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[D] Der Tabubrecher: Türkischer Autor vom Staat verfolgt

 
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 PostPosted: Wed Apr 06, 2005 9:19 am    Post subject: [D] Der Tabubrecher: Türkischer Autor vom Staat verfolgt Reply with quote Back to top

6. April 2005 | Frankfurter Rundschau | Gerd Höhler | Frankfurt am Main

Der Tabubrecher

Türkische Nationalisten entfachen eine Kampagne gegen den Schriftsteller Orhan Pamuk und seinen jüngsten Roman "Schnee"


Frömmelnde Islamisten, kurdische Nationalisten, folgende Polizisten, Geheimdienstspitzel, korrupte Lokalpolitiker, verträumte linke Revolutionäre, Attentäter, putschende Kemalisten - das ist das Personal, das der bekannteste türkische Schriftsteller in seinem Roman Schnee aufeinander loslässt (FR vom 16. März). Schnee, die Geschichte eines Dichters, der in einer südostanatolischen Provinzstadt einschneit, ist gleichzeitig ein scharfes Porträt der politisch zerissenen Türkei im ausgehenden 20. Jahrhundert.

Der jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegende Roman ist in Pamuks Heimat bereits 2002 erschienen. Gelesen haben ihn dort aber damals offenbar wenige. Erst jetzt entdeckten Kritiker Passagen in dem Roman, in denen Pamuk ein türkisches Tabu berührt: Der Prostagonist sinniert bei seinen Gängen durch die Stadt über die leer stehenden Häuser und die zerstörten Kirchen der Armenier. Es geht um den bis heute offiziell geleugneten Völkermord an den Armeniern während und nach dem Ersten Weltkrieg. Pamuk selbst machte auf diese Passagen seines Buches aufmerksam, als er kürzlich im Interview mit dem Zürcher Tagesanzeiger sagte: "Man hat hier 30 000 Kurden umgebracht und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich."

Gegen den als Nobelpreisträger gehandelten Autor, dessen Bücher in drei Dutzend Sprachen übersetzt wurden, läuft in der Türkei deshalb seit Wochen eine beispiellose Hetzkampagne. Pamuk wird mit Morddrohungen und Schmähungen angefeindet. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz im südanatolischen Isparta zerrissen Vertreter mehrerer Gewerkschaften und Kammern am vergangenen Wochenende demonstrativ Fotos des Romanciers. "Dieser angebliche Schriftsteller trinkt das Wasser dieses Landes, isst sein Brot und unterstützt zugleich die armenische Lobby", ereiferte sich der Gewerkschaftsfunktionär Sebahattin Öztürk.

Zuvor hatte der Landrat von Isparta, Mustafa Altinpinar, Weisung gegeben, alle Bücher Pamuks aus Buchhandlungen und Bibliotheken zu entfernen und zu vernichten. In den Büchereien und Buchläden des Bezirks fanden sich allerdings gar keine Schriften des berühmtesten türkischen Romanciers - ein Armutszeugnis. Die Anwaltskammer von Kayseri erstattete derweil gegen Pamuk Anzeige wegen Verstoßes gegen die Artikel 159 und 312 des türkischen Strafgesetzbuches. Sie bedrohen die "Beleidigung der Türkei und ihrer Staatsorgane" sowie "Aufhetzung des Volkes zum Hass" mit langjährigen Haftstrafen.

Auch türkische Medien schüren die Pogromstimmung gegen Pamuk: "Bedeutet Meinungsfreiheit auch Freiheit zum Verrat?", fragte die Tageszeitung Vatan. Und das Massenblatt Hürriyet nannte Pamuk verächtlich eine "elende Kreatur".

Die Drohungen bleiben nicht ohne Wirkung: eine geplante Lesereise nach Deutschland sagte Pamuk ebenso ab wie einen Besuch bei der Literaturmesse lit.Cologne. Auch Interviews gibt er nicht mehr. Er wolle verhindern, dass seine Gegner noch mehr Öffentlichkeit bekommen, sagt der Romancier.

Artikel

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 PostPosted: Fri Apr 08, 2005 7:57 am    Post subject: Alle heiklen Fragen gestellt: Pamuk, türkischer Schriftstel. Reply with quote Back to top

16. März 2005 | Die Welt | Iris Alanyali | Hamburg

Alle heiklen Fragen gestellt
Orhan Pamuk, türkischer Schriftsteller


Früher wollte Orhan Pamuk Dostojewski werden. Oder Thomas Mann. Oder wenigstens Proust. Aber als Türke ist das nicht so einfach. "Wenn Proust über die Liebe schreibt", klagte Pamuk einmal unmutig, "dann schreibt Proust über die Liebe. Wenn ich über die Liebe schreibe, dann ist das ,türkische Liebe"." Denn als türkischer Schriftsteller im Ausland ist man nicht einfach nur Schriftsteller, da ist man Botschafter, Wahrsager und Jahrmarktsattraktion in einem.

Und nie war der Rummel um Orhan Pamuk größer als jetzt, da er mit "Schnee" seinen ersten politischen Roman vorgelegt hat. Ausgerechnet Pamuk erzählt eine hochaktuelle Geschichte, die im tiefsten ostanatolischen Kars spielt, eine Geschichte von Mädchen, die sich umbringen, weil sie ihr Kopftuch nicht mehr tragen dürfen, von Fundamentalisten, die im Namen Gottes und mit Gewalt die Macht in der Stadt übernehmen wollen, von überzeugten Säkularisten, die im Namen Atatürks vorsorglich einen Militärputsch inszenieren, und von einem Schriftsteller, der der Liebe wegen zu Besuch gekommen ist und zwischen all diesen Kräften umhertaumelt.

Ausgerechnet Pamuk also hat einen Roman mit all den Ingredienzien geschrieben, über die das Ausland mit Profi-Türken gern redet: Kurden, Kopftuch, Kemalismus. Und weil Pamuk ein kluger und kritischer Bebachter der türkischen Verhältnisse ist, werden solche Gespräche mit ihm auch besonders gern geführt. Anfang Februar führte das Schweizer "Magazin" eines davon. Es ging um türkischen Nationalismus und Vergangenheitsbewältigung, und es fiel Pamuks Satz: "Man hat hier 30 000 Kurden umgebracht. Und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich."

Ja, das tun sie, die Nationalisten. Nachdem das Interview in der Türkei bekannt wurde, brach ein Sturm los. Ein Sturm an Häme, Drohungen und Beschimpfungen, in dem es sogar dem an Anfeindungen seiner Landsleute gewöhnten Pamuk eisig kalt wurde. Der dazu führte, daß er das Land verließ, und daß der Hanser Verlag jetzt seine Lesereise durch Deutschland absagte: Der Autor bedaure sehr, verzichte allerdings angesichts der Spannungen in der Türkei derzeit auf öffentliche Auftritte.

