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NZZ Artikel zur Buchmesse

 
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Andy



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LITERATUR UND KUNST Neue Zürcher Zeitung
Samstag/Sonntag, 11./12. Oktober 2008
Nr. 238 B 1

INHALT
Ein Reichtum, der Angst macht Die ethnische und religiöse Pluralität im Osmani- schen Reich wird in der heutigen Türkei oft idea- lisiert. Schon damals begann die Gratwanderung zwischen Diversität und erzwungener Einheit. B 3 Das Patriarchat entlässt seine Töchter Romane von Literaturschaffenden aus drei Generationen zeigen türkische Frauen auf ganz unterschiedlichen Wegen zur Emanzipation. B 5 Diversität als Programm Die Türkei als Ehrengast an der Frankfurter Buchmesse War es nur die Simultanübersetzung, die der Ver- heissung des türkischen Kulturministers eine fast schon leise drohende Note verlieh? «Sie werden sich wundern, wie vielfältig wir uns in Frankfurt präsentieren werden», verkündete Ertu ˇ grul Gü- nay vor den Medienvertretern, die im Vorfeld des türkischen Auftritts als Ehrengast der 60. Frank- furter Buchmesse nach Istanbul geladen waren. Der Minister sprach wohl in der Tat aus einer Art kämpferischer Defensive, denn der problemati- sche Umgang mit ethnischen und religiösen Min- derheiten hat dem Image der Türkei mehr Scha- den zugefügt als irgendein anderer Aspekt in der jüngeren Geschichte des Landes. In Frankfurt schien man dieses Problem frontal angehen zu wollen, indem mit dem Motto «Türkei – faszinie- rend farbig» die Diversität gleich zum Programm erhoben wurde. Natürlich wird sich noch weisen müssen, wie hart und kontrovers die «heissen» Themen, die das türkische Organisationskomitee auf die Agenda gesetzt hat, dann von den gelade- nen Teilnehmern diskutiert werden.

BRUCH MIT DER EIGENEN GESCHICHTE
Ursache von Repression und Rigorismus ist in der Türkei vorab das zwangsverordnete Bekenntnis zu einer einheitlichen nationalen Identität, das wiederum aus der besonderen Geschichte des Landes erwachsen ist. Als nach dem Kollaps des Osmanischen Reiches die Türkei sich zu einem Nationalstaat nach westlichem Vorbild formieren wollte, geschah dies unter Preisgabe all dessen, was zuvor Selbstbild und Selbstbewusstsein kon- stituiert hatte: die historische Aura der Gross- macht, die von arabischen und persischen Einflüs- sen geprägte Kultur, die tragende Rolle des Islam, dessen höchste Autorität der osmanische Sultan als Kalif – als geistlicher Führer aller Muslime – zuvor beansprucht hatte. Der moderne Türke musste aus dem Geist des Kemalismus buchstäb- lich neu geschaffen werden: von der Gesetzes- und Gesellschafts- bis hin zur Kleiderordnung, vom Gebrauch der europäischen anstelle der ara- bischen Schrift über die von Lehnwörtern aus anderen orientalischen Kulturräumen «bereinig- te» Sprache bis zum patriotisch mythologisierten Geschichtsverständnis. Und während man das wahrhaft «Andere» – die westlichen Denk- und Lebensformen – mit vollen Händen einbrachte, war paradoxerweise kein Raum für die «Ande- ren» im eigenen Land, für Armenier, Griechen und Kurden, Juden und Christen. Es mag der Logik der vielbeschworenen Rückkehr des Verdrängten entsprechen, dass in jüngerer Zeit (und im Einklang mit einer gross- räumigen Tendenz zur Reislamisierung) die mus- limische Identität der Türkei wieder stärker in den Vordergrund tritt; doch führte diese Entwick- lung direkt ins nächste Paradox, indem zumindest anfänglich der demokratische Leistungsausweis der islamistischen AKP-Regierung wesentlich besser wirkte als derjenige ihrer säkularen Vor- gänger und jetzigen Kontrahenten. Freilich wird die Politik der AKP in der Türkei wie auch im Ausland mit Vorbehalten verfolgt; und selbstver- ständlich ist diese Partei weder die erste noch die einzige Kraft im Land, die Wandel und Öffnung anstrebt. Doch kann sich die Türkei mittlerweile auch den kritischen Blick auf das einst bedin- gungslos akzeptierte westliche Vorbild leisten, wenn etwa die Soziologin Nilufer Göle die Dis- kussion um den EU-Beitritt ihres Landes inter- pretiert: Die Türkei, meint sie, habe dabei als Katalysator dienen müssen, um innereuropäische Fragestellungen anzugehen – und letztlich ganz einfach als «das ‹Andere›, anhand dessen sich Europa neu definieren konnte».

BEKENNTNIS ZUR VIELFALT
Diese Fiktion einer «schicksalshaften Zweitei- lung» von Ost und West will die Verlegerin Müge Gürsoy Sökmen, Co-Vorsitzende des türkischen Organisationskomitees für den Ehrengast-Auf- tritt, nicht gelten lassen: Gerade dank ihrer rei- chen Mischkultur, betont Sökmen, sei die Türkei vielmehr das prädestinierte Bindeglied zwischen den Welten. Wünschen wir der Frankfurter Buch- messe zu ihrem 60. Geburtstag – und mehr noch dem diesjährigen Ehrengast –, dass dieses Be- kenntnis zur Diversität mehr sein kann als nur Messeprogramm; so dass sich die Vision der tür- kischen Denkerin Seyla Benhabib bewahrheitet und türkische Identität dereinst nicht mehr in auf- gezwungener Gleichartigkeit besteht, sondern in der Gleichwertigkeit der im Land versammelten Kulturen und Religionen. Angela Schader Auf dem Weg zur offenen Gesellschaft? Die repressive Minderheitenpolitik wird auch in der Türkei zunehmend in Frage gestellt Von Günter Seufert Nach wie vor kämpft die Türkei mit einem rigiden Selbstverständnis, das die Ansprüche kultureller und religiöser Minderheiten negiert und Kritik schnell einmal als «Beleidigung des Türkentums» ahndet. Doch ein allmählicher Mentali- tätswandel scheint sich nun abzuzeichnen. Versteht man unter der heutigen Minderheiten- politik in der Türkei die gültigen Gesetze und den praktischen Umgang des Staates mit den Minder- heiten, tendiert man dazu, schwarz in schwarz zu malen. Dann tritt das Bild eines unduldsamen Nationalstaates hervor, der die blosse Existenz von grossen Gruppen sprachlicher und kultureller Minderheiten – etwa der Kurden oder der mus- limisch-heterodoxen Aleviten – leugnet und we- nig unversucht lässt, um sie an die Mehrheit der Bevölkerung zu assimilieren, die er ethnisch als türkisch und religiös als orthodox muslimisch definiert. Die ohnehin schon kleinen Gruppen, die dieser Staat als religiöse Minderheiten aner- kennt, die christlichen Armenier, die orthodoxen Griechen und die Juden, sind im Lauf von 85 Jah- ren offiziell säkularer Republik auf nur ein Zehn- tel ihres einstigen Anteils an der Bevölkerung ge- schrumpft: von 2,5 Prozent im Jahre 1927 auf heute nur noch 0,2 Prozent. Zur Politik, die dazu geführt hat, gehörten Einschüchterung, Enteig- nung, nationalistische Hetze und ganz bewusste Marginalisierung.

HOMOGENITÄT UM JEDEN PREIS
Das Ziel, aus der kulturell, sprachlich und religiös vielfältigen Bevölkerung von Anatolien eine ein- heitlich türkisch-muslimische Nation zu formen, ist das zentrale Credo der Republik. Deshalb ging Ankara im Jahre 1923 auf den Vorschlag des grie- chischen Ministerpräsidenten Elefth ´ erios Veniz ´ e- los ein, die griechisch-orthodoxen Christen Ana- toliens gegen die Muslime in Griechenland zu tauschen. 1,2 Millionen Christen mussten damals gegen Westen und 400 000 Muslime gegen Osten wandern. Um einer einheitlich türkischen Nation willen brach man während des Zweiten Welt- kriegs der jüdischen und christlichen Kaufmann- schaft mit Sondersteuern das Genick, und nur deshalb wurden in der türkischen Republik die Schulen, Stiftungen und Kirchen der Minderhei- ten so sehr eingeschränkt, dass ein Grossteil der Andersgläubigen früher oder später den Weg ins Ausland suchte. Die moderne Türkei hat das Ziel einer einheitlich türkisch-muslimischen Nation von der jungtürkischen Führung übernommen, die sich «Einheit und Fortschritt» auf die Fahne geschrieben hatte und auf deren Konto die Aus- löschung armenischen Lebens in Anatolien wäh- rend des Ersten Weltkriegs geht. Weil diese Vor- stellung von der Nation noch heute gültig ist, tut sich die offizielle Türkei schwer damit, sich ihrer Geschichte zu stellen. Das Ideal eines sprachlich und religiös voll- kommen einheitlichen Volkes, in welchem Min- derheiten nur als Spaltpilz, Gefahrenherd und potenzielle ausländische Agenten wahrgenommen werden, machte in der Zeit der Weltkriege Furore. In dieser Zeit kennen auch in Europa viele Staaten ihre Gesellschaft nur als «Volk», das sich von allen anderen Völkern grundlegend unterscheidet und vollkommen einheitlich fühlen und handeln muss. Eine «Gesellschaft» mit sozialen Klassen und Konflikten, mit einer Pluralität von Identitäten, die, wie die Gesellschaft selbst, nach aussen offen sind, ist solchen Staaten schlicht ein Greuel. In der Türkei trifft man noch allenthalben auf diese Geisteshaltung. Sie ist dafür verantwortlich, dass seit dem Jahre 1965 bei Volkszählungen nicht mehr nach der Muttersprache gefragt wird, damit die Präsenz unterschiedlicher Bevölkerungsgrup- pen nicht in offiziellen Statistiken sichtbar wird. Gleichzeitig gibt es vertrauliche Studien zu allen sprachlichen und religiösen Gruppen, ihre Zahl wird bestimmt, und der Grad ihrer Türkifizierung wird gemessen. Diese Einstellung manifestiert sich in Urteilen des Verfassungsgerichts, das immer wieder Parteien verboten hat, weil sie an- geblich «Minderheiten hervorbringen und so die Einheit der Nation zerstören». Sie motiviert in- offizielle Arbeitsgruppen bei der Gendarmerie und auch beim Generalstab, die noch in diesen Tagen eine «Nationale Einheitsbewegung» schaf- fen wollen und dazu Richter und Universitätsrek- toren, Medien und kemalistische Nichtregie- rungsorganisationen auf eine Linie einzuschwö- ren suchen. Sie drückt sich auch in den Worten des neuen Generalstabschefs Ilker Basbug aus, der sagt: «Die Streitkräfte werden nicht zulassen, dass am Nationalstaat auch nur eine Schraube ge- lockert wird. Selbst wenn entsprechende Vor- schläge von der EU kommen sollten.» Doch Minderheitenpolitik in der Türkei ist heute mehr als nur das Handeln dieses autoritä- ren Staates, und sie wird nicht mehr nur vom bürokratischen Zentrum gemacht. Seit Turgut Özal, der von 1983 bis 1993 erst als Ministerpräsi- dent und später als Staatspräsident gewirkt hat, bemühen sich kulturell konservative Parteien mit wirtschaftsliberaler Ausrichtung und die von ihnen gestellten Regierungen um mehr Toleranz im Innern und um Ausgleich mit den «Mutterlän- dern» der religiösen Minderheiten. Özal hat die Entspannung mit Griechenland begonnen, und er war auch der erste Staatsmann, der die Abwande- rung der Griechen aus Istanbul öffentlich bedau- erte. Mit seiner jüngsten Reise nach Armenien führt der jetzige Staatspräsident, Abdullah Gül, die Politik des Ausgleichs fort. Güls frühere politische Heimat, die AKP (Par- tei für Gerechtigkeit und Entwicklung) von Recep Tayyip Erdogan, verdankt ihr Ansehen im Ausland primär vorsichtigen Reformen im Hin- blick auf eine EU-Mitgliedschaft. Teil davon sind leichte Verbesserungen für religiöse Minderhei- ten. Kirchen dürfen endlich renoviert werden, die ersten ausländischen Pfarrer erhielten eine Ar- beitserlaubnis, diskriminierende Nummern in den Personaldokumenten von Angehörigen der Minderheiten fielen weg, und religiöse Stiftungen erhielten einen kleinen Teil früher konfiszierter Immobilien zurück. Der Vertrag von Lausanne von 1923, der die Rechte der Minderheiten garan- tieren soll, wird jetzt nicht nur auf die verbliebe- nen 2000 Griechisch-Orthodoxen, die ungefähr 17 000 Juden und 60 000 Armenier angewandt, sondern erstmals auch auf die rund 10 000 syri- schen Christen. Seit dem Jahr 2003 können theo- retisch wieder Kirchen errichtet werden, und im ostthrakischen Edirne wurde eine alte bulgari- sche Kirche aufs Neue eröffnet. Selbst diese kleinen Schritte riefen national- kemalistischen Protest hervor, der bisher auch verhindert hat, dass die Priesterseminare der grie- chisch-orthodoxen und der armenisch-apostoli- schen Kirche wieder eröffnet werden konnten. 2006 wollte die AKP-Regierung den Kindern der 40 000 Armenier, die in den letzten Jahren meist illegal aus der armenischen Republik eingewan- dert sind, den Besuch von Schulen der armeni- schen Minderheit in Istanbul erlauben. «Verrat an türkischen Interessen», schrie daraufhin die ke- malistische «Volkspartei der Republik» (CHP), und die Regierung gab klein bei. So war es auch bei allen Vorstössen zur demo- kratischen Lösung der Kurdenfrage. Zwar sprach sich Erdogan für ein Verständnis von Staats- bürgerschaft ohne ethnische Anklänge aus und wollte die Präsenz und Identität von Minderhei- ten im öffentlichen Raum nicht länger tabuisiert sehen. Konkret geändert hat sich wenig. Ausser einigen Stunden Staatsfernsehen in Kurdisch und anderen Minderheitensprachen und der Erlaub- nis für private Kurdischkurse kann die Regierung Erdogan fast nichts vorweisen. Das liegt am Widerstand des bürokratischen Zentrums und daran, dass die AKP in diesen Fragen tief gespal- ten ist. Ein Teil der Partei will Öffnung und Demokratie, der Rest propagiert das Bild einer in sich geschlossenen Gesellschaft, in der konserva- tive Moralvorstellungen eine grosse Rolle spielen.

