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[D] Das Geheimnis von Erinnerung, in Frankfurter Rundschau

 
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 PostPosted: Sun Nov 16, 2003 6:50 pm    Post subject: [D] Das Geheimnis von Erinnerung, in Frankfurter Rundschau Reply with quote Back to top

Frankfurt am Main | Frankfurter Rundschau | 1. November 2003 | Mihran Dabag

Über die Suche nach Erinnerung im universalen Europa -
Ein Zentrum gegen Vertreibungen könnte die Unterschiede zwischen Massaker und Völkermord zum Verschwinden bringen


Einst wurde in die politische Diskussion neben das Reden von "Erinnerung" die Forderung nach einem "Dialog" gestellt, es folgte der Begriff der "Versöhnung" - dieser scheint nun abgelöst durch die Stichworte "Globalisierung" und "Europäisierung". Dabei beansprucht die allgegenwärtig erscheinende Wendung von der "globalen Erinnerung" keineswegs, auf eine Entwicklung aufmerksam zu machen, nein: sie bezeichnet keine Strukturveränderungen. Denn obwohl Globalisierung vor allem im Kontext von Prozessen der Vernetzung, Transformation und Transnationalisierung erörtert worden ist, erlaubt das Globalisierungsdenken doch, wieder zum "Eigentlichen" zurückzukehren - und es in alten Wertegeflechten der Einheit von Identität, Stabilität und Raum gegen "innere" und "äußere Feinde" zu stärken.

Das Geheimnis von Erinnerung

So zeigte Ulrich Beck jüngst in einem Artikel für die Wochenzeitung Zeit über "Ein kosmopolitisches Europa im Zeichen der Erinnerung an den Holocaust" auch das Eigentliche, das Geheimnis von Erinnerung und Versöhnung auf: Vergebung. Die globale Erinnerung enthülle einen historischen "Horizontwechsel".

Nun lohnt die Frage nach dem zu wechselnden Horizont, da offensichtlich eine einmütige Antwort erwartet wird. Es ist nicht nur der Horizont der Täterschaft, der gewechselt werden soll. Dieser Wendepunkt betrifft auch den Horizont des Gegenübers, des Opfers, spezifischer: des jüdischen Opfers. In der Rede von der globalen Erinnerung haben endlich "die Erinnerungsfanatiker" keinen Platz mehr. Aber auch der grundsätzlich "differente Andere" wird ausgewechselt, er macht einem "Europa der Differenz" Platz - das so homogen ist, dass es eine Adria-Affäre benötigte, um seine Differenz zu beweisen.

Ohne Paradigmenwechsel

Von einem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel wird die Rede von der globalen Erinnerung im Übrigen nicht begleitet. Überhaupt ist das Interesse an Prozessen und Formen der Erinnerung in der Wissenschaft ohne Aufsehen erloschen. Vielleicht war das Thema Erinnerung, das mit Beginn der 90er Jahre seinen Eingang in die Geschichts- und Kulturwissenschaften fand, tatsächlich nur eines jener Transformationsthemen, welche "die deutsche Wende" begleitet hatten. So fällt auf, dass sich die Mehrzahl der Beiträge zur Erinnerungsdebatte anhand einer gemeinsamen Annahme charakterisieren lässt: Dass wir letztlich von einem allgemein gültigen kulturellen Gedächtnis ausgehen können; jedes andere Erinnern sei ein durch historisch-soziale Extremsituationen bedingter Übergang, der höchstens drei Generationen andauere - als ein episodisches, kollektives oder traditionelles Erinnern.

Unterstützten die deutschen "Erinnerungstheorien" die Hoffnung, dass der Makel der Täterschaft mit einem neuen Jahrtausend jetzt endlich abgestreift werden könnte?

Es ist kaum zu bestreiten, dass die wissenschaftlichen Darlegungen einen wichtigen Ausgangspunkt für das neue, allgegenwärtige Wort von der Globalisierung der Erinnerung an den Holocaust darstellten. Doch worum geht es wirklich, wenn Ulrich Beck Erinnerung als moralisches, rechtliches und politisches Mittel der "Kosmopolitisierung" einfordert? Sucht die Rede von der Globalisierung der Erinnerung tatsächlich an Mustern der Erinnerung zu arbeiten - oder nicht vielmehr einen "globalen Holocaust" zu begründen? Ein übergeordnetes, allgemeines Muster "Holocaust", frei von jeder Erfahrung und Erfahrbarkeit? Ein Muster, mit dem eine Diskussion konstituiert werden kann, in der Tätern und Opfern keine Rolle mehr zukommt?