Dabei ist das für Pamuk eine sehr harmlose Äußerung, und solange man nicht das Wort "Genozid" gebraucht, reagieren auch die Aufpasser, die auf die Wahrung des offiziellen türkischen Geschichtsbildes achten, mittlerweile eher gelassen. Im Hinblick auf die Armenier scheint sich ganz behutsam eine Entwicklung anzubahnen. In Istanbul eröffnete Premierminister Erdogan ein Museum zur armenischen Geschichte, das Buch einer Türkin, die die tragische Geschichte ihrer armenischen Großmutter ("Anneannem") erzählt, bekommt großes positives Echo, und der Parlamentsausschuß für die Beziehungen zur EU hat beschlossen, türkische und armenische Historiker zu einem Runden Tisch einzuladen.

Wer aber das hochempfindliche, störrische politische Bewußtsein der Türken kennt, weiß: Gerade deshalb reagiert das Land noch empfindlicher auf Kritik von außen als sonst. Und die Kritik häuft sich kurz vor dem 90. Jahrestag des Auftakts der Massenmorde an den Armeniern am 24. April. Allein in Deutschland erst die Debatte um den Verweis auf den Mord in brandenburgischen Schulbüchern, dann der Antrag der CDU/CSU-Fraktion, des Jahrestages zu gedenken - und nun der ewige Nörgler Pamuk im Interview mit einer deutschsprachigen Zeitung. Denn ironischerweise wird der Vorzeige-Türke Pamuk im Inland gern für sein Untürkischsein kritisiert - er schreibe viel zu westlich und biedere sich dem Ausland an.

Tatsächlich erntete "Schnee" immenses Aufsehen in Amerika. Als das Buch dort im Herbst erschien, widmete die "New York Times Book Review " ihm die ganze erste Seite, auf der Margaret Atwood bescheinigte, "grundlegende Lektüre für unsere Zeit" darzustellen. Im "New Yorker" war John Updike voller Bewunderung für den politischen Mut, den der "wahrscheinlichste Nobelpreiskandidat der Türkei" bewiesen habe. Und George W. Bush hatte Pamuk schon vorher während eines Nato-Treffens in Istanbul als "Brücke zwischen den Kulturen" gepriesen.

Die Brückenfunktion Pamuks drängt sich tatsächlich auf, nicht nur weil Pamuk Ende der Achtziger drei Jahre in New York gelebt hat. 1952 in Istanbul geboren, wuchs er im vornehmen Stadtteil Nisantasi auf. Sein Großvater gehörte zu den ersten Industriellen der Türkei und brachte mit Eisenbahnschienen viel Geld in die Familie, seine Großmutter trug atheistische Gedichte vor - die Pamuks waren eine eher unpolitische, aber streng säkulare Familie, sehr typisch für die türkische Oberschicht. "Ich bin nicht religiös", sagt Pamuk, "meine Religion ist die Kunst des Romans." Auf Deutsch sind neben "Schnee" vier Bücher erschienen, in denen er osmanische Tradition und westliche Moderne verknüpft.

Die kümmerliche Froschperspektive aber, die die türkische Boulevardpresse gern annimmt, läßt Intellektuelle nicht gut aussehen. Atatürks selbsternannten Enkeln ist Pamuk nicht nationalistisch genug, Gläubige kritisieren seine weltliche Sicht, linken Intellektuellen ist er zu bourgeois. Und mit "Schnee" hat Pamuk jedem einzelnen von ihnen mit großer Geste und teuflischem Grinsen ein Geschenk gemacht. Denn "Schnee" paßt allen und keinem. "Schnee" ist ein politischer Roman, wie ihn in der Türkei nur Orhan Pamuk schreiben kann: Voller Politik und ohne eindeutige politische Aussage. Denn es treten auf: Charismatische Fundamentalisten. Idiotische Fundamentalisten. Kluge Säkularisten. Gefährliche Säkularisten. Verbohrte Nationalisten. Sympathische Nationalisten. Und am Ende lautet das revolutionäre Fazit, das Pamuk in mehreren Interviews unter sein Buch gestellt wissen wollte: "Das Leben ist kurz, das Leben ist schön, also kümmere dich nicht um die Politik, sondern nimm dein Mädchen und renn!"

Im Grunde schreibt Pamuk seit Jahren den einen türkischen Roman. Die eine, große türkische Liebesgeschichte. Über eine Beziehung voller Angst und Eifersucht, Hingabe und Abhängigkeit, Größenwahn und Selbstzerknirschung - die Haßliebe zwischen der Türkei und dem Westen. Orhan Pamuk liebt die osmanische Kultur ebenso wie er eine tiefe Verehrung für die "europäische Idee" hegt, die "so großartig" sei, daß sie aus Fundamentalisten Liberale mache", wie die Progressivität der islamischen Regierung gegenwärtig beweise. "Mein kleiner Trick ist", sagte Pamuk einmal zum Taumeln der Türkei zwischen islamischer und westlicher Kultur, "diese zwei geistigen Richtungen als eine einzige zu betrachten und diesen Kampf nicht als Schwäche, sondern als eine Kraft zu begreifen". Es ist sein Unglück und könnte das der Türkei sein, daß manche diese Kraft nicht begreifen wollen.

Artikel erschienen am Mi, 16. März 2005

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 PostPosted: Wed May 25, 2005 1:56 pm    Post subject: Die unheimliche Kraft Reply with quote Back to top

22. Mai 2005 | CULTKURD NEWS

Die unheimliche Kraft
Eine Herausforderung: Orhan Pamuks Roman "Schnee"


Eine Theaterbühne in einem der hintersten Winkel der Türkei. Ein Mann und eine Frau streiten über das Kopftuch, mit dem die schöne junge Frau ihr Haar verhüllt. Darf sie gezwungen werden, das Kopftuch abzulegen? Was wiegt schwerer, die Staatsräson eines säkularen Staates oder die persönliche Freiheit eines religiösen Glaubens? Und wann ist die schöne Kadife eigentlich frei? Wenn sie das vermeintliche Symbol der Unterdrückung der Frauen im Islam gegen ihren Willen ablegt oder es stolz und aus freien Stücken trägt? Darf sie zu einer Freiheit gezwungen werden, die für sie die größte Unterdrückung wäre?

Das Theaterstück, das in der kleinen, heruntergekommenen Stadt Kars aufgeführt wird, stammt aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Jetzt wird die Aufführung vom lokalen Fernsehsender "Grenzland-TV" übertragen, und sämtliche Bewohner von Kars sitzen vor ihren Fernsehern, verfolgen gebannt die erste Live-Übertragung in der Geschichte ihres Heimatortes und fragen sich, wie es möglich ist, daß die neunzig Jahre alten Dialoge klingen, als stammten sie von heute. Hat sich nichts geändert in der Türkei? Kehrt die Geschichte unversehens zurück? Oder leben die Bewohner der Grenzstadt im äußersten Winkel Ostanatoliens in einem Zeitloch zwischen Vergangenheit und Zukunft?