LANGSAMER GESINNUNGSWANDEL
Solche homogenen Gesellschaftsbilder hat die Soziologin Nilüfer Göle vor Jahren als ein Merk- mal türkischer Innenpolitik benannt. Religiöse und Säkularisten, Linke und Rechte, türkische und kurdische Nationalisten verfolgten alle, so Göle, politische Projekte, in denen wenig oder gar kein Raum für «politisch andere» und damit auch kein Platz für Minderheiten ist. Doch langsam, aber sicher vollzieht sich ein Wandel. In den 1990er Jah- ren entdeckten konservative Intellektuelle das «multikulturelle Erbe» der osmanischen Zeit, und säkulare Denker postulierten nun eine «Zweite Republik», welche die Kinderkrankheiten des Nationalismus – erzwungene Gleichmacherei und Autoritarismus – überwindet. Begriffe wie Demo- kratie, Rechtsstaat und Menschenrechte, Staats- bürgerschaft und kulturelle sowie religiöse Frei- heit finden heute zunehmend Resonanz. Erstmals wird politisch das Ideal einer vielfältigen Türkei gedacht, die allen Luft zum Atmen bietet. Die Unterstützung für solche Ideen manifes- tierte sich unverhofft gerade an dem Tag, da der nationalistische Gegenentwurf zu triumphieren schien: nach der Ermordung von Hrant Dink. Am 22. Januar 2007 folgen in Istanbul fast 100 000 Menschen dem Sarg des türkisch-armenischen Journalisten, der das politische Projekt «Zusam- menleben und Ausgleich» entschlossen wie kein anderer gelebt hat. In seinen Spuren bewegen sich heute mehr und mehr Akademiker und Intellek- tuelle, die in Zeitungen und Zeitschriften, Talk- shows und Think-Tanks, in Büchern und Berich- ten ihr Ideal von einer liberalen und offenen Tür- kei täglich konkretisieren. Sie wissen, dass grosse Teile der Bevölkerung Minderheiten immer noch primär als Bedrohung für Volk, Staat und Nation wahrnehmen. Das muss sich ändern, wenn die Idee von einer offenen Gesellschaft, von Gleich- heit, Rechtsstaat und Demokratie in den Köpfen der Türken wirksam werden soll. Der Soziologe Günter Seufert lebt als freier Publizist in Istanbul und hat mehrere Sachbücher über die Türkei verfasst. Zur Buch- messe erschien unter dem Titel «Die Saat der Worte» eine von ihm edierte und übersetzte Sammlung von Aufsätzen des tür- kisch-armenischen Journalisten Hrant Dink. Rückschritt oder Fortschritt? Noch ist unklar, wohin die Türkei unter der gleichzeitig religiös und liberal auftretenden AKP-Regierung geht.
ALEX WEBB / MAGNUM PHOTOS


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LITERATUR UND KUNST B 2
Samstag/Sonntag, 11./12. Oktober 2008
Nr. 238 Neue Zürcher Zeitung

Aus der Türkei schreiben Von Murathan Mungan
Unter den zahlreichen Antagonismen, von denen die Welt geprägt ist, nimmt die Ost-West-Polari- sierung eine ganz besondere Rolle ein. Sowohl von der geografischen Lage her als auch durch die Verwestlichungsbestrebungen, die im Jahre 1839 initiiert wurden und namentlich in den Reformen der türkischen Republik in den zwanziger Jahren ihre Fortsetzung fanden, gehört die Türkei zu den Ländern, die die Spannung zwischen Ost und West in ganz besonderem Masse erleben. Als am 3. November 1839 Mustafa Re ¸ sit, der Grosswesir Sultan Abdülmecids, im Gülhane- Park in Istanbul den versammelten ausländischen Gesandten und einer grossen Volksmenge ein Dekret verlas, das eine Periode der «Heilsamen Neuordnung» einläutete, die Beziehungen zwi- schen den Individuen und dem Staat auf eine neue gesetzliche Grundlage stellen und die alten, auf der Rechtsprechung der Scharia fussenden Gesetze völlig abschaffen sollte, da begann ein oft schmerzlicher Prozess, der in unserer heuti- gen Zeit auf seine Weise noch zu spüren ist, und die Türkei bemüht sich immer noch, auf den ver- schiedensten Ebenen als Synthese aus West und Ost zu existieren. SCHATTENLOS Bekanntlich definierte sich der «Orient» einst nicht selbst als solcher, sondern es wurde ihm erst vom «Okzident» diese Identität verschafft, eine Art «Fremdbestimmung» also, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Sobald wir uns auf diesen Komplex einlassen, haben wir es mit einer breitgefächerten Thematik zu tun, die von der Entwicklung der Welt zu einem «globalen Dorf» bis hin zur Frage des sogenannten «Orientalis- mus» reicht. Selbst Literarisches kann ja plötzlich zum geografischen Problemfall werden. Heutzutage in und aus der Türkei zu schrei- ben, bedeutet zugleich, Teil dieser West-Ost-Pro- blematik zu sein. Schriftsteller, denen dies in hohem Masse bewusst ist, richten sich beim Schreiben auch an die Leser draussen in der Welt. Es liessen sich in diesem Zusammenhang natürlich etliche Stichpunkte aufzählen, die alle der näheren Erläuterung bedürften, doch ich für meinen Teil möchte lediglich sagen, dass durch die eingezwängte Lage meines Landes zwischen Ost und West eine Energie frei wird, die ich mir für meinen Schreibprozess zunutze mache. Wenn in der Türkei irgendein westlicher Schriftsteller gelesen wird, dann rezipiert man ihn stets aus einer kulturellen Perspektive heraus. Man weiss mehr oder weniger über die entspre- chenden literarischen Traditionen Bescheid, über die Quellen, aus denen sie sich speisen, über kul- turelle Verweise. Als Schriftsteller aus der Türkei jedoch, der im Westen Fuss zu fassen sucht, ist man allein, ist schattenlos. Dem westlichen Leser nämlich ist un- bekannt, aus welcher Vergangenheit, welchem kulturellen Erbe man schöpft, und die gesell- schaftlichen und geschichtlichen Bezüge sowie die Schatten der alten Meister sind ihm fremd. Dies sind lauter Hindernisse, die sich dem Leser auf seinem Weg zu Verständnis und Verständi- gung in den Weg stellen. Auf einem Gebiet wie der Literatur, das bisweilen enorme geschicht- liche Zeitspannen umfasst, kann das zur Über- brückung solcher Klüfte Notwendige nicht allein durch einige wenige Schriftsteller geleistet wer- den, mögen ihre Mühe, ihr Talent und ihre Meis- terschaft noch so gross sein. Es bedarf einer viel stärkeren Unterstützung. EIN LAND, EIN TOR Dass die Türkei zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2008 gewählt wurde, stellt hoffentlich in dieser Hinsicht einen grossen Schritt dar. Für eine Ausstellung, die auf der Messe eröffnet wird, wurde ich gebeten, einen kleinen Text zu schrei- ben, in dem ich mich in der dritten Person vor- stelle. Ich füge diesen Text hier bei, der beleuch- ten soll, was mein Schreiben mit meinem kulturel- len Erbe zu tun hat. «Ihm ist bewusst, dass in einem Land, das als Tor von Ost nach West und von West nach Ost gilt und das Erbe eines 700 Jahre währenden Reiches angetreten hat, die Dichter und Schriftsteller mit einer schweren geschichtlichen Verantwortung geboren werden. Er ist im südosttürkischen Mardin aufgewach- sen, einer der ältesten Städte Mesopotamiens, einem Sprachen-, Religionen- und Völkerge- misch, und aus seinen Texten spürt man An- klänge daran heraus. Er will im Umfeld universel- ler Pfade Archetypen herausbilden, die alle Zei- ten miteinander verbinden, mit Metaphern ange- reicherte Schichten, und er will all das Wissen, das in modernen und postmodernen Zeiten in dieser Welt angehäuft wurde, dazu nutzen, um letztlich doch zu einer ‹einheimischen› Synthese zu gelangen. Wo auch immer sein Werk gelesen wird, stets soll es doch den Stempel seiner Her- kunft tragen, das ist für ihn ein Schlüsselbegriff. Er sieht das als ein Mittel an, der Welt etwas zu sagen und dabei Gleiches gleich und Verschiede- nes verschieden zu lassen. Wenn er sich von aussen betrachtet, fällt ihm als Erstes dies ein.» Der 1955 geborene Murathan Mungan ist väterlicherseits kur- disch-arabischer Abstammung und wuchs in Mardin im Südosten der Türkei auf. Heute lebt er als Theaterautor und freier Schrift- steller in Istanbul. Beim Unionsverlag erschien sein Erzählband «Palast des Ostens», bei Blumenbar der Roman «Tschador». Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Geschlossen oder offen? Die Istanbuler Jugend jedenfalls mag sich vom Westen nicht aussperren lassen. CAROLYN DRAKE / PANOS

Die Fremden im Land Politik und Geschichte im Fokus der türkischen Literatur Von Martin Zähringer
Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und die radikalen gesellschaft- lichen Innovationen des Kemalismus waren der Auftakt zu einem bewegten Jahrhundert türkischer Geschichte. An- hand von vier anlässlich der Buchmesse in deutscher Übersetzung erschienenen Romanen lässt sich aufzeigen, wie durch das Prisma der Literatur Einblicke in die politischen Spannungsfelder des Landes vermittelt werden. In Yakup Kadris Roman «Der Fremdling» gibt es einen klassischen Wortwechsel zwischen dem weltflüchtigen Protagonisten und den Bauern eines anatolischen Dorfes: «Aber wie kann denn einer Türke sein und es nicht mit Kemal Pascha halten? – Wir sind keine Türken, Herr. – Ja was seid ihr denn? – Wir sind Mohammedaner, Gott sei Lob und Dank!» Ein Dialog, erschienen 1932, der ebenso visio- när die gesellschaftspolitische Entwicklung in der Türkei beschreibt wie die weltanschaulich polari- sierte Grunddynamik in der jungen türkischen Literaturgeschichte. Zumindest im derzeit noch überschaubaren Feld der Übersetzungen stellt «Der Fremdling» so etwas wie eine Grundform des modernen politischen Romans der Türkei dar. Diese Eigenschaft hat er jedenfalls mit Blick auf das übergeordnete Thema, den Konflikt zwischen den türkischen Republikanern und der islami- schen Reaktion. Politisch ist dieser Roman auf- grund seiner kemalistischen Ideologie, gut ist er vor allem deshalb, weil der Autor seine politische Haltung literarisch zur Disposition stellt.

