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Deutsch: Hrant Dink ermordet, Presseberichte
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 PostPosted: Fri Jan 19, 2007 3:51 pm    Post subject: Deutsch: Hrant Dink ermordet, Presseberichte Reply with quote Back to top

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19. Januar 2007: Hrant Dink in Istanbul ermordet.
Presseberichte




=> Uebersicht
=> Medienmitteilung der GSA
=> Presseberichte
=> Brief zu Handen der türkischen Botschaft / R. Erdogan
=> Aufruf für die Mahnwache, -siehe Medienmitteilungen
=> Über Hrant Dink: Wikipedia
 
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iminhokis
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 PostPosted: Fri Jan 19, 2007 4:14 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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Mordanschlag in Istanbul
Kritischer türkisch-armenischer Journalist erschossen

Tagesschau.de

Großansicht des Bildes Grafik: Wurde vor seiner Zeitung "Agos" in Istanbul erschossen: Der kritische türkisch-armenische Journalist Hrant Dink]
Der kritische türkisch-armenische Journalist Hrant Dink ist erschossen worden. Unbekannte feuerten vor dem Büro seiner Wochenzeitung in Istanbul mehrere Schüsse auf ihn ab, wie ein türkischer Fernsehsender und ein Kollege Dinks berichteten. Die Polizei sucht laut Medienberichten nach einem jungen Mann zwischen 18 und 19 Jahren, der eine Jeansjacke und eine weiße Kappe trug. Hintergründe der Tat sind noch nicht bekannt.
Haftstrafe wegen "Beleidigung des Türkentums"

Dink hatte sich den Zorn nationalistischer Kreise zugezogen, weil er die Massaker an Armeniern während des Ersten Weltkriegs im damaligen Osmanischen Reich mehrfach als Völkermord bezeichnet hatte. Seine Äußerungen hatten dem 53-Jährigen eine Haftstrafe von sechs Monaten in der Türkei eingebracht. Das Urteil wegen "Beleidigung des Türkentums" war im vergangenen Jahr vom obersten Gericht der Türkei bestätigt worden. Unter demselben Paragrafen wurde unlängst auch der türkische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk angeklagt.

Dink war wegen seines Engagements für die armenische Minderheit in der Türkei in Hamburg mit dem Henri-Nannen-Preis für die Pressefreiheit 2006 ausgezeichnet worden.
Armenier-Genozid hochsensibles Thema

Armenische Gedenkstätte Zizernakaberda in Eriwan (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Gedenkstätte für ermordete Armenier in der armenischen Hauptstadt Eriwan]
Das Massaker an Armeniern ist ein politisch hoch sensibles Thema in der Türkei. Zwischen 1915 und 1917 waren nach armenischen Angaben mehr als 1,5 Millionen Armenier getötet worden. Die Türkei räumt zwar ein, dass Soldaten des Osmanischen Reiches zwischen 250.000 und 500.000 Armenier getötet hätten. Die Regierung in Ankara lehnt die Einstufung der Verbrechen als Völkermord jedoch ab. Zugleich macht sie geltend, dass Armenier und ihre russischen Verbündeten auch Massaker an Türken und Kurden verübt hätten.


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iminhokis
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 PostPosted: Fri Jan 19, 2007 4:58 pm    Post subject: Gruner + Jahr betrauert den gewaltsamen Tod von Hrant Dink Reply with quote Back to top

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19. Januar 2007 | Gruner + Jahr AG & Co KG | Presseportal

Gruner + Jahr betrauert den gewaltsamen Tod von Henri-Nannen
-Preisträger Hrant Dink


Hamburg (ots) - Gruner + Jahr trauert um den armenisch-türkischen
Journalisten Hrant Dink, der heute von Unbekannten auf offener Straße
in Istanbul erschossen wurde. Hrant Dink, 52, hatte im vergangenen
Jahr den Henri-Nannen-Preis für Pressefreiheit 2006 verliehen
bekommen. Dink war Chefredakteur der zweisprachigen
türkisch-armenischen Wochenzeitung "Agos", die sich für eine
Aufarbeitung der Geschichte der armenischen Minderheit in der Türkei
und eine Annäherung der beiden ethnischen Gruppen einsetzt. In seiner
mehr als zehnjährigen Tätigkeit für "Agos" war Hrant Dink stets das
Ziel von heftigen Anfeindungen türkisch-nationalistischer Gruppen.
Erst im vergangenen Jahr war das Urteil einer sechsmonatigen
Haftstrafe auf Bewährung wegen "Beleidigung des Türktums" gegen ihn
vom Obersten Gerichtshof der Türkei bestätigt worden.

Dr. Bernd Kundrun, Vorstandsvorsitzender von G+J: "Die Ermordung
Hrant Dinks erfüllt uns mit Bestürzung und Trauer. Hrant Dink war ein
Journalist aus Leidenschaft und Überzeugung, der mit großem Einsatz
für eine freie Meinungsäußerung der armenischen Minderheit in der
Türkei stritt. Sein unermüdliches Streben nach Aufklärung und
Verständigung hat er letztlich mit dem Leben bezahlen müssen. Der
gewaltsame Tod von Hrant Dink zeigt, dass auch zu Beginn des 21.
Jahrhunderts Pressefreiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Wir
sehen es daher als Pflicht an, uns weiterhin für die Pressefreiheit
einzusetzen und eine breite Öffentlichkeit für den Kampf für die
freie Meinungsäußerung zu schaffen."


Pressekontakt:
Dr. Andreas Knaut
Leiter Unternehmenskommunikation
Tel.: 040/3703-3113
E-Mail: knaut.andreas@guj.de

Presseportal


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 PostPosted: Fri Jan 19, 2007 5:10 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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Von Stefanie Rosenkranz

Sprachrohr der Unsichtbaren


Mit absurden Vorwürfen verfolgt die Justiz in der Türkei den armenischen Journalisten Hrant Dink. Er gibt seinem Volk eine Stimme - dafür bekommt er dieses Jahr den Henri-Nannen-Preis für Pressefreiheit.


Es ist noch nicht sehr lange her, da wurde armenischen Kindern in der Türkei von ihren Eltern eingetrichtert: Sprich nie Armenisch auf der Straße! Versteck dein Kreuz am Hals in der Öffentlichkeit! Halt Abstand und misch dich nicht in türkische Angelegenheiten ein! Dräng dich nie in den Vordergrund! Beschwer dich nicht, wenn du erniedrigt wurdest, weil du Armenier bist, sondern schweig. Mit anderen Worten: Sei unsichtbar!

Und unsichtbar waren die Armenier bis vor kurzem in der türkischen Republik, so geduckt lebten sie.

Verklagt wegen "Beleidigung des Türktums"
Dass sich das geändert hat, ist vor allem einem Menschen zu verdanken: Hrant Dink, dem Herausgeber der zweisprachigen Wochenzeitung "Agos". Dreimal wurde er in den vergangenen Monaten wegen "Beleidigung des Türktums" verklagt, weil er die Mauer des Schweigens und der Angst durchbrochen hat, hinter der die türkischen Armenier bis dahin lebten.

Völkermord der Armenier wird verleugent
Ihre Geschichte wurde verschwiegen, ihre Kultur ignoriert, ihre christliche Religion kaum geduldet, ihr Beitrag zur Blüte des Osmanischen Reichs selten erwähnt. Sie, die Erben einer der ältesten Zivilisationen Anatoliens, wurden im eigenen Land behandelt wie Fremde. Und vor allem: Aus Opfern wurden Täter gemacht. Die Deportation der Armenier 1915-21 im untergehenden Osmanischen Reich, die Todesmärsche, auf die sie damals geschickt wurden, die Massenmorde, die Auslöschung ihrer über 2000-jährigen Präsenz in Anatolien - sie soll es nach offizieller türkischer Geschichtsschreibung nie gegeben haben. Denn die Mörder der Armenier waren ideologische Weggefährten des kultisch verehrten Republikgründers Atatürk. So lernen bis zum heutigen Tag die Kinder und Kindeskinder der wenigen Überlebenden, die in der Türkei geblieben sind, dass ihre Vorfahren Verrat am osmanischen Staat begangen und muslimische Türken massakriert hätten.

Wie es wirklich war, darüber wagten ihre Eltern bis in die jüngste Zeit kaum zu sprechen. Die Erinnerung an das Entsetzen wurde erstickt, aus Furcht.



Großvater überlebte Massaker
Hrant Dink, geboren 1954 in Malatya im Südosten der Türkei und nach der Trennung seiner Eltern in armenischen Waisenhäusern in Istanbul aufgewachsen, ist "ein typisches Produkt dieser Erziehung", wie er sagt. "Zwar bin ich auf armenische Schulen gegangen, aber die unterscheiden sich nur durch die Sprache von türkischen Institutionen. Als Kind wusste ich nichts über unsere Geschichte, und schon gar nichts vom Völkermord. Erst als Erwachsener habe ich erfahren, dass einer meiner Großväter ein Überlebender der Massaker war und dass Mitglieder meiner Familie im Nahen Osten, den USA und in Armenien leben, wohin sie nach der Vertreibung emigrierten."

Für politische Einstellung ins Gefängnis
In seiner Schulzeit und während des Studiums der Zoologie und Philosophie war Dink politisch links engagiert, weswegen er nach dem Putsch von 1980 dreimal verhaftet wurde, mehrere Monate im Gefängnis saß und jahrelang keinen Pass erhielt. "Die Lösung des Problems der Armenier war für mich damals der Sozialismus."

Zerstörung des Paradieses generiert Kämpfer

Der Wendepunkt kam für ihn Mitte der 1980er Jahre, als der türkische Staat das armenische Ferienheim beschlagnahmte, in dem Dink die Sommer seiner Kindheit verbracht hatte und das er damals gemeinsam mit seiner Frau Rakel leitete. "Ich bin mit und an diesem Ort groß geworden. Es war unser Paradies. Als es konfisziert wurde, unter dem Vorwand, die armenische Kirche habe das Grundstück illegal gekauft, wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was es bedeutet, Armenier in der Türkei zu sein. Ich beschloss, für meine Identität zu kämpfen."