Orhan Pamuks Roman "Schnee" beschreibt auf vielen Ebenen die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Viele Dinge, die nicht zusammenpassen, greifen in Kars auf unbegreifliche Weise ineinander. Wie zu Zeiten Atatürks liegen säkulare und religiöse Kräfte wieder im Streit miteinander. Enttäuschte Linke, revolutionäre Islamisten und kurdische Nationalisten kommen hinzu, und im Hintergrund ziehen Polizei, Militär und Geheimdienste die Fäden. Mit den Gewißheiten und Überzeugungen der Figuren dieses Romans verhält es sich dabei so wie mit dem Schnee, der ihm den Titel gegeben hat: Sie können alles verändern, verhüllen und unter einem dicken, weichen Mantel verschwinden lassen. Und sie können in Sekundenschnelle schmelzen, wie eine Schneeflocke, die auf eine warme Motorhaube fällt.

In den schweren Lastwagen, die nachts durch Kars fahren, sitzen Soldaten und Angehörige eines obskuren Sonderkommandos. Sie stürmen die Bühne, als das Geschehen dort zu eskalieren droht, und die Bewohner von Kars glauben zunächst, all dies gehöre noch zum Stück: die Uniformen, die Schüsse, das Blut. Aber die Soldaten sind echt. In Kars, wo ein Sieg der Islamisten bei den Bürgermeisterwahlen bevorsteht, findet eine Militäraktion statt. Menschen werden erschossen, verhaftet, zusammengeschlagen und mißhandelt.

Der Dichter Ka wird in dieser Nacht zum Verräter. Er, der in der großen Stadt Istanbul aufwuchs, aber seit Jahren im politischen Exil in Deutschland lebt, war gekommen, um eine Reportage über das Städtchen zu schreiben, in dem sich mehrere junge Frauen umgebracht haben. Die sogenannten "Turban-Mädchen" wurden vom Rektor der Hochschule verwiesen, weil sie sich weigerten, ihre Kopftücher abzulegen. Der Rektor handelte auf Anweisung der Regierung, die Mädchen handelten aus Überzeugung, aus Verzweiflung und Stolz.

Vor der Theateraufführung spricht Ka mit allen Beteiligten, also mit der ganzen Stadt. Er geht zu den Eltern der Toten und zu ihren Freundinnen, er redet mit den jungen Männern der Predigerschule, die in die "Turban-Mädchen" verliebt sind, und er redet mit der Polizei, die ihm sofort einen Beamten zur Seite stellt, der ihn begleitet, bespitzelt und beschützt. Aber Ka hatte noch einen anderen, wichtigeren Grund, in die entlegene Stadt zurückzukehren, die ihm in seiner Jugend vertraut war. Hier lebt die schöne Ipek, eine Freundin aus Studientagen und das Ziel seiner Sehnsucht.

In Deutschland ist Ka ein türkischer Dichter, der nicht mehr schreiben kann und in seiner kleinen Wohnung im Frankfurter Bahnhofsviertel an Einsamkeit, Entfremdung und Depression zugrunde geht. In Istanbul ist er einer von vielen, die irgendwann aus politischen Gründen das Land verlassen haben und nach denen heute kein türkischer Hahn mehr kräht. In Kars ist er doppelt fremd, weil er aus dem fernen, als westlich geltenden Istanbul stammt und nun in Deutschland lebt. Aber zugleich gilt er hier als großer türkischer Dichter, als eine Berühmtheit, der Ehrerbietung gebührt.

Im Gespräch mit dem Besitzer der "Grenzstadtzeitung" erhält Ka nun eine Lektion in modernem Lokaljournalismus: In einem Bericht über den Theaterabend, der verfaßt wurde, bevor das Ereignis stattfand, liest Ka zu seinem Erstaunen, wie er im Theater ein Gedicht vorträgt, das er noch gar nicht geschrieben hat. Der Lokalreporter klärt ihn auf: "So manchen Vorfall hat es nur gegeben, weil wir ihn im voraus zur Meldung gemacht hatten. Das ist moderner Journalismus! Ich bin sicher, daß Sie erst ein Gedicht mit dem Titel ,Schnee' schreiben und sich dann dorthin begeben und es vortragen werden, um uns nicht in unserem Kars das Recht auf Modernität zu nehmen und unser Herz zu brechen."

Genauso wird es kommen. Ka stürzt sich in die größten Herzensverwirrungen mit der schönen Ipek und ihrer Schwester Kadife, er muß mit ansehen, wie ein Fanatiker den Hochschuldirektor vor seinen Augen erschießt, er küßt einem fundamentalistischen Scheich in einer plötzlichen aufwallenden Glaubenssehnsucht die Hand; er weint um einen Jungen aus der Predigerschule, der die Gattung der islamischen Science-fiction begründen wollte, und er wird in das Versteck eines im ganzen Land gesuchten Terroristen geführt. Aber noch im größten Taumel der Ereignisse setzt Ka sich plötzlich in einen stillen Winkel und schreibt Gedichte, die ihn hier, in Kars, dem Kaff am Rande von Revolution, Putsch und Bürgerkrieg, plötzlich wieder zufliegen. Ka kann schreiben, weil ihn die ganze Stadt für einen Dichter hält. Der Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern macht auch Dichter.

Der Glaube ist der Motor, der die Geschehnisse in Kars vorantreibt. Glaube und Unglaube, Irrglaube und Aberglaube sind unheimliche Kräfte, die geben und nehmen, beflügeln und lähmen, heilen und zerstören. Aber Orhan Pamuk hat keinen theologischen Roman geschrieben. Die Frage, ob es einen Gott gibt und welche seiner Gebote auf welche Weise zu befolgen seien, bleibt unbeantwortet. Pamuk zeigt, was mit Menschen geschieht, die sich solche Fragen stellen und darüber in immer größer, immer undurchschaubarer werdende Zusammenhänge geraten. Darin besteht die Faszination dieses Romans: Indem Pamuk zeigt, wie das Privateste zum Öffentlichsten, wie Religion zur Politik und Politik zur Religion wird, läßt er uns nicht nur etwas über Kars, die Türkei und den politischen Islam erfahren, sondern macht uns begreiflich, warum uns das etwas angeht.