NATION UND GEFÜHL
Distanzierung erreicht Kadri durch eine bekannte literarische Instanz, das gefundene Heft – «in der Mitte eingerissen, an den Rändern verbrannt». Es enthält die eigenhändig geschriebene Geschichte des Protagonisten, aber auch auratische Spuren der Gründungszeit – die verbrannten Ränder ver- danken sich den Tumulten nach der Schlacht am Sakarya, auf die im Herbst 1921 die General- mobilmachung durch Mustafa Kemal, den künfti- gen Gründer der türkischen Republik, erfolgte. Gefunden und gelesen wird dieses Heft von den Kameraden aus Kemals Armee; der Autor, der sich als Kriegsversehrter nach dem Ersten Welt- krieg in die anatolische Provinz zurückgezogen hatte, ist spurlos verschwunden. Das Heft könnte also das geballte ideologische Vermächtnis für den gegenwärtigen Kampf von Kemals Truppen sein; allerdings eröffnet es den Blick auf einen Er- zähler, der seine Erfahrungen und Positionen offensiv, ungeschützt und emotional darstellt und das glorreiche türkische Volk von einer wenig hoffnungversprechenden Seite kennenlernt. Als er einmal einen Artikel über einen Etap- pensieg der kemalistischen Truppen liest, heisst es dazu: «Das Herz quillt mir über vor Freude. Als läse ich ein Gedicht, so rezitiere ich bei mir die Zeilen des Extrablattes.» Die Bauern aber haben andere Gefühle, sie kuschen vor dem Dorfaga und verehren den zauberkundigen Scheich. Sie haben auch andere Medien, die Flugblätter des Feindes: «Der Kalif und der Padischah sind mit uns. Wir kämpfen, um euch vor Kemals Banden zu retten!» Und erst jetzt zeigen auch die ver- schlossenen Dörfler einmal Gefühl, jetzt «begann das Gesicht eines jeden einzelnen von ihnen vor Freude zu strahlen». Anstatt der gewünschten Urszene der nationalen Einheit, der Verbrüde- rung des Intellektuellen mit dem Volk, erlebt der ausgemusterte Offizier nur Verrat und eine Höl- lenfahrt der sozialen Isolation, er wird wahrhaftig ein Fremdling.

DIE HÄLFTE DES LEBENS
Der Held in Murathan Mungans neuem Roman «Tschador» ist auch ein Fremder, der seine exis- tenzielle Tiefe durch einen Mangel erfährt – ver- schwunden ist hier die Frau. «Tschador» ist ein Rückkehr-Roman, der sich mit dem Feindbild eines reaktionären Islam auseinandersetzt. Er spielt nicht in der Türkei, sondern in einem Got- tesstaat nach dem Muster Irans oder Afghani- stans unter den Taliban. Erzählt wird die Ge- schichte von Akhbar, der nach seinem Exil im Ausland in die Heimatstadt zurückkehrt. Der Tschador beherrscht jetzt das Bild, bärtige Män- ner in orientalischer Kleidung, die rigiden Metho- den der Sittenwächter, das Klima der Angst und des absoluten Misstrauens. Selbst auf der Suche nach Mutter und Schwester muss sich Akhbar hüten, eine Frau anzusprechen und nach dem Weg zu fragen. Das Verschwinden der Frau wird zunächst in ästhetischen Reflexionen thematisiert, dann wird es zum existenziellen Schock: «Nun suchte er nach der Frau an sich, als liefe er einer Fata Mor- gana hinterher. Und er bemerkte voller Entset- zen, dass die Hälfte des Lebens weg war.» Das absolute Symbol dafür ist die Burka: «Unter den Burkas verschwinden nicht nur die Frauen. Auch das Vorstellungsvermögen der Männer ver- braucht sich. Zusammen mit den aus der Welt ge- stossenen Frauen ersterben auch die Augen der Männer, und während sich die Vorstellung von den Frauen verliert, wird die Vergangenheit zu- nichte gemacht, die Zukunft hoffnungslos, und Gedächtnis und Phantasie verkümmern.» Als reale Zukunftsvision für die Türkei kann man sich das vorläufig nicht vorstellen, aber der fundamen- talistische Islam mit dem Schreckgespenst der Burka wird somit auch ein literarischer Topos in der Rückkehr-Literatur türkischer Art. Murathan Mungan reflektiert darüber in einer intensiven literarischen Meditation, denn immerhin nimmt die Zahl verschleierter Frauen stetig zu.

DIE SPRACHE DER REVOLUTION
Die zeitgenössischen politischen Romane befas- sen sich auch mit der Geschichte der Linken in der Türkei. Zwei davon versuchen eine Annähe- rung an die Ereignisse des Militärputsches vom 12. September 1980, und beide nutzen die literari- sche Sprache auch als politisches Statement. Murat Uyurkulak benutzt sie expressiv, radikal und erklärtermassen als ästhetisch fortgesetzte Revolution. In seinem Roman «Zorn» reist ein junger Mann mit einem Dichter per Zug nach Diyarbakir, wobei Raki, Cognac und Wein in Strömen fliessen und Haschischschwaden wa- bern. Es wird aber auch gelesen: Der Dichter ver- abreicht dem Reisegefährten zu all den Drogen nach und nach verschiedene Texte, in denen es um subversive Geschichten geht. Sie kreisen um den Militärputsch und um die Art und Weise, in der bestimmte Bekannte der Reisenden in den politischen Widerstand involviert waren oder in die Machenschaften des «tiefen Staates», wie etwa der mörderische Bruder des Dichters. Auf der Gegenseite dieser sinistren Staatsmacht steht der Vater des Lesenden, dessen eigene Aufzeich- nungen einen entscheidenden Anteil am subversi- ven Diskurs bilden. Dieser Diskurs ist so schwierig wie die Logik der Revolution, sie pflegt in akuten Phasen eine geheime Sprache der Kassiber, einen Code des Verborgenen und des Verbergens, und da Uyurku- lak genau diese Haltung als poetologische Mass- gabe für sein Schreiben wählt, fällt es dem Leser mitunter schwer, den inneren Zusammenhang der Vorgänge zu verfolgen. Zu entschlüsseln sind sie schon, die dunklen Machenschaften des «tiefen Staates», die Geschichte der radikalen türkischen Linken, die des militanten und dichtenden Vaters, denn der Autor hat seinen Roman raffiniert kon- struiert, da könnten die zeitweise dionysischen und surrealen Sprachexzesse etwas täuschen. Wer sich aber im Delirium der Revolution nicht auf Anhieb zurechtfindet, lese zuerst das aufklärende Nachwort des Herausgebers Jens Peter Laut. ES

GIBT WORTE FÜR DIE GEWALT I
zzet Celasin pflegt in seinem Roman «Schwarzer Himmel, schwarzes Meer» eine kühlere, fast päd- agogische Diktion. Das Buch wurde aus dem Nor- wegischen übersetzt und ermangelt phasenweise einer sprachlichen Durchdringung, vielleicht hät- ten Übersetzer oder Lektorat etwas mehr Mut zeigen sollen. Celasin verleiht seinem Erstling je- doch eine authentische Grundspannung von aus- sen, denn er selbst sass, wie Tausende Genossen und im Gegensatz zu seinem Ich-Erzähler, nach dem Putsch von 1980 jahrelang im Gefängnis und erreichte erst 1988 das Exil in Norwegen. Erzählt wird die Geschichte einer radikalen Militarisierung. Der Ich-Erzähler mit dem Namen Eiche konnte sich seinerzeit selbst nicht zum be- waffneten Kampf entschliessen, er wurde jedoch Sympathisant aus Liebe zu einer Kämpferin aus der Studentenbewegung, Zuhal, die später eine Untergrundgruppe führt. Sie schiesst scharf und gerät am Ende in erhebliche Widersprüche mit dem eigenen moralischen Anspruch, während Eiche versucht, die Dinge an der legalen Oberflä- che am Laufen zu halten und dazu sogar mit Zuhals Vater, einem pensionierten Oberst, ko- operiert. Hier kommt aus Norwegen ein Bil- dungs- und Exilroman der türkischen Linken, die sich Ende der 1970er Jahre heftige Kämpfe mit paramilitärischen Organisationen lieferte. Man war sich allerdings, wie überall in Europa, über die Richtung uneinig: «Sollte man gegen die Faschisten oder gegen die Oligarchie in den Kampf ziehen, und sollte dieser Kampf mit fried- lichen Mitteln oder mit Waffen geführt werden.» Zunächst versuchte es die Studentenbewegung mit der antiimperialistischen Stossrichtung und Massenmobilisierung; dann aber gerieten die Kämpfe erheblich militanter als etwa in West- europa und dienten dem Nationalen Sicherheits- rat als Begründung für den Putsch. In Celasins Roman bleibt vor allem die Schil- derung der Folter nachhaltig in Erinnerung. Eiche erkennt ihre Spuren zunächst bei einem Zellengenossen: «Ich sah mir seine Wunden an. Es gab keine Worte für die Gewalt, mit der sie ihm zugefügt worden waren.» Aber nachdem er sie dann selbst während seines kurzen Aufent- halts in staatlichem Gewahrsam erfahren hat, gibt es sehr klare Worte für die Folter in den türki- schen Gefängnissen. Und mit diesem Anliegen und der Innensicht der militanten Opposition ist auch dieser Roman eine wichtige Stimme im Feld der politischen Literatur der Türkei. Yakup Kadri: Der Fremdling. Aus dem Türkischen von Max Schulte-Berlin. Nachwort Erhard Stölting. Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989/2008. 247 S., Fr. 28.–. Murathan Mungan: Tschador. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Blumenbar, München 2008. 127 S., Fr. 29.–. Izzet Celasin: Schwarzer Himmel, schwarzes Meer. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 399 S., Fr. 35.–. Murat Uyurkulak: Zorn. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Nachwort von Jens Peter Laut. Unionsverlag, Zürich 2008. 352 S., Fr. 35.90. Martin Zähringer lebt als freier Publizist in Berlin.
 
