe von Kurden aus Südostanatolien, die zur Integration in den Westen der Türkei umgesiedelt wurden. Zu den zentralen Themen des Romans ge- hören die Nachwirkungen von Krieg und Umsied- lung, die immer wieder aufbrechenden traumati- schen Erinnerungen der durch Kämpfe physisch und psychisch Versehrten. Viele von ihnen hatten in den Balkankriegen, im Ersten Weltkrieg und in dem sich anschliessenden Unabhängigkeitskrieg an unterschiedlichen Fronten gekämpft – gegen Griechen, Engländer, Franzosen, Armenier, Rus- sen oder gegen Beduinenstämme, die sich mit einer der Okkupationsmächte verbündet hatten. Irgendwann waren sie zu der Einsicht gelangt, dass sie dem Grauen des Kriegs nicht gewachsen waren, dass sie, um ihr Leben zu retten und nicht selber zu Ungeheuern zu werden, desertieren mussten. Hasan etwa wurde für eine Armee rekrutiert, die gegen die Russen marschierte. Oberbefehls- haber war Enver Pascha, der das «verhungerte, nackte, barfüssige und glatzköpfige Heer» bei Eiseskälte in die Allahüekbar-Berge im Kaukasus trieb. 90 000 starben an Kälte, Hunger, Typhus. Das waren mehr Tote, als es in den grauenhaften Kämpfen in den Dardanellen während des Ersten Weltkriegs gab, an die sich Salman Sami erinnert, einer der beiden auf die Insel geflüchteten Mili- tärärzte. Hasan, der die Eishölle im Kaukasus überstand, weil er die Taschen voller Zucker hatte, erklomm Berghänge, die «schwarz von erfrorenen Soldaten» waren. Die Überlebenden sollten, ent- kräftet und zerlumpt, wie sie waren, in Sarikami ¸ s die russischen Einheiten vertreiben. Wer floh, wurde erschossen, später mangels Munition er- hängt. Hasan desertierte. Auf dem Weg zum Schwarzen Meer gab er vor, auf der Suche nach seinem versprengten Regiment zu sein. Gepeinigt von Todesangst, da ohne Entlassungspapiere, sucht er Monate später auf der Ameiseninsel Zu- flucht, bei Menschen, die Ähnliches wie er an anderen Fronten durchgemacht haben. Damit ist das andere grosse Thema dieses Bandes angesprochen. Wie ist für die aus allen Landesteilen zusammengewürfelten, zufällig auf der Ameiseninsel Gestrandeten nach all dem Er- littenen, nach dem Verlust geliebter Menschen, nach traumatisierenden Ereignissen ein sinn- erfülltes Weiterleben möglich? Musa der Nord- wind beispielsweise vermag nicht, dem Mädchen, das er liebt, seine Zuneigung zu gestehen, weil ihn jedes Mal, wenn er das will, die Erinnerung an ein grausiges Erlebnis heimsucht. Ohnmächtig hatte er mit ansehen müssen, wie die Mädchen und Frauen der Jesiden massakriert wurden. Erst als er den anderen davon erzählt und die Inselbewoh- ner verständnisvoll reagieren, kann er sich von den quälenden Selbstvorwürfen befreien.

Leben, ohne zu vergessen
Die Lebensfreude zurückzugewinnen, ohne die Opfer zu vergessen, ist das eine; klug und tatkräf- tig gegen Kriegsgewinnler, Wendehälse und Rachsüchtige vorzugehen, das andere. Dass die Insel keine Schutzzone ist, dass die Bedrohungen von aussen weitergehen, wird sinnfällig symboli- siert beispielsweise durch eine Gruppe schwarz- gekleideter Männer mit Revolvern. Sie sind auf der Suche nach Musa dem Nordwind, um diesen Anhänger Kemal Paschas im Auftrag von dessen Gegnern zu ermorden. All das erzählt Ya ¸ sar Kemal ungemein an- schaulich und spannend. Er ist ein Meister der kunstvollen Synthese von episch ausschweifenden Schilderungen, die an Erzähltraditionen volks- tümlicher Mythen, Märchen, Legenden anknüp- fen, und eindringlichen Nahaufnahmen, die etwa die Schönheit einer Landschaft oder das Schreck- liche eines Waldes voller Erhängter vor Augen führen. In lebhaften Gesprächen lässt er unter- schiedliche Meinungen aufeinanderprallen, ohne sie zu kommentieren, geschweige denn moralisie- rend einzugreifen. In der geduldigen Erzählweise, im durchdringenden Blick auf die Welt steckt das Urteil des Romanciers. Renate Wiggershaus Ya ¸ sar Kemal: Die Hähne des Morgengrauens. Aus dem Türki- schen von Cornelius Bischoff. Unionsverlag, Zürich 2008. 348 S., Fr. 39.90
 
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