Es ist beileibe nicht immer einfach, diesem verschachtelten, mehr als fünfhundert Seiten umfassenden politischen Roman zu folgen, der auch Künstler-, Kriminal- und Liebesgeschichte sein will. Pamuk besticht durch seine Dialoge, die komplexe Konstruktion und die subtile Zeichnung seiner Figuren, aber nicht selten ist er langatmig, umständlich, stilistisch zuweilen recht unambitioniert und überdies maßlos in seinem Anspruch. Denn die vermessene Behauptung, mit der Pamuk antritt, lautet: Es kann euch nicht egal sein, was in dem ostanatolischen Kaff, dessen Namen ihr nie zuvor gehört habt, vor mehr als zehn Jahren im Laufe einiger verschneiter Wintertage so oder so ähnlich geschehen sein könnte. Nach der Lektüre dieses Buches ist es uns tatsächlich nicht mehr egal. Das ist kein Wunder, sondern Literatur.

In seiner Heimat wird derlei noch immer gefürchtet. Deshalb ist Orhan Pamuk in große Schwierigkeiten geraten. Zu dem Ärger, den sowohl der politische Islam wie das säkularistische Militär über seinen Roman empfinden, kam offene Empörung, als Pamuk in einem Interview in einer Schweizer Tageszeitung äußerte, die Türkei müsse sich den historischen Untaten an den Armeniern endlich stellen. Er wurde beschimpft und bedroht, mußte Lesereisen aus Sicherheitsgründen absagen und verließ schließlich vorübergehend sein Heimatland. Hierzulande sehen manche darin eine Bestätigung ihrer Überzeugung, daß die Türkei nicht in die Europäische Union gehöre. Pamuk selbst hat dem widersprochen. Sein Roman indes bezieht in dieser Frage keine eindeutige Position. Nichts in diesem herausfordernden Buch ist nur schwarz, und einzig der Schnee, der unaufhörlich darin fällt, scheint weiß und rein. Wer diese Reinheit bewundert, sollte sich vor Schneeblindheit hüten.

Orhan Pamuk: "Schnee". Roman. Aus dem Türkischen übersetzt von Christoph K. Neumann. Hanser Verlag, München 2005. 517 S., geb., 25,90 [Euro].
 
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 PostPosted: Mon Jun 27, 2005 4:17 pm    Post subject: [DE] Interview from Orhan Pamuk by Die Zeit Reply with quote Back to top

DIE ZEIT

Features » Literature

Orhan Pamuk, 52, Turkey's most famous author, spoke in February with the Swiss newspaper Tages-Anzeiger about the Turkish genocide of the Armenians. Since then he has met with unmitigated hatred in his home country. His books were burned at a nationalist demonstration in Bilecik, a district administrator ordered them to be removed from libraries, and his photo was ripped apart at a rally in Isparta province. Hürriyet, Turkey's largest newspaper, has called Pamuk an "abject creature". The International PEN Foundation has demanded that the Turkish government condemn these attacks. For security reasons, Pamuk has cancelled a tour to Germany, where he was to read from his new novel "Snow". Jörg Lau, editor of Die Zeit, met the author in New York and persuaded him to accept an interview.

2005-04-18
The Turkish trauma
Jörg Lau talks to author Orhan Pamuk about freedom in Turkey, the trauma of its people and the dwindling enthusiasm for the EU
Jörg Lau: Mr Pamuk, your new book "Snow" is a political novel. It is populated with revolutionary Islamists, Turkish and Kurd nationalists, disillusioned left-wingers looking for God, and girls who are committing suicide because they are prevented from wearing head scarves. Although you show no bias to any one position, you have come under considerable political pressure. Life seems to be imitating your writing in a strange way.

Orhan Pamuk: I'm not writing a political novel to make propaganda for some cause. I want to describe the condition of people's souls in a city. The city is called Kars and it is situated in the outermost north-easterly edge of Turkey, but it is a microcosm which to some extent stands for Turkey as a whole.

"Snow" was initially very well received in Turkey. So why is everyone so upset now?

My publisher initially had misgivings about publishing the book in its current form. Remember that in 2002, we had much tighter restrictions on freedom of expression than after Erdogan pushed through the liberal reforms with an eye to the EU. So we showed the manuscript to a lawyer but I took no heed of his suggestions. The first edition was 100,000 copies which was a considerable financial risk for the publishers. I was quite proud that the book was not banned or censored. There was some controversy but not the sort of hostile voices making themselves heard now.

What sparked the controversy?

Some of my secular readers were furious that I showed so much empathy towards a young girl who wears a head scarf of her own free will. I can understand that, especially when it comes from women. Women are the most hard hit by political Islam. My detailed descriptions of the cruelties of a military coup offended some nationalists. And some didn't like that I sympathised with the Kurds. But these are all just elements of our complicated history.

Why does the book take place in the poor, cold Kars and not in your home city of Istanbul?

In Kars you can quite literally feel the sadness that comes from being a part of Europe, and at the same time the sparse, hard-fought very un-European life. My novel deals with the inner conflict of Turks today, the contradictions between Islam and modernity, the longing to be part of Europe - and the fear of it at the same time.

So it's about conflict?

Well, on the one hand Turks have a legitimate need to defend their national dignity – and this includes being recognised as part of the West and Europe. But then there's also the fear of losing one's identity in the course of westernisation. The opponents of this process have always tried to denounce westernisation as a poor imitation. But they are also able to ingnite every possible political passion – from nationalism to Islamism.

You believe that these movements have a common emotional basis?

That these political movements flourish on the margin of Turkish society has to do with poverty and the fact that these people feel poorly represented. Another factor, one often underestimated by the West, is that the fall of the Ottoman Empire left behind such devastating sadness that it was long impossible to come to terms with the experience. The reaction to this traumatic loss of empire was to retreat into oneself. Faced with the challenge of Western thinking, people tend to focus on themselves and chant like a Sufi: we are different, we will always be different and we are proud to be different.

This trauma of Turkish loss is completely absent from the German perception. We do not see the Turks as the grieving heirs of a world empire.

No you see them – now I'm oversimplifying – as street sweepers and cleaning women. This ignores the fact that from the 16th to the 19th centuries, all the cultural and material wealth of the Middle East was flowing towards Istanbul. Turkey has a highly-educated secular elite.

And your family is one the wealthiest and well-known in this class.

But I still don't really fit into the scheme of things. I chose art over the positivist-rationalist life of an engineer that my family intended for me. I wanted to be a painter at first, then I opted for an architecture degree. And with writing I've finally found my calling.

Has your success made your family change its mind?

My parents were right to be worried about me. In the mid-seventies, it was absurd to think that a young Turk could ever establish himself as an author. Today my books are translated into 35 languages and they sell very well. Sometimes I joke that the hardest part was getting published in Turkish. I spent seven years writing without getting a word into print.

These days it's impossible to ignore the impression that Turkey's enthusiasm for the EU is waning. Why now, when membership is getting ever nearer?

There is a very obvious upsurge in nationalist sentiment. Everybody's talking about it, also in Turkey. The phenomenon is still hard to judge. Is it just a lot of noise from one marginal group or is it a widespread unease coming to light? And haven't we seen similar developments elsewhere? Countries which push hard to join the EU foster nationalism. The opponents seize their last chance and spread fear: You will lose your identity. Can this phenomenon be traced back to the collective unconscious or to the resourcefulness of populist politicians? Whatever it is, the fact that my comments on events in our history (more) provoked so much anger proves that there is a nationalist upsurge.