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LI T ER ATUR UND KUNST Neuö Zürcör Zäitung Samstag/Sonntag, 11./12. Oktober 2008 􏰶 Nr. 238 B 3 Galata erzählte Von Mario Levi
Ein Anblick, der sich mir vor Jahren einmal bot, geht mir immer noch nach. Ich stand oben auf der Terrasse des Galata-Turms, an einem Sommer- abend. Der Himmel war von dem alten Blau, das mich solche Abende wie ein immerwährendes Gedicht erleben lässt. Das Istanbul-Blau, sagte ich mir. Tatsächlich? War es wirklich ein hiesiges Blau? Ich wusste es nicht. Ich wusste lediglich, dass die Farbe sehr zu meiner Stadt passte, zu meiner ureigenen Gefühlswelt. Und so kam wie- der dieses ganz bestimmte Gefühl in mir auf. Ich hatte das Goldene Horn vor mir, den Bosporus mit seinem belebten, auf den Abend einstimmen- den Lichterspiel. Ich hätte wieder einmal fragen können: Wenn diese Stadt nicht so gelebt hätte, wenn sie ihre Wurzeln nicht in einer vielstimmi- gen Geschichte gehabt hätte, hätte sie dann so tief auf mich eingewirkt und so sehr gewollt, von sich zu erzählen und erzählen zu lassen? Ich liess es bleiben. Oder vielmehr liess ein anderer, ganz unerwarteter Anblick mich inne- halten. Dort unten ein paar Strassen und Häuser, fast ineinander übergehend. Ich hörte etwas. Mochte auch sonst niemand es hören, ich hörte es. Von ferne vernahm ich ein brausendes Stim- mengewirr. Lieder, Lachen, Weinen, Schreie, Streit, Gebet, in verschiedenen Sprachen, ganz durcheinander. Es waren Stimmen aus einem sehr authentischen, ziemlich ramponierten und ir- gendwo verloren gegangenen Istanbul. Mir war, als würde jemand mich berühren. Von irgend- woher in weit zurückgebliebener Ferne. Zugleich aber aus meiner Geschichte heraus, aus meiner Geschichte in dieser Stadt. Was ich sah und hörte, war sehr fern und zugleich sehr bekannt.

DER RUF DER GESCHICHTEN
Wer hatte dort gelebt? Warum hörte ich diese Stimmen so tief in mir drinnen? Es riefen mich wieder die Geschichten der Stadt, und ihr Ruf war rührend, war herzergreifend. Ich wusste ja, wo und in welcher Stimmung ich versuchte, mich und mein Leben zu verstehen und aufzubauen. Ich glaubte zumindest, es zu wissen. Ich bewegte mich wieder einmal an jener Grenze zwischen Kummer und Freude, wo mich ein Ge- fühl nicht losliess, das nicht leicht zu beschreiben war und sich all meiner Mühe und all meinem Schreiben trotzig widersetzte. Das Gebiet jenseits dieser Grenze war sehr gefährlich, weil es mir wieder einmal zeigen konnte, wie ich wirklich war; das war mir bewusst. Das Gefühl für diese Gefahr kam aus den Tiefen sehr alter Historie . . . Ich hatte Spiegel. Vor jenen Spiegeln stand ein Kind, das am Grosswerden, am Verstehen, an der Wirklichkeit immer sehr litt. Mit seinen Gesich- tern, die es nie lieben konnte. Und die anderen Kinder? Die ins Leben und in die Fremde hinaus- zogen? Wo waren sie hin? Es war wieder einmal mir überlassen, zu suchen, zu erzählen und erzäh- lend am Leben zu bleiben. Zu horchen auch und zu hören und andere hören zu lassen. Und zu er- innern und in Erinnerung zu rufen. Und nicht zu vergessen und auch andere nicht vergessen zu las- sen. Sonst liess sich das Erbe nämlich nicht tra- gen, blieb unverdient. Warum schliesslich hatte Scheherazade erzählt und ihr Leben aufs Spiel ge- setzt? War das nicht das Schicksal des Geschich- tenerzählers? Oder des Märchenerzählers? Wo doch in einer Stadt, in der wahre Geschichten manchmal wie Märchen gehört werden, einem nichts anderes übrig bleibt, als sich selbst ein Da- sein zu schaffen . . .

SPURENSUCHE
Die Grenze, an der der Tod dem Leben zu einem Sinn verhalf, war genau der Ort, an dem man sich den Mut zum Schöpfen erwarb. An dieser Grenze konnte man nämlich verlieren. Konnte das Verlie- ren lernen. Und wirklich verlieren zu können, hiess das nicht, sich selbst zu gewinnen und zu be- freien? War es möglich, aus dem Tod heraus ge- boren zu werden? Ich war in der Stadt der Migra- tion. In einer Stadt, in der die Geschichte der Migration mit den Spuren geschrieben wurde, die so manches Leben zurückliess. Vielleicht war auch ich ein Kind der Migration. Vielleicht war es des- halb mein Schicksal, am Erbe der Migration zu tragen. Dass manche Migranten im Verlauf der Geschichte voller Hoffnung in diese Stadt gekom- men waren, machte für mich einen Wert dieses Erbes aus und auch, dass manch andere Migranten voll anderer Hoffnungen davongingen und um die- ser Hoffnungen willen sich auf ganz eigene Kämp- fe einliessen. Denn diese Migrationen waren ja auch Seelenwanderungen, und Seelenwanderun- gen verliehen der Geschichte noch mehr Tiefe. Der Bosporus, das Goldene Horn, die Häuser und Strassen . . . Es war ein Sommerabend. Die alten Steine, wie man sie wohl nirgends auf der Welt wieder findet. Auch die alten Gewässer . . . Die Gebärmutter, in der zu bleiben ich gewählt hatte. Ich horchte. Um mich neu zu erfinden, horchte ich. Auch Wasser konnte sprechen, auch alte Steine. Wenn man sich nur darauf einliess, zu horchen und zu berühren. Galata erzählte. Ich versuchte zu erzählen. Istanbul war nämlich mein Leben. Ja, Istanbul war mein Leben. Ich dachte mir für jenen Abend eine Geschichte aus. In der kam Yorgo nach langer Abwesenheit in seine Stadt zurück, von der er sich nie hatte lösen kön- nen, und wollte sich mit seiner Jugendliebe ¸ Seli treffen. Niso war in einer anderen Stadt. Solange man Honigmelonen und Käse dazu hat, kann man wohl überall auf der Welt Raki trinken, doch ohne den Geruch des Bosporus wird immer etwas feh- len, sagte er. ¸ Sebnem lebte in Istanbul wie auf einer ganz eigenen Insel. Necmi versuchte sich irgendwie über Wasser zu halten. ˙ Izak würde alle seine Freunde wieder zusammenführen, denn sie waren Istanbul. Sie waren wir, waren wir alle. Mit unseren Träumen, unseren Realitäten und unse- rem Tod, der uns noch mehr ans Leben band. Würde ich diese Geschichte je schreiben? Die Antwort war im Lauf der Zeit verborgen. Es gab ja so viele Geschichten in Istanbul . . .

DIE STADT UND DIE ERINNERUNG
Ich verliess dann die Terrasse, verliess den Turm. Ich hätte in der Hendek-Strasse wieder auf Spurensuche gehen können, hätte die steile Yüksekkaldırım-Strasse hinaufgehen und mich in Beyo ˘ glu unter die Menge mischen können. Ich tat nichts davon. Die Erinnerungen dieses Abends genügten mir. Ich ging die Bankalar-Strasse nach Karaköy hinunter, stieg in den Stadtdampfer und fuhr in mein Kadıköy hinüber. Dort wartete mein Zimmer auf mich. Es gibt auch Zeiten, da wollen Schriftsteller in ihr Zimmer zurück. Der Schriftsteller Mario Levi wurde 1957 als Sohn einer jüdi- schen Familie in Istanbul geboren. Sein vor kurzem bei Suhr- kamp erschienener Roman «Istanbul war ein Märchen» entfaltet ein Panorama unterschiedlicher Kulturen und Lebenswelten in der Metropole am Bosporus. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. «Sehr fern und zugleich sehr bekannt» – die Geschichten, die man an einem Istanbuler Abend erspähen und erlauschen kann. ALEX WEBB / MAGNUM PHOTOS

Diversität – ein Reichtum, der Angst macht Über Minderheiten und Mehrheiten in der alten Türkei Von Klaus Kreiser Das Osmanische Reich schloss eine Viel- zahl von Völkern und Religionen zu einer in der heutigen Türkei oft idealisierten Gemeinschaft zusammen. Die schwierige Gratwanderung zwischen Vielfalt und – oft erzwungener – Einheit, zwischen Diskriminierung und Gleichstellung begann schon im frühen 19. Jahrhundert, und sie dauert bis heute fort. «Die Türkei beherbergt viele und verschiedene Völkerschaften», schrieb ein Beobachter der Wiener Weltausstellung, die im Frühjahr 1873 ihre Pforten öffnete. Die Osmanen hatten auf Wunsch der Organisationskommission eine gros- se Anzahl von Figuren mit Nationalkostümen ausgestattet, «um ihre Arbeiten und Eigenthüm- lichkeiten vor Augen zu führen». Die Besucher bekamen somit in der türkischen Abteilung nicht nur Teppiche und allerlei Kunsthandwerk zu sehen, sondern auch eine sorgfältig vorbereitete Modenschau mit den Trachten türkischer Bau- ern, armenischer Lastträger, arabischer Beduinen und von Fischern aus Kreta. Nachdem die Riesen- schau auf dem Pratergelände ihre Pforten ge- schlossen hatte, blieb ein opulentes Fotoalbum als Erinnerung an diese erste und einmalige Bebilde- rung der nach Religion, Sprache und Lebensweise so vielfältigen alten Türkei. Diese selbstbewusste Präsentation von Un- terschiedlichkeit nach innen und aussen war Merkmal eines noch lebendigen imperialen Ha- bitus, den die osmanische Türkei mit Russland und Österreich-Ungarn teilte. Der Nationalstaat Türkei hat hingegen bis heute grösste Schwierig- keiten mit einem Bekenntnis zur Heterogenität seiner Bevölkerung und seiner Regionen – noch wo es um deren harmlose folkloristische Aus- prägung geht.

DER FES MACHT NOCH KEINEN TÜRKEN
Die Einführung des Fes für alle Soldaten und Be- amten des Osmanischen Reichs ab den 1830er Jahren hatte aus den bis dahin durch Kleidung und Kopfbedeckung nach Religion und Ethnie unverwechselbaren Amtsträgern einheitliche Fi- guren gemacht. Auf den Fotografien lassen sich armenische Finanzbeamte, griechische Amtsärzte und arabische Präfekten kaum mehr unterschei- den. Selbstverständlich sprach man weiterhin von Griechen (Rum), Lasen (Laz) oder Juden (Yahu- di), für die Gesamtheit der Bevölkerung fehlte je- doch ein genau passendes Wort. Die «Osmani- schen Länder» benannten sich nach dem im 6. Jahrhundert islamischer Zeitrechnung regie- renden Herrscherhaus, nicht nach einem Volk. Die Besonderheit dieser Situation wird deutlich, wenn man sich vorstellt, man hätte sämtliche Untertanen des Kaisers in Wien als «Habsbur- ger» ansprechen müssen. Obwohl Türken den wichtigsten Bevölkerungsanteil stellten, leitete man von ihrem Namen erst nach 1920 auch die Bezeichnung des Staates ab. Mit der Verordnung des Fes war das Problem einer umfassenden Bezeichnung für alle Staats- bürger also nicht gelöst. Ein im Rahmen der gros- sen gesellschaftlichen Reformen der Tanzimat- Periode (1838–1856) erlassenes Edikt untersagte die Praxis, Christen als reaya («Herde») zu be- zeichnen, ebenso wie den Gebrauch der herabset- zenden Begriffe gavur bzw. kafir («Ungläubi- ger»). Alle Untertanen – dieser Begriff wird nun förmlich verwendet – sollten durch das «einende Band der Loyalität» zum Herrscherhaus mitein- ander verbunden sein. In diesen Jahren weitete sich – fast unmerklich für die Zeitgenossen – der Begriff «Osmane» von den Dienern des Gross- herrn auf die gesamte türkisch-muslimische Be- völkerung aus. Gleichzeitig aber begann man – durchaus nicht nur in Kreisen der protonationalistischen Opposition –, von den «Türken als unserem eigentlichen Element» zu sprechen und sie von der multiethnischen muslimischen Trägerschicht des Reichs zu unterscheiden. Im Zeitalter des Nationalismus der Balkanvölker wurden neben den qualitativen plötzlich auch quantitative Be- stimmungen relevant. Die besorgte Frage, ob man im Begriff sei, die Mehrheit zu verlieren, mündete ein in die Furcht, die nichttürkischen Völker- schaften könnten ihre zahlenmässige Überlegen- heit in einzelnen Provinzen als politisches Druck- mittel benutzen. Denn in vielen Gebieten bilde- ten die «Minoritäten» eher die Mehrheit. Um 1830 waren z. B. die Muslime in den bulgarischen Provinzen Rumeli/Silistra mit 37 Prozent klar in der Minderzahl. Anderswo, wie in Albanien und in Kosovo, lag ihr Anteil hingegen bei 70 Prozent und mehr. Dort bildete also eine «nationale Min- derheit» (die muslimischen Albaner) die Mehr- heit gegenüber anderen Minderheiten (Griechen, Serben, christliche Albaner). Nach der jungtürkischen Revolution von 1908 wurde zwar die «Einheit der Elemente» im Sinne eines progressiven und liberalen Programms ver- kündet, was aber den weiteren Zerfall in Natio- nalstaaten nicht verhindern konnte. Weder der neue Verfassungspatriotismus noch die Verord- nung des Türkischen als Amts- und Schulsprache stiessen bei den nichttürkischen Nationalitäten auf grosse Begeisterung.

