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Genozid 1915 - Warum Ankara sich schwer tut, anzuerkennen

 
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 PostPosted: Fri Mar 16, 2007 11:00 am    Post subject: Genozid 1915 - Warum Ankara sich schwer tut, anzuerkennen Reply with quote Back to top

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CHRISTOPH K. NEUMANN
Unser Autor lehrt Geschichte an der Bilgi-Universität Istanbul.
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© Rheinischer Merkur Nr. 9, 01.03.2007


ARMENIERMORD / Noch immer leugnet die Türkei das Massaker. Das behindert den Weg nach Europa
Eine offene Wunde

Der Genozid von 1915 hat eine lange und tragische Vorgeschichte. Sie zeigt, warum sich Ankara so schwer damit tut, seine Schuld anzuerkennen.

Um mit etwas historisch Unstrittigem zu beginnen: Bis zum Ersten Weltkrieg gab es im Osmanischen Reich eine millionenstarke armenische Bevölkerung; in den Zwanzigerjahren, als man wieder nachzählte, lebten auf dem (kleineren) Territorium der Türkei nur noch knapp 100000 Armenier, die überwiegende Mehrheit davon in Istanbul. Was dazwischen geschah, war eine Geschichte unfassbarer Grausamkeit.

Um den Völkermord an den Armeniern zu verstehen, muss man weit zurückgreifen. „Armenier“ bedeutete bis ins 19.Jahrhundert etwas Zweifaches: Zugehörigkeit zu der monophysitischen gregorianisch-armenischen Kirche und Beherrschung der armenischen Sprache. Im Osmanischen Reich genossen die Armenier, wie andere christliche und jüdische Gemeinschaften auch, nicht nur Duldung und Existenzrecht. Das frühneuzeitliche Imperium behandelte die gregorianische Kirche auf seinem Territorium als eine staatliche Institution. So wurde in Istanbul ein Patriarchat eingerichtet, dessen Inhaber vom Sultan ernannt wurde.

Die Armenier lebten also gesichert, auch wenn sie im Vergleich zu den sunnitischen Muslimen auf verschiedene Weise diskriminiert wurden. Doch diese Lage wurde im 19. Jahrhundert gründlich erschüttert – und zugleich auch verbessert. Besonders unter den wohlhabenden Armeniern breitete sich der Katholizismus aus und eine armenisch-katholische Kirche entstand (später gefolgt von einer kleineren armenisch-protestantischen). Diese Kirchen standen unter erheblichem Einfluss westlicher Mächte, die ihre christlichen Protegés im Kampf um Einfluss im wirtschaftlich wie militärisch geschwächten osmanischen Vielvölkerstaat benutzten. Zögernd führte das sich reformierende Reich die Gleichberechtigung von Muslimen und Nichtmuslimen ein. Andererseits versuchte die Regierung, ihre Untertanen dem Einfluss der imperialen Großmächte zu entziehen.

Parallel begann sich die konfessionell definierte Identität der osmanischen Nichtmuslime allmählich in eine ethnische und nationale zu verwandeln. Dieser Nationalismus wirkte wie Dynamit. Seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts operierten vor allem in Ostanatolien Parteien sozialistischer armenischer Nationalisten, die durch Propaganda, Erziehungsarbeit und Terroranschläge einen armenischen Aufstand und dann eine Intervention westlicher Mächte zugunsten der Armenier provozieren wollten – ein Rezept, das kurz zuvor in Bulgarien Erfolg gehabt hatte. Diese Parteien operierten von russischem Territorium aus. Die zaristische Verwaltung tolerierte dies, weil sie 1878 in Ostanatolien die Provinzen Kars und Batum gewonnen hatte und ihren Einfluss ausweiten wollte.

Armenier lebten freilich nicht nur im russischen Kaukasus und im osmanischen Ostanatolien. Armenische Landbevölkerung gab es auch in Kilikien und in Zentralanatolien. Auch jede größere osmanische Stadt hatte armenische Gemeinden. Allerdings bildeten die Armenier in keiner Großprovinz des Osmanischen Reiches die Bevölkerungsmehrheit.

In dieser Situation glaubte immer wieder jede Seite, aus einer Eskalation Profit schlagen zu können – und die Mehrheit der politisch überhaupt nicht aktiven Armenier wurde zu Opfern.