Gewaltiges Echo auf armenische Zeitung
So entstand die Idee zu "Agos", der ersten armenischen Zeitung seit Republikgründung, in der politisch heikle Themen nicht gemieden, sondern offen diskutiert werden - und der einzigen, die zweisprachig erscheint, damit sie auch für Türken zugänglich ist. Die Auflage ist winzig - 6000 Exemplare werden wöchentlich verkauft -, doch das Echo ist gewaltig. Seither hat die Minderheit eine Stimme, und der Mehrheit wird erstmals ein Spiegel vorgehalten.

Tabus angreifen

Was sie dort sieht, ist nicht immer schön. Darum skandieren schon mal nationalistische Demonstranten vor der Redaktion "Du liebst dieses Land - oder du verlässt es". "Agos" berichtet über Enteignungen, über Diskriminierungen, über Gesetze, "geschrieben mit unsichtbarer Tinte", wie Dink sagt. So hat es in der kemalistischen und säkularen Türkei noch nie einen hochrangigen nichtmuslimischen Beamten oder Offizier gegeben; nur an Universitäten können Mitglieder der Minderheiten im Staatsdienst Karriere machen. Und auch vor dem letzten großen Tabu der Türkei macht die Zeitung nicht Halt, nämlich vor dem Völkermord an den Armeniern, wobei der Begriff in Anführungszeichen gesetzt wird; so will es das türkische Gesetz.
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Beton-Kemalisten zu Tränen gerührt
Für Dink handelt die Geschichte der Armenier und Türken indes nicht nur von Ermordeten und Mördern, sondern auch vom Zusammenleben der Nachkommen. So findet er Debatten über Zahlen - starben damals "nur" 300 000 oder 1,5 Millionen Armenier? - sowie über den Begriff "Völkermord" nicht so wichtig wie viele Mitglieder der armenischen Diaspora. "Ist ein Wort entscheidend, wenn doch das Ergebnis feststeht: die Vernichtung unserer Existenz in Anatolien?", fragt er. Den Türken wiederum macht er klar, was sie durch den Völkermord verloren haben. Als im September 2005 in Istanbul eine Konferenz über das Massaker stattfand - eine Premiere in der Türkei, die auch ihm zu verdanken ist -, rührte er mit seiner Rede selbst einige Beton-Kemalisten zu Tränen.

An offiziellen Wahrheiten rütteln

Für den türkischen Staat wird es immer schwieriger, an der offiziellen Wahrheit festzuhalten. Und auch für die Justiz. Im Februar befand ein Gericht, er habe das "Türktum" nicht beleidigt, als er einmal sagte, er sei nicht Türke, sondern Armenier und habe immer Schwierigkeiten gehabt, eine Strophe in der Nationalhymne zu singen, in der die Rede von der "heroischen türkischen Rasse" sei, da das Wort Rasse zu Diskriminierung führe. Noch vor wenigen Jahren wäre er dafür im Gefängnis gelandet.

Sechs Monate Haft für "vergiftetes Blut"

Andererseits wurde er im vergangenen Oktober zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er geschrieben hatte, die Diaspora-Armenier sollten sich abwenden von ihrer tragischen Vergangenheit in der Türkei und auf die Zukunft blicken, nämlich auf Armenien. Weil in seinem Artikel auch vom "vergifteten Blut" zwischen Türken und Armeniern die Rede war, kam ein Gericht in Istanbul groteskerweise zu dem Schluss, er habe behauptet, türkisches Blut sei vergiftet, und damit die "Märtyrer" der türkischen Nation verunglimpft. Dink ging in Berufung; das Urteil steht noch aus. Inzwischen wurde er allerdings verklagt, weil er durch seine Kritik an dem Rechtsspruch in erster Instanz "die türkische Justiz" beeinflusst habe.

Ziel: Gleichberechtigung der Armenier
So beißt sich die Katze in den Schwanz. Dink, der bereits mit dem nächsten und übernächsten Rechtsstreit rechnet, ist das egal. Was er will, ist die Gleichberechtigung der Armenier, jetzt. "Aber wenn danach die Probleme der Kurden, der Alewiten, der Frauen und der Homosexuellen weiterhin bestehen bleiben, war alles umsonst."

Für sein Engagement wird Hrant Dink am 12. Mai in Hamburg mit dem Henri Nannen Preis für Verdienste um die Pressefreiheit ausgezeichnet.
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 PostPosted: Sat Jan 20, 2007 4:04 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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Attentat 20 Jan 2007 - 09:10 Nr. 955
Hrant Dink
http://hpd-online.de/node/955

„Ich bin kein Türke. Ich komme aus der Türkei und bin ein Armenier."

Ich lernte Hrant Dink 1997 kennen. Ich erzählte ihm über das Leben als Migrant in Deutschland. Ich sagte die Migranten waren die ärmsten. Sie besaßen nur sich. Sie könnten das neue Land annehmen, von dem sie viel bekamen. Aber sie wurden „nationalisiert" von Deutschen und von den Türken und dadurch entfremdet. Wir sahen viele Parallelen in dem Sein als Teil einer Minderheit. Nur mit dem Unterschied, seine Vorfahren lebten einige tausend Jahre dort, wir leben erst 40 Jahre hier.

Hrant sagte damals als Antwort: „Würde der Druck auf die armenische Minderheit nicht so stark, ablehnend, so isolierend sein, gäbe es uns als solche nicht. Das ist das Paradoxe dieser Politik. Sie schafft das, was sie vernichten möchte."

Ich konnte diese Konsequenz für die Politik über Migranten bestätigen.
Nun haben sie ihn ermordet.

Da ich kein türkisches Fernsehen empfange, folge ich den Nachrichten im Internet und rufe meine Mutter in Istanbul an. Istanbuler machen spontane Demonstrationen, Politiker beeilen sich die Tat zu verurteilen. Wo waren diese Politiker als er bedroht wurde? Warum haben sie die Menschen damals nicht zur Frieden gerufen? Warum haben sie ihn nicht geschützt? Auf dem Foto im Internet liegt er auf dem Bürgersteig, bedeckt – vermutlich mit einem weißen Tischtuch von einem der umliegenden Restaurants. Das Gebäude, in dem die Redaktion AGOS eine Etage hat, ist im Hintergrund, zu sehen. Seine Schuhe schauen aus der Decke raus. Angeblich soll der Mörder ihn gebeten haben kurz runter zu kommen. Dann erschoss er ihn mit zwei Schüssen in den Kopf.

Kaltblütig. Hingerichtet. Warum? Warum?

In seinem letzten Artikel schrieb er, dass er bedroht wurde. Doch ich weiß, dass er schon 1997 bedroht wurde. Er war ein aufrechter, mutiger, konsequenter Mensch. Hrant Dink wurde wegen seinen Artikeln "Agos" unzählige Male vor Gericht gestellt Er wurde angeklagt, weil er das Ansehen der Türken verletzt hätte, angeklagt wegen Beleidigung des Türkentums und wurde zu sechs Monaten Haft verurteilt – während berühmte türkische Schriftsteller und türkische Journalisten aus dem selben Grund angeklagt aber durch spitzfindige technische und juristische „Feilerei" freigesprochen wurden. Er freute sich für die anderen aber er war auch traurig, weil niemand diese Mühe für ihn machte. Warum nicht?
Warum haben die Freigesprochenen nicht gesagt, sie lehnen den Freispruch ab – es sei denn Hrant Dink wird auch freigesprochen?

Warum haben sie nicht gesagt sie alle wollen so lange „reingehen" wie Hrant Dink „rein" muß?

Die Klage war für ihn ein Schandmal. Hrant Dink sagte in einem Fernseh- Interview:

„Das größte Verbrechen auf Erden ist Rassismus, Diskriminierung. Wofür kämpfe ich denn? Mir vorzuwerfen, Türken zu erniedrigen, zu beleidigen, zu diskriminieren ist unannehmbar. Wenn es dem so wäre, würde ich dieses Land verlassen. Dann hätte ich keine weiteren Probleme. Mir dies anzuhängen, ist mir ein Schandmal zusetzen. Für mich ist das leben mit Türken ein Glück. Im Leben aller Armenier war „Türke" etwas Erschreckendes; Wut in uns. Aber durch das Leben mit Türken gemeinsam, hat sich etwas in mir geändert. Diese Wut ist nicht mehr da. Das Leben mit den Türken ist ein Gegengift zu der Wut, die wir in unseren Herzen begraben hatten. Durch das Leben miteinander sieht man, dass die Wut keinen Platz in uns hat. Ein anderes Volk aufgrund ihrer Religion oder Zugehörigkeit zu diskriminieren, zu erniedrigen ist für mich Rassismus. Wie kann ich, wie soll ich so etwas tun?"

Hrant erzählt: „Ich habe öffentlich gesagt: Wer aus diesem Grund verurteilt wird, hat sein Recht mit denen, die er rassistisch herabsetzt, gemeinsam zu leben verwirkt. Das meine ich ernst. Sollte ich verurteilt werden, bin ich bereit dieses Land zu verlassen. Daraufhin bekam ich noch eine Klage wegen Beeinflussung des Gerichts. Meine Aussage war emotional aber die Antwort durch eine solche Klage, das ist schwarzer Humor!"

Hrant Dink sah die öffentlichen Vorwürfe gegen ihn als einen gezielten Angriff, um aus ihm eine Zielscheibe zu machen, jemand, der die Türken kränkt. Er war überzeugt, dass man ihn isolieren, in die Einsamkeit drängen wollte und wurde umso mutiger. Bedrohungen bekam er aus ganz Türkei. Tag für Tag brachte die Post solche Briefe. Er erstattete immer wieder Strafanzeigen. Vergeblich. Er hätte seine Strafanzeigen ebenso in einen Brunnen werfen können.

Er sagte:
„Wie reell die Bedrohungen sind, kann ich natürlich nicht abschätzen. Was aber für mich unerträglich ist, ist die Psychologie in der ich mich dadurch befinde. Ich fühle die Blicke, die sie mir werfen, sich fragend „Ist das nicht der Armenier...?" Ich fühle mich wie eine Taube... Ich habe Augen angebracht vor mir, hinter mir, zu meiner rechten und linken Seite. Mein Kopf ist so beweglich, wie die einer Taube... schnell zu wenden, wie die einer Taube. Tauben leben schreckhaft aber mitten unter Menschen und sie sind vor allem frei."

Geboren ist Hrant Dink in Herzen Anatoliens, nahe Sivas. Nach Istanbul kam er 1961 mit seinen Eltern. Als sie sich scheiden ließen, wuchs er in einem armenischen Waisenhaus auf. Dort lernte er seine Frau Rachel kennen und lieben. Ihre beiden Kinder bekamen sie während des Studiums. Er war stolz auf seine Kinder.