Denn nun geht es um eine "gemeinsame Außenpolitik Europas" und um "Multinationalität" (Beck), um "supranationale Formen der Politik"
, um die "Domestizierung staatlicher Gewaltpolitik" und eine "Weltinnenpolitik" (Habermas/Derrida).

Wo nach dem 11. September wieder die Frage nach der Zukunft von Nationen gestellt wird, heißt Erinnerung, "institutionelle Antworten" zu finden (Beck) - was nicht die verstärkte Förderung von Forschungseinrichtungen zu Gewalt und Genozid meint. Denn es geht nicht mehr um Aufgaben, die aus der Geschichte an uns gestellt werden, sondern wieder um geschichtliche Aufgaben.

Neue Aufgaben in Europa

Der Träger dieser neuen Aufgaben, so Beck, ist Europa. Es soll ein "Reallabor", ein "Experimental-Europa" werden, so wie Deutschland - das heute wieder echt, wieder eigen sein darf - nach 1945 gleichsam als Experimentalfall auf die Erinnerung an seine Verbrechen verpflichtet worden war; verpflichtet zu einem negativen Gedächtnis, wie der Historiker Reinhart Koselleck es einmal genannt hat.

Von unvermuteter Seite wird die Abschiebung der deutschen Geschichte ins Globale nun jedoch gehemmt: von Seiten der Vertriebenen, die beanspruchen, ihre eigene Vergangenheit aufarbeiten und dabei zugleich jeglichem Geschichtsrevisionismus entgegentreten zu wollen.

Nun repräsentieren die Vertriebenenverbände bereits zahlenmäßig nicht irgendeine Randgruppe innerhalb der deutschen Gesellschaft, nicht irgendeine neue Opfergruppe, die um Anerkennung ihrer Geschichte bettelt - wie es befürchtet wurde, als der Deutsche Bundestag die Eingabe zur Anerkennung des Genozids an den Armeniern ablehnte - denn wer würde dann noch alles als Nächster kommen?.

Zur Diskussion steht die Planung eines Zentrums, das sich der Geschichte der Vertreibung der Deutschen gegen Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg widmen soll und sich bewusst an der Differenziertheit seines Umgangs mit den Rollen von Tätern und Opfern messen lassen will.

Die von politischer Seite an das Zentrum gestellte Forderung fokussiert jedoch vor allem eine Perspektive: die der "Europäisierung".

Die im Jahr 2000 der Öffentlichkeit vorgestellte Initiative des Bundes der Vertriebenen war schnell in den Verdacht der möglichen Verletzung innereuropäischer Sensibilitäten geraten. Ein Zentrum gegen Vertreibungen, das als ein vornehmlich nationales Projekt konzipiert sei, berge die Gefahr, das Leid der einen gegen das Leid der anderen aufzurechnen. Und ist nicht gerade die Geschichte der Vertreibungen ein Kapitel, das Europa verbindet?

Zentrum gegen Vertreibungen

So begannen in diesem Jahr die Anstrengungen zur Verwirklichung eines "Europäischen Zentrums gegen Vertreibungen, Zwangsaussiedlungen und Deportationen". Dieses Konzept passt durchaus zu neueren Tendenzen in den Politik- oder Geschichtswissenschaften, die das 20. Jahrhundert gern als "Jahrhundert der Vertreibungen" etikettieren und versuchen, aus dem Wort von der "ethnischen Säuberung" ein Forschungskonzept zu gestalten: Begriffe, die allgemeine Phänomene und eine Gewalt ohne direkte Täter beschreiben; eine Gewalt, die keine Strukturen oder Prozesse, sondern eine Epoche charakterisiert.

Vielleicht sind solche Signierungen nicht wirklich überraschend, denn sie lassen sich vereinbaren mit einer langen Tradition, die Geschichte der Vertreibung ohne die Geschichte des Nationalsozialismus zu erzählen, Täterschaft mit Opferschaft nahezu untrennbar zusammenzudenken.

"Europäisierung" assoziiert aber auch die Gestaltung von Räumen. Der von der globalen Erinnerung zu gestaltende Universal-Raum nimmt den Einzelnen aus der Verantwortung des Erinnerns heraus, da er nicht nur eine neue Trägergruppe vorsieht, sondern Erinnerung auch von der unmittelbaren Erfahrung löst. Der europäische Raum des Gedenkens bleibt also ein nationaler Raum.