Atatürk folgt Darwin

Von 1894 bis 1896 und dann wieder 1909 kam es so zu Pogromen und Gräueltaten an Armeniern, bei denen Tausende von Menschen ihr Leben verloren. Vor allem die kilikischen Massaker von 1909 waren ein fürchterliches Zeichen. Im Jahr zuvor waren in Istanbul die „Jungtürken“ an die Macht gelangt. Die „Gesellschaft für Einheit und Fortschritt“ strebte einen Verfassungsstaat an und folgte dem Ziel einer „Einheit unter den Bevölkerungsgruppen“. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Denn die Führer dieser Jungtürken entwickelten innerhalb weniger Jahre einen sozialdarwinistisch geprägten Nationalismus, wie er unter säkularistischen Bewegungen der Zeit auch in Europa weit verbreitet war. Belegt sind Pläne und erste Maßnahmen, die zu einer allmählichen Turkifizierung besonders des osmanischen Kerngebiets (zu dem auch Ostanatolien zählte) führen sollten. Zugleich nahm der Einfluss imperialistischer Politik zu, das Osmanische Reich verlor die Balkankriege 1912 und 1913.

Erst der Erste Weltkrieg aber schuf die Bedingungen, die die Vernichtung der anatolischen Armenier möglich machten. Nach einigem Zögern war das Osmanische Reich an der Seite des Deutschen und des Habsburgerreiches in den Krieg eingetreten. Der Versuch des Kriegsministers Enver, im Januar 1915 den Kaukasus zu erstürmen, scheiterte am Winter und dem auch von armenischen Einheiten unterstützten russischen Widerstand. Eine militärische und menschliche Katastrophe war die Folge. Am 24.April 1915 nahm die osmanische Regierung 235 prominente Istanbuler Armenier fest. Die meisten wurden ermordet.

Zur gleichen Zeit begann der osmanische Gouverneur der ostanatolischen Stadt Van, die Armenier des Distriktes zu liquidieren, als russische Truppen anrückten. Am 18.Mai wurde Van von den Russen eingenommen. Nun kam es zu Massakern an den Muslimen. Einige Tage später, am 27.Mai, wurde ein „Gesetz über Bevölkerungsumsiedlung“ verabschiedet, das die Deportation aller Armenier Anatoliens ermöglichte, also auch derer, die Hunderte von Kilometern von der Front entfernt lebten. Weitgehend (aber nicht vollständig) unbehelligt blieben bloß die Armenier in Istanbul, auf dem europäischen Restterritorium des Reiches und in Izmir.

Es steht außer Frage, dass der Deportationsbefehl ein Vernichtungsbefehl war und dass der osmanischen Regierung, besonders dem federführenden Innenminister Talat, dies auch klar gewesen sein muss. Zu Hunderttausenden starben die Menschen auf dem Marsch in die Syrische Wüste, in den dort und auf dem Weg eingerichteten Lagern, wurden Opfer von Erschießungen, Überfällen, Krankheit, Epidemien, Hunger und Vergewaltigungen. Junge Frauen und Kinder überlebten häufiger durch Aufnahme in muslimische Familien, was aber auch meist die Aufgabe ihrer armenischen Identität mit sich brachte. Flucht rettete Tausende andere.

Strittig sind die Zahlen. Weder ist genau festzustellen, wie viele Armenier es vor dem Krieg gab, noch wurden umfassende Opferlisten geführt. Armenische Angaben sprechen von bis zu 1,5 Millionen Todesopfern, andere Schätzungen von 600000 bis 800000 Toten, einige türkische Historiker rechnen die Zahl auf 200000 bis 300000 Opfer „klein“. Das sind auch die Kreise, die behaupten, es habe sich um keinen Völkermord, keinen Genozid gehandelt, sondern um die Folge bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen.

Schuld an ihrem Schicksal hatten demnach die Armenier selbst, nicht ihre Mörder. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass armenische Guerillakämpfer und der militärische Apparat der Osmanen nie auf Augenhöhe miteinander kämpften. Auch eine andere Gegenrechnung ist falsch. Zwar kam es während der Zerschlagung des Osmanischen Reiches seit dem griechischen Unabhängigkeitskrieg auf dem Gebiet der neuen Nationalstaaten zur Vertreibung und zum Mord an Türken. Doch dieser entsetzliche Blutzoll der Muslime Europas und auch die Opfer, die von den anatolischen Muslimen während des Ersten Weltkrieges gebracht wurden, entschuldigen die osmanische Regierung nicht.