IDEALISIERTE VERGANGENHEIT
Das Nebeneinander der Bevölkerungsgruppen in der Blütezeit des Osmanenreichs wird in moder- nen türkischen Schulbüchern und von national- religiös geprägten Historikern bis an die intellek- tuelle Schmerzgrenze idealisiert: Griechen und Armenier seien unter dem Sultan und ihren reli- giösen Oberhäuptern friedlich ihren Geschäften nachgegangen, bevor sie sich, angestiftet von Kräften ausserhalb des Reiches, gegen die Pax Ottomanica erhoben. Von der real existierenden Gesellschaftsordnung, die Nichtmuslimen einen untergeordneten Platz zuwies, ist in diesen Texten nicht die Rede. Auch wenn man die Aussagen osmanischer Rechtsgutachten nicht mit sozialer Praxis ver- wechseln darf, konnte am Beispiel Istanbuls im 16. Jahrhundert gezeigt werden, dass die islami- sche Praxis der «Protektion» (Zimmet) nicht mit einem Biotop für Christen und Juden gleichzuset- zen ist. Eine Fatwa des bekanntesten Muftis der osmanischen Glanzzeit, Ebu's-Su' ˆ ud, spricht eine deutliche Sprache. Er wurde um eine gutachter- liche Stellungnahme zu folgenden Entwicklungen gebeten: «Wird der Herrscher von Gott belohnt, wenn er den unter den Muslimen wohnenden Zimmis (christliche und jüdische Schutzbefoh- lene) verbietet, hohe geschmückte Häuser zu bauen, in der Stadt auf dem Pferd zu reiten, in kostbaren und wertvollen Kleidern einherzuge



Emigration in die deutsche Sprache Von Emine Sevgi Özdamar

Ich kam erstmals 1965 nach Berlin – als Gast- arbeiterin, für anderthalb Jahre. Mitte der siebzi- ger Jahre kam ich ein zweites Mal, nun als Schau- spielerin, um bei Benno Besson an der Ostberli- ner Volksbühne das Brecht-Theater kennenzuler- nen. Damals sass ich in Ostberlin am offenen Fenster, hörte Frühlingsstimmen, und da befiel mich eine grosse Sehnsucht nach Istanbul. Die Abende waren für mich eine schwierige Zeit, denn in Istanbul war der Tag auf den Abend hin ausgerichtet, wenn die Männer nach Hause kom- men. Meine Mutter und meine Grossmutter blie- ben im Dunkeln sitzen, bis mein Vater von der Arbeit kam; dann wurde Licht gemacht, Feuer angezündet, und alles wurde lebendig. Aus dieser Sehnsucht heraus wollte ich die Stimmen aus meiner Kindheit hören, und so habe ich in Ost- berlin in meinem Tagebuch damals Notizen zu «Das Leben ist eine Karawanserei» gemacht, ohne zu ahnen, dass ich je ein solches Buch schreiben würde. Die Rückkehr in die Türkei war mir zu jener Zeit verstellt. Nach den Militärputschs brach dort eine quasifaschistische Zeit an; nachts weckten mich verzweifelte Anrufe von Freunden, doch nach wenigen Sätzen war die Leitung jeweils tot. Von 1980 bis 1985 traute ich mich nicht mehr, in die Türkei zu reisen; meine Freunde traf ich in Griechenland. Ich hatte Angst, verhaftet zu wer- den wie meine Schwester, die sich als Filmschau- spielerin in der Gewerkschaft und der Friedens- bewegung engagiert hatte und zwei Jahre lang vor Gericht stand. Als ich 1985 wieder in die Tür- kei reiste, war ich fast krank vor Sehnsucht. Schon auf dem Schiff fielen mir die leblosen Ge- sichter der jungen Menschen auf – es war eine verängstigte Gesellschaft.

DIE TOTEN WECKEN DICH
Seither verbringe ich jeden Sommer einen Monat auf einer türkischen Insel. Dann merke ich immer, dass ich den Rhythmus der industrialisier- ten Welt im Körper habe, denn der ist für die Menschen dort zu schnell. Im Westen steht man schon unter Stress, wenn man an der Käsetheke ansteht und nicht weiss, ob man die Namen der italienischen und französischen Käsesorten rich- tig aussprechen kann. Ich gehe dann immer zum ältesten Ladenbesitzer der Insel; er bewegt sich unendlich langsam, und ich versuche, seinen Rhythmus in mich aufzunehmen. Wenn ich in Istanbul bin, habe ich paradoxer- weise Sehnsucht nach Istanbul. Doch wahrschein- lich sehne ich mich nach der Jugend, der Zeit von 1963 bis 1970, die man «türkische Renaissance» nennt. Damals hatten wir noch keine Toten ge- sammelt. Die Menschen, die danach von den Mili- tärs hingerichtet wurden, sind mir in Istanbul immer gegenwärtig. Die Toten wecken dich, wenn du schläfst, schauen dir in die Augen und erwar- ten, dass du etwas tust – vor allem, wenn sie un- schuldig waren. Für diese Toten habe ich mein zweites Buch geschrieben, «Die Brücke vom Gol- denen Horn». Wenn ich in Istanbul bin, erkundige ich mich, ob die Eltern der hingerichteten Studen- ten noch leben. Ich schäme mich, dass niemand je gefragt hat, warum sie umgebracht wurden. Denn in der Türkei wurde diese Zeit bis heute nicht auf- gearbeitet. Die Toten warten immer noch. Wenn ich in der Türkei bin, lese ich jeden Tag drei, vier Zeitungen. Ich will alles über die Politik wissen, denn ich fühle mich als Teil des Landes. Jede Sekunde überlege ich, wo die Lüge liegt. In Deutschland dagegen lese ich überhaupt keine Zeitung, hier lässt die Politik mich kalt. Die heu- tige Türkei ist ein überpolitisiertes Land. Mit der Privatisierung hat das Kleinbürgertum an Ein- fluss gewonnen und die kemalistische Bourgeoisie verdrängt. Die Türkei ist viel provinzieller und konservativer geworden. Mir fällt auf, dass die Frauen auf dem Markt beim Einkaufen grob und ruppig mit Männern reden – sie wollen nicht in den Verdacht eines Flirts geraten. Doch wie Orhan Pamuk so schön gesagt hat: Auch religiöse Leute dürfen modern werden.

VON SPRACHE ZU SPRACHE
Ich schreibe meine Romane auf Deutsch. Sie wer- den erst nach und nach ins Türkische übersetzt, aber ich wusste, dass es zwanzig Jahre dauern würde. Vor dem türkischen Faschismus bin ich in die deutsche Sprache geflohen, und in der deut- schen Sprache bin ich glücklich geworden. Doch Feridun Zaimoglus literarische Plünderung mei- nes Buchs «Das Leben ist eine Karawanserei» hatte mich für eine Zeit der deutschen Sprache entfremdet. Ich machte die Erfahrung, dass auch in der Demokratie Korruption und Lüge möglich sind, ohne dass man sich dagegen wehren kann. Um dieser Lähmung zu entkommen, bin ich in die türkische Sprache zurück emigriert und habe mein erstes Buch auf Türkisch geschrieben: «Der Bucklige, der sein eigener Schneider ist», eine Er- innerung an den Dichter Ece Ayhan, ein gross- artiger Anarchist, der in Deutschland noch völlig unbekannt ist. In der Türkei schreiben alle Ge- dichte, und es gibt ganz hervorragende Lyriker. Früher trafen sich die Dichter in den Caf ´ es; sie waren in den Medien nicht präsent, aber die Mundpropaganda legte überall Feuer, und sie wurden gelesen. Aber heute ist es nicht anders als in den USA und in Deutschland: Die Dichter sind bekannt, aber sie werden nicht gelesen.

GAST VÖGEL
Seit 2002 lebe ich in Berlin, denn für mein drittes Buch, «Seltsame Sterne starren zur Erde», musste ich mich wieder erinnern. Doch die Stadt war ein anderes Tier geworden. An der Friedrichstrasse hätte ich nicht mehr zu sagen gewusst, wo man beim Grenzübergang hineinging und wo man her- auskam. Nachts bin ich durch die Strassen im Ost- teil der Stadt spaziert, aber nur in der Sophien- strasse habe ich an einigen Stellen im schummri- gen Licht noch etwas vom alten Berlin gespürt. Dass ich in Kreuzberg wohne, ist ein Zufall. Zu- erst deprimierte es mich. Kreuzberg kam mir vor wie eine billige Kopie meines Landes, nicht Istan- bul, sondern tiefste Provinz. Doch inzwischen kenne ich die Menschen und ihre Geschichten, und ich habe angefangen, Kreuzberg zu lieben. Ich beobachte diese alten Männer der ersten Ein- wanderergeneration, wie sie, die Hände auf dem Rücken, im Park spazieren. Sie gehen immer noch auf ihrem Acker, sie sind nie angekommen. Ich nenne sie Gastvögel, sie sitzen immer noch halb auf den Bäumen. Aufgezeichnet von Sieglinde Geisel Die 1946 geborene Schriftstellerin und Schauspielerin Emine Sevgi Özdamar zählt zu den profiliertesten Stimmen der deutschsprachigen türkischen Literatur. Zuletzt erschien von ihr 2003 der Roman «Seltsame Sterne starren zur Erde». hen und Kaftane mit Kragen anzuziehen, feine Mousseline, Pelze und Turbane zu tragen, kurz- um, wenn er Handlungen verbietet, die eine Herabsetzung der Muslime und eine Heraufset- zung ihrer selbst anzeigen?» Die Antwort lautete erwartungsgemäss unter Berufung auf die Gesamtheit der Rechtsliteratur, dass die Zimmis anzuhalten seien, sich von den Muslimen durch ihre Trachten, Reittiere, Sättel und Kopfbedeckungen zu unterscheiden. Tat- sächlich unterschieden sich die Bewohner der Stadt nicht nur durch die Qualität der Kleidungs- stücke, sondern auch durch die Farben des Tur- bans. Die Armenier mussten beispielsweise ein Streifenmuster wählen, die Juden trugen gelbe Kopfbedeckungen.