Zu schreiben begann er mit Buchbesprechungen. Später schrieb er an Zeitungen um ihre falschen Berichte zu berichtigen. 1996 gründete er die Zeitung AGOS, eine Zeitung in türkisch und armenisch und sagte: „Es wichtig ist für die Armenier, außerhalb der religiösen Gemeinde zivile Organisationen und Institutionen zu haben."

2005 wurde er zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er geschrieben hatte, dass das Ergebnis der Armenier-Vertreibungen im Osmanischen Reich dazu geführt habe, dass ein Volk, das 4000 Jahre auf diesem Boden gelebt hat, ausgemerzt worden ist. Das Urteil wurde 2006 vom obersten Gerichtshof der Türkei bestätigt. Hrant Dink hatte sich an das Europäische Menschenrechtsgericht gewandt.

Er kämpfte für die Gleichberechtigung. Er war ein Bürger wie alle, aber er wurde immer unterschiedlich behandelt. Schon als er zum Militärdienst ging, wurden seine Mitsoldaten höher gruppiert. Er musste ein einfacher Soldat bleiben. Hrant vergaß dies nie: „Nach der Zeremonie haben alle anderen mit ihren Familien gefeiert. Nur ich saß hinter einer kleinen Blechbaracke und weinte. Mag sein, dass ich mein Armeniertum übertreibe. Zu sehr in den Mittelpunkt rücke... aber das was ich erlebe, gibt mir keine andere Chance."

Die Grundlage öffentlichen Ärgernisses war Hrant Dink immer wieder. Am meisten jedoch ärgerte man sich über ihn, als er 21. Februar 2004 in seiner Zeitung AGOS behauptete, dass die Stieftochter von Atatürk ein armenisches Mädchen aus dem Waisenhaus war. Die Tageszeitung Hürriyet übernahm diese Meldung. Eine Frau die zur Symbolfigur der türkischen Frau geworden war, sollte eine Armenierin sein? Das sahen viele als ein Angriff auf die nationale Einheit und gesellschaftlichen Frieden. Zu viele. Sowohl das Militär als auch viele andere Obrigkeiten. Stellvertretender Gouverneur rief ihn an und lud zu einem Gespräch, an dem „zufällig" seine „Bekannten" anwesend waren, die mehr sprachen als der stellv. Gouverneur. Er nahm seine Beweise, seine Unterlagen mit. Aber, sie schauten die Unterlagen gar nicht an. Sie warnten ihn. Das sei nicht gut für ihn. Nicht gut. Er solle vorsichtig sein. Viele Proteste und Hassartikel folgten dem.

Hrant Dink sagte, wenn der europäische Gerichtshof die Strafe bestätigt, werde ich mein Land verlassen. Ich bin überzeugt, wer andere Menschen, mit denen er lebt wegen ethnischen oder religiösen Gründen diskriminiert, betreibt Rassismus. Das kann man nicht verzeihen. Der hat sein Recht mit den anderen zu leben verloren.

Hrant Dink hatte kein Vertrauen mehr in das juristische System der Türkei. Waren Juristen keine Akademiker? Konnten sie seine Artikel wirklich nicht verstehen? Wie kamen die Klagen der Staatsanwaltschaft zustande? Man sagte, das wären Klagen im Namen der türkischen Nation. Aber natürlich standen hinter den Klagen nicht die Nation sondern die Obrigkeiten, der Staatsapparat dieser Nation.

Er entschied sich zu bleiben, abzuwarten wie das europäische Gericht entscheidet. Er wollte nicht gehen. Er wollte nicht wie einst seine Vorfahren gehen. Er blieb.

Der Europäische Gerichtshof hat keinen Fall „Hrant Dink" mehr. „Die" Türken, sie haben keinen Hrank Dink mehr.

Wahrscheinlich wird das Jahr 2007 für mich ein schwieriges Jahr, hatte Hrant geschrieben. Du hast Recht Hrant. Es ist ein sehr schweres Jahr. Nicht mehr für Dich. Für deine Familie, für deine nahen und entfernten Freunde, für viele, viele Menschen. Wir haben dich verloren. Kann dieses Jahr noch schwieriger werden? Du hast nie ausgesprochen, ob und woran du glaubtest. Du mochtest Fragen nach dem Glauben nicht.

Ich würde jetzt gerne glauben, dass du eine Taube geworden bist und über Istanbul fliegst.

Arzu Toker


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 PostPosted: Sat Jan 20, 2007 4:05 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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Dink erhielt vor Mordanschlag Drohbriefe
http://www.focus.de/politik/ausland/tuerkei_nid_43059.html
| 20.01.07, 08:03 |

Nach der Ermordung des prominenten armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink hat der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen, Faruk Sen, schwere Vorwürfe gegen die türkische Polizei erhoben.


Weitere Informationen
In einem Interview mit FOCUS sggte Sen: „Er hat noch am 10. Januar Drohbriefe erhalten, die er der Staatsanwaltschaft vorgelegt hat. Aber die hat nichts unternommen.“ Es sei eine Schande, „dass die türkische Polizei ihn nicht geschützt hat“, so Sen weiter.

„Justiz hat ihn nie in Ruhe gelassen“

Der Wissenschaftler, der mit Dink seit Jahren befreundet war, übte auch massive Kritik an den türkischen Gerichten: „Die Justiz hat ihn nie in Ruhe gelassen, ein Prozess folgte auf den anderen.“ Dabei sei er ein besonnener Journalist gewesen, der Aufklärung und Versöhnung wollte. Dink war unter anderem wegen „Beleidigung des Türkentums“ verurteilt worden.


(FOCUS)


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 PostPosted: Mon Jan 22, 2007 2:22 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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22. Januar 2007, 12:03; Letzte Aktualisierung: 12:40


Pamuk rügt Türkei nach Dink-Attentat
Schuld sei «Türkentum»-Paragraf
Nach dem Mord an dem armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink hat Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk die Justiz und die Regierung der Türkei scharf kritisiert.


Schuld an Dinks Tod trügen vor allem all jene, die an dem berüchtigten «Türkentum»-Paragrafen 301 des Strafgesetzbuches festhielten, sagte Pamuk nach einem Beileidsbesuch bei Dinks Familie und bei dessen Zeitung «Agos», wie türkische Zeitungen berichteten.

Dink, Pamuk und andere Intellektuelle waren in den vergangenen zwei Jahren auf Grundlage des Paragrafen 301 vor Gericht gestellt worden. Der Paragraf verbietet die «Beleidigung des Türkentums». Nach Ansicht von Kritikern hat das Gesetz einer radikal-nationalistischen Stimmung in der Türkei Vorschub geleistet.

«Feind der Türken»

Pamuk sagte, gegen Dink sei eine Kampagne in Gang gesetzt worden; der Journalist sei zum «Feind der Türken» ausgerufen und zur Zielscheibe für den Mordanschlag gemacht worden.

Trotz mehrfacher Aufforderung der EU hat sich die türkische Regierung bisher geweigert, den Paragrafen 301 aufzuheben oder nachzubessern.

Polizeischutz für «301-Opfer»

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte nach Dinks Tod angeordnet, dass Pamuk und andere prominente «301-Opfer» unter Polizeischutz gestellt werden sollten. Die Zeitung «Sabah» meldete jedoch, vor Pamuks Wohnung in Istanbul seien am Wochenende keine Polizisten zu sehen gewesen.

Die Antiterror-Polizei in Istanbul setzte die Befragung des mutmasslichen Dink-Mörders Ogün Samast fort. Am späten Sonntagabend wurde Samast zum Tatort im Istanbuler Stadtteil Sisli gebracht, um den Mord bei einem Ortstermin nachzustellen.

Als möglicher Drahtzieher des Mordes gilt nach Presseberichten ein Freund von Samast, Yasin Hayal, von dem die Tatwaffe stammen soll und der ebenfalls festgenommen wurde.


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 PostPosted: Tue Jan 23, 2007 11:53 am    Post subject: Reply with quote Back to top

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Habt keine Angst! - Ein Text von Hrant Dink
Hrant Dink war eine wichtige Stimme der Armenier in der Türkei. Am Freitag wurde er auf offener Straße in Istanbul erschossen. WELT.de dokumentiert einen seiner besten Texte.

Habt keine Angst! Das Wasser findet seinen Weg

Wo die Angst herrscht, ruft sie auf allen Ebenen der Gesellschaft Widerstand gegen die Veränderung hervor. Je mehr sich manche Menschen nach Offenheit und Aufklärung sehnen und dafür arbeiten, desto mehr kämpfen andere für die Aufrechterhaltung der geschlossenen Gesellschaft. In der Türkei sind die Gerichtsverfahren gegen Hrant Dink, Orhan Pamuk, Ragip Zarakolu oder Murat Belge Beispiele dafür, wie das Brechen von Tabus Panik hervorruft.
Click here to find out more!

Das gilt besonders für die armenische Frage, das größte und ursprünglichste aller türkischen Tabus. In einer solchen Atmosphäre können die ersten Worte unserer türkischen Nationalhymne als Leitlinie dienen: „Habt keine Angst!“

Menschen, die 3000 Jahre lang in diesem Gebiet Kultur und Zivilisation schufen, wurden von ihrem Land gerissen, die Überlebenden in alle Welt verstreut. Diese Erfahrung ist eingeschrieben in die Erinnerung, in den genetischen Code der Armenier. Was auch immer die Juristen sagen: Wir wissen, was wir durchlebt haben. Und wenn ich auch das Wort Völkermord nicht benutzen soll, es handelt sich um eine Entwurzelung.

Was diese internalisierte Erfahrung bedeutet, möchte ich mit einer Anekdote illustrieren. Vor einigen Jahren rief mich ein alter türkischer Mann aus einem Dorf in der Region Sivas an und sagte: „Mein Sohn, hier ist eine alte Frau aus deinem Volk gestorben. Kannst du irgendeinen Verwandten auftreiben? Sonst geben wir ihr ein muslimisches Begräbnis.“ Es handelte sich um eine 70-Jährige namens Beatrice. Sie war aus Frankreich zu Besuch in die alte Heimat gekommen.

