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[D] Vorbild Atatürk - Die türkische Optik, in WOZ

 
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iminhokis
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 PostPosted: Sun Nov 16, 2003 5:44 pm    Post subject: [D] Vorbild Atatürk - Die türkische Optik, in WOZ Reply with quote Back to top

WOZ | 9. oktober 2003 | Jan Keetman

http://www.woz.ch/wozhomepage/41j03/armenien41j03.htm

Vorbild Atatürk - Die türkische Optik

Nicht immer hat die türkische Regierung den Völkermord geleugnet.

Wenn wieder irgendwo auf der Welt ein Parlament einen Beschluss zur Armenierfrage fasst, dann wird von türkischer Seite regelmässig darauf hingewiesen, dass über Geschichte die Historiker und nicht die Parlamente entscheiden sollten. Wissenschaftler könnten ja die Wahrheit in den osmanischen Archiven nachlesen.

Doch im Grunde muss man nicht so weit zurückgehen, denn Massaker an der armenischen Minderheit wurden in der Türkei nicht immer geleugnet. 1928 gab der türkische Generalstab ein Buch über die Verluste im Ersten Weltkrieg heraus, in dem sich folgende Angaben befinden: «800 000 Armenier und 200 000 Grie-chen sind durch Mord und Umsiedlung oder bei schwerer Arbeit gestorben.»
Zu denen, die die Vorfälle in der Türkei entschieden verurteilten, gehörte auch der Gründer der türkischen Republik, Mustafa Kemal, dem das türkische Parlament später den Namen Atatürk (Vater der Türken) verlieh.

In einem Interview mit einer amerikanischen Zeitung erklärte Atatürk: «Wir garantieren, dass es keine türkische Grausamkeit gegen die Armenier mehr geben wird.» Atatürk hat nicht nur dieses Versprechen gehalten.

Kurz nach dem Krieg führte Atatürk auch einen Briefwechsel mit der letzten osmanischen Regierung und setzte sich dabei für die Bestrafung der Schuldigen ein.
Dazu ist es nie gekommen.

Allerdings hatte die Türkei auch ein schlechtes Vorbild: Britannien. Die Briten internierten zunächst türkische Verdächtige auf Malta. Doch dann liessen sie sie gegen das Versprechen, die Insel nicht zu verlassen, frei. Sie entwichen mit dem nächsten Boot.

Damit hatte die Regierung ihrer Majestät ein politisches Problem weniger, denn die Welt hatte sich seit 1915 gehörig gewandelt. Nach der Entstehung der Sowjetunion hatte der Westen andere Sorgen als die Erfüllung der während des Ersten Weltkrieges ausgesprochenen Drohung, jeden Schuldigen für das zu bestrafen, was den Armeniern angetan wurde.

Die Türkei begann ihre Rolle als Riegel zu spielen, der die neue kommunistische Grossmacht vom Mittelmeer trennte. Diese Türkei sollte, wenn auch noch nicht mit dem Westen durch ein militärisches Bündnis verbunden, doch auch nicht auf den Gedanken kommen, sich näher an die Sowjetunion anzuschliessen.

In der Türkei selbst wurde ein starker Nationalismus gefördert, der die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit von selbst ausschloss. Stattdessen lernten türkische Schulkinder nun von armenischen Massakern an Türken. Diese hat es wirklich gegeben. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges hielten russische Truppen einen Teil der heutigen Türkei besetzt, und armenische Verbände nahmen zum Teil Rache an der türkischen Bevölkerung.

Heute wissen Türken nur noch von diesen Vorfällen und reagieren auch deshalb aufgebracht auf die armenischen Vorwürfe. Hinzu kommt, dass von armenischer Seite der Anspruch auf einige türkische Provinzen nie ganz aufgegeben wurde.

Heute leben etwa 50 000 bis 80 000 ArmenierInnen in der Türkei, vor allem in Istanbul. Alleine das zeigt schon, dass TürkInnen und ArmenierInnen als Nachbarn durchaus zusammenleben können. Trotzdem war das Leben der Armenier und anderer Minderheiten auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht immer leicht.

Vor und während des Zweiten Weltkrieges verschärfte sich der Ton gegen die Minderheiten. Der türkische Ministerpräsident Sükrü Saracoglu sprach davon, dass die Minderheiten, während sie von der «Gastfreundschaft» des Landes profitierten, reich geworden seien. In dieser Atmosphäre wurde eine «Vermögenssteuer» geschaffen.

Die Höhe wurde individuell festgelegt, und sie war innerhalb von vierzehn Tagen in bar zu bezahlen. Andernfalls wurde das ganze
Vermögen eingezogen, und die restliche Summe musste abgearbeitet werden. In einem Arbeitslager bei Askale wurden darauf 1800 Steuerpflichtige interniert. Unter ihnen befanden sich insbesondere Juden, Armenier und Angehörige anderer Minderheiten, doch kein einziger muslimischer Türke. Als sich die Wende im Krieg abzeichnete, wurde das Lager aufgelöst. Aber niemand erhielt das Haus oder Geschäft zurück, das er verloren hatte.

Die Geschichte der Vermögenssteuer wurde vor einigen Jahren in der Türkei verfilmt und auch im türkischen Fernsehen gezeigt. Immerhin ist es heute möglich, in der Türkei über solche Themen öffentlich zu debattieren.

Wenn es aber um die Vorfälle während des Ersten Weltkrieges geht, so stellt sich die Türkei noch immer drohend auf und zieht alle diplomatischen und ökonomischen Register, um die Kritik zu ersticken. Diese Abwehr kostet die Türkei immer einen politischen Preis.

Atatürk hat es da gescheiter gemacht. Für ihn war die Behandlung der Armenierfrage auch ein Mittel, um seinen Bruch mit der Vergangenheit zu vollziehen. Die Türkei könnte es heute auf dem Weg nach Europa wieder genauso tun.
 
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