You once said that the wonderful thing about the European idea is its ability to make liberals out of fundamentalists.

The politics of our ruling party, Erdogan's AKP, confirms this statement. Erdogan's huge popularity is largely based on his pro-European course. The average Turkish citizen longs to join the EU and at the same time, he longs to see his traditional Turkish identity strengthened.

But surely people can't publicly tear up images of critical authors and burn their books and then expect to be called a European! Your novel and the reactions to it have been cited by conservative commentators in Europe as a reason better not to let the Turks in. Something along the lines of: "Do you want to be in the same club as the people in this book?"

It is an appalling distortion to apply my realism to my political convictions. I see the future of Turkey in Europe as a prosperous, tolerant, democratic country among others. My novel is about a specific period in time. In the ten years which have passed since that period, the country has changed a lot. If you lay aside for one moment the reactions to my comments about our past, it's clear that we are living in a different Turkey today.

With its self-critical assessment of history, your book is a typically European novel.

My book has many voices, and I do not comment on them individually. Dostoyevsky was the master of this form of writing. Many of my characters hold ideas which run counter to my own. The challenge is to also make the voices representing opinions I find repugnant sound convincing, whether they belong to political Islamists or to the military vindicating a coup.

The hero of your book is a dyed-in-the-wool secular writer who overcomes his writer's block as soon as he leaves his exile in Germany and returns home, opening himself to a repressed religious longing.

The hero of the book does have a genuine longing for religious experience. But his concept of God is very Western. He is interested in the individual experience, not in the communal experience envisaged by Islam.

You also show that Islam has become a new home for many ex-left-wingers in Turkey.

In the 80s I witnessed die-hard Marxists take refuge in political Islam when their belief system collapsed. This gave them free reign to nurture their anti-Western, anti-state passions. And of course they were part of a group again. My hero also wants to belong somewhere, but he's not willing to sacrifice everything he's learned to love in the West.

In your book an Islamist asks,"Is there another God in Europe?" That is the question about the compatibility of Islam with individualism, secularism, the division of power.

Well, it was Turkey after all that started to develop an Islam like this. It is what Islamic hard-liners disdainfully refer to as Islam-lite, in the belief that they represent "the true Islam".

There are some very likeable Islamists in your book.

I'm not interested in a blanket condemnation of all Islamists as evil, as is often the case in the West. At the same time I am critical of the Islamist perception of the secularists as undignified imitators of the loathed West. I want to destroy the clichees cultivated by both sides. This is what I perceive as the task of a political novel.

What is the state of the political dialogue between the two sides in Turkey?

Traditionally we have had a highly inflexible system of political representation. The prospect of EU membership has shaken everything up. In every camp - the left, the right, the Islamists and the Kemalists - stereotyped thinking has been abandoned. Now pro-European Islamists are ruling Turkey. At some point they understood you can win elections with pro-European politics, because voters feel that will improve their living standards.

Have westernised intellectuals underestimated the power of religion?

In Turkey, the secularists have not underestimated religion, they have just made the mistake of believing they could control everything with the power of the army. But, you know, I don't feel it's my task to put forward general ideas on these subjects.

But your characters certainly have a passion for big ideas.

You're right that the people in my novel are groaning under the weight of ideas. Overburdening oneself with strong ideas is a very Turkish passion. This nation has been rehearsing the transition from one civilisation to another for 200 years, and I can safely say that it is a tortuous experience. "Snow" deals with the difficulties of living with these big, abstract ideas, of surviving them and finding happiness. You know, I've had enough of big ideas. I've been over-exposed to them in my over-politicised country. Literature is my reaction to this, an attempt to turn the game around, and invest it with a certain humour, a certain distance. I want to tell the reader: Don't take everything so dammed seriously. Isn't life beautiful? Pay attention to life's details. The most important thing in life is happiness, and the possibility to survive in this intolerant society we have created. Now I'm starting to preach... (laughs).

One character defends the military coup to the writer: We only kill the fanatics so you can continue dreaming about Europe in freedom, so that things don't go the way they did in Iran.

I have heard this line of argument many a time. I take the political dilemma which this cynical argumentation expresses very seriously indeed. My way of dealing with it is to pose moral questions in my novel. My next book, by the way, is about my childhood in Istanbul, and focuses on the beauty of the everyday. (Here a short essay by Pamuk about Istanbul on the BBC site.)

It sounds contemplative.

I don't want to become part of the dogged political culture I spend so much time criticising. I want to use my literature to awaken a sense of what a privilege it is just to be alive.

*

The article was originally published in German in Die Zeit on 14 April, 2005.

Orhan Pamuk was born in 1952 in Istanbul. He studied architecture and journalism before starting to write. He is the recipient of major Turkish and international literary awards, and his work has been translated into more than thirty languages. Orhan Pamuk lives in Istanbul.

Translation: lp.



DIE ZEIT

16/2005

Achte auf die Details des Lebens

Der berühmte türkische Schriftsteller Orhan Pamuk wird in seiner Heimat massiv bedroht – weil er die Wahrheit sagt. Ein ZEIT-Gespräch über die Freiheit in der Türkei, das Trauma ihrer Bürger und die schwindende Begeisterung für die EU

Von Jörg Lau

DIE ZEIT: Herr Pamuk, Ihr neues Buch Schnee ist ein politischer Roman. Er ist bevölkert von revolutionären Islamisten, türkischen und kurdischen Nationalisten, enttäuschten Linken auf Gottsuche und Mädchen, die sich wegen des Kopftuchverbots umbringen. Obwohl sie selber für keine Seite Partei ergreifen, sind sie nun unter heftigen politischen Druck geraten. Das Leben scheint auf eine merkwürdige Weise Ihr Buch nachahmen zu wollen.

Orhan Pamuk: Schauen Sie: Ich schreibe einen politischen Roman nicht, um für irgendeine Sache Propaganda zu machen. Ich will den Seelenzustand der Leute in einer Stadt beschreiben. Die Stadt heißt Kars und liegt am äußersten nordöstlichen Rand der Türkei, aber sie ist ein Mikrokosmos, der schon in gewisser Weise für die Türkei im Ganzen steht.

ZEIT:Schnee wurde in der Türkei zunächst gut aufgenommen. Warum jetzt die schrillen Töne?