Innerhalb von zehn Minuten hatte ich eine Verwandte gefunden. Wir kennen uns, weil wir so wenige sind. Ich ging zu einem Laden, der mir genannt worden war, und fragte die Frau hinter der Theke: „Kennen Sie diese Person?“ Sie antwortete: „Sie ist meine Mutter.“ Sie lebte in Frankreich, kam aber immer drei-, viermal im Jahr zu Besuch.

Die Tochter reiste sofort ins Dorf. Am nächsten Tag rief sie mich von dort an. Sie habe ihre Mutter gefunden, sagte sie, und brach plötzlich in Tränen aus. Ich bat sie, nicht zu weinen, und fragte, ob sie die Leiche ihrer Mutter zur Bestattung nach Istanbul bringen wolle. „Bruder, ich will sie zurückbringen“, sagte sie, „aber hier ist ein Onkel, der etwas sagen will.“ Weinend gab sie das Telefon an den Mann, der mich angerufen hatte. Zornig fragte ich: „Warum bringst du sie zum Weinen?“

„Mein Sohn, ich habe nichts gesagt“, erwiderte der Alte. „Nur dieses: Tochter, es handelt sich um deine Mutter, um Blut von deinem Blut. Aber wenn du mich fragst, lass sie hier bleiben. Lass sie hier begraben werden. Das Wasser hat seinen Spalt in der Erde gefunden.“ In diesem Augenblick, in diesem Sprichwort des anatolischen Volkes verlor ich mich und fand mich zugleich wieder. Das Wasser hatte seinen Weg gefunden.

Aber bedeutet nicht die Erinnerung an die Toten auch die Sehnsucht nach dem Boden? So fragte mich eine türkische Dame, der ich diese Anekdote erzählte. Ich antwortete ihr: Lassen Sie mich wiederholen, was ich kurz nach diesem Erlebnis schrieb. Damals pflegte der türkische Staatspräsident Süleyman Demirel zu sagen: „Den Armeniern geben wir nicht einmal drei Steine.“ Ich schrieb: „Ja, wir Armenier wollen dieses Land, weil unsere Wurzeln hier sind. Aber habt keine Angst. Wir wollen euch das Land nicht wegnehmen. Wir wollen nur darunter begraben werden.“

© Hrant Dink / openDemocracy Ltd. Aus dem Englischen von Alan Posener

Artikel erschienen am 20.01.2007


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 PostPosted: Tue Jan 23, 2007 11:57 am    Post subject: Reply with quote Back to top

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„Ich bin wie eine Taube“
Sein letzter Artikel: Wie man von Justiz und Medien zum „Türkenfeind“ gemacht wird / Von Hrant Dink

Vergangenen Freitag wurde in Istanbul der Journalist Hrant Dink auf offener Straße erschossen. Dink, Jahrgang 1954, war Herausgeber der türkisch-armenischen Wochenzeitung „Agos“. Wenige Stunden nach dem Verbrechen wurde der Attentäter verhaftet – ein 16-jähriger Türke. Er hat die Tat gestanden. Im Internet habe er gelesen, dass Dink gesagt habe, türkisches Blut sei schmutzig. – Dieser Text, den wir leicht gekürzt drucken, erschien im Januar in „Agos“. Es war Hrant Dinks letzter Artikel.


Wie eine Taube

Als die Staatsanwaltschaft von Sisli (ein Stadtbezirk von Istanbul) ein Ermittlungsverfahren wegen „Beleidigung des Türkentums“ gegen mich einleitete, beunruhigte mich das zunächst nicht weiter. Es war schließlich nicht das erste Mal. Ich kannte das schon von einem ähnlichen Prozess in Urfa. Dort wurde seit drei Jahren unter dem Vorwurf der „Beleidigung des Türkentums“ gegen mich verhandelt, weil ich bei einer Konferenz in Urfa im Jahr 2002 gesagt hatte, ich sei „kein Türke“, sondern „türkischer Staatsbürger und Armenier“.

Ich kümmerte mich nicht darum, ging auch nicht zu den Verhandlungen; meine Anwälte erledigten das für mich. Auch bei meiner Aussage beim Staatsanwalt von Sisli war ich ziemlich unbekümmert. Ich vertraute auf meinen Artikel und meine Absichten. Aber Donnerwetter! Der Prozess wurde eröffnet. Trotzdem blieb ich optimistisch. Und zwar so optimistisch, dass ich zu dem Rechtsanwalt Kemal Kerincsiz, der die Anzeige gegen mich erstattet hatte, in einem Live-Gespräch im Fernsehen sagte, dass er sich nicht zu früh freuen solle, dass ich in diesem Prozess nicht verurteilt würde, und dass ich andernfalls das Land verlassen würde. Ich war mir so sicher, denn ich hatte ja in meinem Artikel das Türkentums niemals, nicht im geringsten, beleidigen wollen. Das hat ja auch die dreiköpfige Expertenkommission von Dozenten der Istanbul Universität in ihrem Gutachten für das Gericht festgestellt.

Der Staatsanwaltschaft forderte trotz des Gutachtens meine Bestrafung. Der Richter verurteilte mich zu sechs Monaten Haft. Ich war fassungslos. Bei jedem Sitzungstermin hatten die Zeitungen, die Leitartikler, die Fernsehsender behauptet, dass ich geschrieben habe, türkisches Blut sei giftig. Jedes Mal wurde ich noch etwas bekannter als „Türkenfeind“. Auf den Fluren des Gerichts griffen mich Faschisten mit rassistischen Beschimpfungen an, sie schwenkten Plakate mit Beleidigungen. Die Drohungen, die monatelang und hundertfach per Telefon, E-Mail und Briefen hereinströmten, nahmen mit jedem Mal zu.

Nun bin ich in der bedrückendsten Lage, in der ein Mensch sein kann. Der Richter hat im Namen des „türkischen Volkes“ entschieden und mich der „Beleidigung des Türkentums“ für schuldig erklärt. Alles habe ich ertragen, aber das kann ich nicht ertragen. Wenn jemand die Menschen, mit denen er zusammenlebt, wegen ihrer Rasse oder Religion beleidigt, dann ist das meinem Verständnis nach nichts anderes als Rassismus und damit unverzeihlich. In diesem Geiste sagte ich zu den Reportern, die vor dem Gericht auf mich warteten und mich fragten, ob ich nun wie angekündigt das Land verlassen würde: „Ich werde Einspruch beim Berufungsgerichtshof einlegen und, wenn nötig, bis zum Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gehen. Wenn ich nicht von einer dieser Instanzen freigesprochen werde, dann werde ich mein Land verlassen. Denn jemand, der wegen eines solchen Vergehens verurteilt ist, der hat meiner Ansicht nach kein Recht mehr, unter den Landsleuten zu leben, die er beleidigt hat.“ Ich habe diese Worte wie immer sehr emotional gesagt. Meine einzige Waffe war meine Aufrichtigkeit.

Die Kräfte, die mich vor den Augen der Türken isolieren und mich zur Zielscheibe machen wollen, haben auch diese Äußerung instrumentalisiert und einen weiteren Prozess gegen mich eröffnet, diesmal wegen versuchter Einflussnahme auf die Justiz. Ich gebe zu, dass mein Vertrauen in das türkische Rechtssystem ziemlich zerstört war. Wie sollte es das auch nicht sein? Haben diese Staatsanwälte und Richter nicht studiert, sind sie nicht Absolventen der juristischen Fakultäten? Müssen sie nicht verstehen können, was sie lesen? Offenbar ist die Justiz dieses Landes nicht so unabhängig, was sich viele Staatsmänner und Politiker aber scheuen zu sagen.

Die Justiz schützt nicht die Rechte der Bürger, sondern den Staat. Die Justiz steht nicht auf Seiten der Bürger, sie wird vom Staat verwaltet. Ich bin auch überzeugt, dass meine Verurteilung nicht „im Namen des türkischen Volkes“ ergangen ist, wie behauptet, sondern „im Namen des türkischen Staates“. Wir haben schließlich Berufung eingelegt, und was ist passiert? Der Staatsanwalt am Berufungsgerichtshof ist der Empfehlung der Gutachter gefolgt und hat meinen Freispruch beantragt, aber der Berufungsgerichtshof hat mich schuldig gesprochen.

Diejenigen, die mich isolieren, die mich schwach und schutzlos machen wollen, haben es geschafft, so viel ist klar. Sie haben es mit ihren schmutzigen und falschen Informationen fertiggebracht, dass Hrant Dink nun von einem beträchtlichen Teil der Gesellschaft als jemand betrachtet wird, der das Türkentum beleidigt. Mein Computerspeicher ist randvoll mit Protest- und Drohbriefen von Bürgern aus diesem Teil der Gesellschaft. Einen dieser Briefe, der in Bursa abgestempelt war, habe ich wegen seines bedrohlichen Inhalts als unmittelbare Gefahr empfunden und deshalb der Staatsanwaltschaft von Sisli übergeben, bisher ohne jedes Ergebnis, wie ich hier anmerken möchte. Wie realistisch sind diese Bedrohungen, wie unrealistisch? Ich kann es einfach nicht wissen. Aber was ich als wahrhaft bedrohlich und unerträglich empfinde, das ist die psychologische Folter. Ständig nagt an mir die Frage: Was denken die Leute jetzt über mich? Leider bin ich inzwischen auch recht bekannt und spüre dauernd die Blicke der Leute, die sich zuraunen: Sieh mal, ist das nicht dieser Armenier? Und reflexartig setzt bei mir die Folter ein. Diese Folter besteht zum einen aus Sorge, zum anderen aus Beunruhigung. Teils Wachsamkeit, teils Furchtsamkeit. Ich bin wie eine Taube. Wie sie blicke ich mich ständig um, mein Kopf dreht sich wie ihrer ständig hin und her. Allzeit wachsam und zum Abwenden bereit.

Es gab Momente, in denen ich ernsthaft daran gedacht habe, das Land zu verlassen. Vor allem, wenn sich die Drohungen gegen meine Angehörigen gerichtet haben. Da war ich völlig hilflos. Das ist die Wirklichkeit hinter dem Ausdruck „auf Leben und Tod“. Für mich selbst hätte ich das aushalten können, aber ich habe kein Recht, meine Angehörigen zu gefährden. Alleine hätte ich heldenhaft sein können, aber ich darf nicht auf Kosten meiner Angehörigen oder anderer tapfer sein. In solchen Momenten habe ich Zuflucht bei meiner Familie, bei meinen Kindern genommen, die mir die größte Stütze waren. Sie haben mir vertraut. Was ich auch tue, sie halten zu mir.