Sie hatte die Aufgabe, alle osmanischen Untertanen nach Kräften zu schützen. Allerdings muss sich die internationale (und auch die deutsche) Öffentlichkeit den Vorwurf gefallen lassen, den muslimischen Opfern der Vertreibungen etwa der Balkankriege weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt und ehrendes Andenken bewahrt zu haben als den christlichen Armeniern neuerdings wieder – hier wird mit zweierlei Maß beurteilt.

Geschähe heute etwas Ähnliches wie in Anatolien 1915 (wie es das in anderen Gegenden der Welt, so in Darfur, ja immer wieder tut), würde man dies höchstwahrscheinlich als eine ethnische Säuberung, also einen klaren Fall des Völkermordes einstufen. Nur gab es 1915 weder den Begriff noch gar das juristische Delikt des Völkermordes. Er wurde erst 1948 kodifiziert.

Deshalb kam es nach dem Ersten Weltkrieg vor osmanischen Gerichten nur zu Urteilen gegen Einzelpersonen – allerdings auch das nur auf Druck der Siegermächte. Gegen führende Politiker wie Talat ergingen Todesstrafen in Abwesenheit (er wurde später in Berlin von einem Armenier ermordet), der ehemalige Kreisrat von Bayburt wurde 1920 öffentlich am Strang hingerichtet. Zu einer Feststellung institutioneller Verantwortlichkeit oder gar der Gründung eines internationalen Strafgerichtes kam es nicht. Im Gegenteil. Als 1923 in Lausanne die Türkei und ihre früheren Kriegsgegner einen Friedensvertrag abschlossen, fügten sie eine Amnestie bei, die die Verfolgung aller „militärischen und politischen Handlungen“, die auf türkischem Boden zwischen 1914 und 1922 begangen wurden, unmöglich machte.


Ewiges Feuer zum Gedenken


Geblieben ist das historische Trauma. Unter ihm leben nicht nur die Armenier, sondern auch die Türken. Die Ereignisse von 1915 wurden besonders für die Armenier der Diaspora und auch in Armenien selbst Grundlage ihrer Identität. In Eriwan erinnert ein Denkmal an den Völkermord. Und für die Türken? Das Leugnen des Genozids ist zu einem integralen Teil des türkischen Nationalismus geworden – und der ist wiederum in seinen verschiedenen Formen bis heute konstitutiver Teil der politischen Kultur des Landes sowie der Staatsideologie, des Kemalismus.

Bis heute ist an den meisten türkischen Universitäten eine offene Debatte über die Vernichtung der Armenier sozial unmöglich. Wer öffentlich von „Völkermord“ spricht, riskiert zumindest eine Anzeige wegen „Verunglimpfung des Türkentums“. Staatliche Institutionen intervenieren massiv, um ihre beschönigende Version der Ereignisse durchzusetzen.

In so einer Atmosphäre ist natürlich auch an eine Klärung wesentlicher historischer Fragen nicht zu denken: Etwa die nach der Rolle Russlands, Englands und des Deutschen Reiches, des Verbündeten, der die Untaten von 1915 jedenfalls nicht verhindert hat. Oder die danach, wieweit tatsächlich die nationalistische Ideologie der relativ engen jungtürkischen Führungskreise für die Massaker verantwortlich war. Auch die armenische Seite muss sich Vorwürfe gefallen lassen. So die Daschnak-Partei, die Ende des 19.Jahrhunderts gegründet wurde und für ein vereintes Armenien streitet. Sie weigert sich, ihre Archive der Forschung zu öffnen.

Misstrauen, Feindbilder, Ressentiments und die rassistische Annahme, der jeweils andere sei der ewige Feind des eigenen Volkes, bestehen so bei den Armeniern besonders der Diaspora und unter türkisch-nationalistischen Kreisen fort. Solange das so bleibt, ist der Erste Weltkrieg nicht vorbei.

Insofern ist auch Hrant Dink, der türkisch-armenische Journalist, der am 18. Januar einem politischen Mord zum Opfer fiel, ein spätes Opfer des „Großen Krieges“. Er versuchte, anders als die verbohrten Nationalisten, das Trauma durch Debatte zu überwinden. Hunderttausende marschierten schweigend bei seinem Begräbnis. Auf Ansteckern erklärten sie, selbst Armenier zu sein. Die Demonstranten verkörpern die Hoffnung, dass auch die Türkei einmal den Ersten Weltkrieg beenden kann.

Unser Autor lehrt Geschichte an der Bilgi-Universität Istanbul.

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