SCHWIERIGER AUFSTIEG ZUR ELITE
Aus dieser «schikanösen Toleranz», wie es der französische Islamwissenschafter Andr ´ e Ray- mond einmal ausdrückte, konnte man sich durch Konversion zum Islam befreien. Ein Glaubens- wechsel war insofern vorteilhaft, als er die vor- maligen Christen von der Kopfsteuer entlastete. Mehr noch, Bedürftige konnten von der merkwür- digen Institution des «Kleidergelds» profitieren: Während sich in früheren Jahrhunderten ein Kon- vertit einem Muslim per Vertrag als Klient per- sönlich unterstellte, sorgte ab dem späten 17. Jahrhundert die Staatskasse für die Spesen der Konversion. Nach der Devise «Kleider machen Muslime» bezahlte der Fiskus einen neuen Kaftan mit Hosen, Weste, Hemd, Gürtel, Unterkleidung, Turban und Pantoffeln. Attraktiver noch als die Übernahme der Kosten für eine muslimisch kor- rekte Neueinkleidung war die Aussicht auf einen Posten in der Verwaltung. Die Petitionen von frisch Konvertierten enthalten manchmal Ver- sprechungen von Gegenleistungen für solche An- stellungen, etwa die Bereitschaft, am Glaubens- krieg teilzunehmen. Ein in der staatlichen Münze beschäftigter Jude erklärte 1707 nach seiner Kon- version, den «islamischen Eifer» unter den «ver- fluchten Juden» verbreiten zu wollen. Für nichttürkische Muslime wie Kaukasier, Araber und Albaner war der Eintritt in den inne- ren Kreis des osmanischen Staatswesens in der Regel leichter, aber nicht ganz selbstverständlich. Perfekte Kenntnisse der osmanischen Amtsspra- che konnte man auf keiner Schule erwerben, schon gar nicht in entlegenen Provinzen. Wer in der Bürokratie aufsteigen wollte, musste seinem Vater oder Patron jahrelang über die Schulter schauen, bevor er in seine Stelle als Sekretär nachrücken konnte. Obwohl in den arabischen Städten des Reiches kein Mangel an Religionsgelehrten verschiedener Rechtsschulen herrschte, konnten sie nur in die osmanische Hierarchie der Ulema eintreten und aufsteigen, wenn sie zur hanafitischen Richtung des sunnitischen Islams übergingen. Dieser not- wendige Wechsel der juristischen Doktrin war zwar keine Konversion im religiösen Sinn, zeigt aber, wie hermetisch die osmanische religiöse Elite war. Da den Kadis auch vielfältige Verwal- tungsaufgaben aufgebürdet waren, galten auch hier Türkischkenntnisse als notwendige Bedin- gung. Nur beim Heer und in der Marine konnte man selbst als Analphabet avancieren. Viele osmanische Seehelden waren Konvertiten aus dem bunten Völkergemisch des östlichen Mittel- meers. Ihre Lingua franca setzt sich aus griechi- schen, romanischen, dalmatinischen, arabischen und türkischen Elementen zu einer eigenartigen Sprache zusammen.

KEIN APARTHEIDSYSTEM
Trotz manchen Diskriminierungen von Nicht- muslimen waren die osmanischen Realitäten kein Apartheidsystem. Viele kulturelle Zeugnisse, na- mentlich in der Architektur, sind Gemeinschafts- leistungen muslimischer und freier christlicher Handwerker und Künstler. Die osmanische Re- gierung hatte zwar ihre muslimischen Untertanen bis ins 18. Jahrhundert vor den Erzeugnissen der Druckerei geschützt, machte aber keine Ein- wände gegen die mechanische Buchproduktion bei Juden, Armeniern und Griechen. In den Pro- vinzen mit hohem christlichem Bevölkerungs- anteil wie in Bulgarien oder Libanon fielen dann auch die Restriktionen gegen jene «hohen ge- schmückten» Häuser, die der unduldsame Mufti verbieten wollte. Dabei blieben für die christ- lichen und jüdischen Gemeinschaften Armenisch, Griechisch und Hebräisch weiterhin die Sprachen des Kultus. Die über hundert Jahre blühende Literatur der turkophonen Orthodoxen Kappa- dokiens reicht von Texten der Evangelien und Psalmen bis zu dem sehr modernen Bildungs- roman des Evangelinos Misailides aus dem Jahr 1872. Die Literatur der christlich-orthodoxen Karamanli verdankte sich eher aufklärerischen Geistern im Westen des Reichs, die ihre Lands- leute zwischen Kayseri und Isparta vor dem Iden- titätsverlust in der islamischen Mehrheitsgesell- schaft, später auch vor protestantischer Prosely- tenmacherei bewahren wollten. Am allerengsten verschränkten sich die Kultu- ren der «Minderheiten» mit denen der osmani- schen Bildungsschicht in der Musik und im Thea- terwesen. Wenn die Musikinstrumente im Kaffee- haus ausgepackt wurden, gab es keine Unter- schiede mehr zwischen Ethnien und Religionen. Der in der Türkei mit seinen historischen Roma- nen äusserst erfolgreiche ˙ Ihsan Oktay Anar hat diese Orte der Aufführung osmanischer Musik einfühlsam und mit Witz in seinem jüngsten Buch verlebendigt («Suskunlar», Istanbul 2007). Auch auf der Bühne waren armenische Autoren und Schauspieler, trotz ihrem manchmal deutlichen Akzent, wohlgelitten. Der Status der Christen, insbesondere der katholischen Levantiner, die sich zunehmend der Konsulargerichtsbarkeit unterstellten und italie- nische Pässe annahmen, verbesserte sich im 19. Jahrhundert so sichtbar, dass man auf mus- limischer Seite gelegentlich argumentierte, diese europäische Protektion sei eine ausreichende Kompensation zu der im islamischen Recht vor- geschriebenen Diskriminierung. Die Forderung nach Gleichbehandlung aller Untertanen kam aber nicht an der Frage der Aus- hebung von Soldaten unter den jetzt «nicht- muslimische Untertanen» genannten Christen vorbei. Der Staatsmann und Historiker Ahmed Cevdet Pa ¸ sa (1823–1895) gab zu bedenken, dass es dann unausweichlich sei, jedem Regiment nebst dem Imam auch einen christlichen Priester zur Seite zu stellen. Aber es gebe zahlreiche Sor- ten von Nichtmuslimen: Orthodoxe, Katholiken, Armenier, Jakobiten, Protestanten, die sich in ihrer Glaubenspraxis unterschieden und sich so- gar untereinander spinnefeind seien. Alle diese würden ihren eigenen Feldprediger verlangen so- wie die Juden ihren Rabbiner. Er klagte, dass der osmanische Staat nach der Devise «Haut auf den Nachgiebigsten» alle Lasten auf dem gehorsamen Teil – er meint damit die türkischen Muslime – der Bevölkerung ablade. Wenn diese Entwick- lung weitergehe, werde sie zu einer Schwächung der Türken führen.

ZWANG ZUR EINHEIT
Die osmanische Niederlage im Weltkrieg und die Neuordnung der Türkei nach dem Friedensver- trag von Lausanne 1923 machten alle Überlegun- gen über den Ausgleich derartiger Asymmetrien überflüssig. Die Türkische Republik musste zwar unter den Vorzeichen von Lausanne den nicht- muslimischen Minderheiten manche Sonderrech- te einräumen, versäumte aber nicht, insbesondere den Griechen, deren Führer sich wenige Jahre zu- vor aus der osmanischen Staatsbürgerschaft in aller Form verabschiedet hatten, zu signalisieren, dass zum Republikaner neuen Typs das Bekennt- nis zur türkischen Sprache und Kultur gehöre. Wie in der Tanzimat-Periode überwogen jetzt, an- gefangen bei der Kleiderordnung («Hutgesetz» von 1925), homogenisierende Tendenzen. Dass nun auch die muslimischen Minderhei- ten, allen voran Kurden und Kaukasier («Tscher- kessen»), unter den Zwang zur Vereinheitlichung gerieten, ist präzedenzlos. Eine Parlamentsdebat- te im Jahr 1934 über die Frage der neu eingeführ- ten Familiennamen illustriert besser als jede theo- retische Darlegung, dass es noch damals Stimmen gab, die den Nichttürken mit einem Familien- namen, der ihre ethnische Zugehörigkeit erken- nen liesse, eine Art Kainsmal aufzwingen wollten. Der Abgeordnete von Bursa, Refet, hatte vor der Nationalversammlung erklärt: «Ich finde es ärger- lich, dass Leute, die einen anderen Ursprung als ich haben, versuchen, sich mir anzuschliessen. Wenn jemand den Namen einer fremden Rasse führt und seine Herkunft ist nicht die meinige, ziehe ich es vor, ihn auf Grund eines Siegels auf seiner Stirn zu erkennen.» ¸ Sükrü Kaya, der damalige Innenminister und langjährige Weggefährte Mustafa Kemal Ata- türks, machte in seiner Entgegnung aber deutlich, dass die kemalistische Namenspolitik weiter rei- chende Ziele hatte: «Was fremde Namen betrifft, besteht die grösste Verantwortung in diesem Land, all jene Leute in unsere eigene Gemein- schaft aufzunehmen, die innerhalb seiner Gren- zen leben. Warum sollten wir Namen wie Memet der Kurde, Hasan der Tscherkesse oder Ali der Lase beibehalten? Wenn wir das täten, würden wir die Schwäche des vorherrschenden (d. h. des tür- kischen) Elements im Lande offenbaren. Wenn jemand das geringste Gefühl haben sollte, unter- schiedlich zu sein, wollen wir dieses (Gefühl) in den Schulen und in der Gesellschaft auslöschen. Dann wird dieser Mensch so türkisch sein, wie ich es bin. Es gibt zahlreiche Beispiele von Menschen fremder Rasse, die dem Lande gedient haben. Warum sollten wir sie von uns absondern und mit dem Siegel des Fremden abstempeln?»

KEINE EINHEITLICHE DOKTRIN
Zwischen dem diskriminatorischen Rassismus Refets und der pragmatischen Haltung ¸ Sükrü Ka- yas, der sich angesichts der demografischen Bilanz der 1930er Jahre ein nation building ohne grosszügige Assimilierung der nichttürkischen Gruppen nicht vorstellen konnte, besteht ein Unterschied, der zeigt, dass es selbst im «Hoch- kemalismus» keine einheitliche Doktrin über den Umgang mit Minderheiten gab. Wie ein halbes Jahrhundert zuvor artikulierte ein prominenter türkischer Politiker – und das fast mit dem glei- chen Ausdruck wie Ahmed Cevdet – die Furcht vor der Offenbarung «der Schwäche des vorherr- schenden, d. h. des türkischen Elements im Lan- de». Tatsächlich war mit der Möglichkeit, einen türkisch klingenden Familiennamen anzuneh- men, das letzte äussere Unterscheidungsmerkmal zwischen der türkisch-muslimischen Mehrheit und allen anderen Gruppen gefallen. Steht die türkische Kulturpolitik vor einer Kehrtwende? Zur Frankfurter Buchmesse 2008 stellt sich das Land mit der Devise «Die Türkei in allen ihren Farben» vor. Eine aussichtsreiche An- kündigung nach all den Jahren, die seit der Wie- ner Weltausstellung vergangen sind. Klaus Kreiser war Professor für türkische Sprache, Geschichte und Kultur an der Universität Bamberg. Er lebt als Autor und Herausgeber in Köln. Scheuer Chic – «Auch religiöse Leute dürfen modern werden.» OLIVIA ARTHUR / MAGNUM PHOTOS
 
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Andy



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 PostPosted: Sun Oct 12, 2008 9:29 pm    Post subject: Reply with quote Back to top

LI T ER ATUR UND KUNST Neue Zürcher Zeitung
Samstag/Sonntag, 11./12. Oktober 2008
Nr. 238 B 3
Galata erzählte Von Mario Levi
Ein Anblick, der sich mir vor Jahren einmal bot, geht mir immer noch nach. Ich stand oben auf der Terrasse des Galata-Turms, an einem Sommer- abend. Der Himmel war von dem alten Blau, das mich solche Abende wie ein immerwährendes Gedicht erleben lässt. Das Istanbul-Blau, sagte ich mir. Tatsächlich? War es wirklich ein hiesiges Blau? Ich wusste es nicht. Ich wusste lediglich, dass die Farbe sehr zu meiner Stadt passte, zu meiner ureigenen Gefühlswelt. Und so kam wie- der dieses ganz bestimmte Gefühl in mir auf. Ich hatte das Goldene Horn vor mir, den Bosporus mit seinem belebten, auf den Abend einstimmen- den Lichterspiel. Ich hätte wieder einmal fragen können: Wenn diese Stadt nicht so gelebt hätte, wenn sie ihre Wurzeln nicht in einer vielstimmi- gen Geschichte gehabt hätte, hätte sie dann so tief auf mich eingewirkt und so sehr gewollt, von sich zu erzählen und erzählen zu lassen? Ich liess es bleiben. Oder vielmehr liess ein anderer, ganz unerwarteter Anblick mich inne- halten. Dort unten ein paar Strassen und Häuser, fast ineinander übergehend. Ich hörte etwas. Mochte auch sonst niemand es hören, ich hörte es. Von ferne vernahm ich ein brausendes Stim- mengewirr. Lieder, Lachen, Weinen, Schreie, Streit, Gebet, in verschiedenen Sprachen, ganz durcheinander. Es waren Stimmen aus einem sehr authentischen, ziemlich ramponierten und ir- gendwo verloren gegangenen Istanbul. Mir war, als würde jemand mich berühren. Von irgend- woher in weit zurückgebliebener Ferne. Zugleich aber aus meiner Geschichte heraus, aus meiner Geschichte in dieser Stadt. Was ich sah und hörte, war sehr fern und zugleich sehr bekannt.