Aber wenn wir uns entscheiden würden zu gehen, wohin sollten wir gehen? Nach Armenien etwa? Jemand wie ich, der Unrecht nicht ertragen kann, wie sollte der sich mit dem dortigen Unrecht abfinden? Hätte ich damit nicht noch größeres Unglück auf mich gezogen? In ein europäisches Land zu ziehen, das wäre auch nicht meine Sache. Wenn ich drei Tage im Westen wäre, würde ich am vierten Tag schon heimkehren wollen, was soll ich also da? Wir gehören zu den Menschen, die aus der Hölle, in der sie leben, ein Himmelreich machen wollen. In der Türkei zu bleiben und dort zu leben, das geboten sowohl unsere eigenen Wünsche als auch der Respekt vor den Tausenden Menschen, die in der Türkei für Demokratie kämpfen, die uns unterstützt haben.

Wir wollten bleiben und kämpfen. Wenn wir eines Tages zum Gehen gezwungen sein sollten, dann würden wir so gehen, wie sie 1915 gingen. Wie unsere Vorfahren. Ohne zu wissen, wohin wir gehen. Auf den Straßen, auf denen auch sie gingen. Ihre Schmerzen fühlend, ihre Qual durchlebend.Nur so würden wir unser Land verlassen …

Wahrscheinlich wird 2007 für mich ein noch schwierigeres Jahr. Einige Gerichtsverfahren dauern an, weitere werden eingeleitet werden. Wer weiß schon, welch weiterem Unrecht ich noch ausgesetzt werde? Aber trotz alledem beziehe ich meine einzige Zuversicht aus dieser Tatsache: Ja, ich mag mich unruhig fühlen wie eine Taube, aber ich weiß, dass in diesem Land kein Mensch einer Taube etwas zuleide tut. Mitten in der Stadt und in der Menschenmenge können die Tauben ihr Leben leben.

Etwas furchtsam, ja, aber auch frei.

Übersetzung aus dem Türkischen von Susanne Güsten.


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 PostPosted: Tue Jan 23, 2007 3:56 pm    Post subject: BRIEF AN EINEN TOTEN Reply with quote Back to top

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BRIEF AN EINEN TOTEN

Lieber Hrant Dink,

wir kennen uns nicht und Sie werden diesen Brief nicht mehr lesen. Wenn ich ihn dennoch schreibe, dann, weil ich wütend bin:

Sie hätten gehen sollen, Sie hätten Ihr Land verlassen sollen, Sie hätten jenen Zigtausenden Ihrer Leute folgen sollen, die 1915 über die Grenzen Ihres Landes entkommen konnten. Sie sind nicht gegangen. Jetzt sind Sie tot. Tot wie jene anderthalb Millionen, die damals nicht über die Grenzen entkommen konnten.

Bestimmt kannten Sie die Diaspora und wussten, dass die armenische Diaspora nicht nur ein politisches Exil, dass sie vielmehr ein verlorener Stern ist, der langsam und unaufhaltsam unter der lodernden Flamme einer furchtbaren Lüge verglüht. Sie kannten, so denke ich mir, all diese Opfer der Völkermordlüge, die vielen verkrüppelten Seelen, die zerstörten Existenzen, die verzweifelten Herzen Ihrer Landsleute draußen – ein Spiegelbild der vielen verkrüppelten Seelen, der zerstörten Existenzen, der verzweifelten Herzen Ihrer Landsleute drinnen. Sie sind nicht gegangen. Jetzt sind Sie tot.

Sie hofften auf die Zeit, hofften, dass Sie Ihr Land verändern, dass Sie mit Ihrer Arbeit Ihre Leute und Ihr Land versöhnen könnten. Geduldig und behutsam waren Sie, und so stelle ich mir auch, da ich Sie nicht gekannt habe, Ihre Art vor: geduldig und behutsam. Sie hofften auf die Zeit und verzichteten auf Pathos, auf Proklamation, auf Provokation – immer sorgsam darauf bedacht, Ihrer Sache zu dienen und doch Ihre Landsleute und sich selbst nicht in Lebensgefahr zu bringen. Für diese Arbeit, die in Ihrem Land großen Mut erfordert, hat ein angesehenes deutsches Wochenmagazin Sie mit dem renommierten Henri-Nannen-Journalistenpreis ausgezeichnet. Ich habe mich mit Ihnen gefreut, aber ich habe auch befürchtet: Jetzt muss er sein Land verlassen. Sie sind nicht gegangen. Jetzt sind Sie tot.

Ganz sicher haben Sie all diese Zeichen gesehen, all diese abstrusen Aktionen Ihrer Regierungen, um die Lüge zu verlängern. Ganz sicher haben Sie gesehen, wie auch Vertreter meines Landes Gift gestreut haben. Unser Parlament hat den Völkermord anerkannt und die Lüge verurteilt, aber das hat diese Leute nicht abgehalten: unseren Häuptling nicht, der mit Ihrem Häuptling die perfide Idee einer Historikerkonferenz wg. Relativierg. d. Völkermds teilte; den Vorsitzenden nicht, der fand, wir hätten in unserem Land Wichtigeres zu tun als uns um irgendwelche Krawalle von vor 90 Jahren irgendwo weit weg zu kümmern; die fröhlichen Animateure nicht, die auf Menschenrechte pfiffen, um den EU-Beitritt Ihres Landes nicht zu gefährden; den Brandstifter nicht, der mit einem großen Kanister durch die Medien Ihres Landes tingelt und Öl ins Feuer gießt. Oh ja, auch wir in unserem Land haben Verantwortung für das Klima in Ihrem Land, dem Sie nun erlegen sind. Das alles haben Sie doch ganz sicher gesehen. Sie hätten gehen sollen. Sie sind nicht gegangen. Jetzt sind Sie tot.

Es ist die Lüge, die Sie umgebracht hat. Manchmal frage ich mich, ob diese Lüge nicht inzwischen mehr Opfer gefordert hat als der Völkermord selbst. Diese Lüge hat Ihr Land vergiftet, sie versperrt ihm den Zugang zur eigenen Geschichte, sie verhindert, dass die Menschen in Ihrem Land über die Grenzen unterschiedlicher Erfahrungen, unterschiedlicher Religionen, unterschiedlicher Traditionen wieder zueinander finden. Sie haben all das gewusst. Seit vielen Jahren mussten Sie jeden Morgen, wenn Sie den Fuß vor die Tür Ihres Hauses setzten, den Heckenschützer fürchten. Wie haben Sie mit dieser Angst gelebt? Kannten Sie jenen alten Mann aus Ihrer Nachbarschaft, der sein Leben lang, Abend für Abend, mit einer Axt unter der Bettdecke schlafen gegangen ist? Sie sind dennoch nicht gegangen. Ich ahne, dass Sie eine Hoffnung hatten: Überzeugung. Ich ahne, dass sie hofften, das dichte Lügengeflecht zu durchlöchern und die Menschen zu überzeugen, dass Versöhnung nur mit Respekt und Anerkennung möglich sei. Wenn es stimmt, was mir Freunde sagen, gibt es mittlerweile eine ganze Menge Leute, die Sie überzeugt haben, Intellektuelle, Menschenrechtler, Pazifisten. Allerdings, leider: Die meisten können sich nur im Exil äußern oder müssen, wenn sie nicht gerade Nobelpreisträger sind, mit Verurteilungen rechnen. So wie Sie verurteilt wurden wegen Beleidigung des Türkentums. Sie hätten gehen sollen, spätestens nach diesem Richterspruch. Sie sind nicht gegangen. Jetzt sind Sie tot.

Sie lächeln? Ich glaube, ich habe Sie eben lächeln gesehen. Ach klar, Sie kennen das Muster besser als ich. Da wird der Welt nun also ein Junge präsentiert, der Sie erschossen hat. Ein Einzeltäter, nehme ich an. Aber so ist es doch immer, wenn ein Ehrenmord notwendig ist: Da wird der jüngste männliche Vertreter der Familie vorgeschickt, weil er strafunmündig ist oder weil er jung genug ist, nach ein paar Jahren, von seiner Familie aufgefangen, ein neues Leben zu beginnen. Sie lächeln? Na gut, vielleicht lächeln Sie aus einem anderen Grund. Vielleicht haben Sie gerade diese Vision, die ich auch manchmal träume: Ihr Präsident, Gast im europäischen Parlament, verbeugt sich vor den Opfern des Völkermords und von Stund an geht es vorwärts mit der inneren Versöhnung der Türken, mit der inneren Versöhnung der Armenier und mit der Versöhnung beider Völker. Sie lächeln immer noch? Sie finden meinen Traum naiv? Es ist ja auch nur ein Traum. Sie hätten gehen sollen. Sie sind nicht gegangen. Jetzt sind Sie tot.

Dass Sie nicht gegangen sind, macht mich wütend. Dass Sie nicht gegangen sind, ehrt Sie und ich bewundere Sie dafür.

So finde ich nun auch einen Grund, zu lächeln: Vielleicht hatten Sie recht, nicht zu gehen. Vielleicht ist dieser Mord nur noch der letzte verzweifelte Akt eines Systems, das erkennen muss, wie das fein gesponnene Gespinst einer 90 Jahre währenden Lüge zerschlissen, von Motten zerfressen, von Winden verweht, von mutigen Menschen zerrissen, von der Zeit erschlafft, von der Wahrheit zerfetzt ist. Sie hätten gehen sollen. Sie sind nicht gegangen. Jetzt sind Sie tot. Ihr Tod ist nicht umsonst.

Ich kann Ihnen diesen Brief nicht mehr zustellen. Also werde ich ihn jetzt unterschreiben, in die virtuelle Welt des Internets geben und dann in meinem Garten im Wurzelgeflecht eines Weinstocks vergraben, den ich vor 32 Jahren aus Jerevan nach Deutschland gebracht habe. Vielleicht findet ihn dort ein Engel und liest Ihnen diese Zeilen vor.