Pamuk: Mein Verleger hatte zunächst Bedenken, es in der Form zu veröffentlichen, die Sie kennen. Sie müssen wissen, dass wir 2002 noch viel stärkere Einschränkungen der Meinungsfreiheit hatten als nach den liberalen Reformen, die Erdoˇgan mit Blick auf die EU durchgeführt hat. Also zeigten wir das Manuskript einem Anwalt, auf dessen Vorschläge ich dann aber nicht eingegangen bin. Die erste Auflage betrug 100000 Exemplare, ein hohes ökonomisches Risiko für den Verlag. Ich war ziemlich stolz, als das Buch nicht verboten oder zensiert wurde. Es gab wohl eine Kontroverse, aber nicht diese feindseligen Stimmen, die sich jetzt erheben.

ZEIT: Woran entzündete sich die Kontroverse?

Pamuk: Manche meiner säkular gesinnten Leser waren erbost, dass ich mich so stark in die Situation von Mädchen hineinversetze, die aus freiem Willen das Kopftuch tragen. Solches Unbehagen verstehe ich, besonders wenn es von Frauen kommt. Frauen sind vom politischen Islam am stärksten betroffen. Dass ich im Detail beschreibe, wie grausam ein Militärcoup sein kann, hat wiederum einigen Nationalisten nicht gefallen. Manchen missfiel auch, dass ich Verständnis für die Kurden aufbringe. Das sind aber nun einmal alles Elemente unserer komplizierten Geschichte.

ZEIT: Warum ist der Ort der Handlung das arme und kalte Kars und nicht Ihr heimisches Istanbul?

Pamuk: In Kars können Sie jene Traurigkeit mit Händen greifen, die daher rührt, zugleich ein Teil Europas zu sein und doch ein uneuropäisch karges, umkämpftes Leben zu führen. Mein Roman handelt von den inneren Konflikten heutiger Türken, von den Widersprüchen zwischen Moderne und Islam, von der Sehnsucht, in Europa aufgenommen zu werden – und zugleich der Angst davor.

ZEIT: Es geht also um Zerrissenheit?

Pamuk: Nun, die Türken haben einerseits das legitime Bedürfnis, ihre nationale Würde zu verteidigen – und dazu gehört die Anerkennung als Teil des Westens und Europas. Aber es gibt eben auch die Angst, im Zuge der Verwestlichung die eigene Identität zu verlieren. Die Gegner dieses Prozesses haben die Verwestlichung immer als schlechte Imitation zu verunglimpfen versucht. Bis zu einem gewissen Grad sind solche Ängste verständlich. Aber sie können eben auch alle möglichen politischen Leidenschaften anfachen – vom Nationalismus bis zum Islamismus.

ZEIT: Sie glauben, diese unterschiedlichen Bewegungen haben gemeinsame Gefühlsgrundlagen?

Pamuk: Dass diese politischen Bewegungen an den Rändern der türkischen Gesellschaft blühen, hat mit der Armut zu tun und damit, dass diese Menschen sich schlecht repräsentiert fühlen. Und was der Westen oft unterschätzt: Niedergang und Verlust des Osmanischen Reiches haben eine derart niederschmetternde Traurigkeit nach sich gezogen, dass eine gesunde Bewältigung dieser Erfahrung lange nicht möglich war. Man reagierte auf den traumatischen Verlust des Reiches durch Insichgekehrtsein. Angesichts der Herausforderung des westlichen Denkens neigte man dann dazu, sich mit sich selbst zu beschäftigen und wie ein Sufi zu wiederholen: Wir sind anders, wir bleiben anders, und wir sind stolz darauf.

ZEIT: Dieses türkische Verlust-Trauma spielt in der deutschen Wahrnehmung keine Rolle. Wir nehmen die Türken bei uns nicht als traurige Erben eines Weltreiches wahr…

Pamuk: …sondern – ich vereinfache jetzt selber – als Straßenkehrer und Putzfrauen. Dabei geht aber verloren, dass zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert der kulturelle und materielle Reichtum des Nahen Ostens nach Istanbul strömte. In der Türkei gibt es eine hoch gebildete, säkulare Elite.

ZEIT: Auch Ihre Familie gehört zu den reichsten und bekanntesten aus dieser Schicht.

Pamuk: Ich passe trotzdem eigentlich nicht ins Schema. Ich habe mich für die Kunst entschieden, statt für das positivistisch-rationalistische Ingenieursleben, das mir zugedacht war. Erst wollte ich Maler werden, dann habe ich mich auf ein Architekturstudium eingelassen. Schließlich habe ich im Schreiben meine Bestimmung gefunden.

ZEIT: Hat der Erfolg die Familie umgestimmt?

Pamuk: Meine Eltern hatten zu Recht Angst um mich. Mitte der siebziger Jahre hatte die Vorstellung, ein türkischer Junge könnte sich als Autor etablieren, etwas Wahnwitziges. Heute werde ich in 35 Sprachen übersetzt, und meine Bücher verkaufen sich sehr gut. Auf Türkisch verlegt zu werden – scherze ich manchmal – war das Schwerste. Ich schrieb sieben Jahre lang für die Schublade.

ZEIT: Man kann sich in diesen Tagen des Eindrucks nicht erwehren, dass die Europa-Begeisterung der Türkei einen Rückschlag erlebt. Warum ausgerechnet jetzt, wo der Beitritt näher rückt?

Pamuk: Es gibt ganz offensichtlich einen Aufschwung nationalistischer Gefühle. Jeder spricht darüber, auch in der Türkei. Dieses Phänomen ist noch schwer zu beurteilen. Macht da eine marginale Gruppe viel Lärm, oder kommt ein breites Unbehagen zum Vorschein? Und hat man ähnliche Entwicklungen nicht auch anderswo beobachten können? Wo sich Länder mit großer Anstrengung an die EU angenähert haben, erblüht auch der Nationalismus. Die Gegner ergreifen ihre letzte Chance und verbreiten Angst: Ihr werdet eure Identität verlieren. Soll man dieses Phänomen nun auf das kollektive Unterbewusste zurückführen oder auf die praktische Cleverness populistischer Politiker? Wie dem auch sei, die Wut über meine Kommentierung der Ereignisse in unserer Vergangenheit zeigt, dass es eine nationalistische Aufwallung gibt.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, das Großartige an der europäischen Idee sei ihre Fähigkeit, aus Fundamentalisten Liberale zu machen.

Pamuk: Die Politik unserer regierenden Partei, Erdoˇgans AKP, bestätigt diesen Satz. Erdoˇgan verdankt seine enorme Popularität nicht zuletzt seinem proeuropäischen Kurs. Der normale türkische Bürger hat sowohl die Sehnsucht, der EU beizutreten, als auch seine althergebrachte türkische Identität bekräftigt zu sehen.

ZEIT: Es geht aber doch wohl nicht an, Bilder von kritischen Autoren öffentlich zu zerreißen oder ihre Bücher zu verbrennen und zugleich als Europäer anerkannt werden zu wollen! Ihr Roman und die Reaktionen darauf wurden von konservativen Kommentatoren in Europa als Grund angeführt, die Türken lieber nicht hineinzulassen. Nach dem Motto: Wollt ihr etwa mit Leuten, wie sie in diesem Buch vorkommen, in einem Klub sein?