DER RUF DER GESCHICHTEN
Wer hatte dort gelebt? Warum hörte ich diese Stimmen so tief in mir drinnen? Es riefen mich wieder die Geschichten der Stadt, und ihr Ruf war rührend, war herzergreifend. Ich wusste ja, wo und in welcher Stimmung ich versuchte, mich und mein Leben zu verstehen und aufzubauen. Ich glaubte zumindest, es zu wissen. Ich bewegte mich wieder einmal an jener Grenze zwischen Kummer und Freude, wo mich ein Ge- fühl nicht losliess, das nicht leicht zu beschreiben war und sich all meiner Mühe und all meinem Schreiben trotzig widersetzte. Das Gebiet jenseits dieser Grenze war sehr gefährlich, weil es mir wieder einmal zeigen konnte, wie ich wirklich war; das war mir bewusst. Das Gefühl für diese Gefahr kam aus den Tiefen sehr alter Historie . . . Ich hatte Spiegel. Vor jenen Spiegeln stand ein Kind, das am Grosswerden, am Verstehen, an der Wirklichkeit immer sehr litt. Mit seinen Gesich- tern, die es nie lieben konnte. Und die anderen Kinder? Die ins Leben und in die Fremde hinaus- zogen? Wo waren sie hin? Es war wieder einmal mir überlassen, zu suchen, zu erzählen und erzäh- lend am Leben zu bleiben. Zu horchen auch und zu hören und andere hören zu lassen. Und zu er- innern und in Erinnerung zu rufen. Und nicht zu vergessen und auch andere nicht vergessen zu las- sen. Sonst liess sich das Erbe nämlich nicht tra- gen, blieb unverdient. Warum schliesslich hatte Scheherazade erzählt und ihr Leben aufs Spiel ge- setzt? War das nicht das Schicksal des Geschich- tenerzählers? Oder des Märchenerzählers? Wo doch in einer Stadt, in der wahre Geschichten manchmal wie Märchen gehört werden, einem nichts anderes übrig bleibt, als sich selbst ein Da- sein zu schaffen . . .

SPURENSUCHE
Die Grenze, an der der Tod dem Leben zu einem Sinn verhalf, war genau der Ort, an dem man sich den Mut zum Schöpfen erwarb. An dieser Grenze konnte man nämlich verlieren. Konnte das Verlie- ren lernen. Und wirklich verlieren zu können, hiess das nicht, sich selbst zu gewinnen und zu be- freien? War es möglich, aus dem Tod heraus ge- boren zu werden? Ich war in der Stadt der Migra- tion. In einer Stadt, in der die Geschichte der Migration mit den Spuren geschrieben wurde, die so manches Leben zurückliess. Vielleicht war auch ich ein Kind der Migration. Vielleicht war es des- halb mein Schicksal, am Erbe der Migration zu tragen. Dass manche Migranten im Verlauf der Geschichte voller Hoffnung in diese Stadt gekom- men waren, machte für mich einen Wert dieses Erbes aus und auch, dass manch andere Migranten voll anderer Hoffnungen davongingen und um die- ser Hoffnungen willen sich auf ganz eigene Kämp- fe einliessen. Denn diese Migrationen waren ja auch Seelenwanderungen, und Seelenwanderun- gen verliehen der Geschichte noch mehr Tiefe. Der Bosporus, das Goldene Horn, die Häuser und Strassen . . . Es war ein Sommerabend. Die alten Steine, wie man sie wohl nirgends auf der Welt wieder findet. Auch die alten Gewässer . . . Die Gebärmutter, in der zu bleiben ich gewählt hatte. Ich horchte. Um mich neu zu erfinden, horchte ich. Auch Wasser konnte sprechen, auch alte Steine. Wenn man sich nur darauf einliess, zu horchen und zu berühren. Galata erzählte. Ich versuchte zu erzählen. Istanbul war nämlich mein Leben. Ja, Istanbul war mein Leben. Ich dachte mir für jenen Abend eine Geschichte aus. In der kam Yorgo nach langer Abwesenheit in seine Stadt zurück, von der er sich nie hatte lösen kön- nen, und wollte sich mit seiner Jugendliebe ¸ Seli treffen. Niso war in einer anderen Stadt. Solange man Honigmelonen und Käse dazu hat, kann man wohl überall auf der Welt Raki trinken, doch ohne den Geruch des Bosporus wird immer etwas feh- len, sagte er. ¸ Sebnem lebte in Istanbul wie auf einer ganz eigenen Insel. Necmi versuchte sich irgendwie über Wasser zu halten. ˙ Izak würde alle seine Freunde wieder zusammenführen, denn sie waren Istanbul. Sie waren wir, waren wir alle. Mit unseren Träumen, unseren Realitäten und unse- rem Tod, der uns noch mehr ans Leben band. Würde ich diese Geschichte je schreiben? Die Antwort war im Lauf der Zeit verborgen. Es gab ja so viele Geschichten in Istanbul . . .

DIE STADT UND DIE ERINNERUNG
Ich verliess dann die Terrasse, verliess den Turm. Ich hätte in der Hendek-Strasse wieder auf Spurensuche gehen können, hätte die steile Yüksekkaldırım-Strasse hinaufgehen und mich in Beyo ˘ glu unter die Menge mischen können. Ich tat nichts davon. Die Erinnerungen dieses Abends genügten mir. Ich ging die Bankalar-Strasse nach Karaköy hinunter, stieg in den Stadtdampfer und fuhr in mein Kadıköy hinüber. Dort wartete mein Zimmer auf mich. Es gibt auch Zeiten, da wollen Schriftsteller in ihr Zimmer zurück. Der Schriftsteller Mario Levi wurde 1957 als Sohn einer jüdi- schen Familie in Istanbul geboren. Sein vor kurzem bei Suhr- kamp erschienener Roman «Istanbul war ein Märchen» entfaltet ein Panorama unterschiedlicher Kulturen und Lebenswelten in der Metropole am Bosporus. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. «Sehr fern und zugleich sehr bekannt» – die Geschichten, die man an einem Istanbuler Abend erspähen und erlauschen kann. ALEX WEBB / MAGNUM PHOTOS


B 5 Meine Identitätskleider . . . Meine Menschennacktheit . . . Meine lila Literatur Von Karin Karaka¸slı
In einem Alter, in dem Literatur nur ein hochtra- bendes Wort war, umfing mich der seltsame Zau- ber, zweisprachig zu sein. Neben dem Armeni- schen, das ich von meiner Grossmutter lernte, stand das Türkische von der Strasse und aus dem Fernsehen. Und ich hatte blau eingebundene armenische und rot eingebundene türkische Schulbücher. Während ich lange ganz instinktiv die beiden Sprachen und die damit verbundenen Welten auseinanderhielt, verhaspelte ich mich einmal und fragte: «Bu in ¸ c e?» – Was ist das? –, in einem Gemisch aus Armenisch und Türkisch. Diese Frage, die aus zwei Sprachen etwas mitbe- kam, sollte – wenn ich das auch damals nie ver- mutet hätte – zum Ausgangspunkt meiner Lite- ratur werden.

SEGEN UND FLUCH
Literatur beginnt für mich also mit einem Augen- blick der Nacktheit, in dem ich vergessen habe, wer ich überhaupt bin. Dieser kristallklare Augen- blick weckt zugleich in mir das Bewusstsein für die Identitätskleider, die ich ablegen kann. Die Identi- täten, die mir zur Verfügung stehen – Mensch, Frau, Armenierin, türkische Staatsangehörige – habe ich stets als einen Schatz angesehen. Wenn man jemandem seine Identitäten in einer uner- wünschten Art und Reihenfolge aufzwingt, kön- nen sie zwar vom Segen zum Fluch werden, doch hat mir die Literatur die Möglichkeit gegeben, sie meinen Prioritäten nach zu leben und mich dann, wenn sie mit den Lebenstatsachen nicht harmo- nieren, in die Endlosigkeit meiner Phantasie und in das Spielerische der Fiktion zu flüchten. Andererseits sehe ich das in der Literatur ste- ckende Phantasiemoment als das einzige Mittel an, die Wahrheit des Individuums und der Gesell- schaft zu erzählen, denn die Literatur ist für mich die inoffizielle Weltgeschichtsschreibung. Vor al- lem Schriftsteller, deren Leben mit der Geografie und Geschichte ihres Herkunftslandes geradezu verwoben ist, werden gewissermassen zur Schlag- ader ihres Landes und rühren aus ureigenen Quel- len heraus an universelle Menschenwirklichkeit. Da fordert die Literatur das Leben dann heraus und ruft ihm zu: «Dich treffe ich bis ins Mark!» Genau das fasziniert mich an Literatur. Viel- leicht mag ich die Literatur deshalb so, weil sie eine Feier des Lebens darstellt. Oder wie es einer meiner Romanhelden ausdrückt: «Das Leben ist zu allem fähig, und die, die es leben, auch.» Men- schen, die ich in Momenten der Abrechnung zeige, in Zeitlupe erstarrend, fügen sich zu einer einzigen grossen Erzählung zusammen, in der Raum und Zeit überwunden sind. Das alte anato- lische Volk der Armenier ist eines der Elemente, denen ich in meiner auf Türkisch geschriebenen Literatur eine Stimme verleihe, denn nur in der Literatur ist es möglich, zwei Völker, die in der offiziellen Geschichtsschreibung voller Vorurteile und Feindseligkeit dargestellt werden und noch heute unter nationalistischer Hetze zu leiden haben, in ihrer nackten Menschenwirklichkeit und den Möglichkeitsformen unaufgezwungener Identität zu zeigen.

HOFFNUNG, AUS SCHMERZ DESTILLIERT
Die parallelen Geschichten von Mari Gerek- mezyan und Camille Claudel, die beide ihren Lebenssinn in der Bildhauerei sahen und einen hohen Preis dafür zu zahlen hatten, sowie die Reise von Kadriye Nine, die nach 1915 eine neue Religion und Identität annehmen musste und spä- ter nach ihren Wurzeln suchte, habe ich in diesem Bewusstsein geschrieben. Zeitgenössische Men- schen in West und Ost auf der Suche nach ihrer Identität, vor hundert Jahren aus Anatolien oder heute aus dem ausweglosen Balkan Vertriebene, armenische Mythen, einsame Stadtmenschen, Kinder in Erdbebengebieten, Menschen in Al- tersheimen . . . alles und alle gerieten in einen un- endlichen Strudel und wurden an andere Orte ge- wirbelt. Durch den Mord an meinem Weggefähr- ten Hrant Dink, mit dem ich in seiner Zeitung zu- sammenarbeiten durfte, fühle ich mir auferlegt, dieses Land und diese Menschen noch tiefer zu ergründen und auf meinem literarischen Weg dies zur notwendigen Haltestelle zu machen. Die Tage der blau und rot eingebundenen Bücher sind lange hinter mir. Das Leben, das be- ginnt, wo die Schule aufhört, hat mir ganz anderen Wissensstoff aufgedrängt. Wenn man Blau und Rot vermischt, entsteht bekanntlich Lila. So bin auch ich lila geworden. Meine lilafarbene Literatur sieht immer noch dem Leben mit einer Hoffnung zu, die aus erlebten Schmerzen destilliert wurde. Die 1972 geborene Schriftstellerin und Herausgeberin Karin Karaka ¸ slı ist türkisch-armenischer Herkunft. Sie war bis 2005 Chefredaktorin der Zeitschrift «Agos», die von Hrant Dink mit- gegründet und geleitet wurde. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.