Hochachtungs-voll

Jochen Mangelsen
___
Jochen Mangelsen, Journalist und Autor http://www.jmangelsen.de/jochen.htm


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 PostPosted: Tue Jan 23, 2007 9:50 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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„Und morgen lassen wir sie wieder allein“
100 000 Türken trauern um Hrant Dink – Präsident und Premier bleiben dem Trauermarsch jedoch fern


Von Susanne Güsten, Istanbul


Zu Lebzeiten hatte Hrant Dink sich allein gelassen gefühlt. Nach seiner Ermordung scharten sich Zehntausende um ihn. Fast 100 000 Türken begleiteten am Dienstag den Sarg des armenisch-türkischen Journalisten durch Istanbul. „Wir sind alle Armenier“, stand auf tausenden Plakaten, die die Teilnehmer des Trauerzugs hochhielten – auf Türkisch, Armenisch und Kurdisch. Ob der Schock des Attentats das gesellschaftliche Klima der Türkei dauerhaft verändern kann, wird aber von vielen Beobachtern bezweifelt. „Heute sind wir alle Armenier, und morgen lassen wir sie wieder allein“, kommentierte die Zeitung „Hürriyet“.

Der türkische Präsident Ahmet Necdet Sezer und Regierungschef Recep Tayyip Erdogan ließen sich denn auch entschuldigen. Zwei Vizeministerpräsidenten entsandte die Regierung zu der Beisetzung, ansonsten blieben ranghohe Vertreter der Republik dem Begräbnis fern. „Und das lag nicht an ihren anderweitigen Verpflichtungen, wie sie behaupten“, sagte der Kolumnist Can Dündar, der selbst an dem Trauermarsch teilnahm. „Sie hätten hier sein müssen.“

Anders viele türkische Bürger: Weit mehr Teilnehmer als erwartet versammelten sich schon am Morgen vor der Zeitung „Agos“, wo Dink am Freitag von einem 16-jährigen Nationalisten erschossen worden war. Vor zehntausenden Teilnehmern verlas Dinks Witwe Rakel, die von ihren drei Kindern gestützt wurde, eine letzte Liebeserklärung an ihren Mann. In einem Schweigemarsch zogen die Teilnehmer anschließend acht Kilometer weit über das Goldene Horn zum armenischen Patriarchat.

Auf Wunsch der Angehörigen gab es keine Sprechchöre oder Transparente, doch trugen viele Trauergäste ein Plakat mit der Aufschrift: „Der 301 ist der Mörder.“ Gemeint war der Artikel 301 des türkischen Strafrechts, nach dem Dink wegen „Beleidigung des Türkentums“ verurteilt worden war; der Attentäter hatte die Ermordung des Journalisten mit dieser angeblichen Beleidigung begründet.

In seiner Trauerpredigt forderte der armenische Patriarch der Türkei, Mesrob II., die Armenier im Land nicht weiter als Fremde und Feinde zu behandeln. „Wir Armenier leben seit tausenden Jahren in diesem Land, wir sind türkische Staatsbürger“, erinnerte der Patriarch. Den ermordeten Journalisten würdigte Mesrob II. als aufrechten Anatolier, der sich für Freiheit und Brüderlichkeit eingesetzt habe.

Dass die Solidarität der Beerdigungsteilnehmer keineswegs die Ansichten aller Türken widerspiegelt, machen Hohn und Hass deutlich, mit denen der Trauerzug in den Internet-Diskussionsforen der türkischen Medien begleitet wurde. „Wenn ihr alle Armenier seid, warum haut ihr dann nicht ab? Ihr habt in diesem Land nichts zu suchen“, hieß es in einem der zahlreichen Beiträge. „Jawohl, ihr seid Armenier – armenische Köter seid ihr alle“, in einem anderen. „Zehntausende auf der Straße, und keine einzige türkische Fahne – das sagt doch schon alles“, kommentierte ein weiterer Beobachter im Internet.


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 PostPosted: Thu Jan 25, 2007 2:35 pm    Post subject: Orhan Pamuk: Türkische Regierung Schuld an Dink's Ermordung Reply with quote Back to top

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Birgit Gärtner 24.01.2007

Mord von Staats wegen?

Orhan Pamuk weist der türkischen Regierung die Hauptschuld an der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink zu
Am vergangenen Freitag wurde in Istanbul der prominente armenische Chefredakteur der Wochenzeitung [extern] Agos, Hrant Dink, erschossen. Am vergangenen Dienstag wurde er unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit auf einem armenischen Friedhof in der Stadt am Bosporus beigesetzt: Mehr als 100.000 Menschen erwiesen ihm die letzte Ehre, darunter auch Vertreter des türkischen und des armenischen Staates. Unterdessen wurde der vermutliche Mörder, Ogün Samast, festgenommen, der die Tat bereits gestand.


Obwohl die Frage nach dem Täter geklärt scheint, bleiben viele Fragen offen: In den Medien wird über etwaige Hintermänner spekuliert, für fortschrittliche Intellektuelle wie den Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamauk liegt die Verantwortung ganz eindeutig beim türkischen Staat sowie dessen nationalistischer Gesetzgebung, mit der seiner Ansicht nach kritische Stimmen wie Hrant Dink diffamiert, kriminalisiert und zur Zielscheibe politischer Fundamentalisten und religiöser Fanatiker gemacht werden.


Hrant Dink wurde 1954 im kurdischen Malatya in eine armenische Familie hinein geboren, die später nach Istanbul übersiedelte. Nach der Trennung seiner Eltern kam er dort in ein armenisches Waisenhaus, in dem er seine spätere Frau Rakel kennen lernte. Er studierte Philosophie und Zoologie und engagierte sich in linken Studentengruppen, nach dem Militärputsch 1980 wurde er deshalb mehrfach verhaftet. Nach dem Studium leitete er mit Rakel ein Ferienheim für Istanbuler Waisenkinder. Mitte der 80er Jahre wurde dieses Heim aus fadenscheinigen Gründen vom türkischen Staat konfisziert - wie damals viele christliche und armenische Besitztümer. So wurde Dink drastisch vor Augen geführt, was es heißt, in der Türkei einer Minderheit anzugehören.

Sein politischer Schwerpunkt verlagerte sich deshalb auf die armenische Frage: Er gründete mit anderen zusammen die Wochenzeitung Agos, in der in zwei Sprachen - armenisch und türkisch - Tabuthemen aufgegriffen wurden. Dass Nicht-Muslimen in dem angeblich säkularen Staat die höhere Beamtenlaufbahn verwehrt bleibt, scheint ein ungeschriebenes Gesetz in der Türkei. Dink traute sich, dies in Agos als sozialen Missstand und Ausgrenzung von Minderheiten anzuprangern. Er setzte sich außerdem u.a. Aleviten und Kurden sowie für die Rechte der Frauen ein.

Völkermord an den Armeniern

Naturgemäß war die Ermordung Hunderttausender Armenier in den Jahren 1894 bis 1922 ein wichtiges Thema für Dink. Damals kollidierte der Unabhängigkeitskampf der armenischen Bevölkerung mit den Bestrebungen, einen homogenen türkischen Nationalstaat zu schaffen. Zu dem Zeitpunkt lebten etwa 2 Millionen Armenier in der Türkei. Vorwiegend in den kurdischen Gebieten, aber auch in der Westtürkei, z. B. in Smyrna, dem heutigen Izmir, und in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, dort stellten sie etwa ein Fünftel der gesamten Bevölkerung.

Die neu aufkommende jungtürkische Bewegung wollte einen sprachlichen und kulturell einheitlichen Staat. In dieses Konzept passten die Armenier mit ihrer eigenen Sprache, ihrer eigenen Schrift und vor allem als Christen mit einer anderen Religion nicht. Die folgenden Jahrzehnte lesen sich wie die Kurzfassung der Geschichte der Juden in Europa: Es kam zu Pogromen, die Armenier wurden mit Sondersteuern belegt, was zu einer raschen Verarmung führte, eine Sondermiliz aus Sträflingen und anderen Freiwilligen wurde gegründet und für die Massaker gegen die Armenier eingesetzt, die Kurden wurden gegen die Armenier aufgehetzt und so zu Erfüllungsgehilfen der Vernichtungspolitik der Jungtürken. Die Armenier wurden interniert und an sieben Orten der Türkei gettoisiert, später wurden sie deportiert, ins Wasser getrieben und auf Todesmärsche geschickt. Innenminister Talaat Pascha gab 1915 den Befehl, "alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten". Historiker gehen von 600.000 bis 1,5, Millionen Toten aus.

In den Wirren des Ersten Weltkriegs schlugen viele Armenier sich auf die Seite der russischen Armee und fielen mit ihr später in die Türkei - vor allem in die kurdischen Gebiete, aber auch z.B. in die Region um Trabzon - ein. Sie rächten sich fürchterlich und es gab Zigtausend Tote, Experten sprechen von bis zu 128.000. Später, nach Gründung der Sowjetunion, wurde die Armenische Republik gegründet und ihr schlussendlich angegliedert.

Kemal Atatürk verurteilte den Völkermord an den Armeniern, erließ aber am 31. März 1923 einen Amnestie-Erlass für alle in diesem Zusammenhang verfolgten und angeklagten Personen. Spätere Regierungen leugneten den Genozid komplett. Die blutige Rache der Armenier wird den verbliebenen Armeniern in der Türkei bis heute als Kollektivschuld angelastet und nach offizieller türkischer Lesart gelten nur die Toten auf türkischer Seite als Opfer, die ermordeten Armenier werden bestenfalls als Kollateralschaden betrachtet.

Genozid-Debatte auch in Deutschland

Die Genozid-Debatte mutet prähistorisch an, ist aber hochaktuell, nicht nur in der Türkei, sondern auch in der BRD. So konnte der kurdisch-stämmige Abgeordnete der Linksfraktion im Bundestag, Hakki Keskin, in einem [extern] Interview im März 2006 unwidersprochen behaupten, es gebe keine Beweise für einen Völkermord an den Armeniern, sondern nur "Dokumente, die nachweislich gefälscht worden sind". Anfang Januar 2007 [extern] sprach Keskin in dem türkischen Massenblatt Hürriyet von einem "Pseudovölkermord", der von einem "armenisch-griechischen Bündnis" instrumentalisiert werde.