Pamuk: Es ist eine üble Verdrehung, meinen Realismus gegen meine politischen Überzeugungen auszulegen. Ich sehe die Zukunft der Türkei in Europa, als ein prosperierendes, tolerantes, demokratisches Land unter anderen. Mein Buch ist ein zeitgeschichtlicher Roman. In den mehr als zehn Jahren, die seit der Zeit vergangen sind, in der er spielt, hat sich das Land stark verändert. Wenn Sie die Reaktionen auf meine Bemerkungen über unsere Vergangenheit einmal beiseite lassen, muss man sagen: Wir leben heute in einer anderen Türkei.

ZEIT: Ihr Buch ist mit seinem selbstkritischen Blick auf die Geschichte ein typisch europäischer Roman.

Pamuk: Mein Buch ist ein vielstimmiger Roman, in dem ich die einzelnen Stimmen nicht kommentiere. Dostojewskij war der Meister dieser Form. Manche meiner Figuren vertreten Ideen, die den meinen zuwiderlaufen. Die Herausforderung besteht darin, auch die Stimmen überzeugend zu machen, die Auffassungen vertreten, die mir persönlich zuwider sind, seien es nun politische Islamisten oder Militärs, die einen Coup rechtfertigen.

ZEIT: Der Held des Buchs ist ein durch und durch säkularer Schriftsteller, der seine Schreibblockade in dem Moment überwindet, wo er aus dem deutschen Exil nach Hause zurückkehrt und sich einer unterdrückten religiösen Sehnsucht öffnet.

Pamuk: Der Held dieses Buchs hat in der Tat Sehnsucht nach einer Gotteserfahrung. Aber seine Gottesvorstellung ist sehr westlich. Es geht ihm um seine individuelle Erfahrung, nicht um ein Gemeinschaftserlebnis, wie es der Islam vorsieht.

ZEIT: Sie zeigen aber auch, dass der Islam für viele Exlinke in der Türkei eine neue Heimat ist.

Pamuk: In den achtziger Jahren habe ich gesehen, wie sich linientreue Marxisten nach dem Zusammenbruch ihres Glaubenssystems zum politischen Islam bekehrt haben. Sie konnten dabei ihre antiwestlichen, antistaatlichen Leidenschaften weiterpflegen. Und sie gehörten wieder zu einer Gemeinschaft. Mein Held will zwar auch irgendwo dazugehören, will aber nicht auf alles verzichten, was er im Westen schätzen gelernt hat.

ZEIT: Ein Islamist fragt in Ihrem Buch: »Gibt es einen anderen Gott in Europa?« Das ist die Frage nach der Vereinbarkeit des Islams mit Individualismus, Säkularismus, Gewaltenteilung.

Pamuk: Nun, die Türkei hat ja schließlich damit angefangen, einen solchen Islam zu entwickeln. Die Hardliner unter den Islamisten nennen ihn verächtlich Islam light und glauben, dagegen den »wahren Islam« zu vertreten.

ZEIT: Es gibt sehr sympathische Islamisten in Ihrem Buch.

Pamuk: Ich will tatsächlich die Islamisten nicht als schlichtweg Böse darstellen, wie es oft im Westen geschieht. Zugleich kritisiere ich den Blick der Islamisten auf die Säkularisten, in denen sie nur unwürdige Imitatoren des verachteten Westens sehen. Ich will die Klischees, die beide Parteien pflegen, erschüttern. Das ist für mich die Aufgabe eines politischen Romans.

ZEIT: Wie steht es denn um den politischen Dialog zwischen den beiden Seiten in der Türkei?

Pamuk: Wir hatten traditionell ein sehr starres System der politischen Repräsentation. Die Möglichkeit des EU-Beitritts hat alles durchgeschüttelt. In jedem Lager – bei den Linken, den Rechten, den Islamisten, den Kemalisten – hat sich das Schubladendenken erledigt. Bei uns regieren jetzt proeuropäische Islamisten. Die haben irgendwann verstanden, dass man mit proeuropäischer Politik Wahlen gewinnen kann, weil die Wähler sich davon eine Verbesserung ihres Lebens versprechen.

ZEIT: Haben die verwestlichten Intellektuellen die Kraft der Religion unterschätzt?

Pamuk: In der Türkei haben die Säkularisten die Religion nicht unterschätzt, sie haben nur den Fehler gemacht, zu glauben, sie könnten sie allein durch die Macht der Armee kontrollieren. Aber wissen Sie, ich sehe meine Aufgabe nicht darin, allgemeine Ideen zu diesen Themen vorzubringen.

ZEIT: Ihre Figuren haben sehr wohl eine Leidenschaft für große Ideen.

Pamuk: Sie haben Recht, das Personal meines Romans ächzt unter der Last der allgemeinen Ideen. Sich durch starke Ideen zu überfordern, das ist geradezu eine türkische Leidenschaft. Diese Nation hat seit 200 Jahren den Übergang von einer Zivilisation in die andere geprobt, und ich kann Ihnen sagen, das ist eine quälende Erfahrung. Schnee ist ein Buch, in dem es darum geht, wie schwer es ist, mit diesen großen, abstrakten Ideen zu leben, sie zu überleben und das Glück zu finden. Wissen Sie, ich habe die großen Ideen gründlich satt. Ich bin ihnen in meinem überpolitisierten Land viel zu sehr ausgesetzt gewesen. Literatur ist meine Reaktion darauf, ein Versuch, das Spiel umzudrehen, einen gewissen Humor, eine gewisse Distanz in die Sache zu bringen. Ich will dem Leser sagen: Nimm diese Dinge nicht so verdammt wichtig. Ist das Leben nicht schön? Achte auf die Details des Lebens! Das Wesentliche im Leben ist Glück und ist die Möglichkeit, in dieser intoleranten Gesellschaft, die wir geschaffen haben, zu überleben. Jetzt habe ich angefangen zu predigen… (lacht)

ZEIT: Eine Figur verteidigt den Militärcoup gegenüber dem Schriftsteller: Wir töten die Fanatiker nur, damit du weiter in Freiheit von Europa träumen kannst, damit es nicht zugeht wie in Iran.

Pamuk: Solche Argumente habe ich wirklich immer wieder zu hören bekommen. Ich nehme das politische Dilemma, das in dieser zynischen Argumentation zum Ausdruck kommt, sehr ernst. Meine Art, damit umzugehen, ist es, moralische Fragen auf der Bühne meines Romans in Szene zu setzen. In meinem nächsten Buch allerdings – es handelt von meiner Jugend in Istanbul – steht die Schönheit des Alltags im Vordergrund.

ZEIT: Das klingt beschaulich.