Das Patriarchat entlässt seine Töchter Türkische Frauen im Spiegel literarischer Neuerscheinungen Von Monika Carbe

Die Frauenemanzipation war eines der wichtigsten Anliegen, die im Rahmen der kemalistischen Reform umgesetzt werden sollten. Wie und wieweit ist dies gelungen? Literaturschaffende aus drei Generationen setzen sich mit diesem Thema auseinander. Statistiken zur Situation der jungen Frauen in der Türkei zeigen nur einen Teil des facettenreichen, widersprüchlichen Bildes der Realität. Romane verklären und tragen dennoch – vielleicht – wenigstens ansatzweise dazu bei, Zeitströmungen zu erkennen. In den hier vorgestellten vier Büchern erzählen drei Generationen von Frauen vom steinigen Weg zur Emanzipation. Und dabei geht es keineswegs nur um die Befreiung aus Küchendunst und ungelüfteten Schlafzimmern, sondern vor allem auch um die politische Mündig- keit, um Gleichberechtigung von Mann und Frau, Herr und Diener. «Die Tochter des Schatten- spielers» von Halide Edip Adıvar (1884–1964) ist ein Juwel, ausgestellt in der Vitrine der Manesse- Bibliothek, und weckt Lust auf die Memoiren der Autorin, die für das kommende Jahr im Unions- verlag angekündigt sind.

GOTTES SÄNGERIN
Rettung aus Kleingeisterei und buchhalterischem Geiz, Befreiung aus den Mauern der – ach so be- hüteten! – Jungfräulichkeit bot schon immer der Tod, mit dem Rabia, die junge Heldin von Adı- vars Roman, manches Mal liebäugelt. Oder die Religion. Allerdings gab und gibt es zu allen Zei- ten, in allen Epochen und Kulturen die Kunst – und die Bühne, für junge Mädchen wie für junge Männer, gleichgültig, ob sie Juden, Christen oder Muslime sind. Junge Frauen hatten einst, vor unserer Zeit, in welcher Tradition auch immer, die Wahl zwischen Prophetentum, Philistertum oder Prostitution; Schutz boten ihnen die Ehe, das Kloster – oder der Strich. Im Istanbul des späten 19. Jahrhunderts ent- scheidet sich Rabia, die junge Lichtgestalt, Enke- lin eines Imams und Tochter von Tevfik, dem Schattenspieler, für den Gesang. Sie wird eine «Hafiza», die den ganzen Koran auswendig be- herrscht, darüber hinaus eine begnadete Koran- sängerin, und sie heiratet schliesslich einen Chris- ten, Peregrini, den «Fremden» aus Italien, der ihretwegen zum Islam konvertiert. Rabias Talent eröffnet ihr Zugang zu den höchsten Kreisen im Dolmabah ¸ ce-Palast, und dennoch kehrt sie im- mer wieder gern in die Geborgenheit ihres Sinekli Bakkal, des von Schnaken und anderem Getier bedrohten Krämerladens im gleichnamigen Stadtviertel, zurück. Armut wird derart überdeut- lich als bewusste Abkehr von Tand, Glamour und Gloria der Hofchargen idealisiert, dass man als Leser ob so viel Schwarzweissmalerei, so vielen wunderbar guten Charakteren und mindestens ebenso vielen abgrundtiefen Bösewichten schier verzweifelte – wäre da nicht das Nachwort von Sara Heigl, deren Erläuterungen dazu beitragen, die Position der Autorin zu begreifen. Sonst bliebe der Roman ein Museumsstück, an dem sich nur Literaturwissenschafter erfreuen. Dank der genauen chronologischen Einord- nung, die Sara Heigl vornimmt, erschliesst sich dem Leser der Roman – und insbesondere auch die Rolle von Rabias Vater Tevfik, einem begna- deten Schauspieler, der nicht nur seinem schänd- lichen Tun, dem Komödiantentum, treu bleibt, sondern auch keinen seiner Freunde verrät, als die Staatspolizei ihn verhaftet. Der Roman spielt vor dem Ersten Weltkrieg und erschien erstmals 1935, von der Autorin auf Englisch verfasst, unter dem Titel «The Clown and his Daughter». Clown ist Tevfik, und dennoch kein Scharlatan; und treu halten Rakım, der Zwerg, und das ganze Stadt- viertel zu der von allen geliebten Rabia.

ABRECHNUNG MIT DER GESCHICHTE
Etliche Jahrzehnte später als Halide Edip Adıvar und sechs Jahre nach der Gründung der heutigen Türkei wurde 1929 Adalet A ˘ gao ˘ glu geboren, eine der wichtigsten Stimmen der türkischen Literatur der Moderne. Ihr Roman «Sich hinlegen und ster- ben» ist 1973 in Istanbul im Original erschienen, und dass diese interne, zum Teil recht intime Ab- rechnung mit etwa drei Jahrzehnten Zeitgeschich- te jetzt – endlich! – auf Deutsch vorliegt, ist den beiden Herausgebern der Türkischen Bibliothek, Erika Glassen und Jens Peter Laut, zu verdanken. Die Gegenwart der späten 1960er und frühen 1970er Jahre spiegelt sich passagenweise in den Tagebuchnotizen Aysels, der Ich-Erzählerin, und unterhaltsam zu lesen sind beispielsweise die in der Rückblende erzählten Wahrnehmungen eines Schulmädchens in der Nachkriegszeit. In diesem kindlichen Alter wirkt Aysel schüchtern; der Fehltritt ist noch fern, den sie der- einst – zur Dozentin an der Universität avanciert – aus schierem Pflichtgefühl begehen wird, um die in jenen Jahren nicht nur in San Francisco, Paris und Berlin vielbeschworene sexuelle Freiheit aus- zukosten. Übersetzt ist der Roman von Ingrid Iren, deren Talent, Atmosphärisches stilecht wie- derzugeben, schon vielen Liebhabern türkischer Literatur aufgefallen ist; das sorgfältige Lektorat von Alice Grünfelder hat ausserdem gewiss dazu beigetragen, dass dieser Roman mit seinen unter- schiedlichen Zeitebenen nicht allein als Doku- ment einer Epoche des gesellschaftlichen Um- bruchs zu lesen ist; gespannt folgt man auch den Erlebnissen und Gefühlsschwankungen Aysels. «Sich hinlegen und sterben» ist ein im besten Sinne unterhaltender Roman und ein Muss für alle, die mehr über die Entwicklung des Landes – aus der Perspektive einer kritischen und selbst- kritischen Dichterin und Schriftstellerin – erfah- ren wollen; das Buch sollte Pflichtlektüre für Studienräte werden, allerdings mit der strikten Auflage, dass sie sich vor der Lektüre intensiv mit dem Nachwort von Erika Glassen befassen, das nicht nur die historischen Zusammenhänge erhellt, sondern auch dezidiert auf die Struktur des – in grossen Teilen experimentellen – Romans eingeht. Fast schon ein Übermass an Unterhaltsamkeit hingegen bietet die Istanbul-Story von Perihan Ma ˘ gden, «Zwei Mädchen». Die Autorin ist 1960 geboren, alleinerziehende Mutter und verknüpft Autobiografisches und Fiktionales so gekonnt miteinander, das man den Roman in einer Nacht durchliest – am liebsten mit der Taschenlampe unter der Bettdecke wie einst in der Pubertät, weil Johannes Neuners Übertragung die Sprache der beiden unbändigen Gören, die alles und jedes auf den Kopf stellen, haargenau trifft.

DAS ALTE IST NICHT ÜBERWUNDEN
Nicht nur Frauen schreiben über Frauen, sondern auch Männer nehmen sich einer Problematik an, die manche Frauen verschweigen. Der welt- berühmte Sänger Zülfü Livaneli, 1946 geboren, publiziert seit Anfang der 1980er Jahre Romane und Erzählungen; ein Glücksfall für ihn als Autor ist sein Übersetzer Wolfgang Riemann, der den Roman «Mutluluk» («Glückseligkeit»), so ein- fühlsam ins Deutsche übertragen hat, dass es nichts zu kritteln gibt. Der Titel ist fast schon als Zynismus zu verstehen, geht es in dem Roman doch um Depression und Ehrenmord. Werden Armut, Not und Elend bei Halide Edip Adıvar ähnlich idealisiert, wie man es aus «La Boh ` eme»-Inszenierungen kennt, räumt Zül- fü Livaneli schonungslos mit der Illusion vom idyllischen einfachen Leben auf. «Glückseligkeit» – im türkischen Original im Jahr 2002 erschienen – lässt zwei Menschen zusammenkommen, die aus grundverschiedenen Milieus stammen, einen Ausweg aus der Aporie suchen und diesen wider Erwarten am Schluss des Romans finden. Es sind zwei Erzählstränge, die erst im letzten Teil des Romans aufeinandertreffen, als die beiden Hauptfiguren einander zufällig in einer Meeres- bucht begegnen. Ein Mann mittleren Alters, ein Professor aus der feinsten Istanbuler Oberschicht, verfällt in Depressionen und begräbt sein akademisches Ich, um sich auf das unkalkulierbare Abenteuer einer Fahrt zur See einzulassen. Ein junges Mädchen, Meryem, soll derweil von seinem Cousin getötet oder in den Selbstmord getrieben werden, da es Schande über seine Familie im fernen Osten der Türkei gebracht hat, hatte es sich doch hilf- und willenlos von einem selbsternannten Prediger – dem eigenen Onkel – missbrauchen lassen. Der- gleichen wird in Istanbul erledigt, hiess es im Dorf im fernen Osten. Und als der Moment kommt, da der Cousin die kleine Meryem auch wirklich von einer Autobahnbrücke in der Nähe des Molochs Istanbul in den Tod stossen will, wird ihm die Sinnlosigkeit seines Vorhabens bewusst. Minuziös beschreibt Livaneli die seelischen Vorgänge sei- ner Figuren, und selten wurde das Leben in den gecekondular, den über Nacht erbauten Elends- hütten rund um die Metropole des Landes, der- massen drastisch beschrieben. Was von weitem, von den Dachterrassen der Touristenhotels am Taksim-Platz aus gesehen, idyllisch wirkt, ist ein Sumpf an Immoralität – und Livaneli sagt es. Halide Edip Adıvar: Die Tochter des Schattenspielers. Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. Kommentar anhand der türkischen Fassung und Nachwort von Sara Heigl. Manesse-Ver- lag, Zürich 2008. 580 S., Fr. 43.90. Adalet A ˘ gao ˘ glu: Sich hinlegen und sterben. Aus dem Türkischen von Ingrid Iren. Nachwort von Erika Glassen. Türkische Biblio- thek. Unionsverlag, Zürich 2008. 512 S., Fr. 39.90. Zülfü Livaneli: Glückseligkeit. Aus dem Türkischen von Wolf- gang Riemann. Klett-Cotta, Stuttgart 2008. 320 S., Fr. 43.90. Perihan Ma ˘ gden: Zwei Mädchen. Istanbul-Story. Aus dem Tür- kischen von Johannes Neuner. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008. 324 S., Fr. 18.90. Monika Carbe lebt als freie Publizistin und Übersetzerin in Frankfurt. Die türkische Literatur bildet seit Jahren einen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit. Selbstbewusste Weiblichkeit – diesen jungen Frauen scheint die Welt offenzustehen. AYTUNC AKAD / PANOS
 
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