Der [extern] Zentralrat der Armenier (ZAD) in der Bundesrepublik forderte daraufhin die Linkspartei auf, sich von dem Abgeordneten Keksin zu trennen. Der ZAD ist den Sozialisten eigentlich eher zugetan, weil Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sich auf die Seite der Armenier gestellt hatten. Die maßgeblichen Politiker der Linksfraktion stellten sich hinter Keskin, Oskar Lafontaine mahnte ihn lediglich zur Vorsicht und stellt klar, dass für die Fraktion die Entschließung des Bundestags von 2005 zur Verurteilung des Massenmordes an den Armeniern gelte. Die Abgeordnete Ulla Jelpke schaltete sich in den Disput ein. Ihrer Ansicht nach ist das keine Konflikt, der nur Türken und Armenier betreffe, sondern es gebe auch eine deutsche Verantwortung. Deutsche Militärs, Politiker und Wirtschaftsführer seien in erheblichem Maße in den Völkermord verstrickt gewesen. Ihre Schuld reiche von unterlassener Hilfeleistung bis hin zur aktiven Beihilfe zum Massenmord, so die Abgeordnete [extern] laut ZAD.

Türkischer Nationalismus

Ob 600.000 oder 1,5 Millionen Tote, ob Genozid oder Kriegsopfer, das war Dink nicht so wichtig. Fakt war für ihn, dass in der Region, in der einst etwa 2 Millionen Armenier lebten und heute gerade einmal 60-80.000 übrig geblieben sind, die armenische Kultur völlig ausgemerzt und die Besitztümer fast vollständig enteignet wurden. "Wir sind stolz darauf, Türken zu sein", ist die Staatsdoktrin, die allen Schulkindern, egal ob in armenischen Schulen in Istanbul oder im fernen Kurdistan eingetrichtert wird. Dink setzte diesem Nationalismus ein egalitäres Menschenbild entgegen. Das brachte ihm internationale Anerkennung und mehrere Medienpreise ein: So wurde er z.B. 2006 in Hamburg mit dem Henry-Nannen-Preis für "sein Engagement der unterdrückten armenischen Minderheit in der Türkei" sowie "seine Verdienste um die Pressefreiheit" ausgezeichnet.

Sein wichtigstes Anliegen war die Aussöhnung der Armenier mit den Türken. Dazu gehörte für ihn, dass die Türkei endlich ihre historisch Verantwortung für die Massaker an den Armeniern übernehmen solle sowie die armenische Seite "ihr vergiftetes Blut reinige", wie er es nannte. Das wurde von der Politik, den Medien und der breiten Öffentlichkeit genauso als Affront betrachtet, wie die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Orhan Pamuk, der wie Dink öffentlich vom Völkermord an den Armeniern sprach, im Oktober 2006 und die zeitgleiche Entscheidung des Parlaments in Paris, die Leugnung dieses Genozids auf französischem Boden fortan unter Strafe zu stellen. Beides heizte die nationalistische Stimmung ungemein an, die zudem durch den § 301 des türkischen Strafgesetzbuches genährt wird, mit dem die "Beleidigung des Türkentums" unter Strafe gestellt wurde. Dieses Gesetz macht zum einen "das Türkentum" zum Maß aller Dinge - zumindest in der Türkei - und ist zum anderen beliebig anwendbar. Jeder, der öffentlich die Politik der türkischen Regierung kritisiert, kann aufgrund dessen juristisch verfolgt werden. Dink wie Pamuk wurden aufgrund dieses Maulkorberlasses mehrfach vor den Kadi gezehrt, gegen Dink waren noch drei Verfahren anhängig.

Der Nationalismus feiert fröhlich Urständ in der Türkei, und die Medien tun das ihre, die Stimmung anzustacheln: Der Aufruf Dinks an die armenische Seite, ihr "vergiftetes Blut zu reinigen", wurde in der Form überliefert, dass der armenische Journalist gesagt habe, er sei kein Türke, denn die hätten "vergiftetes Blut". Das bekam eigenen Angaben zufolge Ogün Samast in Trabzon an der Schwarzmeerküste zu lesen. Nun rätselt die gesamte türkische Republik, wie der arbeitslose, aus ärmlichen Verhältnissen stammende Samast sich eine Waffe sowie die Fahrt nach Istanbul leisten konnte, um "den Verräter", wie er Dink nannte, umzubringen.

Die [extern] Schlüsselfigur in diesem Drama ist indes offensichtlich nicht Samast, sondern ein Mann namens Yasin Halal, dem selbst die faschistische MHP - die Grauen Wölfe - noch zu zahm war und der einer Ideologie anhängt, die aus einem Gebräu von übelstem politischen und religiösen Fundamentalismus besteht. 2004 verübte er einen Anschlag auf die McDonald's-Filiale in Trabzon, um gegen die US-Besatzung im Irak zu protestieren, wie er vor Gericht angab. Obwohl er zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, kam er nach wenigen Monaten wieder frei. Seine Zeit soll er damit verbringen, Jugendliche militärisch auszubilden, u.a. Ogün Samast. Dem wurde die "ehrenvolle" Aufgabe übertragen, Dink umzubringen. Jugendliche für solche Attentate zu missbrauchen, ist sehr beliebt in der Türkei, auch bei familiären Ehrenmorden sind es oft die minderjährigen Söhne, die ihre Schwestern ermorden "dürfen". Jugendliche haben ein wesentlich geringeres Strafmaß zu befürchten als Erwachsene, außerdem können sie sich so als der Familie oder einer Organisation "würdig" erweisen, gewissermaßen eine Einführung ins Erwachsenenleben - eine sehr makabre Art von Männlichkeitsritus.

Unterdessen [extern] kritisierte Orhan Pamuk die türkische Regierung scharf. Gegen Dink sei eine Kampagne in Gang gesetzt, der Journalist zum "Feind der Türken" ausgerufen und zur Zielscheibe für den Mordanschlag gemacht worden. Ministerpräsident Tayip Recep Erdogan ordnete inzwischen Polizeischutz für alle diejenigen an, gegen die aufgrund des § 301 ermittelt wird. Mit dieser paradoxen Maßnahme will er offenbar der Geister Herr werden, die er selber rief.

Hrant Dink wurde gestern in Istanbul [extern] beigesetzt. Mehr als 100.000 Menschen, manche sprechen auch von 200.000, erwiesen ihm bei einem Trauermarsch die letzte Ehre. Das war die größte Begräbnisfeier, die es am Bosporus jemals gegeben hat. Die [extern] meisten türkischen Regierungsmitglieder und Politiker blieben ihr jedoch fern. In Hamburg fand am vergangenen Montag ebenfalls ein Trauermarsch zu Ehren Dinks statt, der von armenischen, kurdischen und türkischen Organisationen initiiert wurde und an dem sich mehr als 500 Menschen beteiligten. Beide Märsche standen unter der Losung "Wir sind alle Hrant Dink", bzw., "Wir sind alle Armenier", ansonsten waren politische Parolen unerwünscht, denn Rakel Dink hatte darum gebeten, das Begräbnis ihres Mannes nicht zu einer politischen Manifestation umzufunktionieren.

Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24503/1.html


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 PostPosted: Sat Jan 27, 2007 10:16 am    Post subject: Reply with quote Back to top

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26.01.2007 19:20

BERN

Mahnwache für Hrant Dink in Bern



Rund 150 Personen haben nach Angaben der Organisatoren an einer Mahnwache für den ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink in Bern teilgenommen. «Wir sind alle betroffen», sagten die Rednerinnen und Redner.


Die Meinungsäusserungsfreiheit sei bedroht, sagte SP-Parteipräsident Hans-Jürg Fehr gemäss Kaspar Haller von der Gesellschaft für bedrohte Völker, die die Mahnwache zusammen mit der Gesellschaft Schweiz-Armenien organisiert hatte.
Mord sei die stärkste Form von Zensur, fügte Therese Oprecht von Reporter ohne Grenzen hinzu. Unter den weiteren Rednerinnen und Rednern waren die Nationalrätin Therese Frösch (Grüne/BE) und National- und Europarätin Ruth-Gaby Vermot (SP/BE).

Ziel des Anlasses war zudem, dem türkischen Botschafter ein Schreiben mit fünf Forderungen zu übergeben. Da dieser jedoch auf die Einladung nicht reagierte, übergaben die Organisationen das Schreiben in Absprache mit der Polizei den Wachen vor der Botschaft. Diese sollten die Übergabe dann realisieren.

Gefordert wird im Schreiben unter anderem die posthume Aufhebung des Urteils gegen Dink, die Aufhebung des Paragrafen 301 der türkischen Gesetzgebung sowie die Garantie der freien Meinungsäusserung.

Dink war wegen Paragraf 301 wegen «Beleidigung des Türkentums» zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Er hatte sich zum Völkermord an den Armeniern geäussert.

Der türkische Botschafter drückte in einer Mitteilung sein Bedauern und seinen «tiefen Schmerz» über den Mord an Dink aus. Er danke allen in der Schweiz, welche ihre Solidarität ausgedrückt hätten. Auf das Schreiben der Organisationen nahm er keinen Bezug. (sda)
 
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 PostPosted: Thu Feb 01, 2007 6:54 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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© DIE ZEIT, 01.02.2007 Nr. 06


Ein Damm ist gebrochen

Nach der Ermordung des Journalisten Hrant Dink geht die türkische Öffentlichkeit jetzt schonungslos mit dem eigenen Land ins Gericht. Von Günter Seufert

»Wir sind alle Armenier«. Trauerzug für den ermordeten Journalisten Hrant Dink





Es waren Frauen, deren Klage vor zwei Wochen dem Zorn und der Verzweiflung von hunderttausend Menschen Ausdruck verlieh. Es waren ihre von Sorgen um Strategie und Taktik ungetrübten Worte, Symbole und Metaphern, die in Istanbul dafür sorgten, dass die Ermordung von Hrant Dink seither zu einem Spiegel wurde, in dem sich Staat und Gesellschaft der Türkei jetzt so nackt sehen müssen wie noch nie.

Jahrelang stand Hrant Dink, Herausgeber und Gründer der armenisch-türkischen Wochenzeitung Agos, am nationalistischen Pranger von Presse und Politik, Bürokratie und Justiz. Der Kassationsgerichtshof hatte den Schuldspruch gegen ihn wegen »Beleidigung des Türkentums« bekräftigt, die Presse ihn zum Verräter abgestempelt, seit Monaten wurde er bedroht. Für die Masse der Bevölkerung war Hrant Dink zum Staats- und Türkenfeind geworden, zum Inbegriff des Anderen.