Er hat "Geschichte", sicherlich, ein objektives Gedächtnis. Doch Erinnerung kann nicht objektiv und nicht universal sein - und ein "Gedächtnis" kann nur dann objektiv sein, wenn es erinnerungslos ist. Bereitet nicht gerade die Universalität, die in der Uniformität der Gedenkfloskeln ausgebildet wurde, den Weg zurück auch z
ur Uni-Form (wie Nietzsche assoziieren würde), macht sie die selbstbewusste neue Rolle Deutschlands nicht gerade spielbar?

"Erinnerung" ist eine Erzählung, die auf Erfahrungen gründet: unmittelbarer ebenso wie übermittelter Erfahrung. Erinnerungen sind Orientierungen. Sie haben immer mit Identifizierungen zu tun. Erinnerung ist nur über Unteilbarkeiten, über grundsätzliche Erfahrungsdifferenzen denkbar.

Im Gegensatz zu dieser erzählten "Erinnerung" hat die öffentliche und politische Debatte in Deutschland zumeist ein institutionelles "Gedenken" favorisiert: Dabei ging es um Geschichte und Identität, also um Setzungen, um ein Gedenken, das integrieren und homogenisieren sollte. Die neuen Integrationsmuster heißen nun Globalisierung, Kosmopolitisierung, Europäisierung.

Für alle und für keinen

Eine solche "Europäisierung" birgt jedoch die Gefahr der Ablösung des Erinnerns von dem direkten Aufarbeitungsprozess zwischen Tätern und Opfern und könnte die Tendenzen zur Musealisierung von Erinnerung, zur Delegierung von Verantwortung und damit schließlich auch zur Entlastung des Einzelnen konsequent fortsetzen. Denn Erinnerungen, die nicht erzählt werden, werden wohl Geschichte - aber sie werden eben nie eigene Geschichte. Sie werden eine Geschichte, die "allen und niemandem" gehört (Pierre Nora). Und eine solche Geschichte, das hat Nietzsche bereits vor mehr als hundert Jahren formuliert, kann man getrost vergessen.

Aus dieser Perspektive könnte die Initiative des Bundes der Vertriebenen eine Chance bedeuten: die Chance, eine Akzeptanz für die Erzählung von Gewalterfahrungen zu erreichen, und damit auch die Differenz zwischen individuellem Erleben und politischer Großerzählung deutlich machen. Die Chance, zu verdeutlichen, dass jede Erfahrung von Leid unteilbar ist. Einsichtig zu machen, dass die Opfer von Gewalterfahrung Anerkennung brauchen. Sie birgt zugleich die Chance, die Erfahrung der Vertreibung der Deutschen als Teil der Geschichte des Nationalsozialismus zu begreifen und somit mittels Kontextualisierung eine Rekonstruktion oder auch eine Korrektur dieser Erzählung zu erreichen.

Eine solche Aufarbeitung würde in einem "Europäischen Zentrum" sicherlich erschwert, da hier die Einzelerfahrung in einer europäischen Geschichte der Vertreibungen - in die auch andere Verfolgungen, sogar Völkermorde integriert würden - aufgehoben wird und damit letztlich in der Gefahr steht, vielleicht sogar eingeebnet zu werden.

Demokratie und Versöhnung

Die Frage, "wie wird Demokratie möglich", setzt daher weniger die Überlegung voraus: "Wie wird Versöhnung - oder auch Vergebung - möglich?". Sie setzt vielmehr eine Akzeptanz und Toleranz gegenüber der anderen Geschichte, der Geschichte der Opfer voraus, sie verlangt eine Akzeptanz gegenüber individueller Erfahrung und Erinnerung - und keine Toleranz gegenüber der Erstarkung nationaler Verneinungshaltungen.

Die Überlegung, welche Erzählung die Erinnerung sprechen sollte, meint daher noch immer: welche Sprache darf Erinnerung überhaupt sprechen? Diese ist noch immer nicht die Erzählung der Überlebenden und der nachfolgenden Generationen, die darauf beharren, dass ihre Geschichte Opfer und Täter hat, die nicht austauschbar, nicht namenlos sind. Und dass es zu bewahrende Unterschiede gibt zwischen Massaker und Vertreibungen, Deportationen und Völkermord, zwischen den türkischen, den deutschen, den tschechischen oder russischen Tätern - und einem universalen Europa.
 
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