Pamuk: Ich möchte nicht zu einem Teil der verbissenen politischen Kultur werden, die ich selber so oft kritisiere. Ich möchte durch meine Literatur das Gespür dafür wecken, welch ein Privileg es ist, einfach da zu sein.

Das Gespräch führte Jörg Lau
 
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 PostPosted: Mon Jun 27, 2005 4:19 pm    Post subject: Orhan Pamuk und die politische Korrektheit Reply with quote Back to top

26. Juni 2005 || Frankfurt

Sohn eines Schöngeistes
Orhan Pamuk und die politische Korrektheit/Von Wolfgang Günter Lerch

"Nobelpreis (Nobel ödülü) der Deutschen" an Orhan Pamuk. Unter dieser wohl etwas ironisch zu interpretierenden Überschrift hat die Europa-Ausgabe der türkischen Zeitung "Hürriyet" dieser Tage berichtet, daß der international bekannte türkische Autor in diesem Jahr den Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels erhält. Er fügt sich damit in eine Reihe von noblen Preisträgern ein. Die Zeitung erwähnt, daß sich Pamuk in der Kurden- und Armenierfrage besonders engagiert habe. Das tut sie nicht ohne Grund, denn die Ansichten Pamuks zu diesen Themen sind ihr fremd.

Tatsächlich hatte der Romancier im vergangenen Frühjahr ein Kesseltreiben in der Türkei gegen seine Person hervorgerufen, als er in einem Gespräch gesagt hatte, die Türken hätten 30000 Kurden getötet und eine Million Armenier umgebracht. "Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also tue ich es." Mit diesen Sätzen wandte er sich gegen die in der Türkei übliche Apologetik, die Armeniermassaker würden von westlichen Historikern verzerrt dargestellt, die Ereignisse während des Ersten Weltkrieges bewußt zuungunsten der Türken entstellt und Teile der Wahrheit, etwa die von Armeniern geübte Gewalt und die Leiden der muslimischen Bevölkerung, weggelassen. Nicht nur Zeitungen beschimpften ihn, der Autor bekam auch Morddrohungen aus der Bevölkerung und wurde als "Vaterlandsverräter" dargestellt. Eine Welle des Nationalismus wurde in jenen Wochen beobachtet, nachdem die Türkei im vergangenen Dezember die Zusage erhalten hatte, die Europäische Union werde am 3. Oktober dieses Jahres Gespräche über einen Beitritt Ankaras als Vollmitglied aufnehmen. In diese Stimmung paßte keine "Nestbeschmutzung", weder im Lager der EU-Befürworter noch in dem der gestandenen Nationalisten.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war der Schriftsteller, Jahrgang 1952 und in Istanbul "als Sohn eines Schöngeistes", wie er sagt, und Enkel eines Unternehmers geboren, in die Riege jener politischen Autoren seines Landes aufgestiegen, zu der er eigentlich nicht gehören will. Pamuks sensible und komplexe Romane, von denen bisher fünf auf deutsch erschienen sind, handeln von den Schwierigkeiten zwischen westlicher und islamischer Welt sowie von den Identitätskonflikten in der islamisch geprägten türkischen Gesellschaft selbst, die zwischen Orient und Okzident, Modernismus und Nationalismus hin und her gerissen ist. Natürlich sind das eminent politische Themenkomplexe, doch lehnte Pamuk es immer ab, ein typisch politischer Autor zu sein, wie das seit den Tagen der Tanzimat-Reformen (1839 bis 1877) mit ihren bisweilen platt lehrhaften Tendenzen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und auch in der Atatürk-Ära häufig der Fall war. Er steht auch keiner Partei nahe und trommelt für nichts und niemanden; auch nicht für die EU-Vollmitgliedschaft der Türkei. In dieser Angelegenheit hält sich der Schriftsteller eher zurück.

Im Gefängnis - wie die meisten bekannten Autoren seines Landes im 20. Jahrhundert - war er noch nicht. Aber immer wieder hat sich Orhan Pamuk zu Fragen der Politik geäußert. So war er der erste Schriftsteller überhaupt, der gegen die 1989 in Iran von Ajatollah Chomeini erlassene Todes-Fatwa gegen den britischen Schriftsteller Salman Rushdie protestierte. Ebenso wandte er sich gegen die Verfolgung Yasar Kemals, der 1997 ebenfalls den Friedenspreis in der Paulskirche erhielt, durch die türkische Justiz oder des Satirikers Aziz Nesin, dessen zehnten Todestages gegenwärtig in der Türkei wie außerhalb gedacht wird. Nesin, der über hundert Romane hinterlassen hat, wäre zwei Jahre vor seinem Tod beinahe von einer Gruppe islamistischer Fanatiker, die in der ostanatolischen Stadt Sivas ein Hotel, in dem linke Liedermacher und Dichter tagten, in Brand gesteckt hatten, ermordet worden. Damals wurden 37 Menschen getötet. Das zeigt, wie real Gefahren in manchen Gebieten der Türkei bisweilen noch sein können.

Pamuk, alles andere als ein religiöser Eiferer, setzte sich außerdem dafür ein, die Kopftuchfrage bei türkischen Studentinnen nicht dogmatisch, sondern flexibel zu lösen. Nicht nur Lehrerinnen und Professorinnen ist das Tragen des Kopftuches in Schule und Universität von Staats wegen verboten, sondern auch den Studentinnen auf dem Campus und natürlich bei den Prüfungen. In seinem letzten Roman mit dem Titel "Kar" (Schnee), der im fernen Osten Anatoliens spielt, gehören Selbstmorde von Kopftuchträgerinnen, die vor der Wahl stehen, entweder das Tuch abzulegen oder ihre Karriere zu opfern, und die diesen Konflikt durch Suizid "lösen", zu den Themen der Handlung. Pamuk plädiert bei Studentinnen im Zweifel für die persönliche Freiheit. Förderung der Zivilgesellschaft und der Toleranz stehen im Mittelpunkt seines Werks.

"Dieser Mensch ist so unfähig, daß es nicht einmal lohnt, ihn als Feind zu betrachten", hatte die "Hürriyet" erbost geschrieben, als Pamuk seine Sätze über Armenier und Kurden gesagt hatte. In der Türkei mögen manche nun glauben, Pamuk erhalte den Friedenspreis zugesprochen, weil er zur Armenierfrage so steht wie der Deutsche Bundestag. Dieser hatte am 16. Juni einstimmig eine Entschließung zu den Armeniermassakern des Ersten Weltkrieges (einschließlich der deutschen Mitschuld) herausgegeben, die vom türkischen Außenminister Abdullah Gül umgehend als "verantwortungslos, bestürzend und verletzend" zurückgewiesen worden war. Doch Orhan Pamuk, der in vielen westlichen Ländern, Amerika eingeschlossen, viel bekannter ist als in Deutschland, ist nach Meinung vieler international renommierter Autoren längst nobelpreiswürdig.
 
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