Nicht aber für Sezen Aksu, die ungekrönte Popdiva des Landes, die seit Jahrzehnten mit armenischen Musikern arbeitet und deren Lieder aus der kulturellen Vielfalt Anatoliens schöpfen. »An einem Freitag, dem Tag des Gebetes, ging meine Seele fort, unwiederbringlich verloren ist Istanbul.« So betrauert Aksu den Ermordeten nun in ihrer Ode, welche sie beim Kondolenzbesuch im Haus seiner Familie schrieb und die am nächsten Tag in fast allen Zeitungen und im Internet zu lesen war.

Nationalisten hatten Hrant Dink bei den Gerichtsverhandlungen beleidigt, bespuckt und tätlich angegriffen, und ähnlich erging es Perihan Magden. Die Journalistin hatte an dem Credo gerüttelt, dass jeder Türke ein geborener Soldat sei, und wurde dafür wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt. »Was warst du für ein Mann!«, rief Magden am Tag des Anschlags Hrant Dink hinterher: »Du warst viel türkischer als ich, ein Mann aus Anatolien, ohne Falsch. Ich kann es einfach nicht ertragen, dass wir gerade dich zum Opfer bringen.« Und auch Hrant Dinks Frau Rakel, die vom Balkon des Zeitungsbüros sprach, ließ es nicht zu, dass ihr Mann als »Ausländer« und »Fremder« zu Grabe getragen würde, und sagte: »Du gingst fort von deinen Enkeln, deinen Kindern und von mir, mein Liebster, doch nicht von deinem Land.« Die hunderttausend, die für eine andere Türkei demonstrierten, nahmen die Botschaft auf, und zur Parole des Trauerzugs wurde ein für die Republik unglaublicher Satz: »Wir alle sind Hrant Dink, wir alle sind Armenier!«

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Dabei war es noch gestern üblich, Leute, die anders denken, unter Hinweis auf ihre andere Religion und Herkunft auszugrenzen. Auch Ismet Berkan, Chefredakteur der liberalen Tageszeitung Radikal, stand wegen seiner Kolumnen vor Gericht. Auch gegen ihn hatten sich Rechtsextreme vor dem Justizgebäude aufgebaut und ihn, den Muslim, zusammen mit Hrant Dink als »Missionarenbrut« beschimpft. Sich solcher Angriffe erinnernd, schrieb Berkan nach dem Anschlag: »In erster Linie haben sie Hrant Dink umgebracht, weil er Armenier war, und erst in zweiter Linie deshalb, weil er anders als sie dachte.« Berkan nannte die Tat ein »rassistisches Verbrechen« und schlug damit für die Türkei vollkommen neue Töne an. Denn bislang wurde als »Rassismus« nur das Handeln »der anderen« bezeichnet, etwa der prokurdischen PKK. Opfer von Rassismus waren im öffentlichen und offiziellen Sprachgebrauch immer nur Türken. Deshalb kann Berkan schreiben: »Ich weiß von keinem einzigen Verfahren, in welchem die Schmähung von Kurden und Arabern oder die Hetze gegen Griechen, Armenier oder Juden Thema gewesen wäre.«

Danach war es, als sei ein Damm gebrochen. Necime Alpay, Sprachwissenschaftlerin und Kolumnistin, schrieb, der Wortlaut des Paragrafen, dem Dink zum Opfer fiel, sei rassistisch. Er schütze nur jene, die ethnisch türkisch und muslimisch seien, nicht auch die Armenier und Griechen, die Kurden und Araber, kurz alle anderen Bürger der Türkei. Am deutlichsten wurde Yasar Kemal, der 1997 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte. Er sagte, in der Türkei herrsche Rassismus wie in kaum einem anderen Land der Welt.

Angestellte der Wochenzeitung Agos trauern um den Gründer, Herausgeber und Kollegen Hrant Dink.


Der Mörder Hrant Dinks, Ogün Samast, ist erst 17 Jahre alt. Er wuchs in diesem Klima auf, das heute selbst Leute erschreckt, die sich politisch zur Rechten zählen. Avni Özgürel hat früher für die rechtsextreme MHP und ihr Umfeld geschrieben, die ideologische Ecke, aus welcher der Mörder kommt. Heute beklagt Özgürel, dass »nationale und religiöse Werte« für Jugendliche wie Ogün Samast nur Beiwerk der Gewaltanwendung seien und macht die Politik dafür verantwortlich. Ali Bulaç, einst Vordenker türkischer Islamisten, sagt nun, die Türkei sitze der eigenen Propaganda auf und halte sich für tolerant. Dabei reiße »die Kette politischer Morde nicht ab, und selbst Priester werden Opfer von Attentaten«.

Niemals zuvor hat die Türkei die eigene politische Kultur so schonungslos analysiert. Niemals zuvor wurden sakrosankte Wörter wie »Türkentum« und »Türke« so offen hinterfragt. Taner Akçam, ein türkischer Historiker, der in den USA über das Schicksal der Armenier forscht, schreibt, die Türken seien aufgefordert, sich endlich zu entscheiden, wie sie ihr Türkentum verstehen wollten: »Für die, welche Hrant ermordet haben, bedeutet Türkentum Verbrechen. Für sie heißt Türkentum, die Gruppe, die sie als Feind bestimmen, zu vernichten.…Wir wissen, dass wir auf unser Türkentum nur in dem Ausmaß stolz sein können, in dem wir uns von diesen Mördern distanzieren.«

Wie die Türken sich selbst begreifen, ist für Angehörige der Minderheiten lebenswichtig. Etyen Mahçupyan, wie Dink Journalist und Armenier in Istanbul, soll dessen Amt als Chef der Wochenzeitung Agos übernehmen. Wenn Hrant Dink und er mit den Vertretern der armenischen Diaspora zusammengekommen seien, schreibt er, habe sich das Gespräch oft an der Frage festgebissen, ob »die Türken« andere eines Tages als gleichberechtigt anerkennen könnten. »Wie kann ich davon absehen«, fragt Mahçupyan, »dass jene, die mir am nächsten stehen, Türken sind, mit denen ich meine Gedanken und Gefühle teile? Natürlich können sich die Türken ändern, doch ob sie jene ›anderen Türken‹ ändern können, weiß ich nicht.« – »Die Frage ›Völkermord, ja oder nein?‹ ist ab heute für mich Nebensache«, schreibt Mahçupyan. »Für uns Armenier ist es jetzt wichtig, welche Türken in Zukunft unsere Geschicke in diesem Land bestimmen.«

© DIE ZEIT, 01.02.2007 Nr. 06
 
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 PostPosted: Thu Feb 01, 2007 6:56 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

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Günter Seufert

La-Ola-Wellen des Hasses
Nach dem Mord an Dink werden die Nationalisten lauter


ISTANBUL. Nach dem Meuchelmord an dem Istanbuler Armenier Hrant Dink am 19. Januar erlebt die Türkei eine Welle des Nationalismus. Bei der Beerdigung des Journalisten hatten zwar fast einhunderttausend Menschen teilgenommen und gerufen: "Wir alle sind Hrant Dink, wir alle sind Armenier!" - so wie sie früher im Protest gegen die USA "Wir alle sind Iraker" skandierten. Doch schon meldeten sich ganz andere Stimmen lautstark zu Wort, und es wurde deutlich, dass der Mord an Dink kein isolierter Vorfall war.


Das Stichwort gab Sevket Kazan von der Glückseligkeitspartei (SP). Er eiferte: "Wir heißen nicht Hrant und sind keine Armenier! Wir heißen Mehmet, und wir sind Muslime!". Die Zeitung Tercüman machte am gleichen Tag mit "Wir sind alle Türken" auf, und auf türkisch-nationalistischen Webseiten tauchte die Losung auf: "Der eigentliche Völkermord beginnt erst jetzt".

In Trabzon, an der Küste des Schwarzen Meers, woher der Täter Ogün Samast stammt, sind inzwischen weiße Wollmützen, wie sie Samast trug, als er Hrant Dink von hinten niederschoss, ein Verkaufsschlager. Am vergangenen Sonntag spielte Trabzons Fußballclub zuhause gegen Kayseri. Im Stadion war ein Meer türkischer Fahnen zu sehen, und Spruchbänder verkündeten Losungen wie "Wir alle sind aus Trabzon, und alle sind wir Türken" und "Selbst wenn ihr uns niederschießt, wir werden niemals zu Armeniern!" Als die Zuschauer die La-Ola-Welle machten, plärrte der Lautsprecher: "Wer jetzt nicht aufsteht, ist Armenier!"

Der Täter ist 17 Jahre alt, Schulabbrecher, arbeitslos und durch und durch nationalistisch. Genauso, nur acht Jahre älter, ist Yasin Hayal, der ihn zur Tat anstiftete und der bei seiner Festnahme Drohungen gegen Nobelpreisträger Orhan Pamuk ausstieß. Junge Männer wie sie finden sich heute in großer Zahl in allen Städten der Türkei, meint Ömer Laçiner, Herausgeber der Zeitschrift Birikim. Sie sind Ergebnis extrem nationaler Propaganda, die seit dem Staatsstreich von 1980 den Schulalltag bestimmt. Längst ist die nationalistische Woge über das ganze Land geschwappt. Obwohl keiner das Gegenteil behauptet hatte, stellte die populäre Sängerin Bülent Ersoy in einer TV-Sendung klar: "Ich bin keine Christin und war mein ganzes Leben Patriot! Und wenn ich eine Tages sterbe, dann als gute Moslemin!"

Gerichte und Polizei machen bei alledem keine Ausnahme. Als die Polizei Ogün Samast festgenommen hatte, stellten ihn die Beamten zum Fotografieren direkt vor ein Poster des Staatsgründers Kemal Atatürk, auf welchem dieser zur Verteidigung des Vaterlandes aufruft. Dann verteilte die Polizei das Foto an die Presse. Am Montag wurde bekannt, dass Polizeispitzel in der rechten Szene Trabzons bereits vor einem Jahr berichteten, der Tat-Anstifter Hayal plane einen Anschlag auf Dink. Das Opfer wurde nicht informiert und erhielt keinen Schutz. Ähnlich ergeht es heute Baskõn Oran, der einen kritischen Bericht zur Lage der Minderheiten schrieb. Nachdem er etliche Drohungen erhalten hatte, stellte der Professor letzte Woche Strafantrag. Die Staatsanwaltschaft wies den Antrag ab.

Berliner Zeitung, 01.02.2007
 
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