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[D] Die Armenische Arche Noah

 
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 PostPosted: Tue Jun 01, 2004 1:01 pm    Post subject: [D] Die Armenische Arche Noah Reply with quote Back to top

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Sa 22.Mai 2004 Nr.118 S.4

Die Armenische Arche Noah

Ein Gespräch mit dem Katholikos aller Armenier
Von Rainer Hermann

ETSCHMIADSIN, im Mai. Nur während eines kleineren Teils ihrer Geschichte hatten die Armenier einen eigenen Staat. Immer hatten sie aber eine spirituelle Heimat: Etschmiadsin. Dort im Garten Eden des fruchtbaren Ararat-Tals, steht seit dem jahr 303 eine Kirche, und in ihr residiert seither der Katholikos aller Armenier. Bei wenigen Völkern sind Nation und Kirche so eng miteinander verbunden wie bei diesem. König Tiridates III., von Gregor dem Erleuchter bekehrt, hatte 301 das Christentum zur Staatsreligion Armeniens erklärt. In den vielen dunklen Jahrhunderten der Fremdherrschaft hat die Kirche den Armeniern ein Gefühl von Unabhängigkeit bewahrt. Armenier zu sein und Mitglied der kirche waren eins gewesen. Besonders wichtig war diese Identität für die Diaspora, wo zwei Drittel aller Armenier leben. Allein die Kirche hat sie als Armenier zusammengehalten.

Seit 1991 ist Armenien wieder unabhängig. Die neue Unabhängigkeit stellt die Kirche aber vor eine Herausforderung, die sie bisher nicht gekannt hat. "Aufgabe der Kirche war stets, die nationale Kultur und Identität zu bewahren", sagt Karekin II., der seit 1999 als der 132.Katholikos aller Armenier das Oberhaupt der armenischen apostolischen Kirche ist. Zu Zeiten der Sowjetunion war die Kirche mit dem Staatsdogma des Atheismus konfrontiert, seit dem Ende der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Armeniens versuchen nun aber Missionare, die armenischen Christen von ihrer nationalen Identität zu entfremden.

Karekin II. läßt in einem Gespräch mit dieser Zeitung keinen Zweifel daran, daß es ihm nicht gefällt, wenn die Missionare, meist Zeugen Jehovas und Mormonen aus den Vereinigten Staaten, die gleichen Rechte hätten wie die mehr als 1700 Jahre alte armenische apostolische Kirche. Der Katholikos, der 1951 nahe Etschmiadsin geboren wurde, wirft den Missionaren vor, die Armenier zu einem Volk machen zu wollen, das nichts mehr mit seiner Geschichte und seiner Kultur zu tun habe. "Sie haben ein neues kulturelles Modell im Sinn", sagt Karekin II., der von 1972 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien studiert hatte und von 1975 bis 1979 in Köln als einziger armenischer Geistlicher für Deutschland neun Gemeinden betreute.

Auch klagt das Oberhaupt der armenischen Kirche die meist amerikanischen Missionare an, die moralischen Begriffe zu zerstören. Nicht durch ihre Predigten würden sie die Gläubigen gewinnen, sondern durch materielle Vorteile und die Ausnutzung der sozialen Situation der Menschen. Dem Einzelnen werde suggeriert, er könne durch den Verkauf seines Glaubens verdienen, urteilt Karekin II. scharf. Dabei sei doch immer der Glaube die Basis der armenischen Existenz gewesen. "Die Kirche war für das armenische Volk stets die Arche Noah", vergleicht er. Wie stark die Gefahr auch immer gewesen sei, das Volk habe sich in der Kirche gesammelt.

In den Jahren der Unabhängigkeit Armeniens hat sich für die Kirche aber auch vieles zum Besseren gewendet. Zu Sowjetzeiten habe sich vielleicht einmal im Jahr ein junger Mann zum Geistlichen ordinieren lassen; und viele Kirchen waren zugesperrt. Das christliche Leben habe Schaden genommen. Heute seien es bis zu 40 Priesterweihen im Jahr, freut sich der Kirchenführer. Durch Spenden und großzügige Wohltäter werden alte Kirchen renoviert und neue gebaut. Der Staat hat die große, Gregor dem Erleuchter geweihte Kathedrale im Zentrum von Eriwan errichtet. Auch wenn der Staat den Missionaren zu viele Freiheiten läßt, ist das Verhältnis zwischen Staat und Kirche gut. Verfassungsrechtlich seien sie zwar getrennt, in der Praxis würden sie sich aber gegenseitig helfen, sagt Karekin II., und er lobt die im vergangenen Jahr mit der Regierung erzielte Übereinkunft, in den Schulen Kirchengeschicht
e zu unterrichten. Denn Nationale geschichte sei ohne die Geschichte der Kirche kaum zu verstehen, fügt er hinzu.

Eine Aufgabe liegt dem Kirchenoberhaupt besonders am Herzen: das soziale Engagement. Die Kirche organisiert Suppenküchen und Hilfen für Waisen, unterstützt Bedürftige, baut die Seelsorge aus, ob als Gefangenen- oder Militärseelsorge. Auch treibt der Katholikos den Ausbau der Sonntagsschulen voran. Denn die Missionare sind auch deswegen erfolgreich, weil in Sowjetzeiten die Grundlagen des christlichen Glaubens und die Geschichte des armenschen Volks nicht mehr vermittelt worden waren. Um die Jugend an sich zu binden, baue die Kirche ehemals sowjetische "Pionierzentren" in moderne Jugendzentren um, sagt Karekin II. In ihnen könnten die Jugendlichen an ihren Talenten arbeiten. So hofft der Kichenführer, daß die armenische apostolische Kirche ihren Platz in der Gesellschaft zurückgewinnt und wieder das Identität stiftende Band für die drei Millionen Armenier in Armenien und die sechs Millionen Armenier in der Diaspora wird.
 
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