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Zensur von „Beast on the Moon“: Rundfunkbeitrag

 
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Sarkis
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 PostPosted: Tue Apr 27, 2004 4:13 pm    Post subject: Zensur von „Beast on the Moon“: Rundfunkbeitrag Reply with quote Back to top

WDR 3, Resonanzen
z.Hd. Gabriele Gillen
Sendelänge: 3´20´´
Sendedatum: 22.4.04
Arbeitstag: 21.4.04



Armenischer Gedenktag
Devoter Rauswurf mit Verbeugung



Eine Woche sind sie jetzt alt, am 8. Mai enden sie: die „17. Europäischen Kulturtage". Ein unbescheidener Titel, unter dem das eher beschauliche Karlsruhe in diesem Jahr Istanbul zum Thema macht. Das ist löblich und sowieso weltoffen, geschichtsbewusst natürlich auch, denn es wird, Zitat, „die Metropole am Bosporus als Metapher und Tor europäischer Geistesgeschichte dargestellt, verbunden mit dem Zauber und den Problematiken einer Begegnung auf der Schwelle Orient/Okzident.“

Die europäische Geistesgeschichte, speziell die mit der osmanisch-türkischen sich überlappende, hat einige finstere Etappen durchlaufen. Der Genozid an den Armeniern, der am 24. April 1915 mit der Ermordung von 600 armenischen Zivilisten in Istanbul – ja, ausgerechnet in Istanbul – begann und an den zu diesem 24. April seit vielen Jahren in Armenien selbst und in den Gemeinden der auf der Welt verstreuten Armenier erinnert wird – dieser Genozid sollte eigentlich auch während der „17. Europäischen Kulturtage“ thematisiert werden. Das Stück „Beast on the Moon“ des US-amerikanischen Dramatikers Richard Kalinoski sollte aufgeführt werden – und zwar in drei Städten: Karlsruhe, Istanbul und Eriwan, der Hauptstadt von Armenien. Dann aber kam der Generalintendant des Badischen Staatstheaters, Achim Thorwald, und schmiss nach Gutsherrenart das Stück aus dem Programm. Begründung: er wolle – Zitat – „unseren türkischen Freunden den Eindruck ersparen, wir wollten die Türkei hier an die Wand nageln“.

Am 24. April wird in Karlsruhe nun stattdessen zur Musik von Nikolai Rimskij-Korsakow Scheherazade getanzt. Das ist schön und sicherlich auch gehaltvoll, die Märchen aus 1001 Nacht verbreiten ja auch nicht nur eitel Sonnenschein. Achim Thorwald aber, der den Hammer aus der Hand zu legen befahl um seiner türkischen Freunde willen, reiht mit seiner Zensurentscheidung das Festival ein in die Front der Verleugner und Verharmloser, die – nicht nur in der Türkei – den Genozid an den Armeniern für nicht geschehen oder wenigstens doch für längst getauten Schnee von gestern erklären. In Istanbul hat Thorwalds Verdikt bei den Helfern, die das Stück des Karlsruher Ensembles dort mit erheblichem persönlichen Risiko zur Aufführung bringen wollten, blankes Entsetzen ausgelöst. Die türkischen Künstler, Menschenrechtler und Nicht-Leugner des Genozids fühlen sich verraten und verkauft. Die Aufführung des Stückes platzte; eine Liebesgeschichte übrigens, sie spielt in den USA, zwischen zwei dem Genozid Entkommenen, keine blutrünstige Völkermordparaphrase. Thorwald drehte jedenfalls mit seiner Entscheidung den Istanbulern natürlich auch den Geldhahn zu – ebenso wie den Veranstaltern in Eriwan.

Es wird den sicher geschichtskundigen badischen Zensor trösten, dass seine heldenhafte Tat ganz im Sinne der führenden deutschen Politik ist. Die hat sich, anders als die Gesetzgeber der USA, Frankreichs, Griechenlands und anderer Staaten, bislang nicht dazu durchringen können, den Genozid an den Armeniern als Völkermord im Sinne der UNO-Konvention von 1948 zu brandmarken. Mag sein, dass es an der deutschen Mitarbeit liegt, damals, als deutscher Kaiser und osmanischer Sultan im 1. Weltkrieg Seit an Seit standen. Des Kaisers Kanzler Bethmann Hollweg dichtete zur Sache, Zitat: „Unser einziges Ziel ist es, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht.“


Albrecht Kieser, Rheinisches JournalistInnenbüro Köln
email: rjb-koeln@t-online.de
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Sarkis Shahinian
 
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